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A few thoughts on „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“.

Ausgangspunkt: „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“

Ich weiß nicht ob ich damit vielleicht komplett auf dem Holzweg bin, aber ich finde Diederichsen Ansätze gegenwärtige Konflikte – insbesondere den zwischen AFD/Pegida & Islam – auch als Identitätskonflikte zu begreifen relativ interessant und versuche im folgenden mal meine Gedanken dazu zu verschriftlichen, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Um Diederichsens Theorien nutzbar zu machen, bedarf es natürlich diverser Ergänzungen – wie eine Analyse der Entsubjektivierung (was bei der Bahamas seit längerem ja sehr stark vertreten ist), aber auch psychoanalytischer Analysen von Autoritarismus/Faschismus und marxistischen Analysen von Kultur.

Bei Diederichsen wird Pop ja als „Identität auf Probe“ (siehe „Über Pop-Musik“) begriffen. Das heißt das man mittels des Konsum von popkulturellen Produkten eben – anders als beim Konsum von hochkulturellem oder populärkulturellem – auch in eine Rolle schlüpft. Man hört kein Rap, man ist Hip Hop. Diederichsen begreift Pop da auch eben als Jugendkultur, was in diesem Kontext heißt, dass in der jugendlichen Phase der Selbstfindung man dann irgendwann seine „Jugendkultur“ gefunden hat und sich in ihr verortet fühlt & mittels beispielsweise Musik sich zur Entspannung aus dem kapitalistischen Alltag, wieder in diese Zeit zurück begibt.

Anfangs sah er darin noch ein subversives Potenzial – was viele heute noch in Popmusik sehen – jedoch hat er sich davon spätestens in seinem Aufsatz „the Kids are not allright“ (im Angesicht von Rostock-Lichtenhagen) distanziert. Und spätestens als er verkündete „Alles ist Pop“ (1998) hat er sich vom subversiven Potenzial verabschiedet. Mittlerweile spricht er diesbezüglich auch von einer „Zweiten Kulturindustrie“ (bei Adorno war das Radio das Grundrauschen und das Kino das Besondere, bei ihm verschiebt sich das: Fernseher (audiovisuelle Bilder) sind das allgemeine Grundrauschen und Popmusik ist dabei der Ausbruch). An dieser Stelle ist eben auch mit Roger Behrens zu ergänzen, dass Pop zum permanenten Alltag wird und so eben den Alltag selbst als „Flucht auch dem Alltag“ erscheinen lässt.

Identiäten sind dabei eben einerseits auch die Währung (in der die Ware „Mensch“ verkauft wird) und gleichzeitig die Rückzugsorte vor eben jenem Alltag (in dem sich die Ware „Mensch“ anbieten muss). Gerade im Bezug auf gegenwärtige Entstehung von salafistischen Identitäten und Jugendkulturen sollten Ansätze/Aussagen wie: „Es gibt eine lange Geschichte der beleidgten Rekonstruktion traditioneller Männlichkeit in HipHop und auch schon im Rock, die politisch nach allem greift, was die Demütigung lindert. Diese Demütigung hat auch mit realen Dingen zu tun, der Abwertung körperlicher Arbeit und damit verbundener Skills zum Beispiel. Doch, wenn man sich die Opposition AfD versus Islamismus ansieht, dann hat man es mit zwei rechten Bewegungen zu tun. Und der Begriff autoritär ist mir da zu wenig. Islamismus ist rechtsradikal, genauso wie die AfD. Religiös geführte wie auch territoriale Auseinandersetzungen bringen immer zwei rechtsradikale Gruppierungen hervor, weil beide sich über patriarchale und neo­traditionelle Inhalte definieren. Beide haben einen ähnlichen Bezug zu ihren Kampfgründen, auf der Ebene ihrer identitären Begriffe sind sie sich einig. Neotraditionell, weil sie sich auf ältere, zum großen Teil auch erfundene Erzählungen und Überlieferungen berufen, die abgebrochen oder unterbrochen sind.“ diskutiert werden.

Dabei wird eben dieser Kampf der Identitäten durch Critical Whiteness und Co noch befördert, die Identitäten zum verteidigungswerten Gut erhöhen, ihre Gemachtheit leugnen und mittels Authentizitätsideologien eben hinter das moderne an den Identiäten (das sie wie Diederichsen sagt „auf Probe“ sind, sich warenförmig mittels Konsum generieren [was ja auch bei Frank Apunkt Schneider eine zentrale These ist, weswegen er Pop in seiner amerikanischer Ausprägung als „natural born antideutsch“ bezeichnete] zurückwollen. Und jeder vermeintliche Angriff auf diese Idenitäten als „Übegriff“ gewertet wird.

