Archiv für Januar 2016

Palästinensische Weisungen.

Von der palästinensische „Botschafterin“ verschickte Weisungen an Journalisten.

„Verehrte Journalisten, Medienschaffende und Vertreter der Presse in Deutschland,

Zunächst möchte ich Ihnen für die im letzten Jahr geleistete Arbeit danken. Mit Ihrer Tätigkeit sensibilisieren Sie die Menschen in Deutschland für Palästina und tragen zur öffentlichen Meinungsbildung bei. Ihre Wortmeldungen und Beiträge zeigen uns immer wieder die Verbundenheit mit Palästina und dafür danke ich Ihnen sehr.

Mit Blick auf die jüngsten Berichte und TV-Sendungen möchte ich mit diesen Zeilen einige Themen ansprechen. Das Hervorheben von ein oder zwei Themen soll sicherstellen, dass diese stärker Beachtung finden. Weder soll jemand irregeführt werden noch sich schlecht oder falsch informiert fühlen. Damit kann die Professionalität und Integrität in der deutschen Medienberichterstattung, wie vom
Pressekodex vorgesehen, aufrechterhalten werden.

1. Wenn es um das Thema Palästina-Israel geht, gibt es natürlich Elemente, die unter den Beteiligten umstritten sind. Wir haben dafür Verständnis. Es gibt jedoch auch anerkannte Fakten, von denen ich einige Wichtige beispielhaft nenne: Die
Stadt Bethlehem ist in Palästina (Sie entscheiden ob „Palästina“ oder „in den besetzten palästinensischen Gebieten“.) Die Stadt Hebron befindet sich in Palästina. Ost-Jerusalem befindet sich ebenfalls in Palästina. Die Besatzung ist Realität. Die Siedlungen sind illegal. Das sind Fragen des Völkerrechts, die mit Ausnahme des Staates Israel von allen Ländern der Welt akzeptiert werden. Und als solche sollten sie eindeutig als Tatsachen dargestellt werden. Die Aussage, dass die israelische Regierung diese Fakten bestreitet, ist nicht falsch. Wenn man jedoch impliziert, dass es zwei gleichgewichtige Meinungen zu diesen Fragen gibt, dann ist das irreführend.

2. In unserer Situation ist der Kontext von großer Bedeutung. Besonders spiegelt sich dies im deutlichen Ungleichgewicht der Machtverhältnisse beider Parteien wieder: auf der einen Seite Israels als Militärmacht und auf der anderen Seite
Palästina, dass weder souverän noch unabhängig ist und wenig bis gar keine Kontrolle über sein Hoheitsgebiet und seine Bevölkerung hat. Diese Realität ist eine Tatsache. Wird der Kontext ignoriert, ist es kaum möglich, logische Shlussfolgerungen zu ziehen. Erst mit dem Verständnis vom Kontext können wir überhaupt eine faire und gerechte Lösung für Palästinenser und Israelis erreichen.

Es ist sonst kaum möglich, Schlüsse über die Ursachen von Ereignissen und Vorfällen zu ziehen und diese verständlich zu vermitteln. Abgesehen von der Bewertung eines besonderen Vorfalls und einer Stellungnahme hierzu, ist es ohne
dieses Verständnisses nur schwer möglich, Verbesserungen zur Situation sowohl für Palästinenser als auch Israels anzugehen.

3. Beim Umgang mit Tötungen gilt die Unschuldsvermutung auch für die Presse (Ziff. 12 Pressekodex). In den letzten Monaten gab es viele Palästinenser, die nach angeblichen Angriffen auf Israels erschossen wurden. In einigen Fällen haben „Ermittlungen bis heute keinen eindeutigen Beweis ergeben, abgesehen vom Hörensagen. Auch die Tatumstände sind umstritten. In solchen Fällen ist es unerlässlich, dass ein vermeintlicher Angreifer als solcher durch geeignete Wortwahl, wie „mutmaßlich“ oder „vermeintlich“ zu bezeichnen ist. Alle Fälle, in denen ein angeblicher Angreifer anstatt ihn zu Ermittlungs- und Aufklärungszwecken festzunehmen, getötet wurde, sind als „außergerichtliche Tötungen“ auch korrekt zu benennen.

