Archiv für März 2013

Integration & Sprachgesang

Seit dem Bushido den Bambi für Integration bekam und eine emotionsgeladene Debatte begann, stell ich mir die Frage: ‚Nützt Sprachgesang in Deutschland der Integration?‘ und es gibt nur eine einzige Antwort: Ja! Aber beginnen wir von vorne, schauen wir in die Vereinigten Staaten, dem Mutterland des Raps. (Ich entschuldige mich, dass ich einiges nur anreiße und der Vielfalt von Rap niemals gerecht werden kann. Dies soll keine wissenschaftliche Analyse werden, sondern lediglich die Verschriftlichung meiner Gedanken zu diesem Thema).

Hip Hop und damit Sprachgesang kommt aus den farbigen Communities in den Großstädten der USA und Wikipedia schreibt über die Enstehung: 1970 erschien zwar das erste Album der Last Poets, deren politischer Rap von der Sprache von Malcolm X und dem Dichter Amiri Baraka beeinflusst war; sie gelten im Allgemeinen als Väter des Rap. Es war das Sprachrohr einer Generation und durch Radiostationen kamen die Gedanken und Meinungen dieser Generation raus aus ihrem Viertel. Damit lässt sich feststellen, dass Rap schon von Anfang an politische Elemente beinhaltete und näher will ich nun auch nicht auf die USA eingehen, denn in Deutschland ist die Situation eine andere. Nur sollten wir alle an den Ursprung des Sprechgesangs denken, wenn wir über Integration und Rap reden.

Auch in Deutschland gab es schon immer politischmotivierten Sprechgesang (und damit meine ich nicht den Reihenhausweltverbesserrap von Blumentopf), sondern Advanced Chemistry. Deren Songd thematisierten eine Problematik, die dadurch andere Schichten erreichte und andere Menschen für diese Problem sensibilisierte. Spätestens seit Hip Hop im Musikfernsehen, Radio oder allgemein in den Charts angelegt ist, darf mensch niemals das Potenzial von Musik insbesondere Sprachgesang vergessen. Ein weiteres Beispiel sind die Brothers Keepers, die rechte Gewalt und Rassismus thematisierten und alleine auf Grund des Bekanntheitsgrades einzelner Mitglieder für Aufmerksamkeit sorgten.

Die Frage die ich mir nun aber vorallem stelle, wie trägt beispielsweise Haftbefehl mit sexistischen und auch homophobem Rap zur Integration bei? Ich habe mir diese Frage oft gestellt, deshalb vorneweg: Ich bin ein großer Fan von Haftbefehl und dabei weniger von dem was er sagt, sondern wie er es sagt. Aber auch was er sagt, sollte nicht ignoriert werden und als ’sexistische und homophob‘ abgestempelt werden. JA, viele Rapper mit Migrationshintergrund sind sexistisch und homophob, aber hinter dieser Attitüde stehen Geschichten, die aus dem Herzen einiger Menschen sprechen, die das sagen was Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland erleben.

So wenig ich mich an deutsche Norm anpassen will, ich erlebe Rassismus immer nur als Außenstehender. Ich kann einfach weggehen und die Kopfhörer aufsetzen. Ich werde bei Polizeikontrollen nie Opfer von Racialprofiling sein, aber ich kann Menschen die betroffenen sind zu hören. Ich kann versuchen durch Musik und Texte zu verstehen was das bedeutet. „Um einen Fall zu lösen sagt man, die Haare vom Täter waren schwarz.“ (schwarze Haare -> Schwarzkopf -> Bezeichnung für Menschen mit arabischem Aussehen).

