Archiv für September 2015

Das große M & die Sehnsucht.

Ein zivilisatorischer Lichtblick in der Idiotie des Landlebens.
Ein Text über die popkulturelle Projektionsfläche USA als konsumierbare Realitätsflucht auf einem deutschen Dorf.


Mögen anderswo dem amerikanischen Kulturimperialismus die tradierten Lebensformen ganzer Nationen zum Opfer gefallen sein – in Deutschland aber begann mit dem amerikanischen Kulturimperialismus nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation. In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburgerkette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Eßkultur. Die USA wegen ihrer Rüstungspolitik und ihrer Unterstützung für so ziemlich sämtliche Folterregime auf der ganzen Welt anzugreifen ist eine Sache, aber der Satz, wonach „in einer einzigen Symphonievon Beethoven mehr Kultur liege, als ganz Amerika bisher zusammengebracht hat“, stammt von Hitler, und der Jazz war hier schon mal verboten. Im Dritten Reich galt Amerika als ordinäres, vielsprachiges Rassengemisch, und dabei ist es, wie man aus dem gehässigen Wörtchen „Yankee-Kultur“ schließen muß, geblieben. Die großen politischen Verbrechen, die von Deutschland begangen wurden, entbinden uns nicht von der Pflicht, die kleineren Amerikas anzugreifen. Aber jener begründete Protest gegen die US-Politik ist hier bloß reaktionär, wenn er eine kleine Tatsche vergißt: Hätte Deutschland jemals die militärischen Machtmittel der Vereinigten Staaten besessen, würde auf diesem Planeten niemand mehr leben.


- Wolfgang Pohrt: ein Volk, ein Reich, ein Frieden

Keine Frage. Ein Burger King ist einem McDonalds in jedem Fall vor zu ziehen, denn während McDonalds sich mit der Hüttengaudi und Nürnburgern an deutsche Kultur anpasst – bleibt der Burger King mit dem Whopper und Konsorten dem amerikanischen Kulturimperialismus treu. Doch Burger King fand erst mit Beginn meines 18ten Lebensjahres den Weg in die schwäbische Provinz und bis dahin musst McDonalds als Projektionsfläche herhalten, bis dahin musste der Big Mac als amerikanischer Lebenstil im Snackformat dienen, bis dahin war das leuchtende gelbe M die wehende Fahne der wenigen Inseln der Zivilisation in der Idiotie des Landlebens.

mcdonalds

71277 Rutesheim-Perouse: eine Postleihzahl, ein Dorf und ein Ortsteil (seit 2008 Stadt und Stadtteil, aber c‘mon 10.000 sind und bleiben Hölle Hölle). 71277 Rutesheim-Perouse war aber eben auch der Ort an dem meine Kindheit und Jugend passierte, existierte und verunglückte. Trotz Affinitäten zu deutschsprachigem Rap, bayrischen Fußballvereinen, Gitarrenmusik aus Hamburg und Techno aus Berlin. Trotz große Sympathien für rote Zigaretten aus Frankreich, grüne Brause und Dürüm aus der Türkei, Hooliganlifesytle aus Groß Britanien und Kaffeespezialitäten aus Italien. Mein Sehnsuchtsort war schon immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es war immer meine Projektionsfläche. Es war immer mein amerikanischer Traum, den ich konsumieren konnte um aus der deutschen Einöde zu entfliehen. Egal ob es Lucky Strike Zigaretten, Coca Cola Dosen, Burger bei McDonalds oder Musik von Elliot Smith und Notorious B.I.G. waren.

Irgendwie haben Deutschland und ich nie wirklich zusammengepasst – vielleicht ist es das jüdische in mir, dass mir lange vor eine politischen Analyse der Gefahren dieser Nation ein Gefühl von Fremdheit gab, aber selbst als ich deutsche Fahnen während Fußballspielen schwenkte, war die Sehnsucht nach Fremde immer vorhanden. Die Sehnsucht nach Flucht aus der Einöde, die meine ehemaligen Mitschüler Heimat nennen. Die Sehnsucht nach der großen Weite und nach den unbegrenzten Möglichkeiten – die in Realität gar nicht vorhanden sind. Die Sehnsucht nach einer glitzernden und schillernden Welt, aber auch die Sehnsucht nach dem exakten Gegenteil.

Während es außerhalb des Hauses nichts gab, außer den Fußballplatz und später Alkohol, Zigaretten und Cannabis, gab es im Fernsehen eine gänzlich andere Welt zu entdecken. Ein Land, dass so nur die Imagination von Generationen in Deutschland gelangweilter Jugendlicher ist. Aber eben damit auch das verlässliche, konsumierbare Ticket zur Realitätsflucht war.

Jedes Glas Coca Cola, jeder Zug an einer Marlborro oder Lucky Strike Zigarette und jeder Burger verwandelte mich für den kurzen Moment des Konsums in Elvis, in einen Cowboy, in James Dean oder Harold Lee. Wenn ich Nachts alleine mit meinem alten, kaputten, weinroten BMW über die Dörfer fuhr, imaginierte ich mich nach Hawaii und in einen Ferrari. Wenn ich auf Parties heimlich Cannabis und Tabak vermischte, um als Joint zu rauchen, imaginierte ich mich in die diversen popkulturellen Vorbilder, die MTV, Youtube und die örtliche Videothek mir lieferten. Nichts war jedoch so verlässlich, wie das große, goldene M der McDonalds Filialen. Schon als kleiner Junge tröstete mich meine Mutter mit diesem kostengünstigen Ausflug in das imaginierte Paradies.

Meine Jugend bestand aus Depression, Alkohol, Zigaretten, Drogen, Gefühlschaos, Liebeskummer, Sex und allem was sonst zu einer schwäbischen Dorfjugend dazu gehört – die in Lokalhelden von Jörg Harlan Rohleder so perfekt nachgezeichnet wurde. Der Protagonist des Buches wollte raus aus Schwabylon und flog am Ende des Buches nach London, ich wollte auch raus und zwar permanent und so trug ich einiges an Taschen- oder sonst irgendwie verdientem Geld in die zahlreichen örtlichen Dependance des amerikanischen Kulturimperialismus.

Realitätsflucht mit Alkohol und Drogen war ein schwieriges Unterfangen. Exzess und Parties waren ein Akt auf dem Drahtseil, denn Alkohol- und Testestorongesteuerte Jugendliche mit tief im Kopf verwurzelten deutschen Eigenschaften lauerten an jeder Ecke. Zum Glück ließ sich das in den nahe der A8 gelegenden Dörfern – die Schauplatz meiner Jugend waren – auch über McDonalds sagen. Und so konnten die meisten missglückten Versuche der Realitätsflucht mittels Drogen – Dank der Projektionsfläche amerikanischer Popkultur – doch noch gerettet werden, wenn der BigMac oder der 1955 Burger und die eiskalte Cola vor einem auf dem Tisch standen.

