Archiv der Kategorie 'Antisemitismus'

.@distelfliege

Liebe @distelfliege,

Zum Antisemitismus gehört, dass die Betroffenen (meistens Juden) nichts tun können, ohne das die Antisemit*innen es ihnen vorwerfen. Es kommt dabei auch gar nicht mehr darauf an WAS getan wird sondern WER es tut. So sind dann zum Beispiel auch Vorwürfe gegen die IDF zu verstehen, in denen man den Soldat*innen vorwirft kaum palästinensischen Frauen zu vergewaltigen. Denn wer kaum oder keine Frauen vergewaltigt, der betrachtet sie auf Grund ihrer Herkunft nicht als gleichwertige Menschen. So zumindest die Logik, die hinter solche Sätzen steckt: „Das Fehlen organisierter Vergewaltigungen durch das Militär ist eine andere Art und Weise, politische Ziele zu verwirklichen. Im israelisch-palästinensischen Konflikt verstärkt dieses Ausbleiben von Vergewaltigungen die ethnischen Grenzen noch und verdeutlicht die interethnischen Differenzen – genau so, wie es organisierte Vergewaltigungen durch das Militär getan hätten.“ Wie man es auch dreht und wendet, was auch immer Israel tut: Israel ist unser Unglück.

Ein weiteres Beispiel hier für ist der in antizionistischen queeren Kreisen gerne erhobene Vorwuf des Pinkwashings: „Demzufolge werde die Vorstellung vom homosexuellen-freundlichen Westen durch den Staat vereinnahmt. Laut Jasbir Puar betreibe Israel diese Instrumentalisierung auf besonders perfide Art:[vi] Gerade weil Israel seit Jahren nach außen den PalästinenserInnen eine eigene Staatlichkeit verwehre und nach innen eine »rassistische« Politik gegenüber den nicht-jüdischen Israelis betreibe, sei das Land besonders bestrebt, das Negativbild von »Besatzung« und »Rassismus« durch ein schwulenfreundliches Image zu übermalen. Ohne diesen Versuch könne das Land anderweitig seinen eigenen Anspruch, eine progressive Demokratie zu sein, nicht mehr aufrechterhalten. „

Das heißt: wenn Israel – so wie einige abdere Staaten in der Region – Homosexuelle umbringen würde, dann würden queerpolitisch-engagierte Menschen berechtigterweise Kritik daran üben. Wenn Israel dies aber – erfreulicherweise – nicht tut, dann ist das – in dieser Logik – trotzdem kritikwürdig. Denn der Jude kann ja per se keine guten Absichten haben. Wenn er etwas gutes macht, dann führt er etwas im Schilde. Das geht gar nicht anders! Nun müssen aber nicht immer Juden oder Israelis es sein, die man mit Kritik konfrontiert die in der Struktur antisemitisch ist. Es gibt ja G‘tt sei Dank „die Antideutschen“ (TM). Was mit unter dazu führt, dass Netzantisemitinnen – die eigentlich sonst auch Netzfeministinnen sind – auf ihre eigentlichen Überzeugungen scheißen. Vorbei ist bei antizionistischen Queeren die Solidarität mit unterdrückten Homosexuellen (siehe Pinkwashing) und vorbei ist auch die feministische Solidarität mit Gina Lisa.

Wenn ein ungeliebter, „israelsolidarischer“ – meist „antideutscher“ genannt – Typ sich also mit der vergewaltigten und dann verklagten Gina-Lisa solidarisiert. (Was die einzige akzeptable feministische Positionierung zu diesem Vorfall sein kann!) Dann muss er – so will es die antisemitische Logik – damit etwas im Schilde führen. Das heißt man macht bei dieser Solidarisierung einfach nicht mit, verzichtet auf die feministische Positionierung und begründet das dann mit Tweets wie diesen:

-> In denen du den Tweet einer Frau* – die sich mit Gina-Lisa solidarisieren – teilst, um dann zu erklären mensch „tanze nur nicht gern nach der Pfeife von Nabert und Co“. Was diese allerdings mit Nabert zu tun habe, kann man nicht beantworten. Warum man nicht einfach das gleiche in EIGENEN WORTEN (der Tweet wurde gelöscht und dann als Zitat in Anführungszeichen neu gepostet).
-> In denen du auf die Solidarität gegenüber einer vergewaltigten Frau verzichtest, nur weil sich jemand – den du mit antisemitischen Projektionen belegst – solidarisiert hat. Denn wie kann man es sonst verstehen, dass sich @Nabertronic mit Gina-Lista solidarisiert, wenn nicht um „feminist_innen vorzuführen“.

