Archiv für Februar 2014

Rappen wie die böhsen onkelz.

Die böhsen onkelz sind zurück. Mittlerweile dürfe es jeder mitbekommen haben, die wohl deutscheste und rotzigste aller deutschen Rotzrockbands (frei nach Mambo Kurt) hat ihr Comeback angekündigt. Dabei ist die Lücke die sich nach ihrer Auflösung entstanden ist schon längst geschlossen. Mit Frei.Wild, über die ich gar kein weiteres Wort mehr verlieren will, haben sie ihre direkten Nachfolger gefunden und spätestens seit der großen Öffnung des modernen Deutschraps, der nach Reihenhauskiffern, Straßen- und Gangstarappern mittlerweile für jeden etwas zu bieten hat, gibt es die böhsen onkelz auch in 16 Takten. Die Ästhetik ließ sich scheinbar fast eins zu eins kopieren. Außenseiter, die vom ‚Schicksal gefickt‘ [1] wurden erzählen uns von ihrer ‚Pflicht als Mann‘ [2], wie sie ‚nächtelang gesoffen haben‘ [2], ‚2 Jahre lang nicht nüchtern‘[3] waren und immer ‚3 Promille‘[1] hatten, davon das sie stolz auf ihr hartes Leben als echtes ‚Malocherkind‘ [4], von echter Heimat und von Kameradschaft. Gerne wird betont, dass man ein Mann des Volkes sei, einer von ganz unten, einer der ‚für Frankfurt auf der Straße geboxt‘[6] hat und ’stolz auf die Herkunft‘ [4] ist. Auch die Feindbilder sind relativ klargeschnitten: die da oben, also Bonzen und Politiker*innen. ‚Hängt sie höher‘[5] lautet die Zusammenfassung ihrer Kritik und der immer noch zu den Gitarren greifendenden ästhetischen Kameraden. Gemeinsam ist den onkelz-Rappern und den onkelz-Rockern auch der brachiale Gebrauch der deutschen Sprache.

Das Stereotyp ist wohl Vega, der in seinem Song ‚Rap-Böhse Onkelz‘ [7] (sic!) daraus auch überhaupt keinen Hehl macht. Er hat ‚Angst das Rap wieder Scheide wird‘[7] und bringt deshalb mit Bengalos und einem böhse onkelz-Shirt die Ästhetik eines Onkelz-Konzert auf das Splash. Er bedient sich den von mir oben angesprochenen Merkmalen so konsequent, als hätte er eine Checkliste die er bei jedem Song abhakt. Vom Schicksal gefickt, check. Heteronormatives Weltbild und Sexismus, check. Alkoholismus, check. Stolz auf die eigenen Herkunft zu sein, check! Lächerlich sind natürlich die Vorwürfe, dass er frauenverachtend oder homophob sei. Die Armee der politisch Überkorrekten erklärt, ‚diese Mucke wäre frauenverachtend‘[8]. Aber da irrt sich die Armee der Überkorrekten, denn ‚das hier ist ‚Penis raus und fick sie in Bauch bis es kracht‘[8]. Und mit ’stockschwule deutsche Rapper‘[8] will er selbstverständlich auch keine Homosexuelle beleidgen, sondern nur auf die ständige Kooperation deutscher Rapper anspielen. Die ständige Erklärung, dass die angebliche Armee der Überkorrekten einen zensieren will, die Mehrzahl bildet und nicht akzeptieren will das man seinen eigenen Weg geht, ist wichtiger bestand Teil eines onkelz-Rappers. Leider ist weder er, noch die böhse onkelz-Rapper Fraktion mit ihrem Sexismus und ihrer Homophobie alleine im Rap. Allerdings macht diese Tatsache den Sexismus und Homophobie auf gar keinen Fall weniger furchtbar.

derbst
(Derbst One / Bild via meinrap.de)

