Pop & Staat, zwischen Liebe und Hass (Teil 1).

Überarbeitetes Skript meines Vortrages ‚Pop & Staat, zwischen Liebe und Hass‘ gehalten am 7.8. auf dem Sommercamp der JuPis.

I Prolog
1.) Bushido als Verkörperung der Ambivalenz

Kein zweiter Akteur des deutschen Pops, in den Bushido spätestens mit seinem ersten BRAVO-Cover eingekehrt ist, verkörpert die Ambivalenz zwischen Liebe & Hass im Verhältnis von Pop & Staat besser.

Auf der einen Seite ein Image als Staatsfeind Nummer 1:
(Video: Endgegner vom Album ‚Staatsfeind Nr. 1′)
Inszinierung als Staatsfeind, durch Videos mit Polizeispezialeinheiten & einer Kommandozentrale, bekannt aus amerikanischen Thrillern, die nur ein Ziel haben: IHN auszuschalten siehe: ‚Der BND sucht mich mit nem Peilsender.‘ Dazu kommt ein Mafia-Image das er selbst in Film, Biografie & Texten aufbaut, sowie mit der Betonung von Kriminalität & Selbstjustiz am Leben erhält. Er sieht sich als Soldat im Krieg gegen den Staat: ‚Salutier, nimm jetzt Haltung an‘.

Auf der anderen Seite eine Praktikum im Bundestag bei der CDU & die Hofierung des Integrationsbambiträgers bei führenden Politiker*innen:
2011 – Verleihung des Bambis für Integration, war ‚ein mediales Upgrade in die Kathegorie „vorzeigbar“‘ (Welt)
2012 – Ankündigung in die Politik zu gehen. Ziel: Bürgermeister von Berlin. Angeblich stand die Parteigründung vor der Tür. Aus diesesm Anlass interviewte ihn die BILD-Zeitung auch über seine Einstellung gegenüber dem deutschen Staat: ‚Es gibt in Deutschland Regeln und Gesetze. Und wer sich nicht daran hält bekommt Probleme.‘ sagte er.
2012 – Praktikum beim mittelstandspolitischen Sprecher der CDU & hohenloeschen MdB Christian Freiherr von Stetten

Staat & Pop, hier verkörpert durch CDU-Abgeordneten & Bushido nähern sich an. Der Versuch, den geläuterten und nun bürgerlichen – wie ständig betont wird – ‚Ex-Rüpelrapper‘ zu nutzen um neue Wählerschichten zu generieren und das Herrschaftssystem am Laufen zu halten auf der einen und der Versuch ein neues Klientel zu generieren auf der anderen Seite.

Der Versuch scheiterte beidseitig. Nach Stern-Enthüllungen über Bushidos Kontakte zur Mafia, musste sich der Abgeordnete für das hofieren rechtfertigen und Distanz wieder herstellen.

Mittlerweile dient Bushido als Paradebeispiel einer Welt die jenseits der Politik liegt so wurde Steinbrück mit Bushido vergliechen, nach seinem Mittelfinger-Bild. Armin Laschet, CDU Vorsitzender sagte: ‚Ein deutscher Bundeskanzler ist nicht Bushido!‘

Bushido konterte mit Stress ohne Grund – in dem er Profit aus seinem Bad-Boy-Image Profit schlägt & u.a. Claudia Roth, die ihn berechtigterweise Antisemit nannte, erschießen will – und erklärte zur Politik: ‚Das ist nicht meine Welt.‘

Wo kommt diese allgenwärtige Ambivalenz her?

II Teil 1:
1.) Vom Protestsong zur Terrororganisation:
Ende der 60er gab es die erste globalisierte Jugend- & Popkultur.
(Video: arte Beitrag über Vietnam)

Politische Haltung – eine Positionierung gegen den Vietnam-Krieg – ging Hand in Hand mit der Rebellion als popkulturelles Statement. Enormen Einfluss hatten definitiv Menschen wie:
- James Dean, der den Rebell ohne Grund im gleichnamigen Film spielte und den Prototyp für die Rebellion als popkulturelles Statement lieferte.
- Jack Kerouac, erweiterte durch seine Bücher die Horizonte junger Menschen aus ‚Reihen betuchter Häuser mit Rasen davor und Fernseher auf denen jeder das gleiche sieht‘
- Janis Joplin, als Beispiel für den Einfluss der Rockmusik & der Protestsongs auf die gesamte popkulturelle Bewegung. Mit der Energie ihrer Musik steckte sie junge Menschen an, die diese Energie in Tatendrang umwandelten, also politische Arbeit und der Einsatz für eine bessere Welt auf der einen & Zerstörung als Ausdruck der eigenen Unzufriedenheit auf der anderen Seite.
(Janis Joplin – Mercedes Benz)