Warum ich also Hip Hop als Möglichkeit der Integration sehe? Nichts vermittelt Gefühle so gut wie Musik. Dementsprechen hört nur alle Haftbefehl, reflektiert aber seinen Sexismus und seine Homophobie und fragt euch ‚Warum denkt der Kerl so?‘ Einige Rapsong schafften es auch Debatten in der Gesellschaft anzustoßen, so Eko Fresh’s Song: ‚Köln Kalk Ehrenmord‘ und wenn wir ehrlich sind, ist sogenannter Straßenrap auch nicht weniger politisch korrekt als die deutsche Gesellschaft oder das was Akademikerkinder (wie Max Herre) so von sich geben. Ich hoffe ich konnte meinen Standpunkt einigermaßen klar darlegen und für alle die mich nicht verstehen, versucht euch mal Vorurteilsfrei die nachfolgenden Tracks (teilweise mit Video) anzuschauen. Die Tracks thematisieren Integration beziehungsweise allgemein Probleme von Migranten in unserer deutschen Gesellschaft, denn wir können die Tracks ausmachen und uns zurücklehnen und die Probleme vergessen. Die Menschen die davon berichten mussten oder müssen damit jeden Tag leben.

Alpa Gun – Almanya (ohne Video)

Eko Fresh – Gastarbeiter

Fard – Seine Geschichte

Farid Bang – Alemania

Haftbefehl – Sommernacht in Offenbach (ohne Video)

Eko Fresh – Straßendeutsch/Türkenslang

Nachruf NMZS

„Das ist hier ein ganz schön weiter Weg und egal was die Leute sagen, du musst diesen Weg alleine gehen.“

Vor wenigen Tagen nahm sich NMZS, Rapper und Mitglied der Antilopengang, das Leben. Seine Depression, die er immer wieder auch in seinen Texten thematisierte, trieb ihn (nach den Informationen von rap.de) zum Selbstmord.

Er war einer der besten, einer der Guten. Seine depressive Grundeinstellung gegenüber allem trug er mit Witz und Scharfsinnigkeit so vor, dass seine Tracks für mich immer ein Hoffnungsschimmer waren. Auch mit Depressionen geht es voran, auch mit und auch über Frust und Trauer kann mensch lachen.

Ich wünsche allen Menschen im Umfeld von NMZS alles beste und viel Kraft in der nächsten Zeit.

R.I.P. NMZS

I slept in Hitler’s room

Tuvia Tennebom ist ein israelisch-amerikanischer Autor, Regisseur und Theaterleiter. Er ist Leiter des von ihm 1994 gegründeten Jewish Theater of New York und macht eine Reise durch Deutschland im Auftrag des Rowohltverlages. Am Ende dieser Reise soll ein Buch enstehen, dass enstand auch. Es wurde jedoch nicht vom Rowohltverlag veröffentlicht, weil am Ende alles ganz anders kam. Tennebom schrieb jedoch nicht ein lustiges Buch über einen Juden der durch Deutschland fährt, sondern ein Buch über Antisemitismus in Deutschland. Jetzt gibt es Teile des Buches auch in Hörfassung, mitgeschnitten bei der Lesung im Golem Hamburg:

Nationalismus für Deutschland

Aus dem Wahlprogramm der neugegründeten Alternative für Deutschland:

[…] Wir fordern die Wiedereinführung nationaler Währungen oder die Schaffung kleinerer und stabilerer Währungsverbünde. Die Wiedereinführung der DM darf kein Tabu sein. […] Eine Transferunion oder gar einen zentralisierten Europastaat lehnen wir entschieden ab. […] Deutschland hat zu wenig Kinder. Renten- und Krankenversicherung stehen deshalb auf tönernen Füßen. Deutschland muss kinder- und mütterfreundlicher werden. […] Wir fordern eine Stärkung der Demokratie und der demokratischen Bürgerrechte. Parteien sollen am politischen System mitwirken, es aber nicht beherrschen. Wir fordern mehr direkte Demokratie auch in den Parteien. Das Volk soll den Willen der Parteien bestimmen, nicht umgekehrt. […] Wir fordern ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild. Eine ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden. […] „