Ein weiterer bemerkenswerter unter den rappenden Nachfolgern der böhsen onkelz ist Derbst (manchmal auch Derbst One). Einst war er angetreten, um als stolzer Stalinist für die SDAJ die Revolution mit dem Mic zu propangieren. Anfangs noch an der Seite von Makss Damage, doch nachdem dieser dann die Seiten wechselte durfte natürlich nicht auf einen entsprechenden Disstrack [12] verzichtet werden. Seit dem Labelsigning bei Ruhrpott Illegal sind davon nur noch Fragmente zu erkennen. Hier in Stalingrad T-Shirt im Video [2], dort ein vor verkürzter Kapitalismuskritik nur so strotzender Protestsong [9]. Was Derbst One hier beweist, ist das die ewige Leier der unpolitischen Onkelz scheinbar doch nicht so falsch ist. Der selbsterklärte Linksradikale bedient sich der gleichen reaktionären Frauenbilder, der gleichen Ästhetik und der gleichen Attitüde. Es ist keine politische Einstellung, es ist ein in der gesamten Gesellschaft verankertes und akzeptiertes Weltbild. Die Marketingstrateg*innen von Ruhrpott Illegal haben das ganz gut erkannt. Statt im autonomen Zentrum vor der SDAJ rappt Derbst nun vor einem Mercedes im Video zu ‚geht aus dem Weg‘[10]. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass ein selbsternannter Linksradikaler auf einmal fordert: ‚Steht stramm, salutiert!‘[10]. Wie seine ästhetischen Kameraden erklärt sich Derbst zum ‚Gegenpol des typisch deutschen Bürgerlichen‘[11], als Mann von ganz unten, als Außenseiter, als Rebell. Dieser Rebell lässt allerdings ohne den gesellschaftlichen Konsens der Rapculture zu brechen, seinen Vergewaltigungsfantasien gegenüber anderen Rappern freien Lauf [10]. In diesem Punkt liegt wohl auch der größte Unterschied zu den böhsen onkelz. In den anderen Rappern. Andere Rapper müssen folglich auch ihr fett weg bekommen und das bekommen sie auf reaktionärste Weise. Für Kritik daran ist scheinbar weder er, noch, wie Vega zeigt, die nicht linksradikale Fraktion der onkelz-Rapper empfänglich.

Ohne eine Bereitschaft zur kritischen Reflektion der eigenen Handlungen verstehen sie ‚nie warum das alles in die Brüche ging‘[3] und weigern sich auch über ihr Mackertum nachzudenken. Sie sind eben so und die oben erwähnte Armee der Überkorrekten muss akzeptieren, dass das Schicksal sie dazu gemacht hat. Wir, die breite Mehrheit mit ihrem Übermaß an politischer Korrektheit, haben sie gezwungen ihren eigenen Weg zu gehen. Das diese breite Mehrheit nicht existiert, sondern nur konstruiert wird um sich selbst das Rebellenimage zu geben, dass man niemals hatte oder haben wird, erklärt sich (wie oben) von selbst. Schließlich funktioniert die gesamte Rhetorik und die gesamte Ästhetik nur unter der Fahne der Außenseiter, der Fahne der ungeliebten Kinder der Bundesrepublik und der Fahne der wahren Opfer des Systems. Das die meist weißen und heterosexuellen Fans gerade eben nicht die Opfer, sondern im schlimmsten Fall eben jene sind, die auf Dorffesten in der schwäbischen Provinz mal wieder ein paar Migrant*innen oder Punks jagen, wollen weder sie noch ihrer Verteidiger aus der Mitte der Gesellschaft wahr haben. Echte Rebellen schlagen auch mal zu. Es stellt sich jedoch hier die Frage, die Marcus Wiebusch im Song Graceland seiner Band Kettcar stellt: ‚Wenn alle gleich sind, wer ist dann der Rebell?‘ Mit der Verehrung einer Band, die außerhalb der linken Szene kaum Kritik erntet und deren Shirts die Uniform, deren Heckscheibenaufkleber die stolze Fahne der deutschen Dorfjugend ist, ist man allerdings alles, nur kein Rebell.