Diese erste Welle von Popkultur, war innerhalb der jungen BRD per Definitionem subversiv: ‚Die Elterngeneration, die auf Hitlers Geheiß halb Europa verwüstet hatte, aber nun das eigene Leben feinsäuberlich wieder aufbaute, war zum ersten Mal fassungslos über die Jugend.‘ (Spiegel Spezial über die 68er aus dem Jahr 1988) & leistete auch eine zwangsläufigen Beitrag zur Entnazifizierung, denn sie war antiautoritär und vor allem amerikanisch und britisch. Weswegen eine konkrete Trennung zwischen popkultureller & politischer Ebene nicht möglich ist. Ein Beleg dafür ist die ‚Entpolitisierung‘ von politischen Symbolen wie dem Pali-Tuch und dem Che Guevara-Shirt, die zu rebellischen Accesoires ohne Aussage verkommen sind, ein weiterer die Wahrnehmung von Dutschke, als Popstar & Posterboy der Bewegung.

Die Aufmerksamkeit ist den Rebelliernden (sei es aus politischer Überzeugung & aus popkultureller Zugehörigkeit) gewiss, denn diese popkulturelle & auch politische Bewegung polarisiert, alleine durch ihr Äußeres. Nach der unterdrückten Subversivität im NS-Staat, weiß die junge Demokratie nicht wie sie mit ihr umgehen soll, während in Teilen der Gesellschaft der Ruf nach ’starker Hand‘ oder schlimmerem laut wird & u.a. Springerpublikationen den Hass schüren. Der demokratische Staat lässt sich – wie so oft – vom Mob leiten. Überharte & unkontrollierte Polizeiaktionen sind die Folge, an deren Ende steht der Tod eines jungen Mannes – Benno Ohnesorg – und der gescheiterte Mordanschlag auf Rudi Dutschke, den Posterboy der Bewegung.

So makaber es sein mag, so wahr ist es auch, dass der Tod einzelner Protagonisten (Paradebeispiel: Kurt Cobain) – noch dazu der spektakuläre Tod – popkulturelle Bewegungen zu mehr Aufmerksamkeit verhilft. Die direkte Folge des brutalen Vorgehens des Staates, denn gesellschaftlich tolerierten nationalsozialistischen Einstellungen & der Hetzte der Springerpublikationen ist die ausweglose Situation der Bewegung. Mit den jetzigen Mitteln, wird sie nicht weiter kommen. Die Konsequenz ist die Radikalisierung von Teilen der Bewegung und damit gibt es neben Dutschke, die zweiten deutschen Popstars: die RAF. Das Fahndungsplakat hing in zahlreichen Studierenden WGs, wie heute Poster von den Ärzten oder Nirvana.

Popkultur war damals per Definitionem ’subversiv‘ und stand im Konflikt mit staatlischer Herrschaft, ebenso leistete sie (wie Frank Apunkt Schneider im Vortrag: ‚Deutschpop, halts Maul‘ ausführt) eine Beitrag zur Entnazifizierung, da Pop subversiv, rebellisch, inter- bzw. antinationalistisch & vor allem nicht deutsch war.

2.) Ein bißchen Frieden:
(Nicole – ein bißchen Frieden)
Der Eurovisionsongcontest ist das popkulturelle Schaulaufen der europäischen Staaten. Die einzelnen Lieder repräsentieren einen kompletten Staat. Deutschland gewann 1982 & 2010. Die subversiven Elemente dieser Popmusik hielten sich jedoch stets in Grenzen.

Staatstragend war die Popmusik hier schon von Anfang an, alleine durch die Repräsentantenfunktion die sie inne hatte. Es dürfte alles andere, als ein historischer Zufall sein, dass Deutschland seinen ersten ESC ausgerechnet mit dem unschuldigen Traum von Frieden gewann. Das Land, dass zwischen 1939 & 45 einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche legte, dass mit dem versuchten Export der nationalsozialistischen Ideologie Jüdinnen, Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle und andere nicht in die Ideologie der Herrenrasse passenden Menschen in ganz Europa ermordete musste Buße tun und tat Buße. Diese Buße wurde desöfteren mit dem 12 Punkten belegt und so hieß der Sieger 1982 zum ersten Mal Deutschland. Üblich ist es beim ESC das der Sieger oder die Siegerin nach dem Sieg den Song noch ein zweites Mal performt. Im Jahre 2010 schwang Lena damals den schwarz-rot-goldenen Wimpel und weder im Inland noch im Ausland störte sich jemand daran. Etwas das im Jahre 1982 undenkbar gewesen wäre.