Warenförmige Flucht aus der deutschen Realität bis zum Kommunismus.

Pop ist politisch (Vortrags Mitschrift).

Anfang des Jahres habe ich drei Vorträge in Pankow unter dem Titel ‚Pop ist politisch‘ gehalten. In denen ich erst grundlegende Überlegungen zu Pop & Politik ausgeführt habe, danach meine Interpretationen der Geschichte des Pop 1 (vor Lichtenhagen und vor Rot-Grün) und anschließend die nationalistische Gegenwart des Pop 2 ausgeführt habe. Für die Association Progress (und ihre Contre La Tristesse Veranstaltungsreihe), sowie für das Reich & Schön habe ich diese drei Vorträge zu einem zusammengefasst – leider entfielen beide Termine. Auf dem Sommercamp der Linksjugend konnte ich ihn dann endlich halten. Inklusive des praktischen Auflegerei-Teils, der gut 7 Stunden dauerte und seinen Höhepunkt fand, als die gsamte Tanzfläche ‚Techno Techno USA‘ intonierte. Ich werde hier nun die überarbeitete Version meines Skripts hochladen.

Pop ist politisch oder Nie wieder Deutschpop!

1.) Einführung
Alles was ich euch also heute Abend erzähle ist der Versuch meiner ideologiekritischen Deutung diverser Perlen der Popmusik. Heute Abend werde ich einen chronologischen Streifzug durch die Geschichte der Popmusik, vor allem in Deutschland, machen und anschließend versuchen, die popkulturelle Gegenwart zu skizzieren. Einige grundlegende Überlegungen möchte ich voran stellen:

Auch wenn es die Fans von Bands wie Frei.Wild oder den Böhsen Onkelz nicht wahrhaben wollen, so sind sie nicht nur Anhänger von Rotzrockbands mit fragwürdigen Einstellungen, sondern glauben an die Möglichkeiten des Unmöglichen. Popmusik kann nämlich niemals unpolitisch in, so sehr es auch von den Interpret*innen gewünscht wird, sie werden scheitern. Ein Mensch kann sich niemals völlig frei von seiner Umgebung, Sozialisation und politischen bzw. ökonomischen Situation artikulieren. Noch viel weniger kann er der Totalität des gegenwärtigen Systems entfliehen. So steckt in jedem Musikstück zwangsläufig eine politische Aussage, die vielleicht gar nicht beabsichtigt ist.

Wichtig ist es, dass es mir hier nicht um Propagandamusik geht, also um Musik deren einziger Zweck die Übermittlung politischer Botschaften ist. Also nicht um sowas:

(Junge Union – für die Stadt) oder (A3stus – Für unsere Kinder)

Sondern um Popmusik, die gesellschaftliche Verhältnisse in der Kunst reflektiert.

Genau an dieser Stelle findet sich auch die Umbenennung des Vortrages. Denn weil Pop politisch ist, und der Pop in Deutschland im besonderem Maße, kann die logische Forderung und der logische Titel des Vortrages nur ‚Nie wieder Deutschpop‘ heißen, um diese Forderung, und die ihr zu Grunde liegende Theorie dar zu legen, werde ich bewusst einige provokante und abstrahierte Thesen aufstellen, die anschließend hoffentlich diskutiert werden.

2.) Vom Protestsong zur Terrororganisation
(Adorno & der Vietnamkrieg)

Politische Haltung – eine Positionierung gegen den Vietnam-Krieg – ging Hand in Hand mit der Rebellion als popkulturelles Statement. Enormen Einfluss hatten definitiv Menschen wie:
- James Dean, der den Rebell ohne Grund im gleichnamigen Film spielte und den Prototyp für die Rebellion als popkulturelles Statement lieferte.
- Jack Kerouac, erweiterte durch seine Bücher die Horizonte junger Menschen aus ‚Reihen betuchter Häuser mit Rasen davor und Fernseher auf denen jeder das gleiche sieht‘
- Janis Joplin, als Beispiel für den Einfluss der Rockmusik & der Protestsongs auf die gesamte popkulturelle Bewegung. Mit der Energie ihrer Musik steckte sie junge Menschen an, die diese Energie in Tatendrang umwandelten, also politische Arbeit und der Einsatz für eine bessere Welt auf der einen & Zerstörung als Ausdruck der eigenen Unzufriedenheit auf der anderen Seite.

(Janis Joplin – Mercedes Benz/Intro Baader-Meinhof-Komplex)

Diese erste Welle von Popkultur war innerhalb der jungen BRD per Definitionem subversiv: ‚Die Elterngeneration, die auf Hitlers Geheiß halb Europa verwüstet hatte, aber nun das eigene Leben feinsäuberlich wieder aufbaute, war zum ersten Mal fassungslos über die Jugend.‘ (Spiegel Spezial über die 68er aus dem Jahr 1988) & leistete auch eine zwangsläufigen Beitrag zur Entnazifizierung, denn sie war antiautoritär und vor allem amerikanisch und britisch. Weswegen eine konkrete Trennung zwischen popkultureller & politischer Ebene nicht möglich ist.

Die Aufmerksamkeit ist den Rebellierenden (sei es aus politischer Überzeugung & aus popkultureller Zugehörigkeit) gewiss, denn diese popkulturelle & auch politische Bewegung polarisiert, alleine durch ihr Äußeres. Nach der unterdrückten Subversivität im NS-Staat, weiß die junge Demokratie nicht, wie sie mit ihr umgehen soll, während in Teilen der Gesellschaft der Ruf nach ’starker Hand‘ oder schlimmerem laut wird & u.a. Springerpublikationen den Hass schüren. Der demokratische Staat lässt sich – wie so oft – vom Mob leiten. Überharte & unkontrollierte Polizeiaktionen sind die Folge. An deren Ende steht der Tod eines jungen Mannes – Benno Ohnesorg – und der gescheiterte Mordanschlag auf Rudi Dutschke, dem Posterboy der Bewegung.

So makaber es sein mag, so wahr ist es auch, dass der Tod einzelner Protagonisten (Paradebeispiel: Kurt Cobain) – noch dazu der spektakuläre Tod – popkulturelle Bewegungen zu mehr Aufmerksamkeit verhilft. Die direkte Folge des brutalen Vorgehens des Staates, denn gesellschaftlich tolerierten nationalsozialistischen Einstellungen & der Hetze der Springerpublikationen, ist die ausweglose Situation der Bewegung. Mit den jetzigen Mitteln wird sie nicht weiter kommen. Die Konsequenz ist die Radikalisierung von Teilen der Bewegung. Damit gibt es neben Dutschke, noch weitere Popstars: die RAF. Das Fahndungsplakat hing in zahlreichen Studierenden WGs, wie heute Poster von den Ärzten oder Nirvana. Auch ihr öffentliches Auftreten trug einen gehörigen Teil dazu bei.

