Archiv für März 2014

‚Unsere Musik ist unpolitisch‘ – oder nicht?

Wenn Bands wie Frei.Wild kritisiert werden, dann ist eines immer zu hören: der Ruf, dass diese Musik doch unpolitisch sei. Aber ist sie das wirklich? Kann Musik überhaupt gänzlich unpolitisch sein, oder steckt nicht in jedem Popmusiktrack ein bisschen Politik? Ein Mensch kann sich niemals völlig frei von seiner Umgebung, Sozialisation und politischen bzw. ökonomischen Situation artikulieren. So steckt in jedem Musikstück zwangsläufig eine politischen Aussagen, die nicht immer von der*dem Künstler*in auch gewollt sind.

Wenn wir Musik hören, dann ensteht bei Musik die uns gefällt ohne genauer darüber nachzudenken oftmals eine Empathie zur*zum Interpret*in. Einige Musikstücke bauen genau auf dieser Empathie auf und versuchen politische Botschaften zu transportieren, ohne das diese sofort als solche wahrgenommen werden. So steckt in so manchen Straßenraptexten (z.B. Haftbefehl oder der frühe Sido) mehr Kritik am bestehenden System, als in von parolengeladenen Punkrocksongs. Diese Kritik äußert sich allerdings auf einer ganz anderen Ebene. In wiederum anderen Tracks entwickeln sich artikuliertes Halbwissen und Ressentiments in Kombination mit der entsprechenden Musik, ohne das es die*der Künstler*in will, eine gefährliche Stimmung.

An Hand von Hörbeispielen (u.a. Nena, böhse onkelz und Eko Fresh) soll erklärt werden, auf welchen Ebenen die bewussten politischen Botschaften funktionieren, wie nationalsozialistische Musiker*innen versuchen diese für ihre zu missbrauchen und wie Grauzonen-Musiker*innen im gefährlichen Fahrwasser dieser Musiker*innen schwimmen.

Vortrag mit Hörbeispielen, am Freitag den 21.03. in der Dirschauer Straße 13 (Landesgeschäftsstelle der Grünen Jugend Berlin), um 19 Uhr.

Hafti und die Juden von der Börse.

Im letzten Tatort schauten sich ein paar Jugendlichen das Video zu ‚Chabos wissen wer der Babo ist‘ während ein Auszug aus dem Song ‚Psst‘ zu hören war. Der Song endete im Tatort, kurz bevor eine Line zu hören war die auf heftige Kritik gestoßen war: ‚Tick das Koks an die Juden von der Börse‘. Berechtigterweise wurde im vorgeworfen er bediene sich antisemitischer Stereotype. Heute hat sich Haftbefehl dazu auf seiner Facebookseite geäußert.

Auch wenn die Rechtfertigung mit Verweis auf die tatsächliche ‚jüdische Herkunft‘ seiner ehemaligen Kunden sehr dünn ausfällt, sind es Sätze wie: ‚Ein Aspekt des Antisemitismus ist die Gleichsetzung vom Judentum und Geld, die ich für falsch und dumm halte. Ich verstehe und sehe ein , das bei Vorurteilen gegenüber Juden und anderen Minderheiten – besonders in diesem Land – jede Aussage auf die Goldwaage gelegt werden muss.‘, die zeigen das Hafti mehr Reflektionsvermögen über Antisemitismus verfügt, als ein Großteil der deutschen Linken bzw. der deutschen Gesellschaft. Dies ist die einzige als explizit antisemitisch zu verstehende Textzeile und im, durchaus platten, Track ‚Free Palestine‘ bedient er sich keinerlei antisemitischer Stereotype, auch wenn in der Hook mit der Forderung nach dem Boykott Israels und der Songtitel als solcher sich einer antizionistischen und bisweilen auch antisemitischen Rhetorik bedient wird. Beide Tracks befinden sich auf seinem ersten Album ‚Azzlack Stereotype‘ (2010). Auf keinem der anderen beiden Alben findet sich eine ähnliche Rhetorik. Bedenkt man außerdem die soziale Herkunft Haftbefehls und den weit verbreiteten Antisemitismus innerhalb der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen und der arabisch/persisch-migrantischen Community im Speziellen, dann gehört Haftbefehl mit der heutigen Aussage definitiv zum oberen Viertel was Reflektion bezüglich Antisemitismus angeht. Diesen Entwicklungs- und Reflektionsprozess muss man einem Mensch auch zugestehen können.