Diederichsen wertet den Konflikt zwischen zweier „rechter Ideologien“ (die Kritik an seiner Begrifflichkeit rechts/links ist sicher angebracht, jedoch wertet er eben Islam und ADF/Pegida beide darunter ein) als in territorialen um „kulturelle Hegemonie“ (wo eben hier Gramsci beispielsweise eine Ergänzung von Diederichsens Theorie sein könnte): „Dabei sind beide für dieselbe Sache, sind beide Nationalisten – nur der Vaterlandsverräter irritiert sie. Für das Patriarchat, für die Unterdrückung, gegen Emanzipation, der Streit geht ja nur ums konkrete Territorium, nicht um Werte, da könnten sich Putin, Erdogan, Trump, Hofer und die AfD den ganzen Tag die Hand schütteln. Der Kampf AfD, Pegida, Rechte gegen den Islam ist genauso. Strukturell unterscheiden die sich kaum.“

Das Problem in dem sich Kommunisten hier dann befinden, ist dass es ihnen eben nicht um Territorien geht, sondern um eine globale Abschaffung des Kapitalismus samt seiner autoritären Krisenbewältigungsstrategien : „Der Streit zwischen links und rechts ist dagegen ein grundsätzlicher. Der linke Kampf gegen Rechte geht nicht um Territorien. Es geht dabei um Inhalte und Ideale. Das versucht die Rechte auszublenden, ihr ewiger Punkt ist, dass auch die Linke und der Vaterlandsverräter in Wirklichkeit irgendein Territorium beanspruchen. Dabei ist der Konflikt asymmetrisch.“

Just a piece of hate.

Vor ein paar Wochen habe ich versucht meine Wut über gewisse Zustände in der kritischen Netzgemeinde in ein Word-Dokument gepresst. Weil es einfach nur Hass ist, der vor allem als Distinktionsbedürfnis verstanden werden wird, wollten ihn das dafür bestimmte Online-Mag nicht. Irgendwie fände ich es aber zu schade, wenn er auf meine Festplatte vergammelt.

Die bürgerliche deutsche kritische Twittergemeinde bleibt sich treu. Bloß nicht das System hinterfragen, sondern lieber dafür kämpfen und tweeten, dass es eine jede Identität in diesem System irgendwie lebenswert hat. Schon irgendwie doof arbeiten zu müssen, aber das liegt ja in der (zweiten) Natur der Dinge. Aber wenn alle genau gleich beschissen fürs ausbeuten lassen entlohnt werden, dann ist die Welt ein bessere Ort.

Kein Wunder also, dass die Reaktionen auf die AFD wahlweise ein positiver Bezug auf irgendwelche parlamentarischen Kräfte ist oder der gute alte Schrei nach Bildung(sarbeit). Karl Marx hätte sie wahrscheinlich Apologeten ihrer Klasse genannt, wenn er ihre Versuche, die Konsequenzen des Kapitalismus mit demokratischen Spielchen aufzuhalten, gesehen hätte. Wie so oft, kann man Karl Marx hier durch aus zu stimmen.

Die wenigen (meist nennen dieses sich dann „Antideutsch“) unter ihnen, die noch irgendwie ein Interesse an der freien Assoziation oder an der befreiten Gesellschaft zu haben scheinen, betonen immer wieder – mit Bezügen auf Adorno-Texte die kaum jemand je gelesen hat – das diese gerade nicht möglich sei und verzichten so darauf sich weiter damit zu befassen. Sie verweisen auf das Bilderverbot von Adorno, ohne sich aber – wie er es forderte – stattdessen einen Begriff zu machen. Die meisten allerdings beziehen sich nicht einmal pro Forma auf irgendetwas, dass die kapitalistischen Zumutungen und all ihre Konsequenzen aufheben würde. Sie belassen es dabei – wie es sich für Apologeten ihrer Klasse gehört – dem ganzen ein irgendwie geartetes menschliches Antlitz verleihen zu wollen.