4. Obwohl die meisten Medien beide, palästinensische und israelische Quellen, berücksichtigen, sind die ausgewählten Quellen nicht immer gleichwertig. Häufig wird dem Zitat eines israelischen Regierungsbeamten die Äußerung eines Vertreters
einer politischen Partei gegenübergestellt. Das schafft eine falsche Äquivalenz und unverdientermaßen ein höhere Bedeutung mancher Stimmen und Perspektiven.

5. Mit dem Ziel der objektiven Berichterstattung und frei von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen ist ein wesentlicher Aspekt des Journalismus berührt (Präambel Pressekodex). Doch in einigen Fällen, so scheint es, wird
Objektivität mit Neutralität verwechselt. Eine sorgfältige Untersuchung der Fakten und Tatsachen kann zeigen, dass die Wahrheit auf der einen Seite der Argumentation oder auf der anderen liegt.

Im Gegensatz dazu kann die neutrale
Haltung, die Mitte zweiter Argumentationen, unabhängig von den Fakten schädlich sein. Denn sie schafft eine falsche Balance und gibt ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit wieder. Wir sind der festen Überzeugung, dass objektiv dargestellte Tatsachen für sich selbst sprechen. Um nicht mehr, aber auch nichts, weniger regen wir an.
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit vielen von Ihnen, ob auf festen Fundamenten oder auch auf neuen Pfaden, zweifellos mit interessanten und fruchtbaren Diskussionen. Im Namen Palästinas und seiner Menschen erlaube ich mir, Ihnen allen ein
glückliches und erfolgreiches neues Jahr zu wünschen.

Mit den besten Grüßen
Dr. Khouloud Daibes
Botschafterin“

Wolfs vs. Kretschmann

Wolf versus Kretschmann.

Duell der schwäbischen Biederkeit.

Grim104 sagte mal in Anlehnung an einen furchtbaren heimatverherrlichenden Track von Samy Deluxe: „Dis is wo ich herkomm, Samy halt dein Maul. Du hingst cool mit deiner Clique, ich hing tot über dem Zaun.“ Einem von vielen Sätzen, die er über Dorfjugend gesagt hat, denen ich mich voll anschließen kann. Einzig und allein das Meer – das bei ihm wohl präsent war – gab es bei mir nicht. Ich komm aus dem Süden. Um genau zu sein aus dem Landkreis Böblingen bei Stuttgart und bin dann – wie Kraftklub es singen – nach Berlin gezogen. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe das rechtfertigen zu müssen, so liefert die Rechtfertigung doch das baden-württembergische TV-Duell.

Viel lässt sich über Schwabylon sagen – das wichtigste wird wohl in den Büchern „Lokalhelden“ und „501 – ein DJ auf Autopilot“ und in einem anderen Song von Samy Deluxe gesagt. „Ich frag mich im Moment, warum hat Stuttgart zu viel Polizei“ ist eine von Kiffern berechtigterweise gestellte Frage und auch diese Antwort liefert das TV-Duell zwischen einem Ministerpräsident, der einst mit Cannabis Enkriminalisierungsversprechungen im Wahlkampf bei Studierenden im Ländle punkten konnte.

Das Deutschland in Sachen Spektakel den Staaten weit hinter her hinkt, dass mag viele Gründe haben. Die Ontologie der deutschen Ideologie mag sicherlich einer sein. Schließlich ist etwas um seine Sache selbst tun in Deutschland immer noch hoch angesehen. Schließlich ist die Kritik am amerikanischen Kapitalismus nicht der Kapitalismus, sonder das aufbauschen des Produktes mit Werbung, Verpackung und allerlei Schnick Schnack. So als ob es ohne das alles weniger entfremdet wäre und dadurch mit sich selbst identisch wäre. Mit viel Ideologie lässt sich das sicherlich denken.