Damit reproduzierst du antisemitische Denkstrukturen, damit – auch wenn er sich gerade temporär nicht gegen Antisemitismus richtet – reproduzierst du also auch Antisemitismus. Zu dessen Gunsten du hier auch auf feministische Positionen verzichtest beziehungsweise den Verzicht legitimierst. Ich fände es ziemlich wünschenswert, wenn deine Critical Whiteness auch Critical Goiness enthalten würde. Sofern das überhaupt möglich sein kann.

XOXO,
Chucky

Profit aus der eigene Geschichte schlagen.

Nicht trotz sondern wegen nationalsozialistischer Vernichtungskriege und Shoah bombadierte Deutschland Jugoslawien.
Nicht trotz sondern wegen nationalsozialistischer Vernichtungskriege und Shoah erklären Deutsche dem jüdischen Staat wie er sich zu verteidigen hat.
Nicht trotz sondern wegen nationalsozialistischer Vernichtungskriege und Shoah ist Deutschland wieder ein Global Player.

Deutschland hat erkannt, wie man aus Auschwitz doch noch Profit schlagen kann. Diese Erkenntnis und nichts außer dieser Erkenntnis ist der Grund, warum es in Berlin vor NS-Ausstellungen nur so wimmelt. Diese Erkenntnis und nichts außer dieser Erkenntnis ist der Grund, warum der Zoo anscheinend bereitwillig seine Nazivergangenheit und die Enteignung jüdischer Aktionär*innen aufarbeitet.

Die einzigen die dabei zu kurz kommen: die tatsächlichen Opfer. So stellt die Kampagne „Make Zoo Pay“ treffendweise fest: „In der BRD ist es mittlerweile Tradition, zu diesem Thema pathetische Reden zu halten und sich in Bekenntnissen über die deutsche Schuld an der Shoah zu übertreffen. Doch all das wohlfeile Gerede von Verantwortung führt selten zu materieller Entschädigung. Obwohl Deutschland einerseits durch die Enteignung, andererseits auch mittels der Zwangsarbeit sowie der Ausplünderung der von Deutschland kontrollierten Gebiete finanziell enorm profitierte.

Angefangen bei den viel zu niedrigen „Wiedergutmachungszahlungen“ der jungen Bundesrepublik an Israel, die wohlgemerkt aus politischem Kalkül und nicht aus einem schlechten Gewissen heraus geleistet wurden, mussten sich viele Opfer des deutschen Vernichtungswahns, wenn überhaupt, mit heuchlerischen Gesten und symbolischen Beträgen begnügen. Heute mangelt es vielen der noch lebenden Holocaustüberlebenden allerdings gerade an finanzieller Unterstützung für das Nötigste.


(Bild via: makezoopay.tumblr.com)

Weil es immer noch einerseits darum geht, dem postnazistischen Global Player in den Rücke zu fallen und andererseits keine materielle Entschädigung für die Opfer des Nationalsozialismus zu hoch sein kann, möchte ich mir der Forderung der Kampagne nur anschließen: „Wir fordern, dass die Zoologischer Garten Berlin AG und das an ihr beteiligte Land Berlin die Nachfahren der rechtmäßigen Anteilseigner ausfindig macht und ihnen endlich eine Entschädigung zahlt – samt dem Wertzuwachs, den die Aktie seitdem durchlaufen hat. Momentan ist die Aktie rund 4000 Euro wert, mindestens diese Summe wäre also angemessen. Bei einem regelmäßigen Jahresumsatz im unteren zweistelligen Millionenbereich und jährlich rund 3 Millionen Besuchern sollte dies möglich sein.“

Wirklich viel ist bisher – trotz einer Anfrage an den Senat – nicht passiert. Es wird lediglich betont, was ohnehin schon klar und absolut inakzeptabel ist: „Im Zentrum der Wiedergutmachung des Unrechts in der Zeit des Nationalsozialismus steht […] heute nicht individuelle Restitution sondern öffentliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit.“

Doch die Forderung nach Entschädigung bleibt so lange bestehen bis sie erfüllt worden ist.

#MakeZooPay

Freezy & die neue Gemeinschaft

In einer Analyse die sich ausschließlich entlang einer kolonialen Dichotomie richtet, fällt Antisemitismus (oder Kurdenfeindlichkeit) häufig raus. In einem Antirassismus der vor allem aus dem Empowerment einer „Gegengemeinschaft“ besteht, wird Antisemitismus – gegen die zwischen der Gemeinschaft stehenden wie zum Beispiel Juden – oft sogar sehr reproduziert (damit meine ich die hier skizzierte Dreigliedrigkeit).

