Archiv für Oktober 2015

Sehen alle scheiße aus.

Ich hatte mir vorgenommen nichts über diesen Song zu schreiben, da das kritisierenswerte in ihm so immanent ist, dass es den Protagonist*innen aus dem obersten Knopflauch schaut. Ich meine: Kritik an angeblichen kolonial-Rassismus und seinen Supportern üben wollen, dann aber die Objekte der Kritik zu Tieren machen – also im Wortsinne zu Objekten? Zu Objekten bei denen sie keinerlei Unterscheidung mehr vor nehmen, die sie lediglich als Masse wahr nehmen?

Das bedeutet auch, dass es kein individuelles kolonisiertes Subjekt im direkt Sinne gibt, sondern nur ein kolonisiertes Kollektiv, also eine „ununterschiedene Masse“ auf die bestimmte Eigenschaften projiziert werden. Ihr Subjektstatus wird dadurch „quasi negiert und sie [werden] auf ihre Physiognomie reduziert“. […] Am Anfang steht, die mit dem europäischen Kolonialismus in direktem Zusammenhang stehende, Aufklärung. Versteht man diese im Sinne von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno dialektisch als „Entzauberung der Welt“ und somit „Ausrottung des Animismus“, so produziert sie genau jenen Widerspruch zwischen Natur und Zivilisation in dem die koloniale Ideologie ihren Anfang nimmt. […] Der „Zivilisierte“ steht dem entmenschlichten beziehungsweise vertierten Kolonisierten gegenüber, ein unversöhnlicher Manichäismus: „Gut und Böse, Schön und Häßlich, Weiß und Schwarz“, Zivilisation und Natur. Hier sind die Kolonisierten schlicht und ergreifend „nicht vernünftig“, sie sind „der Entwicklung der Menschheit nicht gefolgt“ und werden somit „durch und durch inferiorisier[t]“. […] Die Instinkte und die Triebe die im Widerspruch zur Zivilisation stehen, werden auf „das Konto eines bösen Geistes […] der Kultur“ geschrieben.“
- Aus „Das Fortleben der kolonialen Ideologie im Agenturensohn“, noch nicht veröffentlicht [1]

Damit bewegen sie sich auf einer Ebene, die ihre Kritik selbst kritikwürdig macht. Ihr Antikolonialismus (der im Falle von Israel einfach nur Antisemitismus ist) ist damit nicht mehr gegen den Kolonialismus als solchen, als gesamtes Ding samt seiner dahinter stehende Ideologie gerichtet. Viel mehr geht es nur noch darum, dass die Betroffenen die Falschen sind. Nämlich – ganz völkisch – die Brüder und Schwestern der Protagonist*innen. In ihrer autoritären Ideologie entmenschlichen sie (und stellen sie in unversöhnlichem Widerspruch gegenüber sich selbst) die Antideutschen und bedienen sich dabei eines sehr zentralen Elements der kolonialen Ideologie, anstatt diese erst einmal zu erfassen. Jede Kritik die auf diese Ebene abdriftet unterläuft den selben ideologischen Fehlern. Und dieser ideologische Fehler ist nur einer von zahlreichen, die sich in diesem Song finden lassen – aber wohl einer der am deutlichsten zeigt welch Geistes Kind ihre Kritik ist.

Soweit so furchtbar. Wäre Ideologiekritik ein Fach, dann hätte man diesen Song in der ersten Klasse interpretieren können und benennen können, worin die Probleme liegen. Eine leichte Übung für antideutsche Blogger, ich selbst war nur zu faul und hab nicht die Notwendigkeit gesehen überhaupt zu erklären wo das Problem liegt [2]. Doch dann kam Susanne Witt-Stahl, Antideutschenfresserin und unter anderem Autorin des von mir regelmäßig gelesenen Musikmagazins der Jungen Welt [3]. Normalerweise macht sie genau das Selbe wie Kaveh und reiht wahllos Namen, Zitate und Bezugspunkte aneinander und fantasiert sich einen Antideutschen/Neokonservativen Block herbei . Doch Neokonservative und andere Idioten interessieren sich sicherlich nicht für den Song, somit kommt sämtliche hier zitierte rassistische und auch sexistische [4] Kritik aus dem antideutschen Lager. Über den Rassismus innerhalb der Antideutschen Szene lässt sich sagen:

Diejenigen antideutschen Positionen, die tatsächlich antimuslimischen Rassismus begünstigen sind Ergebnis der unkritischen Verhaftung gegenwärtiger Linker Kritik in den Kategorien der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, die ebenfalls in der ‚antiimperialistischen‘ Theoriebildung zu beobachten ist. Dort bringt sie allerdings in den meisten Fällen keinen antimuslimischen Rassismus, sondern eine romantische Verklärung des ‚Volkes‘ sowie antisemitisches Ressentiment hervor.
- Kollektiv Sechel

Womit sich manche Antideutsche zumindest im Ansatz so verhalten, wie es Kaveh und Thawra behaupten – wenn sie auch nicht das tatsächlich problematische daran kritisieren und bei der Kritik selbst – wie dargelegt – in die kritikwürdige Muster verfallen. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass Kritik leider viel zu oft Ressentiment ist und einige Antideutschen in gesunder/ideologiekritischer Begriff von Rassismus fehlt.

