Just a piece of hate.

Vor ein paar Wochen habe ich versucht meine Wut über gewisse Zustände in der kritischen Netzgemeinde in ein Word-Dokument gepresst. Weil es einfach nur Hass ist, der vor allem als Distinktionsbedürfnis verstanden werden wird, wollten ihn das dafür bestimmte Online-Mag nicht. Irgendwie fände ich es aber zu schade, wenn er auf meine Festplatte vergammelt.

Die bürgerliche deutsche kritische Twittergemeinde bleibt sich treu. Bloß nicht das System hinterfragen, sondern lieber dafür kämpfen und tweeten, dass es eine jede Identität in diesem System irgendwie lebenswert hat. Schon irgendwie doof arbeiten zu müssen, aber das liegt ja in der (zweiten) Natur der Dinge. Aber wenn alle genau gleich beschissen fürs ausbeuten lassen entlohnt werden, dann ist die Welt ein bessere Ort.

Kein Wunder also, dass die Reaktionen auf die AFD wahlweise ein positiver Bezug auf irgendwelche parlamentarischen Kräfte ist oder der gute alte Schrei nach Bildung(sarbeit). Karl Marx hätte sie wahrscheinlich Apologeten ihrer Klasse genannt, wenn er ihre Versuche, die Konsequenzen des Kapitalismus mit demokratischen Spielchen aufzuhalten, gesehen hätte. Wie so oft, kann man Karl Marx hier durch aus zu stimmen.

Die wenigen (meist nennen dieses sich dann „Antideutsch“) unter ihnen, die noch irgendwie ein Interesse an der freien Assoziation oder an der befreiten Gesellschaft zu haben scheinen, betonen immer wieder – mit Bezügen auf Adorno-Texte die kaum jemand je gelesen hat – das diese gerade nicht möglich sei und verzichten so darauf sich weiter damit zu befassen. Sie verweisen auf das Bilderverbot von Adorno, ohne sich aber – wie er es forderte – stattdessen einen Begriff zu machen. Die meisten allerdings beziehen sich nicht einmal pro Forma auf irgendetwas, dass die kapitalistischen Zumutungen und all ihre Konsequenzen aufheben würde. Sie belassen es dabei – wie es sich für Apologeten ihrer Klasse gehört – dem ganzen ein irgendwie geartetes menschliches Antlitz verleihen zu wollen.

So und so verwundert es auch nicht weiter, wenn ein Grüner in seinem Blog mittels Statistiken den Wahlerfolg der AFD auswertet und erst mal richtigerweise feststellt, dass „eine von drei U30-Jährigen, die gestern in Sachsen-Anhalt zur Wahl gingen, ihre Kreuze bei der AfD“ machte und diese damit „einsame Spitzenreiterin in dieser Altersgruppe“ ist. Um dann mit „Perspektiv- und Jugendarbeitslosigkeit“ – an der seine Partei alles andere als unverantwortlich ist – zwar mögliche Ursachen noch zu erkennen, aber als Lösung eben nicht die soziale Frage stellt, sondern bemängelt, dass seine Generation gar nicht „tolerant, weltoffen und progressiv ist“. Anstatt wenigstens demokratie-naiv von den Parteien eine Sozialgesetzgebung zu fordern, um erst einmal die Existenz der Menschen sichern zu können, sieht der die „Verantwortung in der Politik, in der politischen Jugendbildungsarbeit und in allen großen Parteijugendorganisationen“ darin, dass man mit guten Worten verhindert, dass die Zukunft dem Hass gehört. Als wäre faschistoides Gedankengut einfach nur Hass und nicht eine autoritäre auf kapitalistische Krisen.

Dabei ist die Erkenntnis, dass autoritäre Verschärfung oder der Wunsch danach, vor allem deshalb funktionieren, weil sie ein (faschistisches) Versprechen von Sicherheit in Zeiten kapitalistischer Unsicherheit sind, keine besonders neue. In seiner Analyse des Nationalsozialismus schrieb Herbert Marcuse bereits: „In der weiteren Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde Freiheit in zunehmenden Maße entweder zur Freiheit der Wahl zwischen Lohnarbeit und Hungertot, oder sie nahm die Form allgemeiner Unsicherheit […] an. Kein Wunder, daß die Massen sich leicht für ein System begeistern ließen, in dem diese Art von Freiheit durch kontrollierte Sicherheit ersetzt wurde.“ Oder es zumindest propagiert wurde.

Ähnliches lässt sich auch bei Daniel Kullas Analyse der aktuellen „Erfolge der AFD“ wieder finden. Die AFD ist in der Lage, die vermeintliche Lösung für die Unsicherheiten – die ein kapitalistisches System und seine demokratischen Vertreter*innen (zur Erinnerung beinahe alle größeren Parteien unterstützten den Sozialabbau im Zuge der Agenda 2010) schaffen – anzubieten. Ernüchternd und richtigerweise stellt Kulla fest:„Die autoritäre Verschärfung wird den Leuten stets angeboten, Klassenkampf und Kommunismus nicht.“

Doch diese Erkenntnisse werden entweder ignoriert oder kommen erst gar nicht zu Stande. Zu wirkmächtig ist die bürgerliche Ideologie und der Glaube an die Demokratie, als das diese in Verantwortung gezogen werden könnte. Auch wenn – auch das erklärt Marcuse in seinen Feindanalysen – die falsche Freiheit der bürgerlichen Demokratie sicherlich jedweder Form von Faschismus oder autoritärer Gesellschaftsform vor zu ziehen ist, so ist diese doch als Mittel im Kampf gegen den Faschismus immer nur temporär von Nutzen.

Langfristig ist die einzige Möglichkeit gegen das faschistische Sicherheitsversprechen vorzugehen, der radikale Ansatz die Unsicherheit auf die damit reagiert abzuschaffen. Sie abzuschaffen, in dem für alle gekämpft wird, das Kapitalverhältnis aufgehoben wird, nach den Bedürfnissen der Menschen produziert wird und die befreite Gesellschaft so Schritt für Schritt errichtet wird. Kurz um, als Alternative eben nicht Nationalismus und autoritäre Verschärfung, sondern eine tatsächlich freie Gesellschaft anzubieten. Oder um es mit Ernst Busch zu sagen: „..dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft die sozialistische Weltrepublik!“


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