Der Verweis deutscher Medien (wie Welt) auf seinen Antisemitismus, der sich meistens an eben jenen zwei Songs und ein paar Aussagen aus seiner Vergangenheit festhängt, darf durchaus als lächerlich betrachtet werden, in Anbetracht von Kolumnisten wie Augstein oder Mittelstands Rappern wie Afrob oder Max Herre. Frei nach dem Motto: ‚Antisemitisch? Das sind die Ausländer.‘

Nichts hat sich geändert.

Dies ist eine Fortsetzung des Beitrages: Tatort der Barbarei.

Es war wieder soweit. Der zweite Schweiger-Tatort wurde am Tag nach dem Frauenkampftag um 20:15 ausgestrahlt und setzt nahtlos an seinen Vorgänger an. Nach 6 Minuten gibt es die erste Explosion und die erste Frau, darf von Til Schwei­ger alias Nick Tschil­ler gerettet werden. Dieses Frauenbild wird dann auch die restlichen 84 Minuten beibehalten. Frauen sind entweder Tochter von Tschiller, schlafen mit Tschiller oder haben einst mit Tschiller geschlafen. Die einzigen zwei Ausnahmen bilden eine trauernde Statistin und Tschillers Kollegin (gespielt von Britta Hammelstein / den Namen der Rolle kann ich nirgendwo finden), die ihn immerhin einmal retten darf. Doch damit gar nicht erst der Verdacht ensteht, dass hier eine Minute ohne sexistische Rollenbilder vorbei gehen könnte, geht es direkt im Anschluss der Rettung wieder um das Aussehen der Kollegin. Wie um die Kritik zu bestätigen, darf Schweiger heute in der Bild auch noch ‚SEINE (sic!) Frauen‘ erklären. Am Frauenbild hat sich also gegenüber dem ersten Schweiger-Tatort überhaupt nichts geändert, was vor allem die Rolle der Staatsanwältin beweist. Nach einen gewaltätigen Angriff liegt diese die zweite Hälfte das Tatortes im Krankenhaus und ihr Sexualpartner Tschiller weiß natürlich, was das beste für sie ist. Besser als sie selbst, schließlich ist sie nur eine Frau und er ist Nick Tschiller. Und dieser Tschiller erklärt ihr, dass es das beste für sie wäre, wenn sie behauptet der Angreifer habe sie vergewaltigt (sic!). Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.

Doch während man sich noch den Mund abwischt, han­delt Tschiller nur für das Wohl des Volkes und braucht sich dabei an kei­ner­lei po­li­zei­li­che Vor­schrif­ten oder Gesetze halten. So schlägt er unter anderem einen Gefängnisinsassen und setzt einen Kriminellen in Brand, aber selbstverständlich hat er deswegen keine Konsequenzen zu befürchten. Nick Tschiller steht nach wie vor über dem Gesetz und überhaupt ist das ganze doch nur ein Film. Ein Film, der auf einem Sender mit Erziehungsauftrag läuft und in dem die Polizei (oder eben Tschiller) tun und lassen kann was sie (oder eben er) will.

In puncto Selbstjustiz, polizeiliche Wilkür hat sich also ebenfalls wenig gegenüber dem ersten Schweiger-Tatort verändert und da ich geschriebenes nicht nochmal schreiben will und die Reaktion der Öffentlichkeit sich gegenüber dem letzten Schweiger-Tatort kaum verändert hat und ich auch nicht weiter auf den rassistischen Kollegen eingehen will, kann ich abschließend wieder nur sagen, dass öf­fent­lich-​recht­li­che Fern­seh­an­stal­ten mit Bil­dungs­auf­trag, ihre Ein­nah­men aus den Ge­büh­ren dazu ver­wen­den Se­xis­mus, Ma­cker­tum, Selbst­jus­tiz und polizeiliche Wilkür zu ver­herr­li­chen, dass im An­schluss an einen Tat­ort mit der­ar­ti­ger The­ma­tik die Sen­de­zeit von Jauch nicht dazu ver­wen­det wird, um über Selbst­jus­tiz und Fol­ter zu dis­ku­tie­ren und dass sich nach wie vor nicht allzu viele in un­se­rer Ge­sell­schaft an der­ar­ti­gen Wert­vor­stel­lun­gen stört.