(Gerichtsszene aus Baader Meinhoff Komplex)

3.) Dreck aus dem Westen:
Ein kurzer Ausflug auf die andere Seite der Mauer, denn auch dort kam die sogenannte Beatmusik an. Wurde diese zu Beginn noch von der SED akzeptiert, so erkannte man spätestens nach den ersten Ausschreitungen bei Konzerten in Deutschland und dem Beginn der Protestbewegung das subversive, individualistische und aus dem Kollektiv ausbrechende Potenzial dieser Musik. Weil der Klassenkampf sich seit Stalin nur gegen nicht sozialistische Staaten richten konnte, da in ihnen selbst der Klassenwiderspruch aufgehoben worden sei, sprach man natürlich vom „Dreck aus dem Westen“. Man reagierte mit der Unterstützung von systemunkritischen Bands wie „Oktoberklub“ und erklärte öffentlich die Beatmusik für ‚’schädlich für die Gesundheit‘. Als kurze Zusammenfassung ein kleiner Beitrag des MDRs.

(Beat in der DDR)

4.) Ein bißchen Frieden:
Ein deutsches Popimage muss erst noch kreiert werden. Ein Eurovisionsongcontest, als popkulturelles Schaulaufen der europäischen Staaten, ist dafür eine willkommene Gelegenheit. Die einzelnen Lieder repräsentieren nicht nur einen Künstler oder eine Künstlerin, sondern im Sinne eines Nationenwettbewerbs eine komplette Nation. Selbstverständlich hielten sich die subversiven Elemente der Popmusik bei solch staatstragenden Events immer in Grenzen, aber das jüngste Ausbuhen der russischen Vertreterinnen oder das musikalische Statement Spaniens zum Falklandkrieg, während des ESC in Großbritannien, durch einen Song mit Tangoanleihen, beweisen einmal mehr, wie Musik politisch ist oder spätestens im Kontext von diesem internationalen Wettbewerb politisch aufgeladen wird.

Deutschland gewann den Eurovisionsongcontest bisher ganze zweimal: 1982 & 2010. Es dürfte alles andere als ein historischer Zufall sein, dass Deutschland seinen ersten ESC ausgerechnet mit dem unschuldigen Traum von Frieden gewann. Der ESC war und ist eine Plattform, auf der sich Länder präsentieren und bewusst entscheiden, wie sie sich präsentieren wollen. Das Land, dass zweimal halb Europa in Schutt und Asche gelegt hatte, musste Reue zeigen und das tat man, mit Nicole. Damit konnte sich dieses Deutschland die Punkte der anderen Staaten sichern.

(Nicole – ein bißchen Frieden)

Knapp 30 Jahre und eine Wiedervereinigung später gibt es ein neues Deutschland, ein Popdeutschland, das sein eigenes Verständnis von Pop entwickelt hat und in dem das Projekt der „Entnazifizierung“ durch Pop beendet worden ist. Wäre es beispielsweise noch undenkbar gewesen, dass Nicole nach dem Sieg mit einer riesigen Deutschlandfahne herumläuft, so tat Lena Meyer-Landruth eben genau das. Wieso das im Pop vor der Wende nicht ging, darum geht es heute. Weshalb das im Pop nach der Wende jedoch funktioniert, das wird im nächsten Vortrag festgehalten.

5.) Punk und Postpunk
Punk brachen zwar mit der Musik und der Lebenseinstellung der 68er, sie brachen aber nicht mit den subversiven Elementen des Pop. Die bunten Haare erregten ebenso viel Aufsehen wie einst die langen Haare der mittlerweile verbeamteten Alt 68er. Die Haltung zum Staat war zwar eine andere, aber eine Verbesserung des Nationalstaates durch den Marsch durch die Institutionen strebte die Punkszene nicht mehr an, doch einen positiven Bezug auf selbigen ließ sie dennoch vermissen.

Punk machte also da weiter, wo die mittlerweile Verbeamteten, zukünftige Grünenwähler*innen & ehemaligen Studierenden aufgehört hatten. Sogenannter popkultureller Widerstand gegen den Staat. Punk ist brachial und richtet sich von Anfang an gegen die Versuche, Pop die subversiven Elemente zu nehmen.

Was der Postpunk dem Punk gegenüber jedoch vorraus hatte, war die Erkenntnis der besonderen Situation, in der sich Deutschland in den 80ern befand. So hießen Punkbands zwar „BRDigung“, während die Postpunkbands begriffen, dass gerade die BRD und die DDR, also die Aufteilung Deutschlands zwischen zwei Staaten und die defacto Einschränkung deutscher Großmachtsphantasien, zwischen zwei Staaten ein Segen war. Denn die BRD war keine Nation, sie war ein als aufgezwungen empfunder Fremdkörper. Die Allierten hatten aus Nazideutschland zwei verfeindete Staaten gemacht, mit Namen wie Aktenzeichen. Um es mit Frank Apunkt Schneinder zu sagen: „Durch ihre Adern floss kein Blut, sondern das Papier der Verträge.“

Somit war die BRD ein staatliches Konstrukt, dessen Konstruiertheit auch deutlich erkennbar war. Es war kein staatliches Gebilde mit nationalem Mythos, Blut und Ehre, denn dieser Mythos hing im luftleeren Raum zwischen den beiden Staaten. Man konnte nicht stolz auf diese BRD sein. Genau das machte sie auf popkultureller Ebene so erträglich und genau das bringen FSK auf den Punkt wenn sie singen: „die Erbauer dieser Mauer geben uns Gemütlichkeit“.

(FSK – Westberlin Tanzparty)

6.) Der Staat versus die Ärzte
Natürlich hat jeder Staat seine Angst vor Popmusik. Der Index der Prüfstelle für Jugendgefährdende Medien ist die stärkste Waffe des bürgerlichen Staates und dient zur Kontrolle über die Popmusik. Der Index erzeugt zwar durchaus positive Dinge, wie die Unmöglichkeit Platten der meisten Rechtsrockbands oder so manche gerappte Vergewaltigungsphantasie im Handel zu bekommen. Er bleibt jedoch eine Waffe des bürgerlichen Staates, zur Kontrolle der Popmusik und zur Durchsetzung seiner Vorstellungen von Moral. Die Ärzte bekamen dies deutlich zu spüren. Gleich zwei ihrer Alben, mit Namen: ‚Debil‘ & ‚die Ärzte‘ wurden indiziert. Gründe dafür waren unter anderem das ‚Schlaflied‘, ‚Claudia hat nen Schäferhund‘ & ‚Geschwisterliebe‘. Also ein Lied über ein Monster das ein Kinderzimmer besucht, über eine Frau die mit ihrem Hund schläft & eines in dem das Verb ‚flachlegen‘ rauf und runter dekliniert wird. Sehr freundlich vom Staat uns davor zu schützen.

