Rede vom 16.10.2015 vor dem Kanzleramt

Am 16.10.2015 haben dutzende Antisemit*innen angekündigt vor dem Kanzleramt für eine dritte Intifada zu demonstrieren. Auf der Gegenkundgebung organisiert von der Bezugsgans Zugezogen habe ich gemeinsam mit Theresa (Teil von Hinter den Brüsten) eine Rede gehalten, die im wesentlichen auf einer Rede des LAK Shalom Berlins von den diesjährigen Protesten gegen den Al Quds Marsch basierte.

Wir stehen heute nicht hier, weil wir Kanzler*innengarde spielen möchten oder die deutsche Staatsräson verteidigen möchten. Wir stehen hier im Wissen, dass Deutschland mit Israels größtem Feind Handel betreibt. Wir stehen hier im Wissen, dass der Vizekanzler die antisemitische Mär vom Apartheidsstaat verbreitet. Wir stehen hier aus einer anderen Israelsolidarität als die der Bundeskanzlerin. Wir stehen hier aus kommunistischer und antifaschistischer Überzeugung, dass solange es Staaten gibt es einer jüdischen Schutzmacht bedarf und nicht weil unsere Israelsolidarität auf geopolitischen Interessen basiert und eine Legitimationsgrundlage des post-nazistischen Deutschlands ist. Die Aussage Konrad Adenauers aus dem Jahr 1965 bringt eben jenen deutschen postnazistischen Zeitgeist auf den Punkt:

“Die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen. Und daher habe ich sehr überlegt und sehr bewusst – und das war von jeher meine Meinung – meine ganze Kraft daran gesetzt, so gut es ging, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen dem jüdischen Volk und dem deutschen Volk.”

Wiedergutmachung ohne Schuld! Ohne ein Eingeständnis des eigenen Verbrechens an Sechs Millionen Juden und Jüdinnen und vor allem mit einer antisemitischen Verschwörungstheorie vom großen jüdischem Machteinfluss in Amerika wird die Israelsolidarität begründet. Keine Spur von Reue, nur der Wunsch nach Westbindung. Geopolitische Strategie statt Antifaschismus.

Der heutige Antisemitismus in der BRD – zum Beispiel letzten Sommer – wird den arabischen Migrant*innen oder arabischen Staaten und deren Einwohner*innen zugeschrieben und man halluziniert sich so ein Deutschland das die christlich-jüdischen Werte gegen antisemitische Muslime verteidigen muss herbei, womit man die Jahrhunderte alte antisemitische Tradition dieses Landes einfach wegdefiniert. Antisemitismus wird zum Importgut verklärt, obwohl doch gerade der Antisemitismus der Hamas oder des Irans ein deutscher Exportschlager war.

Der Antisemitismus muss nicht importiert werden, denn er hat hier seine ideologische Heimat. Vom antisemitischen Nationalisten und Turnvater Jahn – nach dem heute noch Stadien und Straßen benannt sind – über den Historiker Treischke, über diegerne vergessene Judenzählung im ersten Weltkrieg verläuft eine antisemitische Kontinuität, die im Nationalsozialismus nicht ihren Anfang sondern nur ihren traurigen Höhepunkt fand.

Diese Kontinuität brach allerdings mit Nichten 1945 ab. Der Antisemitismus war nicht plötzlich verschwunden. Er lebt weiter in der Mitte der Gesellschaft. Egal ob Adenauer, Grass, Fischer, Walser, Möllemann, Augstein oder Gabriel. Egal ob Süddeutsche Zeitung oder TAZ. Antisemitismus gehört zu Deutschland, wie Laugengebäck, Herrschaft, der Volkswagen und Vernichtung. Nur die Projektionsfläche und die Mittel hat sich gewandelt. Aus Juden wurden Zionisten, statt militärisch wird Europa nun wirtschaftlich unterjocht und statt Juden selbst zu vergasen – wofür man Applaus fordert, als ob es nicht eine Selbstverständlichkeit wäre keine Juden zu vergasen – möchte man ihnen untersagen sich zu Verteidigen. Bereits 2013 hielt die Autonome Neuköllner Antifa auf dem Al Quds Tag fest:

„Eine im Herbst 2012 veröffentlichte Untersuchung belegt, dass in allen den Nahost-Konflikt behandelnden deutschen Schulbüchern eine klare Rollenverteilung von israelischen Tätern und palästinensischen Opfern konstruiert wird. Generell wird Israel die Schuld an Gewalt und dem Konflikt generell gegeben. Gleichzeitig findet sich in allen untersuchten Schulbüchern nicht ein einziger Hinweis darauf, dass die Hamas Israel und alle Jüdinnen und Juden vernichten will. Es wirkt fast so, als wolle der deutsche Staat alles tun, um die Tradition des deutschen Antisemitismus und Antizionismus auch für die Zukunft zu bewahren. Die Souveränität und das Existenzrechts Israels werden im deutschen Diskurs permanent angegriffen. Während deutscher Menschenrechtsbellizismus anderswo militärische Interventionen mit Auschwitz rechtfertigt, muss sich der Staat der Auschwitz-Überlebenden immer wieder der deutschen Friedensliebe erwehren. So lacht das deutsche Friedensherz, wenn Günter Grass Israel zum allein Schuldigen am Nahostkonflikt und zum Feind des Weltfriedens erklärt. Gern wird in Deutschland auch das Ressentiment gegen Israel als Sorge um die Menschenrechte getarnt. So unterstützt eine Reihe von Mitgliedern staatstragender Parteien antiisraelische Boykottinitiativen wie die von Pax Christi organisierte Kampagne „Besatzung schmeckt bitter“. Die Grünen forderten im Frühjahr dieses Jahres gar eine besondere Kennzeichnung israelischer Produkte und leisteten damit den antiisraelischen Boykottmaßnahmen in guter deutscher Tradition Vorschub.”

Trotz der teilweisen Israelsolidarität aus geopolitischen Erwägungen und als Legitimationsideologie fordern deutsche Parteien die Kennzeichnungspflicht für israelische Waren – die moderne Form der Forderung „kauft nicht bei Juden“ – und verbreitet mit letzter Tinte: „Israel ist unser Unglück!“

Wo eine Welt ohne Antisemitismus angestrebt wird, müssen die deutschen Verhältnisse überwunden werden, denn in diesen fühlen sich Antisemiten egal welcher Herkunft sehr wohl.

Der Hauptfeind ist und bleibt das eigene Land.
Israel bis zum Kommunismus.
Nie wieder Deutschland.

Weiterführendes zum Thema:
-> Wiedergutmachung ohne Schuld


0 Antworten auf „Rede vom 16.10.2015 vor dem Kanzleramt“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


eins + acht =