Archiv für Juli 2014

Unsere Musik ist (un)politisch (Teil 1).

Im folgenden gibt es hier die verschriftlichung des ersten Teils eines Vortrages, den ich bei der Grünen Jugend Berlin unter dem Titel: ‚Unsere Musik ist (un)politisch – oder nicht?‘ gehalten habe. Da der Vortrag im wesentlichen auf Hörbeispielen/Videos & direkte Gespräche darüber aufgebaut ist, weicht diese Verschriftlichung zwangsläufig vom tatsächlichen Vortrag ab. Ich habe dennoch versucht die Schlagrichtung des Vortrages zu erhalten. Die in eigenen Absätzen und Klammern stehenden Musikstücke & Videos sind verlinkt.
_____
Teil 1: Politische Musik.
(mehr…)

Judenhass #2

Liebe Kritiker*innen der BILD-Kampagne,
natürlich habt ihr vollkommen Recht, wenn ihr die BILD als rassistisch bezeichnet und natürlich reihe ich mich ein in die Reihe der Kritiker*innen des Springerverlages und der BILD, denn auch wenn mich die weiten Teile der linken Szene in diesem Land nur noch ankotzt, sehe ich mich doch irgendwie immer noch als linksradikal und dazu gehört eben auch der Hass auf die Stimme des Volkes, also die BILD. Ich weiß wie die BILD über alles Linke schreibt und kenne die Rolle der BILD, während der Pogrome gegen Asylbewerber*innenheime Anfang der 90er. Dennoch begeht ihr einen Denkfehler, wenn ihr es wiedersprüchlich findet gegen Antisemitismus zu sein, aber auf der anderen Seite Rassismus zu fördern. Es ist kein Denkfehler, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat und auch wenn die BILD dies selbst nicht begriffen hat, so macht doch bitte nicht den gleichen Fehler. Denn wenn ihr als Reaktion darauf: ‚Nie wieder Hass‘ fordert, so ignoriert ihr das eben jener Antisemitismus in all seinen Facetten kein Hass ist, sondern der Versuch einer vereinfachten Welterklärung, deren leittragende Juden sind. Seid schlauer als die BILD und bekämpft Antisemitismus UND Rassismus, anstatt das eine wegen des anderen unter den Tisch fallen zu lassen. Danke.

Und an all jene Kritiker*innen von Israel, die über den antisemitischen Mob, der auf der Straße und den Kommentarspalten tobt, bisher geschwiegen haben und nach der BILD-Kampagne nun eine obligatorische ‚Nie wieder Hass‘-Position vertreten: ihr zeigt deutlich, dass Antisemitismus und Rassismus zwei paar Stiefel sind. Während das eine euch, berechtigterweise sauer aufstoßen lässt, akzeptiert ihr das andere und befördert es sogar teilweise noch.

XOXO,
Chucky

(Teil 2 von Kom­men­ta­ren zur ak­tu­el­len BILD-​Kam­pa­gne)

Judenhass

Liebe BILD-Zeitung,
erfreut nahm ich zur Kenntnis, als ich gerade auf dem Weg zur antifaschistischen Kundgebung gegen den Al Quds Marsch war, dass du dich am grassierenden Antisemitismus störst.
Wobei, dass so ja auch nicht korrekt ist. Fangen wir nochmal von vorne an.