Ich denke also an Gore Vidal, während ich den Livestream anschalte. Und feststelle: in Baden-Württemberg ist das Spektakel nochmal ein ganzes Stück weniger präsent. Schwierig zu sagen, ob das ideologisch tatsächlich deutsch ist oder einfach nur der skurrile Versuch von Seriösität im Dritten. Angetreten sind Kretschmann, der wie eine Kettensäge seine Phrasen losrattert und Wolf, der irgendwie ganz putzig ist.

Der erste Punkt über den sie Streiten ist Polizei und Verfassungsschutz. Kretschmann versucht sich mit dem umfassenden Ausbau beider Strukturen zu brillieren, während Wolf ihm vorwirft das nicht genug getan zu haben. Streitfragen in Baden-Württemberg. Deine Frage dürfte beantwortet sein Samy, oder?

Beim zweiten Punkt der Bildungsreform schalte ich ein bisschen ab. Phrasendrescherei wie sie überall hätte passieren können. Schule als Vorbereitung aufs Berufsleben und der Vorwurf von Wolf, die studentischen Grünen würden zu sehr auf gymnasiale Schulbildung setzen und die berufsvorbereitenden Realschulen würden aussterben. Das ist zwar nicht gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes, wohl aber mit dem Untergang des schwäbischen Handwerkerleins, also dem schwäbischen Geist, also dem Geist des Protestantismus und der Seele des Kapitalismus (auch wenn ich den Max Weber Bezug hier nur um des Wortspiels Willen gemacht habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen um dafür zu plädieren seine Untersuchung materialistisch auf den Kopf zu stellen: die Schwaben und Angelsachsen haben sich die entsprechende Glaubensform für ihre materiellen Bedürfnisse geschaffen und nicht etwa umgekehrt).

Duell der Biederkeit trifft es wohl am Besten: Berufsintegration und Polizei sind die beiden Themen die bei mir hängen geblieben sind. Bis der Schluss kommt. Ein wahrhaftes vom SWR clever durchdachtes Finale. Der Moderator beginnt Sätze und die Kontrahenten müssen diese beantworten. Ein Unterfangung das nun gar nicht so leicht ist, wie es klingen mag. Denn es gilt das für einen baden-württembergischen Ministerpräsidenten erforderliche Profil zu zeigen. Wie schon bei der Abstimmung zur Zusammenlegung scheint man auf badische Stimmen nicht wirklich wert zu legen, denn das Biedermeiertum von beiden Herren, dass hier zur Schau gestellt wird, wird lediglich durch schwäbische Lokalfollklore ergänzt und nicht durch badische.

Und so erfahren wir, dass Kretschmann bei einem Pils sich entspannen kann, dass Wolf sollte er nicht Ministerpräsident werden als Trainer des VfB Stuttgarts dem Ländle in anderer Weise dienen möchte, dass Kretschmann sollte er wieder mehr Zeit zum heimwerkeln ein Schaukelpferd für seine Enkelin bauen wird, dass Wolf gerne Kuddeln mit Kretschmann isst, dass Kretschmann über Wolfs Gedichte lachen kann, die Wolf wiederum schreibt um den Kopf frei für Politik zu bekommen.

Und jetzt lest euch den letzten Abschnitt noch einmal durch und bedenkt dabei, dass es um das TV-Duell zur Wahl in einem der wirtschaftsstärksten Bundesländern Deutschlands geht. Um das Bundesland, nach dessen Selbstverständnis mit dem VfB und der TSG Hoffenheim zwei Vereine um die internationalen Plätze der Bundesliga mitspielen sollten. Das Bundesland aus dem Mercedes, Porsche und auch SAP kommen. Das Bundesland dessen Hauptstadt den deutschen Rap Jahre lang maßgeblich geprägt hat. Bedarf es noch weiterer Ausführungen?

Pete.

Bevor ich seine Musik kannte war ich in Pete verliebt. MTV und seine News mit Markus Kavka brachten nicht nur die Liebe meines Lebens Deutschrap in mein Kinderzimmer, sondern auch Pete Doherty, seine Drogenexzesse und auch Fuck Forever. Gutaussehende, abgefuckte, aber gut angezogene britische Typen hüpften auf der Mattscheibe umher und brachten mir Musik in meinen Gehörgang, dessen Refrain wohl immer ein Teil mein – aus popkulturellen Splittern geformten – Identität sein wird.

