Und täglich grüßt das alte Lied.

Oder: Wenn deutsche Student*innen über Antisemitismus in Deutschland vor 1933 sprechen.

Zwei Dinge vorne weg. Erstens: mir ist es klar das ihr es alle nur gut meint, doch das Gegenteil von gut ist meistens nicht schlecht, sondern gut gemeint. Besonders wenn Deutsche über Juden sprechen. Zweitens: wer Wissenschaftlichkeit sucht, wird sie hier nicht finden. Hier wird nur die alltägliche Manifestation eines beständigen Gefühls dokumentiert.

Montag. Der Wecker klingelt um 7:45. Ich habe keine Lust das Bett zu verlassen. ‚Es dürfte in Deutschland vielen Student*innen geben, denen es genauso geht.‘ Denke ich und quäle mich eine halbe Stunde später nach zahlreichen um her wälzen aus dem Bett. Ich bin platt und schlecht gelaunt und ich befürchte es könnte noch schlimmer werden.

Um 10:07 betrete ich den Seminarraum, setze mich in die letzte Reihe, hole mein iPad raus und überfliege meine Twittertimeline: Asylgesetz wird verschärft, neben Gladio gab es noch eine weitere faschistische Geheimarmee von der wohl auch Adenauer wusste und das übliche berechtigte gerante meiner Filterblase. Wirklich Angst bekomme ich aber erst, als ich das Thema des heutigen Seminars sehe: ‚Arbeit gegen Antisemitismus vor 1933′. Es gibt ein einstündiges Referat zweier Kommiliton*innen darüber. Ein paar Stunden Recherche und der gute Wille sorgen für eine kleine Panikattacke bei mir.

Ich möchte das nicht, ich möchte nicht wie der altkluge Kerl erscheinen, der anderen diese „Sache mit dem Antisemitismus“ mal erklärt, aber noch viel weniger möchte ich mich in diesem Seminarraum unwohl fühlen und mir wünschen das Bett nicht verlassen zu haben, denn die Befürchtungen bestätigen sich.

Verschwiegen wird, wie so oft, dass Arbeit gegen Antisemitismus ausschließlich von Juden organisiert wurde. Verschwiegen wird wie so oft, dass Juden nicht auf Grund ihrer Religion, sondern auf Grund einer von Antisemit*innen konstruierten jüdischen Rasse Opfer von Antisemitismus sind. Krampfhaft wird am Bild der Juden als Religion festgehalten, so dass eine Aussage wie ‚Er war kein gläubiger Jude, aber ein bewusster Jude‘, als Beleg seines kritischen jüdischen Glaubens gilt.

Als es um den ‚Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ und seine Arbeit gegen Antisemitismus geht, wird nicht darauf eingegangen das der CV dem Irrglauben unterlag, das Juden und Jüdinnen anerkannter Teil der deutschen Volksgemeinschaft wären. Und auch nicht darauf, dass der Definition von Opfern des Antisemitismus, als ‚Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ ein Denkfehler unterliegt. Stattdessen wird die Frage gestellt: ‚Wieso hat der CV den Kampf gegen Antisemitismus nicht gewonnen?‘ und es werden die Fehler beim CV gesucht. Nicht wird erwähnt, dass der CV machtlos war gegen den Großteil des Volkes der den eliminatorischen Antisemitismus nicht nur für gut befand, sondern in Persona von KZ-Aufseher*innen und stillschweigender Mehrheit, auch noch unterstützte.

Ein antisemitischer Hetzartikel im ‚Angriff‘ (Vorgänger des ‚Stürmers‘) über Bernhard Weiß, wird von der Referierenden zu ‚bösartigen Beleidigungen‘. Antisemitismus als bösartige Beleidigung und niemand widerspricht. Auch ich nicht.

Im Fazit soll die Arbeit des CVs bewertet werden und wieder wird nicht ein einziges Mal erwähnt, dass sie ohnmächtig gegenüber dem Volkskörper der ihre Vernichtung wollte waren. ‚Erfolge & Niederlagen‘ steht auf dem Handout. Mir fällt es schwer nach Erfolgen zu suchen in Anbetracht der Tatsache, dass der Antisemitismus der Mehrheit kaum zur Sprache kommt. Wo soll es denn Erfolge gegeben haben, wenn nicht einmal heute in der Retrospektive eine Analyse des eliminatorischen Antisemitismus stattgefunden hat? Die Frage, ‚was die Juden hätten besser machen können?‘, ist mit Sicherheit nicht böse gemeint, aber spätestens jetzt müsste ich laut aufschreien und widersprechen.

Aber ich schweige erstmal, aus Angst vor Unverständnis und im schlimmsten Falle Sanktionierung durch die Dozentin. Selbige lasse ich auch besser erst einmal ihren Senf dazugeben. Sie widerspricht nicht. Im Gegenteil sie findet nur Lob. Ich empfinde nur noch Angst. Angst vor dem Land in dem ich seit 21 Jahren, seit meiner Geburt lebe.

‚Die meisten hatten nichts gegen ihre jüdische Nachbarn, sie ließen sich nur von der Propaganda gegen das ominöse Weltjudentum verführen.‘ & ‚Massen lassen sich leider immer leicht verführen.‘ ist auch eine Analyse der Shoah, aber keine die dem Leitsatz ‚Nie wieder‘ dienlich ist.

In der Diskussion könnte ich nun lautstark widersprechen, so wie ich es oft genug bereits getan habe in anderen Kontexten. So wie ich es mir geschworen habe immer zu tun. Doch am Ende heißt es dann wieder, der ‚antideutsche Hipster‘ würde nur provozieren und mit seiner Arbeit gegen Antisemitismus ‚die Shoah verharmlosen‘ (wie während eines Vortrages von mir über strukturellen Antisemitismus auf dem Sommercamp der Linksjugend 2013). Meinetwegen, dann spiele ich halt für euch den ‚antideutschen Hipster‘ bis ich mich wieder im Bett verkriechen kann. Es ist für mich die logische Konsequenz aus meinem Leben als Jude in Deutschland, der verzweifelte Versuch nicht ohnmächtig zu sein. Antisemitismus und andere Ideologien ansprechen und kritisieren, doch dafür wird man auf Twitter geblockt und im Jugendverband so schief angeschaut, dass ich lieber behaupte Vegetarier zu sein, dass keiner mitkriegt das ich koscher lebe. Doch heute habe ich keine Lust, ich akzeptiere meine eigene Ohnmacht und fahr nach Hause.

ps. Danke an Dora fürs Auffangen und fürs Lektorieren.


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