Man könnte noch aller Hand sagen, über die politischen Kerngedanken dieser Musik fern ab dem Schema von Links, Rechts und Mitte beispielsweise, oder über die Rolle der böhsen onkelz für eine Dorfjugend die ihre Rebellion in der Reaktion sucht. Auch über Derbst ist bei weitem noch nicht alles gesagt. Aber ich möchte an dieser Stelle einfach mit den Worten von Olli Schulz [13] abschließen und hoffen das Heckscheibenaufkleber niemals Einzug in die deutsche Rapszene erhalten:

‚Die böhsen onkelz, das ist der dümmste Rotz an deutscher Musik mit ‚Geh dein Weg‘, ‚bleib immer stolz‘ und so. […] Das ist egal ob die rechts waren oder nicht. Die sind einfach scheiße. Das ist einfach ne dumme Art von Musik.

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[1] böhse onkelz – Auf gute Freunde
[2] Derbst One – Wo bist du jetzt?
[3] Chakuza – Ich lauf
[4] M.I.K.I. – Malochersohn‘
[5] Serum114 – Hängt sie höher
[6] Vega in HDF Allstars – Halt die Fresse 05 / 247
[7] Vega – Rap-Böhse Onkelz
[8] Vega – Ich war (Lyrics)
[9] Derbst One – Fleisch und Blut
[10] Derbst One – Geht aus dem Weg
[11] Derbst One – Ich muss weg
[12] Derbst One – Makss Damage Diss
[13] Olli Schulz bei Roche und Böhmermann

Rasenballsport polarisiert.

Was für die radikale Linke die Vereinigten Staaten von Amerika sind, ist für die Fußballfanszene der RasenBallsport aus Leipzig. Hassobjekt auf der einen Seite, aber auch willkommene Provokation auf der anderen Seite. Vor allem ist der RBL, ebenso wie die USA, aber Auslöser von emotionalen Debatten, bei der die Sachlichkeit schnell verloren geht. Es scheiden sich die Geister, wenn auch durchaus ein größerere Parteinahme contra RBL und USA herrscht, als pro. Unbeteiligte scheint es nicht zu geben. Anlass für eine erneute größere Debatte ist die Titelgeschichte der #148 Ausgabe der 11FREUNDE (in der im übrigen die empfehlenswerte Gratisbeilage ‚verlorene Helden‘ zu finden ist).

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‚Der grosse Red Bull Bluff‘ prangt in großen weißen Lettern auf rotem Hintergrund. Das Emblem des Leipziger Vereins ist ebenfalls auf dem Cover zu finden, allerdings entfremdet und mit der Aufschrift ‚100% Plastik‘. Durchaus populistisch und polemisch scheint auch die allgemeine Marketingstrategie für dieses Heft zu sein. Statt mit liebevollen Artikeln über eine Bundesliga in der kein Platz für Lothar Matthäus ist, über den Raumdeuter aus den Reihen des Rekordmeisters oder über einen Jungen namens Kevin der schon immer schwarz-gelb war, kommt diese Ausgabe mit einer großen, aber auch nicht ironiefreien Warnung daher. ‚Wie RB Leipzig die Liga an der Nase herumführt‘, soll uns in Ausgabe #148 endlich verraten werden. Ob die Kioske eingerannt worden sind, auf Grund dieser Glanzleistung investigativen Journalismus ist nicht überlieft. Als Abonnent bekam ich wie jeden Monat meine Ausgabe direkt in den Briefkasten. Als besagte Ausgabe des besagten Magazines, dann in Briefkasten lag, war ich ein bisschen enttäuscht. Weder erfuhr ich welche Liga denn eigentlich an der Nase herumgeführt wird, die dritte in der RBL aktuell spielt oder die erste in die RBL will, noch wurde der von mir erwartete und angekündigte Populismus bedient. Über letzteres war ich ehrlich gesagt auch ziemlich froh. Die alte Leier mit dem Namenskonstrukt RasenBallsport und die Hintergründe zum seltsam anmutenden Vereinsnamen dürfen in einem Artikel über RBL ebenso wenig fehlen, wie die Tricks mit denen RBL sich Mitglieder mit Mitspracherecht vom Leib halten will. Was zeigt uns das? RBL gehört Red Bull, für alle die das bis jetzt nicht wussten. Statt einer Einleitung zum ‚Liga an der Nase herumführen‘ folgt nun allerdings eine Abhandlung über die 50+1 Regel und der Frage ob RBL nur die konsequente Weiterentwicklung eines Vereines wie Bayer04 Leverkusen ist oder ob es eben doch eine völlig neue Bedrohung des geliebten vormodernen Fußballs ist. Für eine Magazin über Fußballkultur ist es allerdings wichtiger, was ein Verein wie RBL für eben jene Kultur bedeutet. Was bedeutet also ein Verein wie RBL für die Fankultur? Natürlich wird hier die Frage nicht im eigentlichen Sinne beantwortet, aber mit Suggestivfragen macht uns Köster relativ deutlich, wie er diese Frage beantwortet.

