Pete.

Bevor ich seine Musik kannte war ich in Pete verliebt. MTV und seine News mit Markus Kavka brachten nicht nur die Liebe meines Lebens Deutschrap in mein Kinderzimmer, sondern auch Pete Doherty, seine Drogenexzesse und auch Fuck Forever. Gutaussehende, abgefuckte, aber gut angezogene britische Typen hüpften auf der Mattscheibe umher und brachten mir Musik in meinen Gehörgang, dessen Refrain wohl immer ein Teil mein – aus popkulturellen Splittern geformten – Identität sein wird.

Burger, Tatoos und Rockmusik ist das Motto des White Trash. #SoBerlin. 15€ kostet die Abendkasse für das Spontankonzert. 10€ ein mittelmäßiger Burger mit Pommes, der irgedwann mal irgendwie angeblich der beste Burger Berlins gewesen sein soll. 3€ wiederum der Glühwein, den wir trinken während wir uns in einem Ofen im Raucherbereich aufwärmen.

Das Konzert beginnt nicht mit Pete, sondern irgendeinem Saufkumpanen von selbigen der ein wirklich schlechtes Gedicht mit ordentlich britisch Accent ins Mikrophon röhrt. Auf der Bühne steht ein Tisch mit einer Schreibmaschine. Pete ist irgendwann auch mal der Künstler gewesen, der hier mit Whiskey, Klampfe und Schreibmaschine inszeniert werden soll. Seine Bilder, Tagebücher, Gedichte und Laptoprecordings zeugen wahrscheinlich noch ein bisschen mehr davon, als die Hymnen die er mit den Libertines und den Babyshambles geschrieben hat. Doch die Kulturindustrie gewinnt immer. Aus dem Poeten wurde ein Junkie und der Junkie wurde vermarktet. Die klassische Story mit ihren individuellen persönlichen biographischen Elementen.

Wen ich mir den betrunkenen Pete und seinen Gedicht vortragenden Freund – der immer wieder auf die Bühne kommt und seine Gedichte vorträgt anschaue und dabei das Publikum im Hinterkopf behalte, das nach einer Dienstleistung lechzt, das einfach nur ein paar Hits intim vorgetragen auf der Akustikklampfe mitsingen möchte und die wohl dosierte authentische Atmosphäre in dieser merkwürdigen zum Restaurant umgebauten Halle mitnehmen möchte, dann kann ich den Abend als ganzen als großes Kunstwerk betrachten.

Von der Kulturindustrie abgerichtete Konsumenten erwarten ihre Dienstleistung – mich eingeschlossen und Pete klimpert wenig kraftvoll eher unbekanntere Songs, nuschelt ins Mikrophon und lässt seinen Kumpel Gedichte vortragen. Bevor seine derartige künstlerische Darbietung – damals noch in Wohnzimmern vorgetragen – zum Produkt der Kulturinstudrie wurde, sah sie wahrscheinlich genauso aus. Nur kraftvoller, nur energischer, nur lustvoller, nur nicht so abgestumpft.

Ich ernte dafür, dass ich zur merkwürdigen Darbietung tanze, mich angeregt über selbige mit meiner Begleitung unterhalte, immer wieder böse Blicke von Perlenohringsmädchen, die wohl als bestes Exempel dafür gelten, was ein Großteil des Publikums erwartete. Ein Großteil des Konzertes auf die versprochene Dienstleistung wartend, zwingen sie sich den authentischen Moment – der vielleicht ein bisschen zu authentisch für ihren Geschmack ist – zu genießen. Wirklich glücklich sehen sie dabei erst aus, als sie mit geschlossenen Augen zum letzten Song tanzen. Sie singen den einzig wirklich kraftvoll vorgetragenen Song innbrünstig mit. Würde man ihre aufgesetzte Attitüde, die bösen Blicke für die Menschen die es wagen das Konzert tatsächlich als das zu genießen was es ist und den ganzen Rest ignorieren, könnte man fast glauben, dass sie hinter der euphorisch mitgesungenen Textzeile „I‘m Fuck forever“ stehen. Doch sie erfreuen sich nur daran, dass die Kulturindustrie ihr Bedürfnis nach Dienstleistung nachgegangen ist.

A sagt, dass man merke das er einst ein großer seiner Zunft war. Heute ist er ein Abziehbildchen seiner selbst, dass als Dienstleister fungiert und doch ein Rest Widerstand sich bewahrt. Das bisschen Rest Würde, das man sich eben noch behalten kann, wenn man so dringend Geld braucht, dass man ein Spontankonzert für 15€ im White Trash spielt.


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