So und so verwundert es auch nicht weiter, wenn ein Grüner in seinem Blog mittels Statistiken den Wahlerfolg der AFD auswertet und erst mal richtigerweise feststellt, dass „eine von drei U30-Jährigen, die gestern in Sachsen-Anhalt zur Wahl gingen, ihre Kreuze bei der AfD“ machte und diese damit „einsame Spitzenreiterin in dieser Altersgruppe“ ist. Um dann mit „Perspektiv- und Jugendarbeitslosigkeit“ – an der seine Partei alles andere als unverantwortlich ist – zwar mögliche Ursachen noch zu erkennen, aber als Lösung eben nicht die soziale Frage stellt, sondern bemängelt, dass seine Generation gar nicht „tolerant, weltoffen und progressiv ist“. Anstatt wenigstens demokratie-naiv von den Parteien eine Sozialgesetzgebung zu fordern, um erst einmal die Existenz der Menschen sichern zu können, sieht der die „Verantwortung in der Politik, in der politischen Jugendbildungsarbeit und in allen großen Parteijugendorganisationen“ darin, dass man mit guten Worten verhindert, dass die Zukunft dem Hass gehört. Als wäre faschistoides Gedankengut einfach nur Hass und nicht eine autoritäre auf kapitalistische Krisen.

Dabei ist die Erkenntnis, dass autoritäre Verschärfung oder der Wunsch danach, vor allem deshalb funktionieren, weil sie ein (faschistisches) Versprechen von Sicherheit in Zeiten kapitalistischer Unsicherheit sind, keine besonders neue. In seiner Analyse des Nationalsozialismus schrieb Herbert Marcuse bereits: „In der weiteren Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde Freiheit in zunehmenden Maße entweder zur Freiheit der Wahl zwischen Lohnarbeit und Hungertot, oder sie nahm die Form allgemeiner Unsicherheit […] an. Kein Wunder, daß die Massen sich leicht für ein System begeistern ließen, in dem diese Art von Freiheit durch kontrollierte Sicherheit ersetzt wurde.“ Oder es zumindest propagiert wurde.

Ähnliches lässt sich auch bei Daniel Kullas Analyse der aktuellen „Erfolge der AFD“ wieder finden. Die AFD ist in der Lage, die vermeintliche Lösung für die Unsicherheiten – die ein kapitalistisches System und seine demokratischen Vertreter*innen (zur Erinnerung beinahe alle größeren Parteien unterstützten den Sozialabbau im Zuge der Agenda 2010) schaffen – anzubieten. Ernüchternd und richtigerweise stellt Kulla fest:„Die autoritäre Verschärfung wird den Leuten stets angeboten, Klassenkampf und Kommunismus nicht.“

Doch diese Erkenntnisse werden entweder ignoriert oder kommen erst gar nicht zu Stande. Zu wirkmächtig ist die bürgerliche Ideologie und der Glaube an die Demokratie, als das diese in Verantwortung gezogen werden könnte. Auch wenn – auch das erklärt Marcuse in seinen Feindanalysen – die falsche Freiheit der bürgerlichen Demokratie sicherlich jedweder Form von Faschismus oder autoritärer Gesellschaftsform vor zu ziehen ist, so ist diese doch als Mittel im Kampf gegen den Faschismus immer nur temporär von Nutzen.

Langfristig ist die einzige Möglichkeit gegen das faschistische Sicherheitsversprechen vorzugehen, der radikale Ansatz die Unsicherheit auf die damit reagiert abzuschaffen. Sie abzuschaffen, in dem für alle gekämpft wird, das Kapitalverhältnis aufgehoben wird, nach den Bedürfnissen der Menschen produziert wird und die befreite Gesellschaft so Schritt für Schritt errichtet wird. Kurz um, als Alternative eben nicht Nationalismus und autoritäre Verschärfung, sondern eine tatsächlich freie Gesellschaft anzubieten. Oder um es mit Ernst Busch zu sagen: „..dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft die sozialistische Weltrepublik!“

Wolfs vs. Kretschmann

Wolf versus Kretschmann.

Duell der schwäbischen Biederkeit.

Grim104 sagte mal in Anlehnung an einen furchtbaren heimatverherrlichenden Track von Samy Deluxe: „Dis is wo ich herkomm, Samy halt dein Maul. Du hingst cool mit deiner Clique, ich hing tot über dem Zaun.“ Einem von vielen Sätzen, die er über Dorfjugend gesagt hat, denen ich mich voll anschließen kann. Einzig und allein das Meer – das bei ihm wohl präsent war – gab es bei mir nicht. Ich komm aus dem Süden. Um genau zu sein aus dem Landkreis Böblingen bei Stuttgart und bin dann – wie Kraftklub es singen – nach Berlin gezogen. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe das rechtfertigen zu müssen, so liefert die Rechtfertigung doch das baden-württembergische TV-Duell.

Viel lässt sich über Schwabylon sagen – das wichtigste wird wohl in den Büchern „Lokalhelden“ und „501 – ein DJ auf Autopilot“ und in einem anderen Song von Samy Deluxe gesagt. „Ich frag mich im Moment, warum hat Stuttgart zu viel Polizei“ ist eine von Kiffern berechtigterweise gestellte Frage und auch diese Antwort liefert das TV-Duell zwischen einem Ministerpräsident, der einst mit Cannabis Enkriminalisierungsversprechungen im Wahlkampf bei Studierenden im Ländle punkten konnte.