Fangen wir bei der Integrationspolitik an, arbeiten wir uns also von hinten durch das Parteiprogramm. Neben bewusst offen gehaltenen Formulierungen, die es unmöglich machen zu urteilen („Ernsthaft politisch Verfolgte müssen in Deutschland Asyl finden können. Zu einer menschenwürdigen Behandlung gehört auch, dass Asylbewerber hier arbeiten können.“) fordert das Parteiprogramm ein „Einwanderungsgesetz nach kanadischen Vorbild“. An diesem einen Punkt ist das Parteiprogramm konkret genug, um es zu kommentieren. Das Einwanderungssystem in Kanada ist seit den jüngsten Änderungen ein sehr striktes, dass den Mythos vom freundlichen Einwanderungsland endgültig abschaffen müsste. Doch genau diesen Mythos versucht die Alternative für Deutschland aufrecht zu erhalten, um rassistische Asylpolitik zu fordern ohne das sie konkret als solche benannt werden kann.

Die Jungle World schreib zur damaligen Änderung: „[Nun ist] es möglich, bereits anerkannten Flüchtlingen ihren Aufenthaltsstatus zu entziehen, wenn sich die Lage in ihren Herkunftsländern nach Meinung des Ministeriums verbessert hat. Menschen, die mitunter jahrelang in Kanada gelebt haben, könnten abgeschoben werden. Über Asylanträge soll künftig innerhalb von 15 Tagen entschieden werden, was es für gerade in Kanada ankommende Flüchtlinge erschwert, ihren Asylgrund ausreichend darzulegen. Bestimmte Länder sollen von der Regierung als »sicher« deklariert werden, so dass Menschen, die von dort kommen, erst gar keinen Antrag auf Asyl stellen können. Antirassistische Organisationen befürchten, dass die Auswahl der Länder auf Grundlage der politischen Beziehungen der kanadischen Regierung mit den jeweiligen Staaten getroffen wird und dass vor allem Frauen, Homosexuelle, Transpersonen und rassistisch Verfolgte eine schwierige Ausgangslage für ihre Anerkennung als Asylberechtigte zu erwarten haben. »Auf irregulärem Weg ankommende Flüchtlinge« können laut Gesetz künftig ohne richterliche Prüfung festgenommen und bis zu zwölf Monate inhaftiert werden.“

...

Sowohl die Energiepolitik, als auch die Bildungspolitik und Steuerpolitik bieten bei ihrer oberflächlichen Formulierung keinerlei Angriffsfläche. Bei der Familienpolitik zeigt sich eine klassisch nationalistische Argumentationsweise: ‚Mehr Kinder für Deutschland‘. Damit werden Kinder nicht als Individuen betrachtet sondern als Deutsche, die dem Land nützen sollen und müssen. Das damit unterschwellig das Recht auf Selbstbestimmung von Frauen beziehungsweise Müttern genommen wird erklärt sich von selbst. In den weiteren Punkten werden vor allem die ‚Altparteien‘ beziehungsweise ‚Europarteien‘ mit dem Vorwurf gegen den Willen des Volkes zu handeln konfrontiert, gemeinsam mit den ‚Bürokraten in Brüssel‘ bilden sie das Feindbild der AfD, gegen die mit klassischer „die da oben“-Rhetorik Stimmung gemacht werden kann. Beim krampfhaften Versuch nicht als ‚rechtspopulistisch‘ betrachtet zu werden, versucht die Partei die Rolle derjenigen die ‚endlich mal den Mund aufmachen‘ einzunehmen.

Die Stärkung des Nationalismus ist eine Konsequenz von Krisen des kapitalistischen Systems. Ausländerfeindlichkeit (Einwanderungspolitik nach kanadischem Vorbild), Stärkung der eigenen nationalen Identität (Kinder für Deutschland und Einsatz für weniger Europa), sowie Abscheu der sog. ‚Altparteien‘ werden von der Alternative für Deutschland hervorragend bedient.

Weiterführendes über beispielsweise die Mitglieder findet sich auf publikative.org und auf tagesspiegel.de. Ein ähnliche Partei findet sich derweil im Känguru Manifest von Marc-Uwe Kling wieder.