Als Reaktion auf die Indizierung erschien 1987 das Album ‚Ab 18′ mit den indizierten Songs und u.a. ‚Helmut K. schlägt seine Frau., Einem direkten Angriff auf den Bundeskanzler, also auch einen Angriff auf einen Repräsentanten des deutschen Staates. Die zweite Reaktion kam bei einem im Fernsehen übertragenen Livekonzert, auf dem die Ärzte ihren indizierten Song ‚Geschwisterliebe‘ nicht spielen sollten. Sie spielten es dennoch, sangen aber nicht, dass übernahmen ihre Fans für sie. Dies und die Witze, welche die Band über die Ermordung von Uwe Barschel machten, veranlassten den damaligen Moderator der Sendung Günther Jauch zu einem wütenden Kommentar gegenüber der Band und brachte sie – zumindest damals – in eine Art oppositionelle Position gegenüber Staat und Mehrheitsgesellschaft

(die Ärzte Skandalauftritt 2/2 [ab 7:10])

Der Staat: 0, die Ärzte: 1.
Und Punk, oder das was von ihm übrig war, richtete sich auch weiterhin nicht an den Staat.

7.) Betrachtungen zum Bruch
In der Poptheorie bedient man sich zur Unterscheidung zwischen der gegenwärtigen „Diktatur der Angepassten“ (Roger Behrens) und dem einst widerständigen und subversiven Pop der Begriffe Pop 1 und Pop 2. Der genaue Bruch ist schwer auszumachen, aber zwei mögliche Ansätze um den Bruch zu datieren möchte ich euch im Folgenden noch präsentieren.

-> Rechtsradikalismus als Jugendkultur / Rostock-Lichtenhagen
War eines der größten Popversprechen immer die Rebellion, ein Aufbegehren gegen etablierte Werte? War es immer ein Reiz der in Jugendkulturen lag, sich von anderen und vor allem den eigenen Eltern zu distanzieren? So entstand spätestens in den 90ern eine Jugendkultur, der dieser Reiz inne wohnte. Neonazismus, der Bezug auf das größte Verbrechen der deutschen Geschichte erscheint. Auf den ersten Blick als radikaler Bruch mit der Gesellschaft. Bei näherer Betrachtung erkennt man aber, dass dies keines Weges der Fall ist, sondern der Neonazismus viel mehr eine Rückbesinnung ist, die vor allem deshalb gesellschaftlich nicht anerkannt ist, weil ihre Forderungen zu plump und zu durchschaubar daherkommen, und nicht mehr in den Geist des modernen, mit der Wiedervereinigung endgültig erstarkten, neuen deutschen Patriotismus passt. Der Reiz der Rebellion und der Radikalität lag in den 90ern im nationalistischen Taumel nach der Wiedervereinigung ebenso inne, wie er heute bei IS zu erkennen ist. Die Entnazifizierung durch Pop ist logischerweise in dem Moment gescheitert, als Nazi Pop aufkam. In dem Moment, in dem Neonazismus zu einer Jugendkultur wurde, die sich in den 90ern auch ganz bewusst Elementen von Pop bediente, wie zum Beispiel Lifestyle und auch Mode (also Springerstiefel, Bomberjacke).

Zwar gibt es damals eine popkulturelle, wie auch eine gesellschaftliche Antwort darauf. Der Neonazismus bleibt keines Falls unwidersprochen, so lässt sich jedoch das Projekt der Entnazifizierung durch Pop damit zu Grabe tragen. Die Reaktion kam damals aus diversen Lagern. Als Soundtrack für den Aufstand der Anständigen von den Ärzten und den Toten Hosen, in radikalerer Form von den goldenen Zitronen und auch aus der Hip Hop Szene und eben – anders als bei Ärzte oder Hosen – von Menschen mit Migrationshintergrund hervorgebracht. Gerade der Aufstand der Anständigen und das popkulturelle Produkt des Selben begannen jedoch Staat und Pop zu versöhnen, in dem der Nazi als neues Feindbild antifaschistische Elemente im Pop mit staatlichen Institutionen vereinigte.

Einen Song, der genau diese Entwicklung thematisierte, lieferten die goldenen Zitronen. Sie bekamen 1994 einiges an Aufmerksamkeit, nachdem die Bravo sie versuchte in die Rolle der Ärzte – Nachfolger zu drängen. Doch die goldenen Zitronen wollten weder Aufmerksamkeit von der Bravo, noch das machen, was man von ihnen erwartete. Und so veröffentlichten sie 1994 das Album ‚Das bißchen Totschlag‘ samt gleichnamigen Titeltrack.
(die goldenen Zitronen – das bißchen Totschlag)

Statt ‚Funpunk‘ lieferten die Zitronen sperrigen Hip Hop mit radikalen politischen Texten. Wie auch die Ärzte thematisierten sie die deutschen Zustände, nur erklärten sie nicht ‚den Nazi‘ zum Problem, sondern zum Symptom. Sie bezogen sich auf die Brandanschläge in Mölln, den Mord am Antifaschisten Silvio Meier, die Scheinheiligkeit von Gedenkveranstaltungen in Zeiten von rechten Mordanschlägen, die Opferrolle in der sich einige Deutsche sahen, weil sie von Autonomen ‚ein bisschen Fremdengehasst‘ wurden, die alte Mär der Armutseinwanderung und die Demonstrationen gegen ‚Hass und alliierte Bomben‘. Kurz um, auf dem vorläufigen Höhepunkt der Aufmerksamkeit die den goldenen Zitronen zu Teil werden sollte, erklärten sie die deutschen Zustände zur Normalität und lieferten mit dem Refrain einen Einblick in die Gedankenwelt einiger Bundesbürger*innen: ‚Das bisschen Totschlag bringt uns nicht gleich um, hier fliegen nicht gleich die Löcher aus dem Käse. Take it easy altes Haus, wir haben schon schlimmeres gesehn. So einfach wird der alte Dampfer auch nicht untergehn.‘

-> Pop auf der Regierungsbank, die Wahl von Rot-Grün
Das Gesicht des deutschen Staates vor 1998, war Helmut Kohl. Ein Mensch, der in fundamentaler Opposition zu allem steht was mit Pop zu tun hat. Zumindest gibt es kaum einen Menschen, der das Gegenteil behaupten kann. Ob Kohl tatsächlich irgendwas mit Pop am Hut hat oder nicht, ist eigentlich egal. Alleine die Unmöglichkeit sich das vorzustellen, bestätigt den scheinbaren Widerspruch zwischen Pop und Staat. 1998 wurde Helmut Kohl jedoch abgewählt und durch zwei regierende Parteien ersetzt, von denen eine einen Popbeauftragten Namens Sigmar Gabriel in ihren Reihen hatte, und die andere die ehemalige Managerin von Ton Steine Scherben war. Die rotgrüne Regierungskoalition war die erste Regierungskoalition, in denen direkt von Pop sozialisierte Politiker*innen sitzen. Marschierte Roth 1989 noch mit dem ‚Nie wieder Deutschland‘-Transparent in erster Reihe einer Demonstration gegen die Wiedervereinigung, so hatte sie nicht nur ihren Frieden mit dem Staat gemacht, sondern schlimmer, sie half dabei den Staat mit der Popkultur zu versöhnen. Ob es mit der falschen Hoffnung geschah, dass die Popkultur einen besseren Staat schaffen könne oder das bewusst vorangetriebene Ende der Subversion der Popkultur war, sei dahin gestellt. Diese Bundesregierung versöhnte Pop & Staat: Sigmar Gabriel, war 2003 der erste Popbeauftragte der Sozialdemokratischen und damit der regierenden Partei. 2004 setzte sich die Bundesregierung für mehr ‚deutschen Pop‘ ein.

