Unsere Musik ist (un)politisch (Teil 1).

Im folgenden gibt es hier die verschriftlichung des ersten Teils eines Vortrages, den ich bei der Grünen Jugend Berlin unter dem Titel: ‚Unsere Musik ist (un)politisch – oder nicht?‘ gehalten habe. Da der Vortrag im wesentlichen auf Hörbeispielen/Videos & direkte Gespräche darüber aufgebaut ist, weicht diese Verschriftlichung zwangsläufig vom tatsächlichen Vortrag ab. Ich habe dennoch versucht die Schlagrichtung des Vortrages zu erhalten. Die in eigenen Absätzen und Klammern stehenden Musikstücke & Videos sind verlinkt.
_____
Teil 1: Politische Musik.

(Arte Beitrag über Protestsongs)

Protest und Popmusik (mit Popmusik meine ich im folgenden immer Populär Musik) gehen spätestens seit dem Vietnamkrieg Hand in Hand. Jede (globalisierte) Jugendbewegung hatte ihre eigene Musik. Die Musik stiftet Identität, ist Mittel zur Abgrenzung und Alleinstellungsmerkmal. Ohne näher auf diese Distinktionsfunktion von Musik einzugehen, lässt sich doch schnell erkennen, dass diese Fähigkeit der Konstruktion von Gruppen im höchsten Maße politisch ist und trotz der Beteurung des Gegenteils auch immer ein gewisses Maß an politischem Statement inne hat. Die verschiedenen Gruppen oder auch Szenen stehen sich in verschiedener Form gegenüber. Zum Beispiel Rivalisierend, wie die Hippies & Punks, die auf der einen Seite einfach zwei auf einander folgende Generationen sind, auf der anderen Seite aber auch von Differenzen in ihrer Einstellung zur Weltsituation geprägt sind. Vereinfacht lässt sich sagen: Mit Blumen im Haar und der Akustikgitarre in der Hand provozierten die Hippies ihre Eltern, die Kinder der Hippies wiederum griffen zur wütenden E-Gitarren um ihre Eltern zu provozieren. Von Jannis Choplin, über Sid Vicious, über Kurt Cobain, bis hin zu Miley Cyrus steht jede*r große Popstar für eine Szene (manchmal auch Generation) und ein Lebensgefühl. Jede Szene (bzw. Generation) hat ihre politischen Forderung, auch wenn es nur die Forderung ist endlich nichts mehr von Politik wissen zu wollen.

Popmusik ist immer auch geprägt durch die Umstände in denen sie entsteht (bspw. Vietnamkrieg) und enthält schon alleine deshalb eine politische Message, weil sich kein Mensch völlig frei von seiner Umgebung, Sozialisation und politischen bzw. ökonomischen Situation artikulieren kann. Heutzutage muss mensch sich zwar durch Plastikmelodien und nichts sagende Texte kämpfen, um die Politik oder den Protest zu finden. Nichts desto trotz ist er da, in welcher Form auch immer, ob gewollt oder ungewollt und wenn es nur der zwanghafte und unreflektierte Bruch mit Normen ist. Oftmals stecken schon in der Wahl der Instrumente, der Songstruktur und so weiter ein politisches Element oder Aussage, auch wenn dies nur durch Reproduktion der Umstände geschieht. Beispielhaft hier für wäre der Punk, wo durch laute und verzerrte Gitarren eine Wut auf das bestehende zum Ausdruck gebracht wurde und das Etablishment provoziert werden sollte. Die Sex Pistols liefern mit God save the Queen, samt dem dazu gehörigen Video das Paradebeispiel dafür.