Letztlich ist das, was alle zwei Wochen in Leipzig abspielt, nur eine leidlich ausgefeilte Simulation von Fankultur. Echte Fankultur ist eine Kultur, die von Teilhabe und Kreativität lebt, von Witz und Spontanität und bisweilen auch davon, dass Grenzen ausgetestet werden. Womit ziemlich genau all das umrissen wäre, was der Klub nicht will. Aktive Fans, Ultrastruktur, Mitbestimmung der Fans. […] Nun argumentieren RB-Gefolgsleute, es könne sich doch auch in Leipzig eine Fankultur entwickeln. Kann sie das wirklich? Gibt es eine authentische Fankultur, deren Referenz ein Club ist, der seine Existenz ausschließlich den unternehmerischen Entscheidungen eines österreichischen Getränkemoguls verdankt. Ein Klub der sich schon deshalb nicht für einzigartig halten kann, weil es ihn in New York und Salzburg noch ein zweites und ein drittes Mal gibt. […] Ein Klub deren eigentlicher Vereinszweck ist, Emotionen konsequent zu kapitalisieren? Wer all das ignorieren will, kann das tun. […] Er kann behaupten, dass er wegen des schönen Fußballs zu RB Leipzig geht. […] Er kann auf Lok Leipzig und die BSG Chemie schimpfen, die ja ihre Chance gehabt hätten. Er kann sich einreden, dass RB Leipzig ein Klub wie jeder andere ist. Er kann versuchen, das Vereinsleben aktiv mitzugestalten. Als Erstes kann er ja mal versuchen, Mitglied zu werden. [1]

Zunächst einmal stellt sich mir als geneigten Kritiker dessen was sich in den Fankurven dieser Republik rumtreibt die Frage was denn die Fankultur ist die der RBL simuliert. Ich nehme mal stark an, dass Herr Köster hier einen sehr deutsches oder auch europäisches Verständnis von Fankultur hat. Was ‚echte Fankultur‘™ für Herrn Köster ist, das erklärt er uns im nächsten Satz. Nur erklärt er nicht, warum eine Fanszene oder meinetwegen auch Ultraszene bei RBL keine Grenzen austesten kann. Jede Grenze braucht eine*n Mutige*n, der sie zu erst austestet, um sie aufzuzeigen. Und manchen mag ja eine familienfreundliche Kurve deutlich lieber sein, als die ewigen Ultrakindereien.

...

