Die Angst vor dem großen A.

Grundlegend ist festzuhalten: Antisemitismus ist mehr als die Feindschaft gegen Juden und daher nicht zu verwechseln mit dem vormodernen christlichen Antijudaismus. Antisemitismus ist selbst eine Er­schei­nung der Moderne – und zwar das Aufbegehren gegen sie. So beschreibt Jean-Paul Sartre Antisemiten als Per­so­nen, die sich vor den Chancen, Risiken und Veränderungen der modernen bürgerlichen Gesellschaft fürch­te­ten und statt der Vernunft und dem Denken; den Hass, die Irrationalität und den Kon­for­mis­mus zum lei­tenden Motiv ihrer Handlungen machten. Anstatt also die Welt zum Besseren zu verändern, pro­ji­zieren sie das Schlechte auf (vermeintliche) Juden. Eingedenk der dahinter steckenden kognitiven Phänomene, Juden zum Sym­bol der Mo­derne und ihrer Verwerfungen zu machen, verweist Shulamit Volkov auf den kul­tu­rel­len Code, zu dem der Antisemitismus geworden ist. Am Beispiel der wilhelminischen Gesellschaft verdeutlicht sie, dass völkisches Den­ken, Na­tio­na­lis­mus, Anti-Liberalismus, Anti-Sozialismus, Anti-Feminismus etc. im Deutschen Kaiserreich ohne An­ti­se­mi­tis­mus nicht vollständig waren; dieser wurde vielmehr das Erkennungsmerkmal antiemanzipatorischer Kräfte.
Stefan Kunath, Bak Shalom.

Es ist schon bemerkenswert, wenn an einer deutschen Universität ein Referat über die Immigration der sogenannten Ostjuden nach Deutschland, so wie deren Gründe und die Konsequenzen (-> Pogrome der deutschen Bevölkerung gegen Ostjuden) gehalten wird und das Wort Antisemitismus ganze drei Mal auftaucht. Obwohl er eine der Hauptursachen für die Flucht aus dem erst zaristischen, später dann sowjetischen Russland ist. Obwohl er DAS Leitmotiv der Pogrome war. Doch derartiges ist wohl kaum verwunderlich, werden hier unter anderem auch antisemitische Hetztiraden eines Joseph Göbbels zu ‚bös­ar­ti­gen Be­lei­di­gun­gen‘.

Dieses Wochenende gab es erneut zwei klar antisemitisch motivierte Mordanschläge mitten in Europa. Vor dem jüdische Museum in Brüssel wurden drei Menschen direkt ermordet, ein vierter erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen und nur wenige Stunden später ereignete sich in Frankreich ein weiterer antisemitischer Gewaltakt.

Dieses Jahr veröffentlichten Fard & Snaga einen Song mit Namen ‚Contraband‘, der vollkommen zu Recht von ruhrbaronen und Staiger (Brief und Interview) als antisemitisch bezeichnet wurde. Doch der Vorwurf des Antisemitismus kann in Deutschland nicht unkommentiert bleiben und so spricht Kollegah wahrscheinlich einigen Leuten aus dem Herzen, wenn er erklärt: ‚Ey, ganz ehrlich: Du kannst heute noch nicht mal das Wort ‚Jude‘ verwenden, ohne als Antisemit dargestellt zu werden. Noch nicht mal das Wort ‚Israel‘. Du darfst nichts gegen die Politik eines Landes sagen, ohne, dass die Nazikeule geschlagen wird.

In Deutschland ist es auch im Jahr 2014 noch üblich, dass jüdische Einrichtungen rund um die Uhr von Polizei und privaten Sicherheitskräften bewacht werden müssen. So auch die Einrichtungen der jüdische Gemeinde Berlin, die auf ihrer Website schreibt: ‚Die Jüdische Gemeinde zu Berlin wird zu den stark gefährdeten Einrichtungen der Stadt gezählt. Terrordrohungen und rechtsradikale Gefahren zwingen die Gemeinde und den Senat von Berlin, Vorkehrungen zu treffen. Die Sicherheitsabteilung ist daher für die Organisation des Objektschutzes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zuständig. Hier kooperiert sie sehr eng mit der Berliner Polizei.

Trotzdem will im Jahr 2014 kaum jemand etwas von Antisemitismus wissen, so wie man von ihm auch 1945 nichts gewusst haben will. Nur die wenigstens möchten über ihn sprechen, noch weniger sehen ihn als akutes Problem an. Denn bei genauerer Betrachtung, müsste man sich ja eingstehen, dass man gegebenfalls selbst ein Teil dieses Problems ist, dass man es sich selbst gerne leicht macht und insgeheim die Schuldigen (an was auch immer) ausgemacht hat, dass man selbst antisemitische Stereotype reproduziert. Aber das will natürlich niemand, denn Antisemitismus heißt Shoah, heißt 6 Millionen tote Juden, heißt deutsche Vergangenheit und dieses Mantra tragen die meisten vor sich her. Lupenreine Antisemiten wie Augstein oder Grass werden aller höchstens zu Ausnahmen, die die Regel bestätigen, sofern ihr Antisemitismus nicht gleich geleugnet wird. Kritisiert man bei Leuten eine Reproduktion von antisemitischer Stereotypen oder offen antisemitische Äußerungen, so verwehren sich diese in der Regel jeder Kritik. Man sei schließlich kein Nazis und dementsprechend sei die Anschuldigung haltlos. Im schlimmsten Fall wird man als Kritiker*in beleidigt und gegebenfalls körperlich bedroht, im besten Fall entscheidet die deutsche Mehrheit darüber was denn Antisemitismus ist.


6 Antworten auf „Die Angst vor dem großen A.“


  1. 1 Boonekamp 26. Mai 2014 um 23:02 Uhr

    Es gibt keine Instanz, die eindeutig sagen kann, was Antisemitismus ist und was nicht. Jeder, kann also den Antisemitismusbegriff kritisieren, zustimmen oder ablehnen.

    Das hat Vor- sowie Nachteile. Ich denke aber das die Vorteile überwiegen.

  2. 2 Chucky 27. Mai 2014 um 13:01 Uhr

    Voll der Vorteil, wenn Antisemit*innen definieren was Antisemitismus ist und sich so selbst frei von Schuld sprechen.

  3. 3 Boonekamp 27. Mai 2014 um 14:08 Uhr

    Äh nein, können sie eben nicht, weil es wie gesagt keine Instanz gibt, die alleinig entscheidet was Antisemitismus ist.
    Also auch nicht die Antisemiten.

  4. 4 Chucky 27. Mai 2014 um 16:26 Uhr

    Da sie aber die Mehrheit stellen, werden sie jeden Antisemitismusvorwurf von sich werfen und nichts passiert. Yeah. Super, oder?

  1. 1 Solidarität für alle außer Jüdinnen und Juden « Don´t Pan(ic) Dora! Pingback am 21. Juni 2014 um 15:18 Uhr
  2. 2 Solidarität für alle außer Jüdinnen und Juden « Don´t Pan(ic) Dora! Pingback am 22. Juni 2014 um 8:10 Uhr

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