‚Ein innerer Rathausbalkon‘

‚Sie dürfen mit diesem Pokal zwar nicht auf den Rathausbalkon, aber Triumph ist ihnen ein innerer Rathausbalkon so zu sagen.‘

– Belá Rethy

Es ist vollbracht. Mit dem 2 zu 2 Ausgleich durch Martinez in der Nachspielzeit der Verlängerung und dem anschließenden parierten Elfmeter von Neuer, hat der FC Bayern München nun den europäischen Supercup mit 7 zu 6 nach Elfmeterschießen gewonnen und bevor Missverständnisse aufkommen, mir ist es egal das der Club zum ersten Mal diese Trophäe gewonnen hat, egal das es der erste deutsche Club war der diese Trophäe gewonnen hat und auch egal das es eine kleine Privatfede zwischen Mourinho und Pep gab. Der einzige Grund warum ich erleichter bin, dass der Supercup gewonnen wurde ist, weil nun ein Kapitel geschlossen werden konnte. Ein Kapitel das am 19ten Mai 2012 begann.

Wir schreiben die frühen Abendstunden des 19ten Mai 2012. Ich sitze auf einer Bierbank irgendwo am Rande eines Gründstückes auf dem ein kleines Fest gefeiert wird und starre in den Kofferraum meines weinroten und schrottreifen BMWs. Auf dem Dach des BMW befindet sich eine Campingsatelitenschüssel und im Kofferraum steht der alte Fernseher meiner Schwester und es läuft der Vorbericht zum ‚Finale Dahoam‘. Zuvor wollte ich mir noch ein neues Bayerntrikot kaufen, weil es keins in meiner Größe gab trinke ich nun teuren Wodka mit Red Bull Cola. Ich bin nervös, ich bin angespannt. Meine Jugend neigt sich dem Ende zu, mein Abitur habe ich so gut wie in der Tasche und meine Liebe zum FC Bayern flammte in den Halbfinalspielen neu auf. An diesem Tag wurde aus mir ein Abhängiger eines Vereins. Zuvor liebte ich Fußball, ging Jahre lang zum VfB Stuttgart, stand bei Auswärtsspielen des FC Sankt Pauli in Süddeutschland und nerdete mit Hilfe alter Saisonrückblicke vor mich hin. Aber an diesem Tag war es zum aller ersten Mal da, dieses nervöse Gefühl in der Magengegend das mich den ganzen Tag vor dem Spiel unkonzentriert sein ließ. Nichts war von Relevanz außer dieses Spiel, das Gartenfest und das ich dort als DJ agieren sollte war in weiter ferne. Nur dieses Spiel, nur dieses Finale und nur der verdiente Triumpf beschäftigte mich. Mehr als 2 Stunden und einen verschossenen Schweinsteiger Elfmeter später lag ich am Boden und war ausgebrannt und leer. Es war Zeit für einen Neuanfang beim FC Bayern und auch Zeit für einen Neuanfang bei mir. Mit drei Finalniederlagen beendete der FC Bayern seine Saison so wie ich meine Schulkarriere beendete: akzeptabel, aber das vorhandene Potenzial wurde nicht ausgeschöpft.

Ich verließ meine Heimat, zog in eine 3 Zimmerwohnung gemeinsam mit meiner Freundin und rannte baluäugig in die Zukunft in Berlin. Mit Glück und einer großen Portion Vernunft gelang es mir die Tage bis zum 25ten Mai 2013 sehr lebenswert zu leben. Der FC Bayern kauft unter anderem den 40 Millionen Mann Martinez, Dante von Gladbach, den kleinen aber flinken Shaqiri und Mario Mandzukic und lernte aus seinen Fehlern der Vorsaison. Es funktionierte nicht wenn Gomez keinen guten Tag hatte? Mandzukic traf. Wenn Ribery und Robben nicht in Topform waren war kaum Bewegung im Offensivspiel? Shaqiri war die ideale Joker, den man in der 70 Minuten bringen konnte und der immer heiß war. Wenn sich Schweinsteiger zu sehr auf die Offensive konzentrierte war die Defensive anfällig? Martinez war unauffällig aber bärenstark. Gab es letztes Jahr in der Abwehr noch Unsicherheiten? Stand da nun ein Dante.