Verabscheute BILD-Zeitung,
zu aller erst war ich durchaus erfreut, dass du dich am grassierenden Antisemitismus störst. Als ich jedoch die Ausgabe deiner Zeitung in der Hand hielt, die mit der Schlagzeile ‚Nie wieder Judenhass‘ meine Interesse erweckte, erkannte ich das auch hier das Gegenteil von gut oftmals gut gemeint ist. Anstatt wissenschaftlich an das Problem heranzugehen, erfanden deine Marketingstrateg*innen eine Kampagne, hinter der Phrasen, eine Doktrin des Verlags-Gründers und nicht mal der Ansatz von tatsächlicher Analyse der Problematik stecken. Eine Kampagne die tatsächlich gegen Antisemitismus, in all seinen schrecklichen Auswüchsen, vorgehen will, muss das Kind beim Namen nennen und darf nicht von Judenhass sprechen und durch Statements von Prominenten auf der Titelseite das Problem als eine Facette von Rassismus sehen, wobei man gegen den auch nicht mal konsequent vor geht, sondern diesen weiter schürt. Kurze Zwischenfrage: Habt ihr eure Mitschuld an den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen eigentlich mal kritisch reflektiert? Nein? Dachte ich mir, zurück zum Thema. Antisemitismus ist allerdings viel weniger der Hass auf Juden, als ein Versuch der einfachen Welterklärung in krisengerüttelten Zeiten. Ebenso ist er, wie ihr ja auch impliziert, alles andere als ein Import, sondern der deutsche Exportschlager schlecht hin. Nicht zufällig schauten sich antisemitische Fundamentalisten, wie das iranische Regime, einiges vom Deutschland der Jahre 33 bis 45 ab. Und wenn wir schonmla bei den Jahren 33 bis 45 sind, können wir uns ja gleich noch dem Herren Axel Springer widmen und die Gründe für seine Doktrin mit dem Ziel ‚einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen‘ sowie der ‚Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes‘ suchen: Wiedergutmachung, die Pseudo-Abkehr vom Nationalsozialismus durch ‚projüdische bzw. -israelische Positionen‘ auf der einen Seite und ehemaligen NS-Propagandaschreibern als Redakteure auf der anderen Seite. Mit tatsächlicher Aufarbeitung und Gegenposition zu Antisemitismus und Nationalsozialismus hat das also herzlich wenig zu tun.

XOXO,
Chucky

ps. Jede Zeitung bekommt die Leser*innen die sie verdient erzieht.

(Teil 1 von Kommentaren zur aktuellen BILD-Kampagne)

Zu schwammig für Kritik.

„Ich glaube allerdings, daß Versuche, politischen Protest mit der Popular-Music, also mit der Unterhaltungsmusik zusammenzubringen, deshalb zum Scheitern verurteilt sind, weil die ganze Sphäre der Unterhaltungsmusik – auch wo sie irgendwie modernistisch sich aufputzt – so mit dem Warencharakter, mit dem Amusement, mit dem Schielen nach dem Konsum, verbunden ist, daß also Versuche, dem eine veränderte Funktion zu geben, ganz äußerlich bleiben. Und ich muss sagen, wenn also dann irgendjemand sich hinstellt und auf eine im Grunde doch schnulzenhafte Musik dann irgendwelche Dinge darüber singt, daß [Gaza] nicht zu ertragen sei, dann finde ich, daß gerade dieser Song nicht zu ertragen ist, weil er, indem er das Entsetzliche noch irgendwie konsumierbar macht, schließlich auch daraus noch etwas wie Konsumqualitäten herauspresst.“
- Theodor Wiesengrund Adorno

Massiv liefert mit ‚Free Palestine‘ die Musik samt Video zum Nahostkonflikt. Es ist ein emotional aufgeladenes Propagandamachwerk, in dem Fakten kaum eine Rolle spielen. Die schwammigen und emotionalisierten Aussagen sind zu schwammig, um daran ernsthafte Kritik ansetzen zu können, sagen die Textzeilen doch alles und nichts zu gleich aus. Auch das Video untermauert den emotionalisierten und propagandistischen Anspruch nur. Aussagen wie: ‚Du träumst von Quds in deinen Träumen, doch kommst nie an diesen Pilgerort.‘, fehlt jede faktische Grundlage. Schließlich ist die al-Aqsa-Moschee allen Menschen frei zugänglich, anders als es die Klagemauer unter jordanischer Besatzung war. Die meisten seiner Schilderungen sind die Schilderungen aus Kriegsgebieten, diese Schilderungen zeigen wie schrecklich Krieg ist keine Frage, sind jedoch anders als Massiv es hier darstellt auf der Welt eher Regel- als Einzelfall und das wird sich so schnell auch nicht ändern, wenn weiter Menschen ‚fürs Vaterland‘ sterben, was Massiv in diesem Track gutheißt.