Innerhalb der Gegengemeinschaft fallen bei Aufrechterhaltung der kolonialen Dichotomie – die wie Fanon für Algerien analysiert oft auch durch eine nicht parallel verlaufende Klassendichotomie aufrecht erhalten wurde – die eigenen Widersprüche oft unter den Tisch. Klassenwidersprüche und in ihrer Folge innerer Rassismus oder auch Antisemitismus.

Exemplarisch dafür sind Eko Fresh & Serc mit ihrem Song Gänsehaut:

Der sicherlich gut gemeinte Versuch von Eko ein Statement gegen Kurdenfeindschaft zu setzen, arbeitet genau mit dieser Methode. Entlang der kolonialen Dichotomie baut er die Gemeinschaft der wie er sagt „Landsleute“ auf. Serc geht sogar noch weiter und spricht von „kostbare Menschen“, gemeinsam „als Osmanen kämpften“ (die Kurdenfeindlichkeit im türkisch geprägten osmanischen Reich völlig ignorierend). Die antisemitische Ideologie – die integraler Bestandteil der türkischen Staatsideologie ist und sich abwechselnd gegen Kurden, Armenier, Juden oder Griechen richtete – über die sich die nationale Gemeinschaft über Klassenwidersprüche hinweg konstituiert wird nicht begriffen und kann es auch nicht.

Das Konzept der Gemeinschaft zu wählen verstellt bereits die Analyse darauf, welche Konsequenzen das Konzept der Gemeinschaft impliziert (-> hier sei nochmal auf die Dreigliedrigkeit hingewiesen). Es ist folglich nur logisch, dass eine antisemitische (sich hier gegen Kurden richtende Ideologie) gar nicht begriffen werden kann und zur scheinbar reziproken Trennung „nach der Rasse aus dem alten Dorf“ wird. Quasi ein alte Eigenschaft die man als „im Exil auf[ge]wachsen[e]“, also als Gemeinschaft der „Immigranten, Auswanderer“ auch wieder ablegen kann. Diese neue Gemeinschaft positioniert sich an der Frontlinie der kolonialen Dichotomie und ist analytisch – ohne sich selbst zu delegitimieren- nicht in der Lage die eigenen Widersprüche zu erfassen. Die antisemitische oder auch kurdenfeindliche Ideologie wird ausgeblendet, Täter und Opfer werden zur einheitlichen gemeinschaftlichen Masse kurz gesagt zu einem Volk“, welches selbst allgemein sich in der Opferrolle wähnt, schließlich hat es „gelitten wie kein anderer“. Ähnliches lässt sich auch gut in Deutschland beobachten, in denen man bezüglich des zweiten Weltkriegs und der Shoah auch einfach allgemein von einem großen Leiden spricht.

Über Brunnenvergifter und Gräbenaufreißer.

Über Brunnenvergifter und Gräbenaufreißer.

Ich habe früher öfters in diesem Blog versucht, antisemitische Erfahrung aufzuschreiben und für sie Begrifflichkeiten zu entwickeln. Die Gründe dafür sind einfach: ich brauchte das, um irgendwie die angestaute Wut aus mir rauslassen zu können, aber ich wollte keine Antisemitismuskritik auf Empfindungen aufbauen sondern auf stabilen Begriffen. Nachdem ich in letzter Zeit, wieder vermehrt in Gespräche mit Antisemiten gelange, könnte ich – im Fernbus von München nach Berlin – diese Versuche eigentlich wieder aufnehmen. Auch wenn ich sehr pessimistisch bin, so versuche ich doch dem „Druckablassen“ einen Mehrwert zu entziehen, fernab von postmoderner Absage an Begriffe und Hinwendung zu Gefühlen. Es spielt nämlich eigentlich gar kein Rolle, wie ich mich fühle, wenn ich Antisemitismus begegne. Manchmal trifft es mich mehr und manchmal weniger, doch das macht den einen Antisemitismus nicht besser und den anderen nicht schlechter.

(Alle sarkastisch dargebrachten Aussagen, die ich als repräsentativ für die gegenwärtige Stimmungslage erachte, habe ich in den letzten paar Tagen so oder so ähnlich mir anhören müssen oder dürfen.)