9.) (Angepasster) Pop für Deutschland
2004 schrieb die Jungle World über ein Konzert der Band Mia: ‚Bevor das Mia-Konzert richtig angefangen hatte, war es auch schon wieder vorbei. Gleich nach ihrem ersten Lied und einem Hagel aus Eiern und Tomaten brachen die Sängerin Mieze und ihre Bandkollegen den Auftritt ab, den Mia in der vergangenen Woche bei einem Solikonzert für die streikenden Studenten absolvieren wollte. Die dem Abbruch folgende, hilflose Ansage des verheulten und an der Nase blutenden Gitarristen der Popgruppe ging in »Nie wieder Deutschland«-Rufen unter. Transparente mit Aufschriften wie »Kein Lifestyle-Nationalismus« und »Deutschland halt’s Maul« zeigten, wie wenig Verständnis die meisten Menschen im Publikum für Mias positiven Bezug auf die deutsche Nation hatten.

Die nächste Band, Ginsengbonbons, distanzierte sich ausdrücklich von jeglicher Form des Nationalismus und fasste mit Blick auf die mit Eiern übersäte Bühne zusammen, was viele dachten: »Wer Scheiße sät, wird Scheiße ernten.«
Dabei hätte alles so schön werden können. Wollte die coole Elektropunkband Mia, die im vorigen Jahr zu Solikonzerten für die Hamburger Wagenburg Bambule und zur linksradikalen 1. Mai-Demo in Berlin angetreten war, doch mit einem Auftritt im Rahmen der Studierendenproteste erneut unter Beweis stellen, wie sehr sie die revoltierende Jugend unterstützt.

Wäre da nicht im vergangenen Oktober der plötzliche Sinneswandel der Band in Form einer EP mit dem Lied »Was es ist« gewesen. Fortan hieß es für Mia zwar immer noch, die Welt verbessern zu wollen, aber allem voran erstmal Deutschland. Die Band zeigte sich auf Fotos nur noch in Schwarz-Rot-Gold und gründete zu allem Überfluss auch noch ein Kunstprojekt mit dem Titel »Angefangen«, welches sich mit derselben Thematik beschäftigen sollte.‘

(Video: Mia – Was es ist)

Alleine die Textzeile: »Fragt man mich jetzt, woher ich komme/ tue ich mir nicht mehr selber Leid (…) wohin es geht, dass woll’n wir wissen/ und betreten neues deutsches Land.« oder ‚Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach, dein roter bunt berührt mich sacht, in diesem Augenblick […] geht die rote Sonne auf.‘ sollte jedweden Teil der linken Szene, in der sich Mia – wie es ihre Auftritte bspw. am 1. Mai zeigen – zu Hause fühlen, aufstoßen lassen. Doch Mia liefern auch noch ein passendes Video des ‚Elektromarschremixes‘ zum Song, in der sie mit schwarz-rot-goldener oder eben gelber Ästhetik durch Berlin marschieren. Und die Süddeutsche Zeitung konstantierte, dass in Sachen Pop jetzt spätestens ‚die vaterlandslosen Zeiten nun vorbei zu sein scheinen‘.
Mia und andere Lifestyle-Nationalist*innen waren – nicht zufällig unter der rot-grünen Regierung – die ersten, denen es umfassend gelang, Staat & Pop zu befrieden, beziehungsweise den Pop in die starken Arme des Staates zu treiben. Dass dies ausgerechnet unter einer angeblich linken Regierung und durch Bands aus einem eher linken Spektrum kam, zeigt wieder mal das fragwürdige Verhältnis mancher, sich als linksverstehenden Menschen, das einerseits fast schon leninistisch anmutet: Wenn wir den Staat kontrollieren, dann ist es ein guter Staat. Und andererseits außer Acht lässt, dass ein kapitalistischer Staat niemals frei von Kapitalismus, Herrschaft, Nationalismus & Unterdrückung sein wird und es keinen entspannten & linken Patriotismus geben kann. Ebenso ist es nicht verwunderlich, dass die Partei derjenigen Alt-68er, die sich mit dem Staat versöhnt haben, als Teile der Regierung diesen Prozess vorantrieben. Ganz locker, hippig und flippig, wie es für die Grünen üblich ist, wurde Nationalismus endlich unverkrampft. ‚Mir war die Verkrampfung lieber.‘, sagt Knarf Rellöm in ‚Arme Kleine Deutsche‘. Darüber und gerade was die Verkrampfung in Bezug auf Staat & Nation angeht, war sie in der Popkultur der Garant für Subversion.
Mia wurden bezahlt für ihren Nationalismus, nicht wie es verschwörungstheoretisch gedacht werden kann, sondern schlicht und ergreifend im kapitalistischen Sinne des Musikmarktes. Sie haben den Zeitgeist erkannt und damit Platten verkauft, Konzerte ausverkauft und so weiter. Die Abkehr von der linken Szene – wenn sie scheinbar von Mia auch nicht bewusst gewollt war, denn irgendwie fühlte man sich weiter als links – war also auch eine Abkehr hin zur Mehrheitsfähigkeit. Der Wandel von Pop zeigt hier auch deutlich einen Wandel der Gesellschaft. Waren in den Post 68er Zeiten Rebellion noch irgendwie akzeptiert, so waren nun die Erben der 68er selbst Teil der Regierung und der Marsch durch die Institutionen war somit vollendet. Mit Vollendung dieses Marsches gilt es nun auch, den Staat oder zumindest die Außenwahrnehmung dieses Staates zu verändern. So schreibt die Jungle World im selben Artikel:
Doch die Band sieht sich als Teil einer popkulturellen Strömung, die sich bisher in der Linken zu Hause gefühlt hat. Dass gerade sie plötzlich eine neue Form von Lifestyle-Nationalismus propagiert und es sich zum erklärten Ziel macht, »die schwere Bedeutung der deutschen Farben neu zu belegen«, erzeugt bei Menschen, die in Mia bisher einen Teil linker Popkultur gesehen haben, besonders viel Unmut. Dass es auch anders geht, zeigen Bands wie Tocotronic, die auf ihrer Website klarstellen: »Wir lehnen Nationalismus, Deutschtümelei und Heimatverehrung ab und weigern uns, unsere Musik unter solche Begriffe subsumieren zu lassen.«‘