Ohne einen Schuldigen konkret zu benennen, weiß doch jeder wer gemeint ist, wenn Massiv sagt: ‚Ihr vertrocknet unser heiliges Land, habt uns verboten zu Atmen und unsere Erde verbrannt.‘ Zynischerweise könnte man nun anmerken, dass Israel eben genau das Gegenteil macht, nämlich modernste Bewässerungsanlagen errichten um die ‚Verrtrockung des heiligen Landes‘ zu verhindern. Aber das platte Bild, der blühenden Landschaften die durch israelisches Militär zerstört worden sind, ist zu plump um sich an Fakten zu halten. Die Metapher vom ‚Atmen verbieten‘ hingegen ist zu plump und an den Haaren herbei gezogen, um sie zu kommentieren. Da auch die letzte Metapher widersprüchlich ist, schließlich leben die Israelis auf dem Land das angeblich den Palästinenser*innen weggenommen haben und haben definitiv kein Interesse daran dieses Land zu verbrennen, besteht die Hook nur aus platten Metaphern ohne Mehrwert.

Ein Highlight findet sich allerdings noch in Strophe 2, als Massiv erklärt ‚Wir sind für jeden hier zu militant, doch wir sind ehrvolle Menschen mit dem Koran um den Hals‘ während im Video die Hamas ihre ‚Märtyrer‘ zu Grabe trägt. Mit dieser geschickten Kombination aus Bild & Text bleibt Massiv zwar zu schwammig, um irgendeine seiner Aussagen konkret fassen zu können, deutet aber klar an, wie er es mit dem islamistischem Terror der Hamas hält. Die Zeile vorangehende ‚doch du musst lernen deinen Feind zu lieben‘, werden mit dieser Text & Bild Kombination leider mehr als nur negiert. Weiter folgen Gedankengänge über antimuslimische Ressentiments, woran ich mir keine Kritik anmaßen will, denn diese Ressentiments sind vorhanden und diese sind rassistisch.

Alles in allem wird mit diesem Track weiter eine nationale, palästinensische Identität mit Bezug aufs ‚gottgeliebte Vaterland‘ konstruiert & die Schuld an der Misere im eigenen Land komplett auf andere (es wird zwar nicht gesagt, aber das Israelis gemeint ist steht außer Frage) abgeschoben, womit ein perfekter emotional aufgeladener Track enstanden ist, der sich gut als Nationalhymne machen würde.

Ich werde jedoch guten und intelliegenten Rap weiter, jeder Nationalhymne, vorziehen.

Vortrag: Staat & Popmusik

Zwischen Liebe und Hass.

Während sich der Integrations-Bambi-Gewinner mit Namen Bushido in seiner Musik und in seinen Videos als Staatsfeind darstellt, absolviert er ein Praktikum bei der CDU. Aber woher kommt diese Ambivalenz zwischen Liebe & Hass in der Beziehung von Populär Musik und Staat, die in Bushido eine shizophrene Darstellung findet?

Während Ton Steine Scherben noch die musikalische Unterstützung zur Hausbesetzung lieferten, sitzt ihre frühere Managerin mittlerweile als Vize-Präsidentin im Bundestag. Woher kommt der Wandel im Verhältnis von Popmusik & Staat?

Der Vortrag skizziert eine chronologische Entwicklung des Verhältnisses von Popmusik und (deutschem) Staat von der Swing Jugend bis zu rot-grünem Pop für den Krieg im Kosovo, blickt auf die gegenwärtige Ambivalenz und zeigt allerlei Kuriositäten die aus einer Koproduktion von Staat & Popmusik entstanden sind.

Am 7. August 2014, um 16:30 auf dem Sommercamp der JuPis.
Mehr Infos: hier.