Es spricht für uns absolut nichts dagegen, in ein Stadion zu gehen, um sich ein gutes Spiel anzusehen. Das ist aber in Ostdeutschland, wo es zuhauf traditionelle Fußballclubs gibt, nicht möglich, da diese Vereine dort in den Niederungen der unteren Ligen verschwunden sind und vorerst auch dort bleiben werden. Sieht man sich außerdem das klassische Publikum etwa des HFC oder von Lok Leipzig an, so braucht es einem nicht leid zu tun, wenn es sich auf ewig Spiele in Auerbach oder Meuselwitz anschauen muss. [2]

Das Witz und Spontanität durchaus unter dem Logo des österreichischen Brauseherstellers funktionieren, beweisen die ‚Ultras Red Bull‘ mit einem sehr selbstironischen Unterton. Auch kann an dieser Stelle auf die japanische Fußballkultur verwiesen werden in der sich die Fans nicht am Einfluss von Sponsoren stören (sehr lesenswerter Artikel darüber findet sich im übrigen in der Ausgabe #7 des Transparent Magazins). Letztendlich muss sich jede*r selbst ein Urteil über den Artikel bilden, weswegen ich den Artikel hier auch gar nicht weiter kommentieren will. Außerdem führen ‚Vert et Blanc‘ ebenfalls Kritik am Artikel an und mit ihrem ‚aufdringlichen Soziologensprech und altgriechische Angebervokabeln wie »das au­to­ch­thone (Fan-)Sein«‘ (P. Köster) gelingt ihnen das sicherlich auch besser als mir.

RB Leipzig bedroht die Phantasie der heilen Fußballscholle. Was setzt Philipp Köster dagegen? Wenig überraschend und inhaltlich unterbestimmt dient ihm »echte Fankultur« als Kitt: »Etwas Grundlegendes« hält diese zusammen, nämlich Passion, Authentizität und Emotion. Die Frage nach dem Wesen der »echten« Fankultur wird zum Kampfbegriff, wenn über einen »kulturellen Konsens« sinniert wird, »für den es sich zu kämpfen lohnt«. Die konkreten Vorschläge bleiben Platzhalter, Leerstellen, Variabeln; stabilisiert wird nur ein normatives Schema von Gut und Böse, vom Richtigen und Falschen. Und genau darin besteht die Gefahr der verkürzten Kritik – in ihrer Anfälligkeit für Ideologie. Womöglich sind Philipp Kösters Befunde gar nicht notwendig falsch – seine an Nostalgie und (Fan-)Tradition appellierenden Schlüsse daraus sind es in jedem Fall. Die relevanten Fragen werden nicht gestellt oder bleiben offen: Wie können professionalisierter Sport und klassisches Vereinswesen mittel- und langfristig noch miteinander vereinbart werden? Was hat man sich unter zeitgemäßer »Fankultur« vorzustellen? Sollte die fortschreitende Liberalisierung der Kurven (nicht zuletzt auch mit Blick auf die Anhängerschaft der lokalen RB-Konkurrenz) nicht ausdrücklich begrüßt werden? Ist der neurotische, antimoderne Reflex nicht ein sehr deutliches Indiz für die Unzeitgemäßheit von Lokalpatriotismus, Authentizität und Mackertum?[3]

Diese Anmerkungen zum Artikel erzeugten auch eine Reaktion von Herrn Köster, die dünnhäutig und streckenweise nach einer moralischen Instanz klang die es nicht fassen kann, dass ihr widersprochen wird. Ein gelungenere Umgang mit Kritik sieht anders aus. Eine Sache die ihm durchaus gelungen war, ist der erneute Anstoß einer Debatte in der sicherlich wieder einiges an reaktionärer Kritik hervorbringen wird, die aber hoffentlich auch konstruktiv geführt wird. Der Emanzipation der Fankurve und der Fanszene, als Teil der Gesellschaft, kann so eine Debatte niemals schaden. Denn nur in Debatten können die Ressentiments und antimodernistischen Beißreflexe widerlegt werden.

Darauf ein Red Bull.
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[1] Aus eben jener Titelstory von Phillip Köster, 11Freunde #148
[2] ‚Ultras Red Bull‘ in der Jungle World
[3] Vert Et Blanc, THEY CAN’T RELAX WITH MODERN FOOTBALL

Ökotronic – Raven für Reformen

Ein Beitrag vom Poetryslam am ersten Abend des Bundeskongresses der Grünen Jugend im Herbst 2013 in Gelsenkirchen:
ökotronic

Wer wird denn rumstehen,
Wir wollen euch wählen sehen,
Erst die Grünen und vielleicht auch mal die Demokraten.