3.) Als die Welt noch unterging:
Punk brach zwar mit der Musik der 68er, sie brachen aber nicht mit den subversiven Elementen des Pop. Die bunten Haare, erregten ebenso viel Aufsehene wie einst die langen Haare, der mittlerweile verbeamteten Alt 68er. Die Haltung zum Staat war zwar eine andere, eine Verbesserung des Staates durch den Marsch durch die Institutionen strebte die Punkszene nicht an, doch positiv war die Haltung keines Weges.
(Video: Sex Pistols – God save the Queen)

Die Urväter des Punk, die Sex Pistols spielten in ihrem Song ‚God save the Queen‘ mit nationalen Symbolen des britischen Empires & in Deutschland lieferten Ton Steine Scherben den Soundtrack der Hausbesetzerszene in Berlin, also den Soundtrack zum Widerstand gegen die Staatsgewalt.
(Song: Ton Steine Scherben – Rauchhaussong)

Punk machte also da weiter, wo die mittlerweile Verbeamteten, zukünftige Grünenwähler*innen & ehemaligen Studierenden aufgehört hatten. Popkultureller Widerstand gegen den Staat. Punk ist brachial und richtet sich von Anfang an, gegen die Versuche Pop die subversiven Elemente zu nehmen.

4.) Der Staat versus die Ärzte
Der Index der Prüfstelle für Jugendgefährdende Medien, die stärkste Waffe des bürgerlichen Staates zur Kontrolle über Popmusik. Der Index erzeugt zwar durchaus positive Dinge, wie die Unmöglichkeit Platten der meisten Rechtsrockbands oder so manche gerappte Vergewaltigungsphantasie im Handel zu bekommen. Er bleibt jedoch die Waffe des bürgerlichen Staates, zur Kontrolle der Popmusik, zur Durchsetzung seiner Vorstellungen von Moral. Die Ärzte bekam dies deutlich zu spüren. Gleich zwei ihrer Alben, mit Namen: ‚Debil‘ & ‚die Ärzte‘ wurden indiziert. Gründe dafür waren unter anderem das ‚Schlaflied‘, ‚Claudia hat nen Schäferhund‘ & ‚Geschwisteliebe‘. Also ein Lied über ein Monster das ein Kinderzimmer besucht, über eine Frau die mit ihrem Hund schläft & eines in dem das Verb ‚flachlegen‘ rauf und runter dekliniert wird. Sehr freundlich vom Vater Staat uns davor zu schützen.

Als Reaktion auf die Indizierung erschien 1987 das Album ‚Ab 18′ mit den indizierten Songs und u.a. ‚Helmut K. schlägt seine Frau‘, einem direkten Angriff auf den Bundeskanzler. Bei einem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragenen Livekonzerten sollten die Ärzte ihren indizieren Song ‚Geschwisterliebe‘ nicht spielen sollten. Sie spielten es dennoch, sangen aber nicht, dass übernahmen ihre Fans für sie. Die Witze über Barschel zielten in eine ähnliche Kerbe.
(Video: die Ärzte Skandalauftritt 2/2 [ab 7:10])

Der Staat: 0, die Ärzte: 1 & Punk oder das was von ihm übrig war richtete sich auch weiterhin nicht nach Staat.

5.) Pop auf der Regierungsbank
Über die Abwahl Helmut Kohls und die Wahl der rot-grünen Bundesregierung, schrieb Daniel Kulla einst: ‚Ich hatte just zum ersten und letzten mal bei einer Bundestagswahl meine “Häufchen” auf dem Zettel gemacht und auch prompt zwei Richtige gehabt. Die Überlegung war so naiv und demokratieidealistisch wie damals für mich triftig: Rot & Grün würden zumindest keinen Krieg anfangen und die Atomkraftwerke ausmachen. Vielleicht wäre sogar die Stimmung für eine Dope-Legalisierung drin. Nur Monate später hatte diese von mir (mit-)gewählte Regierung den AKWs eine Laufzeitgarantie verschafft und war maßgeblich am Angriff auf Jugoslawien beteiligt.‘ Auch was die Popkultur betraf, war die erste Regierungsbeteiligung der Grünen der Anfang vom Ende. Junge Sozialdemokrat*innen & grüne Politiker*innen, wie Claudia Roth (frühere Managerin von Ton Steine Scherben) waren die ersten, direkt von Pop sozialisierten Politiker mit Regierungsbeteiligung. Marschierte Roth 1989 noch mit dem ‚Nie wieder Deutschland‘-Transparent in erster Reihe einer Demonstration gegen die Wiedervereinigung, so hatte sie nicht nur ihren Frieden mit dem Staat gemacht, sondern schlimmer noch sie half dabei den Staat mit der Popkultur zu versöhnen. Ob es mit der falschen Hoffnung geschah, dass die Popkultur einen besseren Staat schaffen könne oder das bewusst vorangetriebene Ende der Subversion der Popkultur war, sei dahin gestellt. Diese Bundesregierung versöhnte Pop & Staat: Sigmar Gabriel, war 2003 der erste Popbeauftragte der Sozialdemokratischen und damit der regierenden Partei. 2004 setzte sich die Bundesregierung für mehr ‚deutschen Pop‘ ein. Doch bereits zum Kosovo-Krieg, gab es die passende Musik geliefert vom deutschen Johnny Cash, wobei die Betonung hier auf DEUTSCH liegt.
(Video: Gunter Gabriel – Haus im Kosovo)

Teil 2 folgt.


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