Vielleicht versuche ich das in den nächsten Tagen und Wochen durch Theorie zu ändern,
bis dahin verteile ich Ordnungsschellen an alle Rassisten.
Natürlich dialektisch.

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1 – Alle Zitate in dem zitierten Text stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, von Franz Fanon.
2 – Bei Sechel.it wird der Song beispielsweise sehr gut kritisiert.
3 – Wie um zu beweisen, dass die antiimperialistische Linke keine Ahnung von Kulturindustrie und Popkultur hat nennen sie es auch noch Melodie & Rythmus.
4 – Auf die ich nicht näher eingehen werde, da ich mich selbst gerade primär mit Rassismus beschäftige. Die Notwendigkeit einer kritischen Theorie des Geschlechts besteht aber ebenso, wie die von mir hier angestrebte kritische Theorie der Rasse.

Rede vom 16.10.2015 vor dem Kanzleramt

Am 16.10.2015 haben dutzende Antisemit*innen angekündigt vor dem Kanzleramt für eine dritte Intifada zu demonstrieren. Auf der Gegenkundgebung organisiert von der Bezugsgans Zugezogen habe ich gemeinsam mit Theresa (Teil von Hinter den Brüsten) eine Rede gehalten, die im wesentlichen auf einer Rede des LAK Shalom Berlins von den diesjährigen Protesten gegen den Al Quds Marsch basierte.

Wir stehen heute nicht hier, weil wir Kanzler*innengarde spielen möchten oder die deutsche Staatsräson verteidigen möchten. Wir stehen hier im Wissen, dass Deutschland mit Israels größtem Feind Handel betreibt. Wir stehen hier im Wissen, dass der Vizekanzler die antisemitische Mär vom Apartheidsstaat verbreitet. Wir stehen hier aus einer anderen Israelsolidarität als die der Bundeskanzlerin. Wir stehen hier aus kommunistischer und antifaschistischer Überzeugung, dass solange es Staaten gibt es einer jüdischen Schutzmacht bedarf und nicht weil unsere Israelsolidarität auf geopolitischen Interessen basiert und eine Legitimationsgrundlage des post-nazistischen Deutschlands ist. Die Aussage Konrad Adenauers aus dem Jahr 1965 bringt eben jenen deutschen postnazistischen Zeitgeist auf den Punkt:

“Die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen. Und daher habe ich sehr überlegt und sehr bewusst – und das war von jeher meine Meinung – meine ganze Kraft daran gesetzt, so gut es ging, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen dem jüdischen Volk und dem deutschen Volk.”

Wiedergutmachung ohne Schuld! Ohne ein Eingeständnis des eigenen Verbrechens an Sechs Millionen Juden und Jüdinnen und vor allem mit einer antisemitischen Verschwörungstheorie vom großen jüdischem Machteinfluss in Amerika wird die Israelsolidarität begründet. Keine Spur von Reue, nur der Wunsch nach Westbindung. Geopolitische Strategie statt Antifaschismus.

Der heutige Antisemitismus in der BRD – zum Beispiel letzten Sommer – wird den arabischen Migrant*innen oder arabischen Staaten und deren Einwohner*innen zugeschrieben und man halluziniert sich so ein Deutschland das die christlich-jüdischen Werte gegen antisemitische Muslime verteidigen muss herbei, womit man die Jahrhunderte alte antisemitische Tradition dieses Landes einfach wegdefiniert. Antisemitismus wird zum Importgut verklärt, obwohl doch gerade der Antisemitismus der Hamas oder des Irans ein deutscher Exportschlager war.

Der Antisemitismus muss nicht importiert werden, denn er hat hier seine ideologische Heimat. Vom antisemitischen Nationalisten und Turnvater Jahn – nach dem heute noch Stadien und Straßen benannt sind – über den Historiker Treischke, über diegerne vergessene Judenzählung im ersten Weltkrieg verläuft eine antisemitische Kontinuität, die im Nationalsozialismus nicht ihren Anfang sondern nur ihren traurigen Höhepunkt fand.