Das Deutschland in Sachen Spektakel den Staaten weit hinter her hinkt, dass mag viele Gründe haben. Die Ontologie der deutschen Ideologie mag sicherlich einer sein. Schließlich ist etwas um seine Sache selbst tun in Deutschland immer noch hoch angesehen. Schließlich ist die Kritik am amerikanischen Kapitalismus nicht der Kapitalismus, sonder das aufbauschen des Produktes mit Werbung, Verpackung und allerlei Schnick Schnack. So als ob es ohne das alles weniger entfremdet wäre und dadurch mit sich selbst identisch wäre. Mit viel Ideologie lässt sich das sicherlich denken.

Ich denke also an Gore Vidal, während ich den Livestream anschalte. Und feststelle: in Baden-Württemberg ist das Spektakel nochmal ein ganzes Stück weniger präsent. Schwierig zu sagen, ob das ideologisch tatsächlich deutsch ist oder einfach nur der skurrile Versuch von Seriösität im Dritten. Angetreten sind Kretschmann, der wie eine Kettensäge seine Phrasen losrattert und Wolf, der irgendwie ganz putzig ist.

Der erste Punkt über den sie Streiten ist Polizei und Verfassungsschutz. Kretschmann versucht sich mit dem umfassenden Ausbau beider Strukturen zu brillieren, während Wolf ihm vorwirft das nicht genug getan zu haben. Streitfragen in Baden-Württemberg. Deine Frage dürfte beantwortet sein Samy, oder?

Beim zweiten Punkt der Bildungsreform schalte ich ein bisschen ab. Phrasendrescherei wie sie überall hätte passieren können. Schule als Vorbereitung aufs Berufsleben und der Vorwurf von Wolf, die studentischen Grünen würden zu sehr auf gymnasiale Schulbildung setzen und die berufsvorbereitenden Realschulen würden aussterben. Das ist zwar nicht gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes, wohl aber mit dem Untergang des schwäbischen Handwerkerleins, also dem schwäbischen Geist, also dem Geist des Protestantismus und der Seele des Kapitalismus (auch wenn ich den Max Weber Bezug hier nur um des Wortspiels Willen gemacht habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen um dafür zu plädieren seine Untersuchung materialistisch auf den Kopf zu stellen: die Schwaben und Angelsachsen haben sich die entsprechende Glaubensform für ihre materiellen Bedürfnisse geschaffen und nicht etwa umgekehrt).

Duell der Biederkeit trifft es wohl am Besten: Berufsintegration und Polizei sind die beiden Themen die bei mir hängen geblieben sind. Bis der Schluss kommt. Ein wahrhaftes vom SWR clever durchdachtes Finale. Der Moderator beginnt Sätze und die Kontrahenten müssen diese beantworten. Ein Unterfangung das nun gar nicht so leicht ist, wie es klingen mag. Denn es gilt das für einen baden-württembergischen Ministerpräsidenten erforderliche Profil zu zeigen. Wie schon bei der Abstimmung zur Zusammenlegung scheint man auf badische Stimmen nicht wirklich wert zu legen, denn das Biedermeiertum von beiden Herren, dass hier zur Schau gestellt wird, wird lediglich durch schwäbische Lokalfollklore ergänzt und nicht durch badische.

Und so erfahren wir, dass Kretschmann bei einem Pils sich entspannen kann, dass Wolf sollte er nicht Ministerpräsident werden als Trainer des VfB Stuttgarts dem Ländle in anderer Weise dienen möchte, dass Kretschmann sollte er wieder mehr Zeit zum heimwerkeln ein Schaukelpferd für seine Enkelin bauen wird, dass Wolf gerne Kuddeln mit Kretschmann isst, dass Kretschmann über Wolfs Gedichte lachen kann, die Wolf wiederum schreibt um den Kopf frei für Politik zu bekommen.

Und jetzt lest euch den letzten Abschnitt noch einmal durch und bedenkt dabei, dass es um das TV-Duell zur Wahl in einem der wirtschaftsstärksten Bundesländern Deutschlands geht. Um das Bundesland, nach dessen Selbstverständnis mit dem VfB und der TSG Hoffenheim zwei Vereine um die internationalen Plätze der Bundesliga mitspielen sollten. Das Bundesland aus dem Mercedes, Porsche und auch SAP kommen. Das Bundesland dessen Hauptstadt den deutschen Rap Jahre lang maßgeblich geprägt hat. Bedarf es noch weiterer Ausführungen?