Wenn ich über Antisemitismus mit Leuten rede, die – aus welchen Gründen auch immer – sich nicht intensiv damit befassen, dann verkennen sie ihn immer wieder. Denn es gibt sie nicht mehr, die Antisemiten. Sie können nämlich keine sein, sie sind alle definitiv „antiantisemitisch“. Das heißt sie haben per Definitionem etwas verinnerlicht, für das es eigentlich permanente kritische Selbstreflexion bräuchte. Tatsächlich ist das ganze Gerede von Antisemitismus sowieso nur das „#mimimi“ von irgendwelchen Juden, die sich damit nur wichtig machen wollen. Die damit doch bloß ein Stückchen vom Glanz von beispielsweise der BDS-Supporterin und „Halbjüdin“ Laurie Penny haben wollen. Schließlich beginnt Antisemitismus bei 6 Millionen toten Juden, frühstens aber wenn jemand direkt von Juden spricht. Ohne Hitler kein Antisemitismus und ohne direkt betroffenen erst dreimal nicht. Wo kämen wir denn dahin, wenn wir das „wehret den Anfängen“ ernst nehmen würden und versuchen würden „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nie wieder sei“? Lohnt sich der ganze Aufwand, den für die paar Juden auf der Welt? Und müssen wir dann alle retten, auch die die sich nicht mit der ihnen zugeteilten Opferrolle zufrieden geben? Auch die, die versuchen sich selbst zu beschützen und den Kampf gegen die antisemitischen Windmühlen aufnehmen? Die nerven nämlich ziemlich. Dieser Chucky Goldstein imaginiert sich eine Welt in der ihn alle hassen zusammen, weil ihm die eigentlich gar nicht antisemitische Realität keine Legitimation für seine Texte oder seinen „Lieblingsschurkenstaat“ gibt.

So oder so ähnlich scheint es sich konsensual verbreitet zu haben. So oder so ähnlich lässt es sich dann auch guten Gewissens mit den Antistemiten von BDS gegen Rassismus demonstrieren. Und diese Demo funktioniert auch ganz pragmatisch und prima, bis jemand „ewig alte Gräben weiter aufreißt“ und sich erdreistet, Antisemitismus als das zu benennen was er ist: Antisemitismus. Die Welt könnte so schön sein und die radikale Linke so „pragmatisch“ und „antirassistisch“, wenn es da nicht diese Juden – ich mein – Antideutsche beziehungsweise Judenfreunde gäbe. Sie reißen die alten Gräben wieder auf und zerstören so die Gemeinschaft. Sie beschmutzen die rote – oder auch Regenbogenfahne mit ihren „lächerlichen Vorwürfen“. Ist doch klar, dass man sich gegen diese „Parasiten“ zu Wehr setzen muss. Was weit weniger klar ist, dass die inneren Widersprüche innerhalb dieser Gemeinschaft existieren und nichts mit irgendwelchen Fremdeinwirkungen zu tun haben. Was erst recht nicht klar ist, dass man selbst seine Befangenheit im System anerkennen muss und auch somit auch die eigene Anfälligkeit für Ideologien.

Und so fühlt man sich ohnmächtig, kann aber diese Ohnmacht nicht erklären. Da die konkrete Analyse eines kapitalistischen Systems und der eigenen Befangenheit darin fehlt. Da die eigene Gemeinschaft (wie auch immer diese dann konkret aussehen mag) auch nicht das Problem sein kann – man ist ja links, queer, kritisch-weiß, of colour oder sonst wie ein besserer Mensch als die anderen. Bleibt logischerweise als Verursacher dieser Widersprüche nur eine als „raumfremde Macht“ wahrgenommene Gruppe oder Person, die außerhalb der Gemeinschaft steht und über so eine enorme Macht verfügt, dass sie entweder „Brunnen vergiftet“ oder „ewig alte Gräben weiter aufreißen“ kann und so den natürlichen Zusammenhalt der eigenen Gemeinschaft ruinieren möchte. Diese „raumfremde Macht“ ist allerdings weiter Teil der eigenen Gemeinschaft, noch der Gemeinschaft des politischen Gegners. Sie steht irgendwo dazwischen. Irgendwo zwischen Trotzkist*innen und Stalinist*innen, Butlerist*innen und Marxist*innen. Kurz um: ohne eigenen Raum – also wie schon erwähnt: „raumfremd“.

So wird Antisemitismus als innerer Widerspruch der Gemeinschaft – entweder nicht erkannt oder ignoriert. Meine beste Freundin kann doch keine Antisemitin sein, mein Genosse ist doch kein Antisemit. Wenn dann doch mal jemand daraufhin weißt, dann wird das als Angriff auf die Gemeinschaft gewertet und die Kritiker müssen sich für etwas rechtfertigen, was eigentlich in Deutschland – sofern man es mit dem „Nie wieder“ ernst nimmt – Konsens sein sollte. Wie können diese „raumfremden“ und sehr mächtigen Kritiker – schließlich kann ihre Kritik Gräben aufreißen und die Gemeinschaft spalten – nur die so liebgewohnene Gemeinschaft angreifen?