Mia & die rot-grüne Bundesregierung sind die Symbole und Akteure des Bruchs im Verhältnis von Pop & deutschem Staat. Ein Bruch, der vor allem den Sieg der Angepasstheit über Subversion bedeutet und die Entnazifizierung durch den per Definitionem anti- bzw. internationalistischen Pop beendet. Das Leipziger Kollektiv Conne Island schrieb dazu: ‚Konnte man sich vor Jahren, dank der schlauen Köpfe der Achtziger- und Neunziger-Hardcore- und Poplinken noch halbwegs sicher sein, dass kein erst zu nehmender Künstler es ungestraft versuchen konnte, irgendeinen positiven Bezug zu Deutschland herzustellen, gehört es heute fast zum guten Ton, die nationale Semantik zu bedienen.‘

Ein weiteres Beispiel dafür ist Marusha. Die Eurodance-Ikone der 90er erklärt in Interviews, dass sie beruhigt Schlafen kann, weil ‚Mutti‘ über uns wacht. Die – nach eigener Aussage ‚Halbveganerin‘ – erklärte vor der Bundestagswahl 2013 so staatstragend, wie es noch nicht einmal Helmut Schmidt hätte formulieren können: ‚Ich wähle Angela Merkel. Ob ich in London auflege oder in New York: Seit die Bundeskanzlerin das Land repräsentiert, interessiert sich die Welt für Deutschland. Ich freue mich jeden Tag, dass wir auch Krisenländern helfen können. Wir sind die Sanierer. Die Bausparermentalität, wie sie Angela Merkel an den Tag legt, ist die Kultur unserer Wertegesellschaft reiht sich weiter – mit Betonung auf ihre Kindheit in Griechenland ein – in den Riegen der Deutschen Europaerklärer & Sparmaßnahmendiktator*innen, erzählt noch allerlei mehr darüber, wie toll Frau Merkel doch sei & zeigt durch ihren Wunsch einer schwarz-grünen Regierung. Die von ihr empfundene Versöhnung von Pop & Staat.

Ebenso Paul Kalkbrenner reiht sich ein in das nationale Popkollektiv, über ihn schrieb das HATE Magazin auf seinem Blog: ‚Eigentlich dachten wir immer “Mensch, der Paul Kalkbrenner ist ein richtig guter Techno-Typ, auf dem Boden geblieben und so.”. Dass vor allem rosapolobehemdete Konstantins und modebloginspirierte Annabelles aus Düsseldorf, die ihr Leben mit Golfcabrioabenteuern und BWL-Studium veröden, den Paule rischdi geil finden, dafür kann er ja nichts und auch die Milliarden, die er nun pro Auftritt verdient seien ihm gegönnt, aber Fette Beats fürs Vaterland? Wirklich?‘ Und dem guten Paul war es sogar so eine Ehre für die Bundeswehr zu spielen, dass er nicht einmal Gage verlangte.

(Fette Beats für die Bundeswehr)

Auch der – nach Nicole – zweite Beitrag, mit dem Deutschland den Eurovision Songcontest gewann zeugt von unverkrampften Patriotismus & Angepasstheit. Lena – so hippig & flippig wie das ‚neue Deutschland (TM)‘ gewinnt und schwenkt auf der Bühne die deutsche Fahne, etwas das beim Sieg von Nicole noch undenkbar gewesen wäre. Aber genau diese Verkörperung eines sog. ‚neuen Deutschlands (TM)‘, das aus der Geschichte gelernt hat und in dem – ohne ideologischen Abkehr, einfach durch den Lauf der Zeit – das Label »Deutsch« steht nicht mehr, wie es sein sollte, für den Zivilisationsbruch der Massenvernichtung, nicht mehr für das Land der Täter und deren Schuld, sondern für das geklärte Verhältnis zur Vergangenheit steht.

(Video: Lena – Satelite ESC)

10.) Staatliche Förderung der Angepasstheit
Das dem Staat und der ihm vorstehenden Politiker*innen der positive Bezug auf Staat & Nation (dessen Trennung in Deutschland nahezu unmöglich ist) gefällt, ist nicht verwunderlich. Dass er mit den Akteuren der Popkultur deswegen auch eine Art ‚Deal‘ eingegagen ist, ebenso wenig.
Die – oft in Erwägung gezogene – Deutschpop-Quote ist neben dem Hofieren von Akteuren der Popkultur durch diverse Politiker*innen (siehe Bushido) & staatlich geföderten Popmessen, Popschulen und Musikwettbewerben, wohl das deutlichste Zeichen.

Der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze war 1996 einer der ersten, die eine 60/40-Quotierung zugunsten deutschsprachiger Titel forderten. Bei Kunze geschah dies auch im Namen von Dieter Thomas Heck und der rechtsintellektuellen Zeitung ‚Junge Freiheit‘ und ging einher mit geschichtsrevisionistischen Aussagen wie »Genozid an der deutschen Rockmusik«, die es niemals wirklich gab, da Pop & Rock in Deutschland niemals rudimentär deutsch waren. Bands aus dem Umfeld der Hamburger Schule, wie Blumfeld, Tocotronic oder die goldenen Zitronen wehrten sich damals lautstark und Tocotronic schlugen noch im selben Jahr den Viva-Comet-Preise in der Kategorie »jung, deutsch und auf dem Weg nach oben« – aus antinationalen Motiven – aus.

Als 2004 der Bundestag zusammentrat, fanden sich im FAZ-Feulliton weise Worte zum Thema: ‚Wir unterbrechen unser Programm für zwei Durchsagen. Die schlechte zuerst: An diesem Mittwoch treten der Bundestagsausschuß für Kultur und Medien sowie die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ zu einer öffentlichen Sitzung zusammen, um über eine Quote für deutsche Popmusik im öffentlich-rechtlichen Radio zu beraten. Jetzt die gute: Rundfunk ist Ländersache. Irgend ein Edmund Stoiber, Peter Müller oder Christian Wulff wird sich also schon finden und sich hoffentlich querlegen für den Fall, daß man in Berlin tatsächlich auf etwas so Törichtes und Abgeschmacktes verfallen sollte, wie es eine solche Quote nun einmal ist. Besonders hervorgetan haben sich dabei die grünen Damen Vollmer und Roth, die nicht einfach nur von englischsprachiger Popmusik sprechen können, sondern ganz reflexhaft, man könnte in deren Jargon auch einfach sagen: zynisch und menschenverachtend, nur vom „englischen Einheitsbrei“ beziehungsweise „Dudelmusik“.‘

Wir schreiben das Jahr 2004, nach 60 Jahren wähnt sich Deutschland endlich von der Last der Geschichte befreit & die ehemalige Managerin von Ton Steine Scherben spricht vom ‚angloamerikanischen Kulturdreck‘ – drückt es aber anders aus und schrammt dabei nur haarscharf von nationalsozialistischer Rhetorik vorbei – und hämmert die Nägel in den Sarg der anti- & internationalistischen Popkultur, denn das von dieser Quotierung vor allem die, als ‚Generation Deutsch‘ firmierenden – alles andere als subversiven – »hippen Wohlstands- und Wohlfühlpatrioten« (Feridun Zaimoglu) profitieren und viel weniger die Popkultur als die Angepasstheit gefördert wird, dürfte allen klar sein. Mia, Juli, Silbermond & die Sportfreunde Stiller bekämen also die Laufzeitgarantie, die in der heutigen, nach Konsum & Wettbewerb schielenden, kapitalistischen Popkultur, im wahrsten Sinne des Wortes, Gold wert wäre. Die Lektion daraus: der gute Vater gesamtdeutscher Nationalstaat und seine Vertreterinnen möchten den Nationalismus der Angepassten belohnen.