Wer wird denn rumstehen,
Wir wollen euch wählen sehen,
Taz lesen, Bio kaufen und Nicht länger warten.

Wer wird denn rumstehen,
Wir wollen euch wählen sehen,
Oder gehört iht noch zu den Nonkonformen.

Wer wird denn rumstehen,
Wir wollen euch wählen sehen,
Heute heißt die Devise Raven für Reformen.

Wir haben euch was mitgebracht:
Sonnenblumen.

Autor*innen: @Gabrielgibbe & @GoldsteinChucky

Danke Mario.

Am 23. April 2013 war es endgültig um mich geschehen.

mario

Es war keine leichte Zeit für mich. Ich musste aus gesundheitlichen Gründen meinen Bundesfreiwilligendienst bei den Naturfreunden kündigen und verbrachte die gesamte Zeit von Februar bis Mai mehr oder weniger alleine zu Hause, da meine Freundin während ich wach war schlief und während ich schlief arbeitete. Die einzige Freude, die mir in einer Zeit aus Depression und Cannabiskonsum geblieben war, war der Fußball und dieser dafür um so mehr. Der FC Bayern war bereits deutscher Meister und würde am 1. Juni gegen den VfB Stuttgart das DfB-Pokalfinale bestreiten. Es galt an jenem Tag zu Hause gegen den FC Barcelona eine gute Figur abzugeben, um nach dem Rückspiel eine Woche später in Barcelona ins Finale einzuziehen.

Ich war nervös, aber nicht weil ich fast kein Geld besaß oder die Mischung aus Depressionen und Cannabis mir aufs Gemüt schlugen, sondern weil ich Angst hatte das der FC Bayern in dieser Saison im FC Barcelona seinen Meister finden würde. Für Außenstehende mag das ganze furchtbar peinlich klingen, für mich war es in dieser Zeit absolut logisch. Ich hatte mein Leben ausgeklammert und die Geschicke des Münchner Fußballclubs in den Mittelpunkt meiner emotionalen Befindlichkeiten gestellt. Rückblickend war das wohl die beste Entscheidung, wurde der FC Bayern doch Triplesieger und ich konnte den Sommer 2013 glücklich und entspannt verbringen. Doch zurück zum 23. April 2013. Ich konnte vor lauter Nervösität gar nicht erst einschlafen und lag wie im Delirium auf dem Sofa im Wohnzimmer herum. Irgendwann stolperte ich im Internet über einen Artikel der Bildzeitung, laut dem du, der sowohl gut aussehende als auch talentierte Dortmunder Kicker Mario Götze, zum FC Bayern wechseln sollte. So wirklich realisierte ich das ganze erst einmal nicht, erst als ich gut 5 Stunden später immer noch auf dem Sofa lag, schaltete ich Sky Sport News HD ein und begann zu realisieren, dass mein seit langem gehegter Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Der wohl schönste deutsche Fußballer, ein sowohl technisch als auch taktisches Genie, sollte zukünftig für den Verein meines Herzens spielen. Mit dem 4:0 setzten deine zukünftigen Mannschaftskollegen dem Tag dann noch die Krone auf und am Ende meines aus Cannabis und Depressionen bestehenden Tunnels erblickte ich ein Licht.

Heute bist du ein wichtiger Teil der von Pep Guardiola trainierten Mannschaft, triffst und jubelst regelmäßig im roten Trikot und bin Student, arbeite ab und an in einem Cafe und komm deutlich besser mit meinem Leben zu Recht als noch vor einem Jahr. Danke für alles, Mario.