Die ehrlich Antwort ist ganz einfach: weil sie sich einen Begriff von Antisemitismus gemacht haben, anstatt ihn ins Reich der Gefühle abzuschieben und so zum individuellen Empfinden werden lassen. Weil dieser Begriff – im besten Falle – universalistisch ist und so keinen Unterschied macht, wenn er da gerade kritisiert. Antisemitismus bleibt Antisemitismus, egal ob von Bushido oder Laurie Penny. Dieser Begriff von Antisemitismus sieht dann zum Beispiel so aus (der Begriff von Antisemitismus ist hier aus einem Vortrag von mir entnommen):

„Antisemitismus ist keine bloße Sündenbock-Ideologie, kein ordinärer Rassismus und erst Recht nie eine Folge von jüdischem Handeln. Er ist auch weder reines Ressentiment, noch reine Ideologie. Das Ressentiment ist gewissermaßen eine Art „negatives Vorurteil“, also ein Vorurteil gegenüber einer bestimmten Person oder Personengruppe das wertend und zwar in einem negativen Sinn ist. Ideologie ist – nach Adorno – ein „notwendiges aber falsches Bewusstsein“ durch das die gegenwärtige Welt legitimiert wird. Der Antisemitismus bewegt sich hier dazwischen: er ist einerseits Welterklärungsideologie für Dichter und Denkverweigerer wie Günther Grass, die einzig und alleine Israel die Schuld am nicht vorhandenen Weltfrieden geben und sich so mit dem Antisemitismus die gesamte Falschheit der gegenwärtigen Welt erklären. Aber er ist auch Ressentiment, wenn zum Beispiel mein ehemaliger Grasdealer mich anruft und mich fragt, ob ich ihm einen Steuerberater empfehlen kann – ich sei ja schließlich Jude.

Antisemitismus ist eine Form von negativer Vergesellschaftung, die gesellschaftliche Widersprüche – wie zum Beispiel Krieg oder Klassengegensätze – scheinbar synthetisieren kann. In Zeiten des NS war es durch ihn möglich, dass sich herrschende Klasse und beherrschte Klasse gemeinsam die Hand reichte, um „auf die Sanktionierung ihrer Wut durchs Kollektiv“ wie auch die Sicherung der eigenen Stellung in der sozialen Hierarchie zu setzen. Sie projezierten die gesellschaftlichen Widersprüche der Moderne (z.B. ungleiche Verteilung des Reichtums) auf die Juden – beziehungsweise auf das was sie eben im modernen Antisemitismus zu Juden machten. Hier zeigt sich die integrative und verkollektivierende Wirkung des Antisemitismus – und dass er eben kein bloßer orginärer Rassismus (Judenhass) oder Religionsfeindschaft (Antijudaismus) ist. In Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung ist einer der wesentlichen Punkte, dass durch den Prozess der Aufklärung und Modernisierung – welcher eng mit der Entwicklung des Kapitalismus verwoben ist – einen Keil zwischen Zivilisation und Natur treibt. Damit ist gemeint das sowohl die innere Natur (zum Beispiel Triebe) beherrscht werden müssen, als auch die äußere Natur (zum Beispiel Licht macht uns unabhängig von Tag/Nacht).

Dadurch stehen Menschen in einem Missverhältnis zur Natur und zur Zivilisation. Während der orginäre Rassismus beziehungsweise koloniale Ideologie – das auf Menschen projezierte Missverhältnis zur Natur – meist Bilder von sexuell-affektuell aufgeladenen Eingeborenen zeigt, die nicht der Rationalität der westlichen Aufklärung entsprechen und deshalb beherrscht werden müssen, gleichzeitig aber auch romantisiert und sehnsüchtig dargestellt werden, hält der Antisemit die Juden für die Hintermänner von Kapitalismus, Krieg, Französischer Revolution – und damit der Moderne überhaupt. Sie werden in seinen Projektionen, wie Adorno schrieb „die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“.

Das Missverhältnis zur Zivilisation wird also auf eine bestimmte Gruppe von Menschen projiziert. Das ist Antisemitismus. Diese Gruppe von Menschen ist – wie der weiter vorne paraphrasierte Aufsatz von Alexander Bein zeigt – historisch die jüdische Schicksalsgemeinschaft. Also die jenigen, die von Antisemiten zu Juden gemacht worden sind.