Diese Kontinuität brach allerdings mit Nichten 1945 ab. Der Antisemitismus war nicht plötzlich verschwunden. Er lebt weiter in der Mitte der Gesellschaft. Egal ob Adenauer, Grass, Fischer, Walser, Möllemann, Augstein oder Gabriel. Egal ob Süddeutsche Zeitung oder TAZ. Antisemitismus gehört zu Deutschland, wie Laugengebäck, Herrschaft, der Volkswagen und Vernichtung. Nur die Projektionsfläche und die Mittel hat sich gewandelt. Aus Juden wurden Zionisten, statt militärisch wird Europa nun wirtschaftlich unterjocht und statt Juden selbst zu vergasen – wofür man Applaus fordert, als ob es nicht eine Selbstverständlichkeit wäre keine Juden zu vergasen – möchte man ihnen untersagen sich zu Verteidigen. Bereits 2013 hielt die Autonome Neuköllner Antifa auf dem Al Quds Tag fest:

„Eine im Herbst 2012 veröffentlichte Untersuchung belegt, dass in allen den Nahost-Konflikt behandelnden deutschen Schulbüchern eine klare Rollenverteilung von israelischen Tätern und palästinensischen Opfern konstruiert wird. Generell wird Israel die Schuld an Gewalt und dem Konflikt generell gegeben. Gleichzeitig findet sich in allen untersuchten Schulbüchern nicht ein einziger Hinweis darauf, dass die Hamas Israel und alle Jüdinnen und Juden vernichten will. Es wirkt fast so, als wolle der deutsche Staat alles tun, um die Tradition des deutschen Antisemitismus und Antizionismus auch für die Zukunft zu bewahren. Die Souveränität und das Existenzrechts Israels werden im deutschen Diskurs permanent angegriffen. Während deutscher Menschenrechtsbellizismus anderswo militärische Interventionen mit Auschwitz rechtfertigt, muss sich der Staat der Auschwitz-Überlebenden immer wieder der deutschen Friedensliebe erwehren. So lacht das deutsche Friedensherz, wenn Günter Grass Israel zum allein Schuldigen am Nahostkonflikt und zum Feind des Weltfriedens erklärt. Gern wird in Deutschland auch das Ressentiment gegen Israel als Sorge um die Menschenrechte getarnt. So unterstützt eine Reihe von Mitgliedern staatstragender Parteien antiisraelische Boykottinitiativen wie die von Pax Christi organisierte Kampagne „Besatzung schmeckt bitter“. Die Grünen forderten im Frühjahr dieses Jahres gar eine besondere Kennzeichnung israelischer Produkte und leisteten damit den antiisraelischen Boykottmaßnahmen in guter deutscher Tradition Vorschub.”

Trotz der teilweisen Israelsolidarität aus geopolitischen Erwägungen und als Legitimationsideologie fordern deutsche Parteien die Kennzeichnungspflicht für israelische Waren – die moderne Form der Forderung „kauft nicht bei Juden“ – und verbreitet mit letzter Tinte: „Israel ist unser Unglück!“

Wo eine Welt ohne Antisemitismus angestrebt wird, müssen die deutschen Verhältnisse überwunden werden, denn in diesen fühlen sich Antisemiten egal welcher Herkunft sehr wohl.

Der Hauptfeind ist und bleibt das eigene Land.
Israel bis zum Kommunismus.
Nie wieder Deutschland.

Weiterführendes zum Thema:
-> Wiedergutmachung ohne Schuld

Antisemitismus & Fußball

Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig.

Eine Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss eigentlich mit dem Beginn des Fußballs in Deutschland beginnen, denn während deutsche Männer in Turn und Sportvereinen turnten waren Juden bei dieser – sich auf den antisemitischen Turnvater Jahn berufenden – Sportart nicht gern gesehen.

Diese Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss dann – logischerweise – mit dem Nationalsozialismus weitergehen in dem zum Beispiel die professionelle Spielkultur des deutschen Meisters von 1932 und seines jüdischen Präsident Landauers bekämpft wurde, um dem in diesem Falle zu tiefst antisemitischen und antimodernistischen Amateuersport zu huldigen.

Diese Geschichte beinhaltet die Geschichte zwischen der deutschen Fußballnationalmannschaft und der israelischen Fußballnationalmannschaft als kickende Botschafter genau so wie die Geschichte der ‚“Judenclubs“ Ajax Amsterdam, Tottenham Hotspurs und Tennis Borussia.

Diese Geschichte erfährt eine gewaltige und auch gewaltätige Entwicklung, als deutsche Stadien in den 1980er Jahren von Hooligans dominiert werden und im Stadion das existiert, was nicht existieren darf: offener Antisemitismus.

Diese Geschichte modernisiert sich durch die Ultras, bei denen sich teilweise offener Antisemitismus in strukturellen Antisemitismus in der Feindschaft gegen den modernen Fußball, den FC Bayern München oder Rasenballsport Leipzig verwandeln.

Und diese Geschichte soll ausführlich in diesem Vortrag erzählt werden.

Am 30.10 in Stuttgart & am 17.11 in Berlin.