Ich hab Polizei.

Liebe kartoffelkritische Online-Community,
Jan Böhmermann, seines Zeichen wohl der passabelste Entertainer Deutschlands – nicht mehr und auch nicht weniger – hat ein neuen Coup gelandet: Polizeikritik verpackt in eine Straßenrap-Ästhetik. „POL1Z1STENS0HN“ ist ein Song, der definitiv als Parodie auf Haftbefehl zu verstehen ist. Und damit ganz offensichtlich – wie von euch richtigerweise angemerkt – problematisch ist. So wie es immer problematisch wird, wenn sich weiße Dudes – im Folgenden der Einfachheit halber Kartoffel genannt – der Ästhetik der Azzlackz bedienen und damit auch einer Ästhetik eines migrantischen Aufbegehrens. Der Rassismus der Haftbefehl-Parodien oder Persiflagen innewohnt ist offensichtlich. Und Juri Sternburg hat definitiv recht, wenn er für das Hate-Magazin schreibt: „die „Haha, guck mal der sagt isch statt ich“-Gröler und die 15jährigen Rap-Kartoffeln aus Niedertupfingen fühlen sich bestätigt in ihrem dummdeutschen „Einmal Döner mit allen Saucen“-Humor. All jene, die schon immer der Meinung waren, dass diese Kanacks eigentlich gar nicht sprechen, geschweigen denn rappen können/sollen, vereint mit bildungsbürgerlichen Verlagsheinis, deren Refugees Welcome-Banner noch stolz vom Facebookprofil strahlt und dem Jung-Identitären, der in diesem Video quasi den Gipfel seiner Humorigkeit dargestellt sieht. Ist ja auch mal genug jetzt mit dieser Pseudo-Haftbefehl-Lobhudelei in den Feuilletons. Genug Ghetto-Sprache, jetzt zeigen wir euch mal wo der Hammer hängt, hier in Deutschland. Und da steht er jetzt der Jan, weiss, deutsch und so kartoffelig, dass es ihm aus den Ohren quillt und schreit: “Isch hab Polizei!” Ist das nicht lustig, Rudi?“

Doch abseits der dummdeutschen Fans, die diese Parodie natürlich bekommt und auch abseits der linken Fans, die sich automatisch an einer öffentlich-rechtlicher Polizeikritik erfreuen, weißt der Song an einer Stelle durchaus Elemente auf, die man als gelungene Kritik betrachten könnte. Die große Frage, die sich hier stellt ist natürlich: ist es wirklich in Ironie verpackte Kritik oder wird das kritisierenswerte einfach nur deshalb so deutlich, weil Böhmermann eine so unfassbare Kartoffel ist? Ich weiß es nicht.

In dem Moment wo Böhmermann als weißer und kartoffeliger Gegenentwurf zu Haftbefehl inszeniert und dabei dann eben – logischerweise – die Polizei ruft, baut er eben jenen Widerspruch zwischen sich und Haftbefehl auf und füllt ihn mit Attributen. Auf der einen Seite der „Schwarzkopf in Offenbach“, der die „Cops am Arsch“ hat und auf der anderen Seite, der „Polizistensohn“ Böhmermann. Genau in der Offenlegung, dieses realen Widerspruchs – der in diesem Song noch mit Kritik an der Polizei gefüllt wird – steckt dann auch die wahre Kritik an einem System aus Staat, Rassismus, Polizei und ihren Verknüpfungen. Er legt seinen gesellschaftlichen Standpunkt (und auch den des Hafti feiernden Feuilletons) relativ schonungslos offen, indem er die Verhältnisse umdreht und zeigt, dass es Leute gibt (z.B. er als gut situierte Kartoffel im Kulturbetrieb), die sich relativ viel rausnehmen können, weil ihre Interessen – ganz legal – von der größten deutschen Gang durchgesetzt werden.

Die weiter oben gestellte Frage, ob er diese Kritik beabsichtigt hat oder er die Verhältnisse nur deshalb offen legt, weil er eine unfassbare Kartoffel ist, lässt sich an dieser Stelle natürlich nicht beantworten. Im Zweifelsfall ist er – als zwar passabler, aber dennoch deutscher Unterhalter – wahrscheinlich tatsächlich einfach nur eine unfassbare Kartoffel und er legt die Realität in dieser Form wirklich nur deshalb – quasi ausversehen – offen. Ein Blick in die Kommentarspalten des Videos oder aller größeren Medien, die über den Song berichten, legt dies nahe. Vielleicht aber – und das ist meine Hoffnung auf eine Überwindung des Gegenstands meiner Kritik – steckt darin tatsächlich eine Kritik an staatlichen rassistischen Verhältnissen und die Kritik kommt bei ihren Konsument*innen einfach nicht an. Vielleicht ist die Idee ja wirklich gut und die Welt nur noch nicht bereit.

XOXO,
Chucky


3 Antworten auf „Ich hab Polizei.“


  1. 1 Thorsten 27. November 2015 um 11:23 Uhr

    Mal eine Anregung: Was, wenn Jan Böhmermann mit der verstreetrappifizierung der dämlichen und hilflosen Spießerstrategie, bei Arger die Polizei zu rufen („wenn Ihr nicht abhaut, ruf ich die Polizei!), auch genau sich selbst oder diese „kartoffelige“ Sicht auf die Dinge, das gymnasiale Unverständnis für das, was Du offenbar als den style of life der Straße empfindest, aufs Korn nimmt; quasi in einer doppelten Ironie über die gegenseitig aufgemachten Klischees? Ich finde dafür spricht sehr vieles.

    Natürlich lebt der Track gleichzeitig (!) auch von der Ironisierung des von der Steetrappercommunity zur Schau getragenen Selbstmitleids und dem Aufdecken des Versuchs dieses Selbstmitleid durch einen besonders martialischen Gestus zu übertönen um es als Selbstbewusstsein darzustellen. Sich über letzteres lustig zu machen aber ist kein auch Rassismus und keine Arroganz, sondern Humor. Genau wie bei der eigenen Darstellung Böhmermanns als polizeigläubiger Blödmann aus der Mittelschicht. Der Unterscheid zwischen Arroganz und Humor mag für manche schwer erkennbar sein. Er ist aber da.

  2. 2 Alkohol 27. November 2015 um 17:12 Uhr

    „Polizei heißt Torsten, Melanie und Thomas.“

    Mindestens diese Zeile kritisiert den Rassismus in der Polizei. Desweiteren besteht die Gang am Anfang des Videos mehrheitlich aus Kartoffeln.

  3. 3 @kloog 27. November 2015 um 22:58 Uhr

    „was darf die Satire? Alles.“ Kurt Tucholsky

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