Antisemitische Semantiken sind nach dem Soziologen Klaus Holz durch eine dreigliedrige Struktur gekennzeichnet, die ich – basierend auf der Arbeit dazu von Marius Mocker in seinem Vortrag „Antisemitismus und Deutschrap“ – kurz erläutern möchte.

1.) Allen Formen des Antisemitismus ist – nach Holz – eine „Dichotomie von Gemeinschaft und Gesellschaft“ gemeinsam. Also ein gegenüberstehen der antisemitischen Gemeinschaft – die sich zum erfüllen eines höheren Zieles zusammengeschlossen hat – und einer Gesellschaft – in der sich Akteure zum verfolgen rein individueller Ziele zusammengefunden haben. Als Vergleichspunkte seien hier die kapitalistische us-amerikanische Gesellschaft und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft genannt. Die Moderne wird als zerstörerische Kraft wahrgenommen, die gegen „angeblich traditionellen, harmonischen und authentischen Lebensformen“ vorgeht. Der Bezugspunkt ist deshalb also immer ein vormodern, der – obwohl er erfundenen ist – „als Gegenbild zur Gegenwart und als Heil für die Zukunft geträumt“ wird. Die Gemeinschaft ist für den Antisemiten die Verwirklichung ihrer Träume – das Ende der Geschichte, ein ewiges Reiche – in dem Solidarität und Integration im Gegensatz zum modernen Individualismus dominieren. Diese paradiesische Gemeinschaft – die als natürliche Ordnung der Dinge wahrgenommen wird – ist einzig und allein bedroht von den zerstörerischen Begleiterscheinungen der Moderne. Und die Personifikationen dieser Moderne sind: die Juden. „Von Geld über Presse bis zu Sexualmoral und Kunst“ stecken hinter Sitten- und Werteverfall die Juden. Als Beispiel sei hier der Vorwurf der Perversion der Gesellschaft gegenüber Sigmund Freud genannt, die bekannte Rothschildverschwörung, das Gerede der jüdischen Kontrolle über die Medien und nicht zuletzt die Entartung der Kunst. Hinter allem stecken die Drahtzieher der modernen Gesellschaft. Ihnen wird vorgeworfen „die gemeinschaftliche Lebensform allmählich [zu] zersetzen“ um schlussendlich die Weltherrschaft an sich zu reisen.

2.) Die eigene Ohnmacht gegenüber den Entwicklungen der Moderne führt zur Projektion von Macht und vor allem explizit politischer Macht auf die Juden. So wird eine Verschwörung der jüdischen Gesellschaft gegen die authentische Gemeinschaft konstruiert, welcher wiederum „jedes nur erdenkliche und als verwerflich beurteilte historische Ereignis“ angelastet wird. Anonyme gesellschaftliche Prozesse werden zu bewusst in Gang gesetzten jüdischen Verschwörungen umgedeutet, deren einziges Ziel es sei die Gemeinschaft „zu entfremden und zu unterwerfen“.

3.) Juden sind hier in gewisser Weiße eine „Figur des Dritten“, welche die binären Strukturen – Identität und Alterität – des Nationalismus durchkreuzt. „Der eigenen Nation stehen die anderen Nationen gegenüber, so daß zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen innen und außen eindeutig unterschieden werden kann.“ Die Juden als von Antisemiten wahrgenommene Gruppe fügen sich nicht in dieses Schema ein, sondern stellen viel mehr eine Bedrohung für dieses dar, da sie als „Inhaber einer weltumspannenden, verborgenen Macht“ anstreben würden die Unterschiede zwischen den Völkern zu zerstören. Juden können in den Augen von Antisemiten hier auch nicht Teil eines anderen Volkes sein – was man sehr deutlich an der Geschichte der deutschen Juden im zweiten Weltkrieg sehen konnte – und werden deshalb zum parasitären, die bisherige Ordnung der Welt zersetzenden, Dritten. Die einzige Möglichkeit innerhalb dieser Logik mit den Juden umzugehen ist demnach auch eine eliminatorische Möglichkeit. Da die Juden als zersetzender „Feind“ der bisherigen Ordnung gedeutet werden, welcher sich nicht integrieren kann, bietet sich nur noch die Möglichkeit der „>>Entfernung< < der Juden, sei es als rechtliche oder physische Isolierung, sei es als Tötung“. Nicht nur um der eigenen Wir-Gruppe sondern „auch anderen Völkern, Rassen und Religionen [wird] bescheinigt, von >>Juden< < bedroht zu sein“. Der Antisemitismus wird so in die unterschiedlichsten Teile der Erde exportiert, dort kommuniziert und praktiziert.“