(Video: Sex Pistols – God save the Queen)

Ich denke, dass es nicht nötig ist zu erläutern, dass alleine die Entfremdung royalistischer Symbole für die gewünschte Provokation sorgte. Das hier bei die Wahl der Instrumente durch aus politischer als der Text ist, lässt sich am besten am Bruch mit der zuvor herrschenden Jugendkultur verdeutlichen. Auf der einen Seite Akustikgitarren, der Ruf nach Frieden, Freude und veganem Eierkuchen, während die andere Seite ihre Instrumente nur mäßig beherrscht, sie durch aus quält und von Frieden recht wenig wissen will. ‚No Future‘ ist das Motto und eine Wut auf das Bestehende der Antrieb. Man könnte fast schon sagen, dass die Rebellen der späten 60er Jahre mittlerweile Lehrer*innen geworden sind und beginnen sich mit dem bestehenden System abzufinden. Die Musik ihre rebellischen Tage hören sie weiterhin, nur hat sie nach Ende des Vietnamkriegs und nach der Verbeamtung eines Großteils der rebellischen Student*innen, keinerlei rebellierendes Element mehr. Die Jugend wächst auf in einem Land mit ungewisser Zukunft, geprägt von Andreas Baader & Ulrike Meinhoff. Warum sich Frieden wünschen, wenn es vielleicht keine Zukunft gibt?

Gut ein halbes Jahrzehnt später ist die erste Hochphase das Punks langsam verebbt und außerhalb der musikalischen Landschaften erlebte die Friedensbewegung nach Vietnam ihre zweite Hochphase. Im Jahre 1983 wurden in Deutschland, begleitet von massivem Protest, die Pershing II Raketen stationiert. Der kalte Krieg, war nach Ende der Hochphase des RAF-Terrors wieder zurück im Wahrnehmungsfeld deutscher Jugendlicher. Was passiert, wenn eine Seite überreagiert und ein Atomkrieg ausgelöst wird?

(Video: Nena – 99 Luftballons)

‚Die Idee zum Liedtext kam dem Band-Gitarristen Carlo Karges 1982 bei einem Rolling-Stones-Konzert in West Berlin, als er beobachtete, wie man große Menge bunter Ballons in den Himmel aufstiegen ließ. Karges fragte sich, was wohl passieren würde, wenn die Ballons über die Grenze nach Ost Berlin treiben und dort eine paranoide Reaktion auslösen würden.‘ – Wikipedia zu 99 Luftballons. 99 Luftballons war und ist bekanntermaßen ein riesiger Erfolg, mit dem Nena weit über den deutschsprachigen Raum Erfolg hatte. Nena schaffte es so, auf die Gefahr einer möglichen Eskalation des kalten Krieges in großer Regelmäßigkeit im Radio hin zu weißen und das alles, weil sie einen Refrain mit Ohrwurmcharakter und eine eingängige Melodie unter ihre Warnungen legte.

Zehn Jahre später, war die Mauer gefallen und die Angst vor dem Ausbruch des dritten Weltkrieges vor erst, vor allem in Deutschland, nicht mehr vorhanden. Ein Land schwebte nach Wiedervereinigung und Fußballweltmeistertitel im nationalen Taumel. Ich wurde geboren, die Ärzte kehrten nach 5 jähriger Pause zurück und wie es sich für einen ordentlichen nationalistischen Taumel gehört gab es auch ein paar Pogrome gegen Asylbeweber*innen in bspw. Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda.

Zwischen 1982 und 1988 sorgten die Ärzte von West Berlin aus für einiges Aufsehen, die Aufmerksamkeit bei einer Reunion konnte ihnen gewiss sein. Nicht die schlechteste Idee, die Aufmerksamkeit für ein politisches Statement gegen die aufkommenden rechtsradikalen Umtriebe zu nutzen. Mit dem üblichen Ärzte-Humor und Mittelfinger, statt erhobenem Zeigefinger brachten die Ärzte ein wenig Antifaschismus ins deutsche Radio, vor raus gesetzt die Sendeanstalten störten sich nicht an der Wortwahl.

