Archiv für Juni 2013

Mythen für den Bayernhass

Beim durchstöbern des Onlineauftrittes der Fußballzeitschrift 11Freunde fand ich eine aktuelle Interview mit Marcus Wiebusch. Da ich früher der Musik von Kettcar ziemlich angetan war, Wiebusch als Pauli Fan bekannt ist und ich aus irgendeinem absurden nostalgischen Grund immer noch Sympathien für beides entgegen bringen kann, hab ich das Interview also gelesen. Einei Aussage fand ich dann doch ziemlich herausragend peinlich.

Ich habe einmal einen Fußball-Song geschrieben mit dem Titel »Erinnert sich noch jemand an Kalle Del’Haye?«. […] Er ist das Synonym für »wegkaufen und auffe Bank«. Dann hab ich die Metapher aufgestellt, dass es ganz schön bitter sein kann, wenn du von deinen großen Träumen und Zielen lebst und dich dann auf der Ersatzbank wiederfindest. […] Meine erste große Liebe war Gladbach. Ich bin 1968 geboren und in den siebziger Jahren hatte man nur die Wahl zwischen den Fohlen oder Bayern München. […] Also wurde ich Gladbach-Fan und Kalle Del’Haye der Held meiner Jugend. Das war ganz, ganz schlimm, als er zu den Bayern wechselte. Das hat mir zum ersten Mal richtig das Herz gebrochen.

Erstmal ein bisschen Mitleid, für das gebrochene Herz von Marcus Wiebusch. Ein sympatischer Kerl, der wie die Faust aufs Auge zum FC st. Pauli passt. Er hatte die Wahl zwischen Bayern und Gladbach und wurde selbstverständlich Gladbach-Fan. Natürlich, nicht Bayern. Nicht dieser undeutsche Verein, der anderne Mannschaften die Stars wegkauft. Das Kalle ‚del Haye, für Bayern im Schnitt pro Saison öfters auflief als für Gladbach (14,8 zu 14,5 Einsätze pro Saison) ignorieren wir hier gekonnt, schließ sind das Fakten und die können wir nicht gebrauchen, wenn es darum geht den Bayernhass zu begründen und zu schüren.

Wer jubelt?

Jedes Mal wenn ein Tor in Sinsheim für die TSG fällt, dann erklingt der selbe Song, in welcher Version auch immer. Sprich wenn der badische Retorten-Club, der für viele das Sinnbild des kapitalisierten Fußballs ist, der einem Großkonzern bzw. dem Miteigentümer eines Großkonzerns gehört, trifft und die furchtbare Melodie erklingt, dann klingelt auch die Kasse der Menschen die die Rechte an diesem Song haben und das ist Diether Dehm.

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Ganze 17 Cent an Tantiemen bekommt er für jedes Heimtor des Klubs. Wie es dazu kam erklärt Dehm folgendermaßen: ‚Offensichtlich hat Dietmar Hopp das Lied ins Herz geschlossen. Vielleicht weiß er nichts von meinen politischen Ansichten, und dass ich ihn als SAP-Chef gern enteignen würde.‘

Lothar & die TSG

Ein neuer Trainer für Hoffenheim.
Wir schreiben den ersten Spieltag der Saison 2013/2014. Der amtierende Meister trifft beim Freitagabendsfluchtlichteröffnungsspiel auf den – gerade so noch – Ligakonkurenten aus Hoffenheim. Wie wird der amtierende Champions League Sieger Götze und Lewandowski in sein Tema intigrieren können? Sind die Bayern jetzt noch unbesiegbarer? Fragen die normalerweise gestellt werden würden, die dieses Mal aber keine Rolle spielen. Warum? Weil die TSG Hoffenheim als einziger Verein den Mut aufbrachte (vielleicht war es auch Verzweiflung), einen Trainer in die Bundesliga zu holen, der genau in diese Liga gehört. Lothar Matthäus steht künftig – für etwa 7 sieglose Spiele – am Spielfeldrand der TSG. Jedoch ist noch alles möglich um Punkt 20 Uhr, an diesem Sommerabend. Alle denken noch zurück, an diese spektakuläre Pressekonferenz der TSG in der Hopp den Lothar vorstellte und beide prompt von Champions League Ambitionen und Meisterschaftschancen sprachen. Die Fußballnerds und -hipster dieser Republik lachten entzückt auf, wussten sie doch um den Spaßfaktor eines ‚Loddars‘, der gleich 21 neue Spieler mit nach Hoffenheim brachte. Selten war Hoffenheim unter den (Fußball)Feuilletonisten der Republik so beliebt und spätestens als die ARD begann, die neue Saison mit einem Trailer zu bewerben, in dem abwechselnd schöne Tore der Bayern, ein an der Seitenlinie fuchtelnder Loddar, die alten Auschnitte von Uli Hoeneß der über Lothar kein lobendes Wort finden kann und Lothars opitimistische Pressekonferenz. Lothar will in die Champions League und sogar Meister werden, doch da muss er erst an seiner vergangenen Liebe vorbei, am momentan besten Verein der Welt vorbei. Von der Rückkehr des verlorenen Sohnes schreibt 11FREUNDE und Marcel Reif und Stefan Effenberg können auf sky während der Platzwahl nicht aufhören zu betonen, wie interessant dieses Spiel ist und wie gerade die Äußerungen von Matthäus gegenüber den Bayern in den letzten Wochen die Lage noch mehr aufheizten. Doch die warmen Worte nützen alles nicht, am Ende verliert die TSG mit 8 Gegentoren und keinem eigenen Tor gegen überragende Bayern und Lothar muss nach 7 Spieltagen – ohne ein eigenes Tor gesehen zu haben – gehen.