Es ist eine Art Symbiose, die zwischen Popkulturbranche und Regierungsparteien enstehen sollten. Die staatliche Förderung und das Hofieren auf der einen Seite, gegen die hippe Ästhetik die Popkünstler*innen Politiker*innen verpassen können, und den Standortfaktor der für die regierenden Parteien immer im Vordergrund steht. Ein okayer Deal für beide Seiten.

Auf dem Sampler ‚I can‘t relax in Deutschland‘, der als Reaktion auf Popnationalismus und Deutschpopquote erschien, finden sich zahlreiche in Deutschland ansässige Popmusiker, die ihren Unmut über Popnationalismus und all seine Auswüchse aufzeigen. Im gemeinsamen Song mit Räuberhöhle, fassen Saalschutz dort die Deutschpopquote mit der simplen, auf Schwitzerdütsch gesprochenen Aussage: ‚Was willst mit der Deutschquote, du weißt genau die Deutschquote ist scheiße. Ich will eine Räuberhöhlenquote‘ zusammen, womit sie ihre Sympathie für gute Musik abseits nationaler Denkmuster ausdrücken.

11.) Diktatur der Angepasten
Als ‚Diktatur der Angepassten‘ bezeichnet Roger Behrens, mit bewusstem Bezug auf den Song der Band Blumfeld, u.a. in seiner gleichnamigen Essaysammlung, die Gegenwart des Pop.

(Blumfeld – Dikatur der Angepassten)

Im Booklet zum ‚I can‘t relax in Deutschland‘-Sampler schrieb Roger Behrens: ‚Der momentane Popnationalismus ist keine falsch verstandene, fehlgeleitete Subversion, sondern die verschärfte Form des Konformismus deutscher Gesinnung.‘ Er vertritt die These, dass der heutige Pop keinerlei subversives Element mehr aufweise und falls er dies doch einmal tue, beschränke sich die Subversion auf den Pop selbst, ginge aber nicht – wie 68 oder 77 – über ihn hinaus. In der bürgerlichen Gesellschaft, war das positive Verhältnis von Kultur & Nation beziehungsweise Staat. Die Wahrung der Kultur ist spätestens seit der Aufklärung mit der Forderung nach einem souveränen Nationalstaat verbunden. An der kulturellen Einheit wird die Nation bemessen und die Popkultur ist durch den Verlust ihres Anti- bzw. Internationalismus & ihre Subversion nun ein Teil dieser kulturellen Einheit. Gerade in Deutschland ist diese Einheit aus Nation bzw. Staat & Kultur immer auch rückwärtsgewand, ist das Bindeglied zwischen Kultur & Nation doch das Völkische, der Patriotismus von Blut & Boden, die Herkunft, die Ideologie der ‚Rasse‘.

Eine Umdeutung des Patriotismus steht dabei ganz im Zeichen der allgemeinen Umdeutung der deutschen Geschichte. Kriege werden nicht trotz, sondern wegen der eigenen Vergangenheit geführt. Das Land, das mit der Shoah das wohl größte Verbrechen der Menschheit begann, ist wieder europäische Wirtschaftsmacht und kann Griechenland Sparmaßnahmen diktieren. Doch damit das alles so funktionieren kann, wie es funktioniert, braucht es eine neue Form des Patriotismus eine die sich vom Nationalsozialismus distanziert. Eine Form von Patriotismus in der man stolz auf die Aufarbeitung der eigenen Verbrechen ist und es so schafft, aus den eigenen Verbrechen noch etwas positive heraus zu ziehen also zu profitieren, anstatt unter den eigenen Fehlern zu leiden.

Wie angepasst und unkritisch die Gegenwart deutscher Popmusik ist, zeigt sich im aktuellen Überflieger Cro, der zwar nicht durch übermäßigen Nationalismus auffällt, aber viel weniger noch durch irgendein subversives Element. Cro ist, wie Grim104 sagt, ‚das Symptom einer Jugend in der Krise. Kurz vor dem Kollaps lässt sich keiner die Laune vermiesen.‘

12.) Rotzrock

(Antilopen Gang – Outlaws plus Splash Mag Track by Track)

Die von Koljah angesprochene Rotzrockband, die behaupten die bösen Brüder unserer Väter zu sein, sind das Paradebeispiel für ein durch Musik konstruiertes Gemeinschaftsgefühl. Wie Koljah im Track by Track von Splash Mag selbstkritisch erklärt, wird nach dem Schema der böhse onkelz in Outlwas ein Kollektiv der Außenseiter konstruiert.

Der wohl bekannteste Song der Böhsen Onkelz,‘Auf gute Freunde‘, darf auf keinem süddeutschen Dorffest fehlen. Die größtenteils deutschstämmigen Gäste grölen laut, wie schwer ihr Leben doch ist, während die Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf ihre eigenen Feste gehen, die gegeben falls auch mal betrunken angegriffen werden. Aber es geht gar nicht darum, tatsächlich betroffen zu sein. Es geht darum, sich in der Rolle des Betroffenen zu wähnen, um aus der Rolle des Betroffenen agieren zu können. Durch laute Gitarren, aufpuschenden Drums und eingängige Texte sprechen die böhsen onkelz all jene an, die in ihrer momentanen Situation nicht ganz zufrieden sind. Mit ihren Texten stärken sie das Gemeinschaftsgefühl, mit ihrer Ästhetik behaupten sie einen Gegenentwurf zu liefern, obwohl sie mitten in der Masse schwimmen. Ein bisschen gefühlte Rebellion, für all jene die gar nicht wirklich rebellieren wollen, sondern sich nur von denen, die tatsächlich anders sind, abgrenzen wollen. Auf der einen Seite, die böhsen onkelz und ihre Fans. Auf der anderen die breite Mehrheit mit ihrem Übermaß an politischer Korrektheit, die sie gezwungen haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Das diese breite Mehr­heit nicht existiert, sondern nur konstruiert wird um sich selbst das Rebellen­image zu geben, dass man niemals hatte oder haben wird, erklärt sich von selbst. Schließlich funktioniert die gesamte Rhetorik und die gesamte Ästhetik nur unter der Fahne der Außenseiter*innen, der Fahne der ungeliebten Kinder der Bundesrepublik und der Fahne der wahren Opfer des Systems. Das die meist weißen und heterosexuellen Fans gerade eben nicht die Opfer, sondern im schlimmsten Fall eben jene sind, die auf Dorffesten in der schwäbischen Provinz mal wieder ein paar Migrant*innen oder Punks jagen, wollen weder sie noch ihre Verteidiger*innen aus der Mitte der Gesellschaft wahr haben. Echte Rebellen schlagen auch mal zu. Es stellt sich jedoch hier die Frage, die Marcus Wiebusch im Song Grace­land sei­ner Band Kett­car stellt: ‚Wenn alle gleich sind, wer ist dann der Re­bell?‘ Mit der Verehrung einer Band, die au­ßerhalb der linken Szene kaum Kritik erntet und deren Shirts die Uni­form, deren Heckscheibenaufkleber die stolze Fahne der deutschen Dorfjugend ist, ist man allerdings alles, nur kein Rebell.

