Archiv für November 2014

Anna über Fettsackstyle

Fettsackstyle?

Vorneweg: ich bin Anna (cis und weiß), schreibe in meinem Blog fatisfine.wordpress.com fast ausschließlich zu Themen wie Feminismus, Stashaming und Body Positivity und habe nicht wirklich Ahnung von HipHop. Dieser Text ist für mich ein Abenteuer!

Durch meinen Mitbewohner Chucky bin ich fast täglich mit HipHop und Rap umgeben, den ich normalerweise nicht zu meiner Lieblingsmusik zähle. Ich habe weder von der Szene noch von HipHop insgesamt eher minimales Wissen- das was ich weiß habe ich von meiner Schwester und ihrem Freund, die eher Rap aus den 90ern und 00ern hören und eben von Chucky, der mir von seinen liebsten Tracks und Künstler_innen erzählt. Hin und wieder zeigt er mir Sachen, die einfach abstoßend und zutiefst sexistisch oder sonstwie diskriminierend sind und wir regen uns gemeinsam auf. Allerdings gibt es in der Szene viele kontroversen Themen und Künstler_innen, vor denen selbst der reflektierteste Mensch nicht sicher ist: so zeigte mir Chucky einen Track von Eko Fresh feat. Samy Deluxe, den er zwar lustig und thematisch wichtig, aber auch schwierig fand. Der Track heißt Fettsackstyle und spielt in einer fiktiven Diätklinik.
Zuerst zum Bildaufbau: man sieht Eko Fresh und Samy Deluxe in Fatsuites zwischen anderen wirklich dicken_fetten Menschen. Während die anderen Menschen im Video mit Salat und Diätshakes rumsitzen, schmuggeln Eko Fresh und Samy Deluxe Burger, Cola, Schokoladenriegel etc in die Klinik und machen bei den Sportübungen nicht mit.

Gleich am Anfang des Tracks heißt es „Wo sind die Zeiten von Big Pun, Heavy D und Biz Markie? [Anm. alles drei sind dicke_fetter Rapper aus den USA]/ Heute ist man Blickfang mit engen Tees und Hipsterjeans/ Du bounced in dein‘ Skinny-Jeans zu ’nem Biggie-Beat/ Erkennst du nicht den Widerspruch/ In dem du dich befindest?“ womit ausgedrückt werden soll, dass der HipHop sich nicht mehr um fette Kerle und fette Musik dreht, sondern mittlerweile auch den durchschnittlichen Schönheitsnormen unterliegt. Da ich keine Ahnung hab, was die angesprochenen drei Rapper so für Tracks und Videos gemacht haben, schaute ich mich etwas im Internet um. Ich sehe große und kleine dicke_fette Männer, die – jedenfalls kommt es mir so vor – mit ihrem Körper und dem Raum, den sie einnehmen, vollkommen zufrieden sind. So jedenfalls wird es dargestellt. Ich finde nichts davon, dass sie innerhalb der Szene dadurch irgendwie unter bodyshaming leiden mussten. Ganz im Gegenteil- fett zu sein, so erscheint es mir jedenfalls, gehörte dazu. Fette Kerle, fette Musik.

So, weiter gehts im Text. Man hört nun „Du machst dein Kardio, du isst dein Knäckebrot/ Ich chill mit E-K-O, wir machen kein Bodybuilding/ Doch hören g‘rad den Bodybuilding-Sound von Megaloh/ Haben das Gefühl, unsere Muskeln wachsen meterhoch/ Weißbrot, Cola, Döner und McDonalds/ Trotzdem bin ich innerlich schöner als ihr Models“. Hier gehen beide noch mehr auf ihre Kritik des Fitnesswahns in der HipHopszene ein und meinen, dass man nicht den durchtrainierten Bodybuilderkörper haben muss, um sich gut zu finden. Die beiden fühlen sich schön („schöner als ihr Models“, auch wenn mir nicht direkt klar wird, wer hier die Models sein sollen- meinen sie die Rapper aus der Szene, die total geil auf Fitness sind oder meinen sie die, die den Track hören?), in dem sie Tracks wie zB „Pump das/ Moabit lebt“ von Megaloh hören, die von allgemeiner Motivation sprechen und sich nicht (nur) auf körperliche Erfolge und Fitness reduzieren lassen (und trotzdem ihre „Muskeln meterhoch wachsen“ lassen womit sie in dem Bezug vom Selbstbewusstsein sprechen. Finde ich erstmal cool, dass sie damit sagen wollen, dass man auch ohne perfekten Körper schön sein kann- wird ja sonst eher gegenteilig dargestellt. Weniger cool ist es jedoch, dass sie sich über Menschen stellen, die einen „Model“körper haben und somit Fatshaming einfach umdrehen (wodurch es zu Skinnybashing wird).

