Archiv für Juni 2016

A few thoughts on „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“.

Ausgangspunkt: „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“

Ich weiß nicht ob ich damit vielleicht komplett auf dem Holzweg bin, aber ich finde Diederichsen Ansätze gegenwärtige Konflikte – insbesondere den zwischen AFD/Pegida & Islam – auch als Identitätskonflikte zu begreifen relativ interessant und versuche im folgenden mal meine Gedanken dazu zu verschriftlichen, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Um Diederichsens Theorien nutzbar zu machen, bedarf es natürlich diverser Ergänzungen – wie eine Analyse der Entsubjektivierung (was bei der Bahamas seit längerem ja sehr stark vertreten ist), aber auch psychoanalytischer Analysen von Autoritarismus/Faschismus und marxistischen Analysen von Kultur.

Bei Diederichsen wird Pop ja als „Identität auf Probe“ (siehe „Über Pop-Musik“) begriffen. Das heißt das man mittels des Konsum von popkulturellen Produkten eben – anders als beim Konsum von hochkulturellem oder populärkulturellem – auch in eine Rolle schlüpft. Man hört kein Rap, man ist Hip Hop. Diederichsen begreift Pop da auch eben als Jugendkultur, was in diesem Kontext heißt, dass in der jugendlichen Phase der Selbstfindung man dann irgendwann seine „Jugendkultur“ gefunden hat und sich in ihr verortet fühlt & mittels beispielsweise Musik sich zur Entspannung aus dem kapitalistischen Alltag, wieder in diese Zeit zurück begibt.

Anfangs sah er darin noch ein subversives Potenzial – was viele heute noch in Popmusik sehen – jedoch hat er sich davon spätestens in seinem Aufsatz „the Kids are not allright“ (im Angesicht von Rostock-Lichtenhagen) distanziert. Und spätestens als er verkündete „Alles ist Pop“ (1998) hat er sich vom subversiven Potenzial verabschiedet. Mittlerweile spricht er diesbezüglich auch von einer „Zweiten Kulturindustrie“ (bei Adorno war das Radio das Grundrauschen und das Kino das Besondere, bei ihm verschiebt sich das: Fernseher (audiovisuelle Bilder) sind das allgemeine Grundrauschen und Popmusik ist dabei der Ausbruch). An dieser Stelle ist eben auch mit Roger Behrens zu ergänzen, dass Pop zum permanenten Alltag wird und so eben den Alltag selbst als „Flucht auch dem Alltag“ erscheinen lässt.

Identiäten sind dabei eben einerseits auch die Währung (in der die Ware „Mensch“ verkauft wird) und gleichzeitig die Rückzugsorte vor eben jenem Alltag (in dem sich die Ware „Mensch“ anbieten muss). Gerade im Bezug auf gegenwärtige Entstehung von salafistischen Identitäten und Jugendkulturen sollten Ansätze/Aussagen wie: „Es gibt eine lange Geschichte der beleidgten Rekonstruktion traditioneller Männlichkeit in HipHop und auch schon im Rock, die politisch nach allem greift, was die Demütigung lindert. Diese Demütigung hat auch mit realen Dingen zu tun, der Abwertung körperlicher Arbeit und damit verbundener Skills zum Beispiel. Doch, wenn man sich die Opposition AfD versus Islamismus ansieht, dann hat man es mit zwei rechten Bewegungen zu tun. Und der Begriff autoritär ist mir da zu wenig. Islamismus ist rechtsradikal, genauso wie die AfD. Religiös geführte wie auch territoriale Auseinandersetzungen bringen immer zwei rechtsradikale Gruppierungen hervor, weil beide sich über patriarchale und neo­traditionelle Inhalte definieren. Beide haben einen ähnlichen Bezug zu ihren Kampfgründen, auf der Ebene ihrer identitären Begriffe sind sie sich einig. Neotraditionell, weil sie sich auf ältere, zum großen Teil auch erfundene Erzählungen und Überlieferungen berufen, die abgebrochen oder unterbrochen sind.“ diskutiert werden.

Dabei wird eben dieser Kampf der Identitäten durch Critical Whiteness und Co noch befördert, die Identitäten zum verteidigungswerten Gut erhöhen, ihre Gemachtheit leugnen und mittels Authentizitätsideologien eben hinter das moderne an den Identiäten (das sie wie Diederichsen sagt „auf Probe“ sind, sich warenförmig mittels Konsum generieren [was ja auch bei Frank Apunkt Schneider eine zentrale These ist, weswegen er Pop in seiner amerikanischer Ausprägung als „natural born antideutsch“ bezeichnete] zurückwollen. Und jeder vermeintliche Angriff auf diese Idenitäten als „Übegriff“ gewertet wird.

Diederichsen wertet den Konflikt zwischen zweier „rechter Ideologien“ (die Kritik an seiner Begrifflichkeit rechts/links ist sicher angebracht, jedoch wertet er eben Islam und ADF/Pegida beide darunter ein) als in territorialen um „kulturelle Hegemonie“ (wo eben hier Gramsci beispielsweise eine Ergänzung von Diederichsens Theorie sein könnte): „Dabei sind beide für dieselbe Sache, sind beide Nationalisten – nur der Vaterlandsverräter irritiert sie. Für das Patriarchat, für die Unterdrückung, gegen Emanzipation, der Streit geht ja nur ums konkrete Territorium, nicht um Werte, da könnten sich Putin, Erdogan, Trump, Hofer und die AfD den ganzen Tag die Hand schütteln. Der Kampf AfD, Pegida, Rechte gegen den Islam ist genauso. Strukturell unterscheiden die sich kaum.“