Burger, Tatoos und Rockmusik ist das Motto des White Trash. #SoBerlin. 15€ kostet die Abendkasse für das Spontankonzert. 10€ ein mittelmäßiger Burger mit Pommes, der irgedwann mal irgendwie angeblich der beste Burger Berlins gewesen sein soll. 3€ wiederum der Glühwein, den wir trinken während wir uns in einem Ofen im Raucherbereich aufwärmen.

Das Konzert beginnt nicht mit Pete, sondern irgendeinem Saufkumpanen von selbigen der ein wirklich schlechtes Gedicht mit ordentlich britisch Accent ins Mikrophon röhrt. Auf der Bühne steht ein Tisch mit einer Schreibmaschine. Pete ist irgendwann auch mal der Künstler gewesen, der hier mit Whiskey, Klampfe und Schreibmaschine inszeniert werden soll. Seine Bilder, Tagebücher, Gedichte und Laptoprecordings zeugen wahrscheinlich noch ein bisschen mehr davon, als die Hymnen die er mit den Libertines und den Babyshambles geschrieben hat. Doch die Kulturindustrie gewinnt immer. Aus dem Poeten wurde ein Junkie und der Junkie wurde vermarktet. Die klassische Story mit ihren individuellen persönlichen biographischen Elementen.

Wen ich mir den betrunkenen Pete und seinen Gedicht vortragenden Freund – der immer wieder auf die Bühne kommt und seine Gedichte vorträgt anschaue und dabei das Publikum im Hinterkopf behalte, das nach einer Dienstleistung lechzt, das einfach nur ein paar Hits intim vorgetragen auf der Akustikklampfe mitsingen möchte und die wohl dosierte authentische Atmosphäre in dieser merkwürdigen zum Restaurant umgebauten Halle mitnehmen möchte, dann kann ich den Abend als ganzen als großes Kunstwerk betrachten.

Von der Kulturindustrie abgerichtete Konsumenten erwarten ihre Dienstleistung – mich eingeschlossen und Pete klimpert wenig kraftvoll eher unbekanntere Songs, nuschelt ins Mikrophon und lässt seinen Kumpel Gedichte vortragen. Bevor seine derartige künstlerische Darbietung – damals noch in Wohnzimmern vorgetragen – zum Produkt der Kulturinstudrie wurde, sah sie wahrscheinlich genauso aus. Nur kraftvoller, nur energischer, nur lustvoller, nur nicht so abgestumpft.

Ich ernte dafür, dass ich zur merkwürdigen Darbietung tanze, mich angeregt über selbige mit meiner Begleitung unterhalte, immer wieder böse Blicke von Perlenohringsmädchen, die wohl als bestes Exempel dafür gelten, was ein Großteil des Publikums erwartete. Ein Großteil des Konzertes auf die versprochene Dienstleistung wartend, zwingen sie sich den authentischen Moment – der vielleicht ein bisschen zu authentisch für ihren Geschmack ist – zu genießen. Wirklich glücklich sehen sie dabei erst aus, als sie mit geschlossenen Augen zum letzten Song tanzen. Sie singen den einzig wirklich kraftvoll vorgetragenen Song innbrünstig mit. Würde man ihre aufgesetzte Attitüde, die bösen Blicke für die Menschen die es wagen das Konzert tatsächlich als das zu genießen was es ist und den ganzen Rest ignorieren, könnte man fast glauben, dass sie hinter der euphorisch mitgesungenen Textzeile „I‘m Fuck forever“ stehen. Doch sie erfreuen sich nur daran, dass die Kulturindustrie ihr Bedürfnis nach Dienstleistung nachgegangen ist.

A sagt, dass man merke das er einst ein großer seiner Zunft war. Heute ist er ein Abziehbildchen seiner selbst, dass als Dienstleister fungiert und doch ein Rest Widerstand sich bewahrt. Das bisschen Rest Würde, das man sich eben noch behalten kann, wenn man so dringend Geld braucht, dass man ein Spontankonzert für 15€ im White Trash spielt.