Die onkelz bedienen sich hier, ganz klar rechtsoffener Argumentationsmuster. ‚Vom Schicksal gefickt‘, als Rebell und als Außenseiter, wird man ja wohl noch sagen dürfen, wenn das dann die Mehrzahl gröllt wird deutlich, dass das Rebellen- und Außenseiter-Image nicht wirklich authentisch ist. Durch die Konstruktion eines ‚WIR’s sammeln sich dann die vermeintlichen Rebellen und grenzen sich gegen ‚DIE ANDEREN‘ ab. Das ist eine Argumentationslinie die sehr rechtsoffen, allen voran aber vor allem eines ist: Scheiße.

Auch hier ist, wie bei den Sex Pistols nicht der Text, sondern die Ästhetik das eigentlich Politische. Ohne laute und wütende Stromgitarren, funktioniert das beim Punk geliehene Rebellenimage nicht. Um das darzulegen, hier zwei Liverversionen des onkelz Songs zur WM 1986, Mexico.

(böhse onkelz / Mambo Kurt – Mexico)

Die erste stammt vom Berliner Konzert aus dem Jahr 2004, die zweite von Mambo Kurt auf dem Summerbreeze 2012.

Die oben angesprochene Ästhetik der onkelz hat viele Nachahmer gefunden. Das beste Beispiel hierfür ist eine Band, deren Musik ich gar nicht erst spielen will, sind sie doch nichts als die Nachfolgerband der böhsen onkelz mit norditalienischer oder wie sie sagen, südtiroler Abstammung. Frei.Wild singen nicht umsonst ‚böhsen onkelz unser leben‘ und genau so klingen sie und viele andere Bands.

Die ästhetischen Kameraden der onkelz brauchen keine nationalsozialistische Agitation im Kopf haben, um mit dem durch die typische Rotzrock-Ästhetik entstandenen Gemeinschaftsgefühl einen Mob zu agitieren. Manche tun das auch ganz unbewusst, wie die Labelkollegen von Frei.Wild, die von sich selbst behaupten, keinerlei Berührungspunkte mit der rechten Szene zu haben. Anders als Frei.Wild, kauf ich das dieser Band auch ab. Doch das macht die ganze Sache nicht etwa besser:

(Video: Serum114 – Hängt sie höher)

Serum114 erachten wahrscheinlich diesen Song nicht einmal wirklich als politisch, sie drücken nur aus, was sie denken. Hier ist definitiv keine bewusste rechte Agitation vorgesehen, viel mehr ‚wird man hier einfach mal sagen dürfen‘. Der oft zitierte ‚kleine Mann‘, der die Schnauze voll von denen da oben hat und kein Nazi ist, aber doch noch mal sagen darf, was er denkt, bekommt hier eine Stimme verliehen. Eine Stimme die nicht ideologisch gefestigt ist, sondern von Halbwissen und Ressentiments getragen wird. Mit dieser Mischung aus gefährlichen Halbwissen, Ressentiments und fatalen politischen Ansichten, denen sie sich nicht bewusst sind, sind sie allerdings auf keine Fall alleine.

13). Hafti Abi gegen Deutschland
Zum Ende kommen wir noch zu einem Beispiel, in dem mit dem explizit deutschem im Pop beziehungsweise in diesem Fall im Rap gebrochen werden kann. Wir kommen zu einem Rapper, über den ich sehr viele Diskussionen führen durfte. Über dessen Antisemitismus viel geschrieben wurde, dessen Slang und Flow in rassistischer und parodistischer Adaption häufig nachgeahmt wurde, der das Jugendwort des Jahres 2013 lieferte und mit dessen Songs sogar die CSU versuchte Wahlkampf zu machen – obwohl der Kandidat selbst zu gab den Text nicht zu verstehen.

(Haftbefehl – Chabos wissen wer der Babo ist)

Haftbefehl macht Rap auf Deutsch, also Deutschrap, zumindest scheint es so. Allerdings löst er sich allgemein und im Besonderen in diesem Song von deutscher Sprache und deutschen sprachlichen Konventionen: „Was ich mache ist kein Deutsch sondern Kanakis!“ Was übrigens von Celo & Abdi, zwei seiner Labelkollegen als Song gerwordenes Wörterbuch in „Hinterhofjargon“ erklärt wurde, sowie von ihm selbst in einem Interview mit Clixoom.

Auch ist das Thema seiner Songs nicht ein heiles deutsches Land, auf das sich positiv bezogen wird, sondern der soziale Brennpunkt Offenbach, in dem etwas explizit deutsches sich nur in negativer Form – also zum Beispiel als Cops, als Rassismus oder ähnliches finden lässt. „Ausländer raus, was los in Deutschland – uns hats nicht gejuckt weil wir ständig betäubt waren.“ berichten von einer Lebensrealität, die keinerlei positiven Bezug zu Deutschland zu lässt. „Der soll erstmal deutsch lernen, ich erschieß dich mit der deutschen P99 Handgun, reicht dir mein Deutsch dann?“ ist eine klare Absage an deutsche Identität und Sprachhygnie.

Die Frage die sich hier stellt, ist welche andere Identität der deutschen gegenüber gestellt wird. Hafti selbst sieht sich als „Azzlack Stereotyp“ er sagt „Azzlack ist die Clique, H A F T Prototyp“. Mit Azzlackz sind hier migrantische Jugendliche – also Chabos und Chayas – gemeint, womit man Haftbefehl und die Azzlackz – trotz aller Kritik an Sexismus, Homophobie und Antisemitismus in den Texten – durch aus als popkulturelle Form des migrantischen Aufbegehrens gegen Deutschland betrachten kann.