Das Problem in dem sich Kommunisten hier dann befinden, ist dass es ihnen eben nicht um Territorien geht, sondern um eine globale Abschaffung des Kapitalismus samt seiner autoritären Krisenbewältigungsstrategien : „Der Streit zwischen links und rechts ist dagegen ein grundsätzlicher. Der linke Kampf gegen Rechte geht nicht um Territorien. Es geht dabei um Inhalte und Ideale. Das versucht die Rechte auszublenden, ihr ewiger Punkt ist, dass auch die Linke und der Vaterlandsverräter in Wirklichkeit irgendein Territorium beanspruchen. Dabei ist der Konflikt asymmetrisch.“

.@distelfliege

Liebe @distelfliege,

Zum Antisemitismus gehört, dass die Betroffenen (meistens Juden) nichts tun können, ohne das die Antisemit*innen es ihnen vorwerfen. Es kommt dabei auch gar nicht mehr darauf an WAS getan wird sondern WER es tut. So sind dann zum Beispiel auch Vorwürfe gegen die IDF zu verstehen, in denen man den Soldat*innen vorwirft kaum palästinensischen Frauen zu vergewaltigen. Denn wer kaum oder keine Frauen vergewaltigt, der betrachtet sie auf Grund ihrer Herkunft nicht als gleichwertige Menschen. So zumindest die Logik, die hinter solche Sätzen steckt: „Das Fehlen organisierter Vergewaltigungen durch das Militär ist eine andere Art und Weise, politische Ziele zu verwirklichen. Im israelisch-palästinensischen Konflikt verstärkt dieses Ausbleiben von Vergewaltigungen die ethnischen Grenzen noch und verdeutlicht die interethnischen Differenzen – genau so, wie es organisierte Vergewaltigungen durch das Militär getan hätten.“ Wie man es auch dreht und wendet, was auch immer Israel tut: Israel ist unser Unglück.

Ein weiteres Beispiel hier für ist der in antizionistischen queeren Kreisen gerne erhobene Vorwuf des Pinkwashings: „Demzufolge werde die Vorstellung vom homosexuellen-freundlichen Westen durch den Staat vereinnahmt. Laut Jasbir Puar betreibe Israel diese Instrumentalisierung auf besonders perfide Art:[vi] Gerade weil Israel seit Jahren nach außen den PalästinenserInnen eine eigene Staatlichkeit verwehre und nach innen eine »rassistische« Politik gegenüber den nicht-jüdischen Israelis betreibe, sei das Land besonders bestrebt, das Negativbild von »Besatzung« und »Rassismus« durch ein schwulenfreundliches Image zu übermalen. Ohne diesen Versuch könne das Land anderweitig seinen eigenen Anspruch, eine progressive Demokratie zu sein, nicht mehr aufrechterhalten. „

Das heißt: wenn Israel – so wie einige abdere Staaten in der Region – Homosexuelle umbringen würde, dann würden queerpolitisch-engagierte Menschen berechtigterweise Kritik daran üben. Wenn Israel dies aber – erfreulicherweise – nicht tut, dann ist das – in dieser Logik – trotzdem kritikwürdig. Denn der Jude kann ja per se keine guten Absichten haben. Wenn er etwas gutes macht, dann führt er etwas im Schilde. Das geht gar nicht anders! Nun müssen aber nicht immer Juden oder Israelis es sein, die man mit Kritik konfrontiert die in der Struktur antisemitisch ist. Es gibt ja G‘tt sei Dank „die Antideutschen“ (TM). Was mit unter dazu führt, dass Netzantisemitinnen – die eigentlich sonst auch Netzfeministinnen sind – auf ihre eigentlichen Überzeugungen scheißen. Vorbei ist bei antizionistischen Queeren die Solidarität mit unterdrückten Homosexuellen (siehe Pinkwashing) und vorbei ist auch die feministische Solidarität mit Gina Lisa.

Wenn ein ungeliebter, „israelsolidarischer“ – meist „antideutscher“ genannt – Typ sich also mit der vergewaltigten und dann verklagten Gina-Lisa solidarisiert. (Was die einzige akzeptable feministische Positionierung zu diesem Vorfall sein kann!) Dann muss er – so will es die antisemitische Logik – damit etwas im Schilde führen. Das heißt man macht bei dieser Solidarisierung einfach nicht mit, verzichtet auf die feministische Positionierung und begründet das dann mit Tweets wie diesen:

-> In denen du den Tweet einer Frau* – die sich mit Gina-Lisa solidarisieren – teilst, um dann zu erklären mensch „tanze nur nicht gern nach der Pfeife von Nabert und Co“. Was diese allerdings mit Nabert zu tun habe, kann man nicht beantworten. Warum man nicht einfach das gleiche in EIGENEN WORTEN (der Tweet wurde gelöscht und dann als Zitat in Anführungszeichen neu gepostet).
-> In denen du auf die Solidarität gegenüber einer vergewaltigten Frau verzichtest, nur weil sich jemand – den du mit antisemitischen Projektionen belegst – solidarisiert hat. Denn wie kann man es sonst verstehen, dass sich @Nabertronic mit Gina-Lista solidarisiert, wenn nicht um „feminist_innen vorzuführen“.

Damit reproduzierst du antisemitische Denkstrukturen, damit – auch wenn er sich gerade temporär nicht gegen Antisemitismus richtet – reproduzierst du also auch Antisemitismus. Zu dessen Gunsten du hier auch auf feministische Positionen verzichtest beziehungsweise den Verzicht legitimierst. Ich fände es ziemlich wünschenswert, wenn deine Critical Whiteness auch Critical Goiness enthalten würde. Sofern das überhaupt möglich sein kann.

XOXO,
Chucky