Pete.

Bevor ich seine Musik kannte war ich in Pete verliebt. MTV und seine News mit Markus Kavka brachten nicht nur die Liebe meines Lebens Deutschrap in mein Kinderzimmer, sondern auch Pete Doherty, seine Drogenexzesse und auch Fuck Forever. Gutaussehende, abgefuckte, aber gut angezogene britische Typen hüpften auf der Mattscheibe umher und brachten mir Musik in meinen Gehörgang, dessen Refrain wohl immer ein Teil mein – aus popkulturellen Splittern geformten – Identität sein wird.

Burger, Tatoos und Rockmusik ist das Motto des White Trash. #SoBerlin. 15€ kostet die Abendkasse für das Spontankonzert. 10€ ein mittelmäßiger Burger mit Pommes, der irgedwann mal irgendwie angeblich der beste Burger Berlins gewesen sein soll. 3€ wiederum der Glühwein, den wir trinken während wir uns in einem Ofen im Raucherbereich aufwärmen.

Das Konzert beginnt nicht mit Pete, sondern irgendeinem Saufkumpanen von selbigen der ein wirklich schlechtes Gedicht mit ordentlich britisch Accent ins Mikrophon röhrt. Auf der Bühne steht ein Tisch mit einer Schreibmaschine. Pete ist irgendwann auch mal der Künstler gewesen, der hier mit Whiskey, Klampfe und Schreibmaschine inszeniert werden soll. Seine Bilder, Tagebücher, Gedichte und Laptoprecordings zeugen wahrscheinlich noch ein bisschen mehr davon, als die Hymnen die er mit den Libertines und den Babyshambles geschrieben hat. Doch die Kulturindustrie gewinnt immer. Aus dem Poeten wurde ein Junkie und der Junkie wurde vermarktet. Die klassische Story mit ihren individuellen persönlichen biographischen Elementen.

Wen ich mir den betrunkenen Pete und seinen Gedicht vortragenden Freund – der immer wieder auf die Bühne kommt und seine Gedichte vorträgt anschaue und dabei das Publikum im Hinterkopf behalte, das nach einer Dienstleistung lechzt, das einfach nur ein paar Hits intim vorgetragen auf der Akustikklampfe mitsingen möchte und die wohl dosierte authentische Atmosphäre in dieser merkwürdigen zum Restaurant umgebauten Halle mitnehmen möchte, dann kann ich den Abend als ganzen als großes Kunstwerk betrachten.

Von der Kulturindustrie abgerichtete Konsumenten erwarten ihre Dienstleistung – mich eingeschlossen und Pete klimpert wenig kraftvoll eher unbekanntere Songs, nuschelt ins Mikrophon und lässt seinen Kumpel Gedichte vortragen. Bevor seine derartige künstlerische Darbietung – damals noch in Wohnzimmern vorgetragen – zum Produkt der Kulturinstudrie wurde, sah sie wahrscheinlich genauso aus. Nur kraftvoller, nur energischer, nur lustvoller, nur nicht so abgestumpft.

Ich ernte dafür, dass ich zur merkwürdigen Darbietung tanze, mich angeregt über selbige mit meiner Begleitung unterhalte, immer wieder böse Blicke von Perlenohringsmädchen, die wohl als bestes Exempel dafür gelten, was ein Großteil des Publikums erwartete. Ein Großteil des Konzertes auf die versprochene Dienstleistung wartend, zwingen sie sich den authentischen Moment – der vielleicht ein bisschen zu authentisch für ihren Geschmack ist – zu genießen. Wirklich glücklich sehen sie dabei erst aus, als sie mit geschlossenen Augen zum letzten Song tanzen. Sie singen den einzig wirklich kraftvoll vorgetragenen Song innbrünstig mit. Würde man ihre aufgesetzte Attitüde, die bösen Blicke für die Menschen die es wagen das Konzert tatsächlich als das zu genießen was es ist und den ganzen Rest ignorieren, könnte man fast glauben, dass sie hinter der euphorisch mitgesungenen Textzeile „I‘m Fuck forever“ stehen. Doch sie erfreuen sich nur daran, dass die Kulturindustrie ihr Bedürfnis nach Dienstleistung nachgegangen ist.

A sagt, dass man merke das er einst ein großer seiner Zunft war. Heute ist er ein Abziehbildchen seiner selbst, dass als Dienstleister fungiert und doch ein Rest Widerstand sich bewahrt. Das bisschen Rest Würde, das man sich eben noch behalten kann, wenn man so dringend Geld braucht, dass man ein Spontankonzert für 15€ im White Trash spielt.