Kurz angerissen: Klassenerhalt

Als die zweite Halbzeit angepfiffen wird, führt Makkabi mit 3 zu 0 und ich versuche – während ich in ein Gespräch über den Mate-Automaten der Piratenpartei führe – ein (hoffentlich) koschere Bullette mit zwei Stückchen Weißbrot einhändig zu essen. Es ist kein unübliches Auswärtsspiel in 6ten Liga, der Berlinliga, der höchsten Berliner Spielklasse.

Die gastgebende Mannschaft hat nicht mit dem Bierdurst der Tebe-Anhängerinnen gerechnet und muss regelmäßig Nachschub ranschaffen, TeBe spielt alles andere als schönen Fußball und die Gespräche auf der Tribühne drehen sich um alles mögliche, nur nicht um das Elend der lilaweißen Mannschaft im Abstiegskampf. ‚So wie das Ergebnis aussieht ist es kein Wunder, dass das Bier ständig alle ist‘ witzelt eine TeBe-Anhängerinnen am improsivierten Imbissstand auf der Julius-Hirsch-Sportanlage, die nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Momsenstadion, der Heimspielstätte der Berliner Borussia liegt.

.... (bild via Lila Laune)

Die zweite Halbzeit dümpelt nur so vor sich hin und außer sporadischen Anfeuerungen wird meist nur der eigenen Enttäuschung Luft gemacht. Enttäuschung darüber, dass TeBe nach relativ gutem Start am Ende doch wider gegen den Abstieg kickt und an das Verlassen der 6ten Liga so schnell nicht zu denken ist. Wer hier Bundesligafußball sehen will, der braucht ein Sky-Abo, alte Videos oder eine Dauerkarte bei Hertha. Zumindest letzteres kann allerdings niemand wirklich wollen und eben genau in diese gedankenverlorene Leere fällt das 1 zu 3 aus lialweißer Sicht. Der Jubel liegt zwischen der Hoffnung auf noch einen Punkt und der Genugtuung wenigstens nicht zu 0 zu verlieren. So langsam wird das sporadische Anfeuern immer öfter und das 2te Tor liegt eigentlich in der Luft, eigentlich. Aber Tennis Borussia im Jahre 2013, wäre nicht Tennis Borussia im Jahre 2013 wenn zwei schnelle Tore die ganze Sache schnell zu befriedigenden Ergebnissen führen wurden. Nein, Tennis Borussia schauen heißt im Jahre 2013 auch meistens leiden. Eine Anhänger neben mir verbindet sich die Augen mit seinem Schal, um das Elend nicht mit ansehen zu müssen. Das Elend, dass aber just in diesem Moment ein Tor erzielt und damit auf 2 zu 3 verkürzt. Ein Elend, dass durch dieses Tor erlöst wird und so langsam den letzten Funken Hoffnung aus den Anhängerinnen der Lilaweißen kratzt. Ein Blick auf das Handy verrät, noch 6 Minuten reguläre Spielzeit. Der Stadionsprecher datiert das Tor allerdings auf die 80te Minute. Also noch 10 Minutenregulär zu spielen? Mittlerweile stehen alle Menschen um mich rum und feuern beinahe ohne größere Pausen die Borussen auf dem Platz an. Dumme Fouls und strittige Situation verhindern jedoch ein flüssiges Angriffsspiel und eine gefühlte Ewigkeit passiert eigentlich nichts. Ein Kopfball gegen die Latte und ein direkt darauffolgender Kopfball über das Tor und ein paar Geschenke an den gegnerischen Torwart auf der einen Seite und die Angst vor dem 4 zu 2 für Makkabi und der damit verbundenen sicheren Niederlage auf der anderen Seite halten sich die Waage. Bis der Schiedsrichter Freistoß pfeift. Freistoß am Strafraum von Makkabi, Freistoß in aller letzter Minute. Genau genommen in der 90ten Minute plus 5, sprich in der 95ten Minute. Schlüsselklappern, wie üblich bei Standarsituationen der Lilaweißen und ein ‚Ooooh‘ das wegen Raucherlungen und mangelnden Durchhaltevermögen mehr als nur einmal abgebrochen wird. Die Sekunden vor dem Schuss ziehen sich, genau ist nicht zu erkennen warum, wir befinden uns auf Höhe der Eckfahne auf der anderen Seite und können nur erahnen was passiert. 3 Kicker laufen gleichzeitig an, 2 bleiben stehen, 1 zieht durch und trifft. Der Ausgleich und damit der Klassenerhalt. Verstört blicken einige Zuschauerinnen auf die vereinzelt auf die Aschebahn springenden jugen Menschen die ihre Arme in die Luft reißen und jubeln. Noch im Jubel pfeift der Schiedsrichter das Spiel kur wieder an, um das daraufhin direkt wieder abzupfeifen. Schluss aus vorbei.

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(bild via @TennisBorussia)

Tennis Borussia hat die Klasse gehalten und für einen anstrengenden Abend mit Happy End gesorgt. Danke, dass das nächste Spiel gegen Türkyemspor zum entspannten Ausflug nach Kreuzberg wird. Danke, für ein Fußballdrama auf einem Sportplatz im Westen Berlins.

Mehr Bilder gibt es bei NO DICE.