Dieser Begriff, im besten Falle noch universalistisch angewandt, lässt einen nicht nur die kapitalistischen Widersprüche innerhalb einen Gemeinschaft erkennen und der daraus wachsende Antisemitismus, sondern eben auch das die Reaktionen auf die Kritik des Antisemitismus selbst antisemitisch sind. Wie beispielsweise bei @flecks, der nicht den Antisemitismus als Problem sieht sondern viel eher die linke Gemeinschaft bedroht sieht von den Kritikern des Antisemitismus. Mit Hilfe dieses Begriffes, lässt sich dann auch analysieren, wie in Antifagruppen, Squats, Peergroups und sonstige Formen von linken Gemeinschaften Antisemitismus wächst und nicht begriffen wird. Sei es weil es für sie erst Antisemitismus ist, wenn sich diese Dreigliedrigkeit auf konkrete Juden – nicht Zionisten – entlädt. Sei es, weil nicht wissenschaftliche Analysen sondern die Zugehörigkeit zur jüdischen Schicksalsgemeinschaft Antisemitismus definieren. Die Konsequenz ist jedoch die gleiche: Kritiker*innen von Antisemitismus müssen sich dafür rechtfertigen und selbst überzeugte Definitionsmachtanhänger*innen verlangen dann – ganz im Widerspruch zur ihrer eigentlichen Überzeugung – von Juden eine detaillierte Begründung, inklusive Rechtfertigungen warum man den Vorwurf erhebt. Im schlimmsten Falle wird die Kritikerin dann auch noch gleich Opfer einer wüsten antisemitischen Hetze – wie Merle Stöver.

Ein Anfang wäre es vielleicht – und das ist neben allgemeinem Druckablassen das Hauptziel dieses Eintrags – , sich einen Begriff vom großen A zu machen. Einen Begriff über den man diskutieren kann, über den man streiten kann und sogar muss. Allerdings auch einen Begriff, der die fadenscheinigen Ausreden man übe nur politische Kritik – was auch Treitschke tat, als er „die Juden sind unser Unglück schrieb“ – , man sei „Halbjüdin“ oder man schere sich nicht um Religionen, als das entlarvt was sie sind: Ausreden, weil es in Deutschland keine Antisemiten mehr geben kann und darf. Per Definitionem sind sie alle automatisch „antiantisemitisch“ und weil sie das sind, betonen sie es so oft es geht und reden nicht über Israel, ohne es entweder zu dämonisieren, delegitimieren oder doppelte Standards anzusetzen.

Rede vom 16.10.2015 vor dem Kanzleramt

Am 16.10.2015 haben dutzende Antisemit*innen angekündigt vor dem Kanzleramt für eine dritte Intifada zu demonstrieren. Auf der Gegenkundgebung organisiert von der Bezugsgans Zugezogen habe ich gemeinsam mit Theresa (Teil von Hinter den Brüsten) eine Rede gehalten, die im wesentlichen auf einer Rede des LAK Shalom Berlins von den diesjährigen Protesten gegen den Al Quds Marsch basierte.

Wir stehen heute nicht hier, weil wir Kanzler*innengarde spielen möchten oder die deutsche Staatsräson verteidigen möchten. Wir stehen hier im Wissen, dass Deutschland mit Israels größtem Feind Handel betreibt. Wir stehen hier im Wissen, dass der Vizekanzler die antisemitische Mär vom Apartheidsstaat verbreitet. Wir stehen hier aus einer anderen Israelsolidarität als die der Bundeskanzlerin. Wir stehen hier aus kommunistischer und antifaschistischer Überzeugung, dass solange es Staaten gibt es einer jüdischen Schutzmacht bedarf und nicht weil unsere Israelsolidarität auf geopolitischen Interessen basiert und eine Legitimationsgrundlage des post-nazistischen Deutschlands ist. Die Aussage Konrad Adenauers aus dem Jahr 1965 bringt eben jenen deutschen postnazistischen Zeitgeist auf den Punkt:

“Die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen. Und daher habe ich sehr überlegt und sehr bewusst – und das war von jeher meine Meinung – meine ganze Kraft daran gesetzt, so gut es ging, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen dem jüdischen Volk und dem deutschen Volk.”

Wiedergutmachung ohne Schuld! Ohne ein Eingeständnis des eigenen Verbrechens an Sechs Millionen Juden und Jüdinnen und vor allem mit einer antisemitischen Verschwörungstheorie vom großen jüdischem Machteinfluss in Amerika wird die Israelsolidarität begründet. Keine Spur von Reue, nur der Wunsch nach Westbindung. Geopolitische Strategie statt Antifaschismus.