Aufstand der Anständigen reloaded

Der von Gerhard Schröder am 4.10.2000 ausgerufene ‚Aufstand der Anständigen‘ feiert dieser Tage seine großes Comeback, es wird zwar nicht mehr mit Menschenketten der Antisemitismus bekämpft (wie gut das funktioniert hat kann sich jede*r denken), aber jede macht mit um die NPD endlich zu verbieten. Ein bisschen ist die Unterstützung des NPD-Verbots-Antrages so etwas wie ein ‚Atomkraft? Nein Danke‘-Button dann mensch sich an die Jacke pinnt, um danach sich mit Atomenergie sein Brot zu toasten. So reagierte die CDU und die Zivilgesellschaft auf Fukushima, und mit der Unterstützung des NPD-Verbots-Antrages versucht sie auf die NSU Attentate zu reagieren. „Alle gesellschaftlich relevanten Gruppen, von den Kirchen über die Gewerkschaften bis zu den Parteien, sind sich darin einig, wie wünschenswert es wäre, könnte man die Nazi-Propaganda in Deutschland eindämmen.“, schrieb Klaus Hillenbrand in der Taz heute und es ist ja auch die Wahrheit, nur nützt das eben nichts. Wenn eine Gesellschaft voller Antisemitismus und rassistischer Ressentiments gegen Nazis kämpft, dann ist das in etwa so wie wenn die Sowjet Union Deutschland von den Nazis befreit. Es ist gut und schön, aber es ändert die Situation nur geringfügig zum besseren. Es gibt dann zwar keine Nazis mehr, beziehugnsweise nur unorganisierte, gewaltbereite, verblendete Jungedliche, aber es gibt Antisemitismus, Rassismus und der Hang zu totalitären Elementen weiterhin. Das bedeutet, wenn wir zurück zum konkreten Thema kommen, dass ein Verbot der NPD nicht falsch ist, aber bei weitem nicht genug ist. Aber davon will die Zivilgesellschaft und die CDU ja nichts wissen.

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(Hand in Hand gegen Nazis und Antifaschisten)

Die gleichen Menschen, die sich jetzt für ein Verbot der NPD einsetzen, schieben Sinti und Roma nach Ungarn ab oder betreiben geschichtsrevisionistische Gleichsetzung von sog. ‚Rechts- und Linksextremismus‘ oder füttern ihren politischen Protest gegen die Gier mit Antisemitismus oder weigern sich Homosexuelle auch rechtlich mit Heterosexuellen gleichzusetzen oder unterstützen Wilkür der Behörden im Kampf gegen sog. ‚Bolschewisten‘. Die Liste wäre schier endlos fortzuführen, doch worauf will ich hinaus? Ganz einfach, die NPD ist ein Verein der fernab jeder politischen Glaubwürdigkeit agiert. Natürlich ist es falsch das die NPD staatlich gefördert wird, aber der Faschismus liegt nicht allein bei der NPD. Wie im Bestseller ‚Er ist wieder da‘ hat der Nationalsozialismus mit der NPD viel weniger gemein, als mit dem zerstörerischen Geiste des deutschen Volkes. In diesem Buch trug Hitler persönlich dazu bei, dass die NPD endgültig ins politische Abseits gerückt wurde und gleichzeitig empfing ihn die ganze parlemantarische Politprominenz mit Handkuss.

Antifaschismus heißt nicht faschistische Parteien verbieten, sondern gegen Faschismus kämpfen auf allen Ebenen. Gegen Faschismus und totalitäre Gedanken zum kämpfen, bedeutet nicht gegen Nazis zu agieren, sondern auf faschistische, antisemitische und rassistische Äußerung aufmerksam zu machen, egal ob sie von CDU (Erika Steinbach, Hans-Peter Friedrich) oder SPD (Heinz Buschkowki, Thilo Sarrazin) oder aus der Zivilgesellschaft kommen (Jakob Augstein, Günther Grass, Bushido).