„Ah yeah, ich gebe zu, an meiner Hüfte ist ein wenig fett/ Babyspeck, trotzdem schnappe ich dir deine Lady weg!“ soll wohl drauf abzielen, wie megageil die Beiden sind und alle „Ladys“ bekommen. Uff.
Erstmal weiter: „Ein Mann ohne Bauch ist wie ein Haus ohne Balkon/ Ich glaube, in paar Jahren seh ich aus wie ein Ballon/ Früher war doch wohlgeformt ein Zeichen für wohlhabend/ Heute haben die Reichen volle Taschen und‘n hohl‘n Magen/ Ich bin für Emanzipation, auch an einer Frau soll was dran sein/ Das war schon die Punchline“. Erstaunlich, dass Eko Fresh und Samy Deluxe hier beweisen, wie gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht ist. Aussagen wie „Ein Mann ohne Bauch ist wie ein Haus ohne Balkon“ klingen zuerst lustig und wahnsinnig empowernt, haben aber auf dem zweiten Blick einen ziemlich faden Beigeschmack. Ist also ein dünner_schlanker Mann wie ein Haus in einer schlechten Wohngegend und alle würden mir vom Kauf abraten? Oder wie soll ich das verstehen? Interessant allerdings der historische Einwurf, dass Fettleibigkeit früher ein Zeichen für Wohlstand und damit ein Schönheitsideal war. Darüber staune ich auch regelmäßig (einfach weil ich mit meinem fetten Körper in unserer Gesellschaft anderes gewöhnt bin). Ebenfalls staune ich über die unsägliche Aussage „Ich bin für Emanzipation, auch an einer Frau soll was dran sein“. Klingt als würden sie sich über die Emanzipation der Frau lustig machen und diese wieder nur als ein Stück Fleisch betrachten (an nem Steak soll ja auch was dran sein, blabla).
Als letzten Punkt aus den Lyrics möchte ich „Ich mach‘ kein Bodybuilding, denn ich wurd‘ im Hort nie gehänselt“ betrachten – das soll wohl eine Anspielung darauf sein, dass Rapper_innen, die pumpen gehen und Fitness feiern, arme Würstchen sind und die Hänselei aus der Schulzeit mit dicken Muskeln zu überspielen versuchen. Eko Fresh wurde also nie gemobbt in der Schule oder im Hort und musste deshalb nie stark sein oder muskulös aussehen um sich zu wehren (interessante Frage: sind alle muskulösen Menschen traurige Schicksale?).