Der heutige Antisemitismus in der BRD – zum Beispiel letzten Sommer – wird den arabischen Migrant*innen oder arabischen Staaten und deren Einwohner*innen zugeschrieben und man halluziniert sich so ein Deutschland das die christlich-jüdischen Werte gegen antisemitische Muslime verteidigen muss herbei, womit man die Jahrhunderte alte antisemitische Tradition dieses Landes einfach wegdefiniert. Antisemitismus wird zum Importgut verklärt, obwohl doch gerade der Antisemitismus der Hamas oder des Irans ein deutscher Exportschlager war.

Der Antisemitismus muss nicht importiert werden, denn er hat hier seine ideologische Heimat. Vom antisemitischen Nationalisten und Turnvater Jahn – nach dem heute noch Stadien und Straßen benannt sind – über den Historiker Treischke, über diegerne vergessene Judenzählung im ersten Weltkrieg verläuft eine antisemitische Kontinuität, die im Nationalsozialismus nicht ihren Anfang sondern nur ihren traurigen Höhepunkt fand.

Diese Kontinuität brach allerdings mit Nichten 1945 ab. Der Antisemitismus war nicht plötzlich verschwunden. Er lebt weiter in der Mitte der Gesellschaft. Egal ob Adenauer, Grass, Fischer, Walser, Möllemann, Augstein oder Gabriel. Egal ob Süddeutsche Zeitung oder TAZ. Antisemitismus gehört zu Deutschland, wie Laugengebäck, Herrschaft, der Volkswagen und Vernichtung. Nur die Projektionsfläche und die Mittel hat sich gewandelt. Aus Juden wurden Zionisten, statt militärisch wird Europa nun wirtschaftlich unterjocht und statt Juden selbst zu vergasen – wofür man Applaus fordert, als ob es nicht eine Selbstverständlichkeit wäre keine Juden zu vergasen – möchte man ihnen untersagen sich zu Verteidigen. Bereits 2013 hielt die Autonome Neuköllner Antifa auf dem Al Quds Tag fest:

„Eine im Herbst 2012 veröffentlichte Untersuchung belegt, dass in allen den Nahost-Konflikt behandelnden deutschen Schulbüchern eine klare Rollenverteilung von israelischen Tätern und palästinensischen Opfern konstruiert wird. Generell wird Israel die Schuld an Gewalt und dem Konflikt generell gegeben. Gleichzeitig findet sich in allen untersuchten Schulbüchern nicht ein einziger Hinweis darauf, dass die Hamas Israel und alle Jüdinnen und Juden vernichten will. Es wirkt fast so, als wolle der deutsche Staat alles tun, um die Tradition des deutschen Antisemitismus und Antizionismus auch für die Zukunft zu bewahren. Die Souveränität und das Existenzrechts Israels werden im deutschen Diskurs permanent angegriffen. Während deutscher Menschenrechtsbellizismus anderswo militärische Interventionen mit Auschwitz rechtfertigt, muss sich der Staat der Auschwitz-Überlebenden immer wieder der deutschen Friedensliebe erwehren. So lacht das deutsche Friedensherz, wenn Günter Grass Israel zum allein Schuldigen am Nahostkonflikt und zum Feind des Weltfriedens erklärt. Gern wird in Deutschland auch das Ressentiment gegen Israel als Sorge um die Menschenrechte getarnt. So unterstützt eine Reihe von Mitgliedern staatstragender Parteien antiisraelische Boykottinitiativen wie die von Pax Christi organisierte Kampagne „Besatzung schmeckt bitter“. Die Grünen forderten im Frühjahr dieses Jahres gar eine besondere Kennzeichnung israelischer Produkte und leisteten damit den antiisraelischen Boykottmaßnahmen in guter deutscher Tradition Vorschub.”

Trotz der teilweisen Israelsolidarität aus geopolitischen Erwägungen und als Legitimationsideologie fordern deutsche Parteien die Kennzeichnungspflicht für israelische Waren – die moderne Form der Forderung „kauft nicht bei Juden“ – und verbreitet mit letzter Tinte: „Israel ist unser Unglück!“

Wo eine Welt ohne Antisemitismus angestrebt wird, müssen die deutschen Verhältnisse überwunden werden, denn in diesen fühlen sich Antisemiten egal welcher Herkunft sehr wohl.

Der Hauptfeind ist und bleibt das eigene Land.
Israel bis zum Kommunismus.
Nie wieder Deutschland.

Weiterführendes zum Thema:
-> Wiedergutmachung ohne Schuld