Aus der größten Tragödie erwächst der größte Triumph. Mittlerweile habe ich ein erträgliches Leben, der FC Bayern ist der frühste deutsche Meister der Geschichte und ich sitze wieder auf einem kleinen Fest mitten im Schwabenland. Luftlinie circa 7km von meinem persönlichen Waterloo. Diverse persönliche Probleme quälen meinen Kopf, doch mein Handy ist ausgeschaltet und mein Fokus liegt ganz allein auf dem Fernseher der aufgebaut ist. Mittlerweile habe ich mir ein Bayerntrikot gekauft. Das rote mit den goldenen Streifen auf den Ärmeln und goldener Rückenbeflockung. Ich bin wieder in der schwäbischen Heimat weil das Geld knapp ist und ich in Berlin mir kaum etwas zu essen leisten könnte. Diverses geht in meinem Kopf vor sich. Welche Rolle spielen neue Bekanntschaften? Was passiert mit mir? Was mach ich in 2 Monaten? Was mach ich wenn ich wieder zu Hause bin? Viel wichtiger allerdings, was macht der FC Bayern. Er gewinnt. Gegen Dortmund. Er entscheidet das Finale gegen den größten Konkurenten momentan für sich und jubelt in London. Ich zünde meine Zigarette an, atme aus und fahre zurück zu meinen Eltern wo ich mich glücklich schlafen lege. Kurz vorher schalte ich das Handy an. 27 Menschen haben mir gratuliert und an mich gedacht. Nach dem Triplesieg beginnt ein wahnsinniger Sommer. Ein Sommer mit wenig Schlaf, vielen Menschen und noch größeren Problemen. Ein Sommer der typisch ist für einen Sommer in dem der eigentlich Sinn fehlt. Ein Sommer der mit Exzess die Phase zwischen den Saisons schließen wollte und konnte.

Ich sitze vor dem Fernseher im Wohnzimmer meiner WG, die Saison hat begonnen. Der FC Bayern ist Tabellenführer, weil er ein Spiel mehr als der Rest der Liga hat und dieses mit 1 zu 1 beendete. Am Wochenende wird mindestens der BVB an ihm vorbeiziehen, doch für den Moment sind andere Dinge wichtig. Die anderen beiden aus meiner WG sind irgendwo anders, nur ich und der Fernseher werden die nächsten Stunden miteinander verbringen. Es ist gutes Spiel, ein Spiel auf hohem Niveau, ein Spiel das an Spannung kaum zu übertreffen ist. Ich laufe nervös auf und ab, sitze immer mal wieder auf dem Sofa als eine SMS kommt die zu einem schlechteren Zeitpunkt nicht kommen könnte. Ich kann nicht. Ich beende alles, auch das was es nie gegeben hat und als ich die letzte SMS abgeschickt habe steht es in der Verlängerung 1 zu 2. Bayern rennt gegen eine Wand, ich renne vor dem Fernseher auf und ab. Alles außer einem Sieg wäre inkosequent. Es ist zeit ein Kapitel zu schließen, Zeit die Post-Finale-Dahoam-Ära zu beenden und eine neue zu starten. Zeit meine Ankommensphase in Berlin zu beenden und in Berlin zu leben.

Martinez – Ausgleich – Elfmeterschießen – Jubel.

Weil das Schicksal sowieso gerne Späße macht lerne ich einen Tag darauf neue Menschen kennen und merke einen Tag darauf das alles gut war wie es ist. Das alles so laufen musste, es gar nicht hätte anders laufen können. Oder doch? Ich will es nicht wissen. Ich muss bei Chelsea nicht mehr an Trauer sondern an Triumph denken und mein Leben durfte als Nebenspielplatz des Fußballs auch ein paar Geschichten erzählen.

Es tut gut. Danke.


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