(Video: die Ärzte – Schrei nach Liebe)

Auch die goldenen Zitronen bekamen ein Jahr später einiges an Aufmerksamkeit, nachdem die Bravo sie versuchte in die Rolle der Ärzte-Nachfolger zu drängen. Doch die goldenen Zitronen wollten weder Aufmerksamkeit von der Bravo, noch das machen, was man von ihnen erwartete. Und so veröffentlichten sie 1994 das Album ‚Das bißchen Totschlag‘ samt gleichnamigen Titeltrack.

(Video: die goldenen Zitronen – das bißchen Toschlag)

Statt ‚Funpunk‘ lieferten die Zitronen sperrigen Hip Hop mit radikalen politischen Texten. Wie die Ärzte thematisierten sie die deutschen Zustände, nur erklärten sie nicht ‚den Nazi‘ zum Problem, sondern erklärten ihm zum Symptom. Sie bezogen sich auf die Brandanschläge in Mölln, den Mord am Antifaschisten Silvio Meier, die Scheinheiligkeit von Gedenkveranstaltungen in Zeiten von rechten Mordanschlägen, die Opferrolle in der sich einige Deutsche sahen, weil sie von Autonomen ‚ein bisschen Fremdengehasst‘ wurden, die alte Mär der Armutseinwanderung und die Demonstrationen gegen ‚Hass und alliierte Bomben‘. Kurz um, auf dem vorläufigen Höhepunkt der Aufmerksamkeit die den goldenen Zitronen zu Teil werden sollte, erklärten sie die deutschen Zustände, gerade auch durch das Video zur Normalität und lieferten mit dem Refrain einen Einblick in der Gedankenwelt einiger Bundesbürger*innen: ‚Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um, hier fliegen nicht gleich die Löcher aus dem Käse. Take it easy altes Haus, wir haben schon schlimmeres gesehn. So einfach wird der alte Dampfer auch nicht untergehn.‘

Ende der 90er Jahre sind die ‚Reihenhauskiffer‘ die herrschende Gruppe innerhalb der deutschen Raplandschaft. Dies wird erst Anfang der 2000er durch die Berliner Porno- & Gangsterrapper gebrochen. Der Rap der Reihenhauskiffer ist geprägt vom sozialen Umfeld der Reihenhauskiffer. Aus der deutschen Mittelschicht stammend, mit Abitur ausgestattet, rappen sie über das was sie bewegt. Dabei kommen sehr viele schlechte Liebeslieder, halbgare politische Tracks, Lieder über First Word Problems und ein paar ganz passable Raptracks heraus. Einer dieser Raptracks ist ‚Da läuft was schief‘ der Münchner Gruppe Blumentopf, in den mit den im Hip Hop bewährten Mittel des Wie-Vergleichs und des Rapresenten politische Statements getätigt werden.

(Song: Blumentopf – da läuft was schief)

Danger Dan geht im nächsten Song komplett anders vor. Er nutzt das Storytelling, um die Geschichte zweier Shoahüberlender zu skizzieren und ihm gelingt damit, für mich, eine der besten künstlerischen Aufarbeitungen der Shoah, gerade weil er keine politischen Forderungen erhebt, sondern nur die Geschichten zweier Überlebender erzählt. In diesem Fall braucht man die Realität nicht kritisieren, es reicht sie zu benennen.

(Video: Danger Dan – Sommerlüge)

Es ist schwer nicht einem Track über das größte Verbrechen der Menschheit weiter zu reden, aber genau das mache ich mit einem radikalen Break. Was auf den ersten Blick wie belanglose Musik zur Untermalung einer Hipsterparty im Rahmen der Berliner Fashion Week klingt, in der ein Berlin Mitte Hipstergirl über Gästelistenplätze auf Parties singt, entwickelt sich auf den zweiten Blick und spätestens bei Betrachtung des Videos zum kritischen Kommentar zur EU-Außenpolitik, mit dem ich den ersten Teil des Vortrages abschließen möchte.

(Video: D E N A – Guestlist)


0 Antworten auf „Unsere Musik ist (un)politisch (Teil 1).“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


drei × vier =