Chabos wählen nicht die CSU

‚Der Text ist nicht mein Geschmack, ich finde nicht gut, was er beschreibt. Aber abgesehen davon versteht man ihn gar nicht, wenn man das Lied hört. Ich wollte nicht den Song promoten, von dessen Inhalt ich mich deutlich distanziere. Sondern mit einem kontroversen Zitat den Blick auf die Kommunalpolitik lenken.‘

Fabian Giersdorf gegenüber der VICE

‚Chabos wissen wer der Babo ist‘ war wohl der mit Abstand erfolgreichste Song von Haftbefehl. Genreübergreifend kannte so gut wie jede*r den Song und jede*r hatte in irgendeiner Art und Weise eine Meinung dazu. Einige kritisierten und machten sich über genau das lustig, was wiederum andere an Haftbefehl allgemein und bei diesem Song im besonderen liebten: die Sprache, die von Haftbefehl hier genauer erklärt wird. Das Jugendwort des Jahres war 2013, war dann auch folgerichtig ‚Babo‘ und man konnte sich prächtig über die Hip Hop Kultur und den ‚Ausländer mit der komischen Sprache‘ amüsieren. Das dahinter eine Verachtung einer Kultur steckt, die am dem sogenannten ‚Rand der Gesellschaft‘ enstand und im Falle von Haftbefehl klassische rassistische Ressentiments gegenüber Migrant*innen bedient, ist in einem Land wie Deutschland nicht weiter verwunderlich. Richtig widerlich wird es allerdings dann, wenn Politiker einer Partei, die für rassistische Hetze steht, sich dieser, in der Segregation entstandenen Kultur, bedienen, um damit ein paar Stimmen bei all jenen zu fangen, die schon 2013 rassistisch auf Haftbefehl herabblickten. Das die CSU/CDU durch ihren Rassismus, der sich in der ‚Integrationspolitik‘ wiederspiegelt mit daran schuld ist, dass in sogenannten ’sozialen Brennpunkten‘ eine ‚Parallelgesellschaft‘ entstanden ist und diese ihre eigene Kultur hervorbringt, sagt sehr viel über die rassistische Kontinuität Deutschlands aus.

babo

Fabian Giersdorf, hat sich wahrscheinlich recht wenige Gedanken gemacht und wollte einfach nur mit Hilfe eines populären Songs auf Stimmenfang gehen. Für ihn macht es in diesem Moment wahrscheinlich gar kein Unterschied, ob das Zitat von Haftbefehl stammt oder von Silbermond. Die Politik seiner Partei unterscheidet jedoch stark, ob es sich um einen jungen Mann mit kurdischen Wurzeln aus einem ’sozialen Brennpunkt‘ handelt, oder um eine Gruppe junger Menschen mit Abitur, die sich anpassen und kein Problem mit dem Land in dem sie leben haben. Was Giersdorf hier macht ist ein Paradebeispiel für den Umgang der Politik bürgerlichen Rassismus in Deutschland. Er bedient sich des Rassismus der Mehrheitsgesellschaft, die über die Sprache sowie die Person Haftbefehl allgemein nur lachen kann. Sicherlich laufen auch ein paar junge Menschen durch Roth und amüsieren sich köstlich, schauen sich das Youtube-Video oder eine der zahlreichen Parodien an und setzen dann eventuell sogar ihr Kreuz hinter den Namen Giersdorf. Somit hat der Herr Giersdorf mit diesem Wahlplakat zwei Sachen erreicht, er reproduziert den herrschenden Rassismus, auch bei denen die ihn nicht wählen werden und gewinnt vielleicht sogar noch ein paar Wähler*innen dazu. Das ist die rassistische Kontinuität in Deutschland und das einzige was ich Herrn Giersdorf noch zu sagen habe, schrieb Jan Wehn im Juice Magazin vom September 2013: ‚Rap hat dir nix getan, lass ihn in Ruhe‘.

Anmerkungen:
[1] Erfreulicherweise hat Haftbefehl beschlossen rechtlich dagegen vorzugehen
[2] Weiterführendes zum Thema bei Publikative.