Archiv für April 2015

Unikram #1

Essay für das Seminar ‚Comics & politische Theorie‘ über Antifaschismus und X-Men (der 1960er Jahre).

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind logischerweise entweder gut oder schlecht.“

„Daher ist Dichtung etwas Phillosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“
Aristoteles, Poetik

Betrachten wir Comics nun als eine moderne Form der Dichtung, also des Erzählens von Geschichten, dann stellt sich logischerweise die Frage, ob diese Behauptungen auch bei the X-Men zu treffend ist. Die erste Behauptung, dass die dargestellten Personen „logischerweise entweder gut oder schlecht“ sind, lässt sich für die ersten fünf X-Men Comic auf jeden Fall deutlich bejahen. Auf der einen Seite Professor X und die X-Men und auf der anderen Seite die Villains Magneto, der Vanisher, Blob und die von Magneto angeführte brotherhood of evil mutants. Eine klassische Gegenüberstellung von Gut und Böse. Eine genauere Betrachtung der Villains bringt des weiteren auch ihrer rassistischen und faschistoiden Züge zum Vorschein. Professor X klärt die X-Men in der ersten Ausgabe über ihre Aufgabe auf und definiert klar die Villains also die Antagonisten der X-Men: „Not all of them want to help mankind. Some hate the huma race and wish to destroy it! Some feel that the mutants should be the real rulers of earth. It is our job ti protect mankind from […] the evil mutants.“ Angesichts des Enstehungsdatums der X-Men 1963, also 18 Jahre nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus unter amerikanischer Teilnahme, liegt der Verdacht nahe, dass bei der Schaffung der Villains der Faschismus allgemein und der deutscher Prägung besonders als Inspiration diente. Auch wenn in den Comics (zwar nicht die Höherwertigkeit, doch aber) die besonderen Fähigkeiten auf Grund der Genetik der Mutanten jedoch nicht bloße Rassentheorien sind, sondern so zu sagen faktisch belegbar sind. Denkt man diese Logik trotz des Unterschiedes zu Ende, so lassen sich die X-Men hier getrost als antifaschistische Gruppe bezeichnen, die die gegenwärtige Welt in ihrer Konsistenz vor dem Faschismus mit Weltherrschaftsanspruch schützt. Genau hier lässt sich nun auch wieder die Verbindung zum zweiten Aristoteles Zitat herstellen. Während die Geschichtsschreibung die Zerschlagung des deutschen Faschismus im Besonderen thematisieren kann, an Hand von wichtigen Ereignissen vom D-Day bis zum E-Day, an dem 13 Tage vor der endgültigen Kapitulation der Wehrmacht bereits der Sieg der West-Alliierten und der Sowjet Union feststand, kann hier die Comics den praktischen antifaschistischen Kampf im Allgemeinen darstellen. Ruft man sich die Verbrechen des Nationalsozialismus in Erinnerung, so lässt sich meiner Meinung nach ohne weiteres sagen, dass dieses Regime und sein industrieller Massenmord eine Singularität erreicht und der eliminatorische Faschismus damit der oberste Feind der demokratischen Menschheit ist. Da der Schauplatz der ersten fünf Comics die Vereinigten Staaten von Amerika sind und die zu rettende Menschheit folglich allen voran die Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika sind, kann man diesen Bezug hier durch aus herstellen. Der berühmte Occupy Wallstreet Anhänger David Graeber, widerspricht dieser These in On Batman and the Problem of Constituent Power zwar radikal, in dem er Superhelden als reaktionär bezeichnet und so auch eine Nähe zum Faschismus herstellt. Ist Antifaschismus zwar im Wortsinne reaktionär, also eine pure Reaktion so hat er doch keinerlei Nähe zum Faschismus sondern ist der Versuch die Verbrechen die der Faschismus notwendigerweise begeht zu verhindern oder zu bekämpfen. Die fatale Annahme von David Graeber, dass revolutionäre Veränderung gleich Fortschritt sei ist zwar nicht untypisch für einen Occupy Aktivisten, wo antisemitische Kapitalismuskritik kaum einen hörbaren Widerspruch findet, aber um so fataler ruft man sich in Erinnerung aus welch revolutionärem Moment der Finanzkrise der Nationalsozialismus entstand und welche katastrophale Folge seine negative Klassenaufhebung für viele Jüdinnen, Juden und andere nicht ins Weltbild der Nationalsozialismus passende Menschen hatte. Antifaschismus ist Reaktion und der Versuch das Bestehende trotz all seiner Fehler gegen etwas derartig menschenverachtendes zu verteidigen.