Ich mochte nun nochmal den gesamten Liedtext betrachten und auf einzelne Punkte näher eingehen:
es ist wahnsinnig wichtig sich selbst zu empowern. Gerade als dicke_fette oder irgendwie andersaussehende Menschen in unserer Gesellschaft. Man wird von diesem Schönheitswahn geradezu aufgefressen, von sämtlichen Werbetafeln blinkt uns das Idealbild eines Menschen entgegen. Gerade Frauen* trifft das sehr, in der HipHopszene (bzw in diesem Lied angesprochen) hauptsächlich die Männer*. Hier ist es mittlerweile so, dass man muskulös und fit ist um der Fitnesswillen. In der Anfangszeit des HipHops waren die Rapper auch muskulös und fit, allerdings war das oftmals dem Leben in Gangs geschuldet wo es praktisch und hin und wieder auch notwendig war, schnell laufen oder sich wehren zu können. Da das im (deutschen) HipHop wohl eher nicht der Fall ist, gehe ich wirklich davon aus, dass die Muskelberge von z.B. Kollegah nur dazu da sind um einem gewissen Bild zu entsprechen. Blöderweise kann man solche Schönheitsideale in unserer Gesellschaft nie installieren, ohne andere Körperformen abzuwerten. Das haben Eko Fresh und Samy Deluxe erkannt und wollen mit diesem Track etwas entgegensetzen. Was allerdings paradox erscheint: beide sind schlanke_dünne Männer. Klar, es ist toll, dass normierte Menschen sich mit anderen, nicht der Norm entsprechenden, solidarisieren. Aber nicht ins lächerliche ziehen! Wieso müssen beide in Fatsuits stecken? Wieso müssen sie ständig Softdrinks und Burger in sich reinstopfen? Wieso gerade dieses Klischee vom „faulen Fetten“ bediehnen? Und wieso Frauen* nicht einfach Frauen* sein lassen, sondern fordern, dass an ihnen was „dran sein“ soll? Frauen* und HipHop ist sowieso ein spannendes Thema. Ich habe etwas geforscht und nach dicken_fetten Rapperinnen gesucht. Im deutschsprachigen Raum schnell aufgegeben und nur Queen Latifah und Missy Elliott gefunden (traurigerweise wurde mir von Google bei der Eingabe von „Missy Elliott“ direkt „Missy Elliott abgenommen“ vorgeschlagen).

Es muss über Körpernormen gesprochen werden- egal in welcher Szene. Vor allem müssen diese Normen hinterfragt werden und allen Körpern Raum zugesprochen werden. Der Track ist nicht perfekt und zu kritisieren. Vielleicht aber ein richtiger Ansatz.

Hallo Deutschland

Hallo Deutschland,
am 9.11.2014 fühlst du dich leider Gottes immer noch so verdammt Deutsch an.

Anlässlich zum Mauerfall durfte der angry old man Wolf Biermann im Bundestag ein Liedchen singen, doch der aufrechte Demokrat ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen seinen über Jahre gehegten Antikommunismus freien Lauf zu lassen und in deutscher Tradition gegen alles vor zu gehen was auch nur im Ansatz den Anschein erweckt emanzipatorisch zu sein.

Anlässlich der Regierungsbildung die in Thüringen höchstwarscheinlich mit einem linken Ministerpräsidenten enden wird, versammelten sich in Erfurt diverse faschistoide schwarz-braune Antikommunist*innen um am 9.11 – dem Tag des Mauerfalls, sonst war ja nichts bedeutendes – den Rathaus Platz in ein Lichtermeer (sic!) zu verwandeln. Aufgerufen dazu hatte unter anderem die CDU, die übrigens bis ’89 in der Volkskammer nur einmal gegen die SED stimmte, als es um Abtreibung ging. Ebenfalls erschienen waren neben den besorgten Bürger*innen die Angst vor einem ostdeutschen Polizeistaat mit Überwachung auf Stasiniveau haben (hüstel, Sachsen unter CDU-Herrschaft, hüstel), natürlich auch einige Neonazis die, wer hätte das vorher ahnen können, einige Gegendemonstrant*innen angriffen.

Anlässlich des Mauerfalls waren sämtliche Medienkanäle sowie die Innenstadt der Stadt in der ich lebe voller Meldungen & Menschen, die sich ganz befreit & vereint fühlten und mit Luftballons ihre Freude darüber ausdrückten, dass keine Deutschen mehr leiden müssen, sondern nur noch andere an deutscher Politik und Ideologie. Anlässlich der Reichsprogromnacht, dem symbolischen Beginn der exzesziv ausgelebten deutschen Ideologie gab es keine Tweets oder Facebookposts der Tagesschau oder von ZDF heute.

Ach und einige Nazis marschierten heute auch noch durch beziehungsweise Berlin, während Reichsbürger, Mahnwachen Antisemiten und andere Gruselgestalten vor dem Reichstag beziehungsweise Kanzleramt standen.

Aber dich interessiert das ja alles nicht, denn du musst dich selbst feiern.

Fick dich, nein sterb aus, fick nicht.