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Wolfs vs. Kretschmann

Wolf versus Kretschmann.

Duell der schwäbischen Biederkeit.

Grim104 sagte mal in Anlehnung an einen furchtbaren heimatverherrlichenden Track von Samy Deluxe: „Dis is wo ich herkomm, Samy halt dein Maul. Du hingst cool mit deiner Clique, ich hing tot über dem Zaun.“ Einem von vielen Sätzen, die er über Dorfjugend gesagt hat, denen ich mich voll anschließen kann. Einzig und allein das Meer – das bei ihm wohl präsent war – gab es bei mir nicht. Ich komm aus dem Süden. Um genau zu sein aus dem Landkreis Böblingen bei Stuttgart und bin dann – wie Kraftklub es singen – nach Berlin gezogen. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe das rechtfertigen zu müssen, so liefert die Rechtfertigung doch das baden-württembergische TV-Duell.

Viel lässt sich über Schwabylon sagen – das wichtigste wird wohl in den Büchern „Lokalhelden“ und „501 – ein DJ auf Autopilot“ und in einem anderen Song von Samy Deluxe gesagt. „Ich frag mich im Moment, warum hat Stuttgart zu viel Polizei“ ist eine von Kiffern berechtigterweise gestellte Frage und auch diese Antwort liefert das TV-Duell zwischen einem Ministerpräsident, der einst mit Cannabis Enkriminalisierungsversprechungen im Wahlkampf bei Studierenden im Ländle punkten konnte.

Das Deutschland in Sachen Spektakel den Staaten weit hinter her hinkt, dass mag viele Gründe haben. Die Ontologie der deutschen Ideologie mag sicherlich einer sein. Schließlich ist etwas um seine Sache selbst tun in Deutschland immer noch hoch angesehen. Schließlich ist die Kritik am amerikanischen Kapitalismus nicht der Kapitalismus, sonder das aufbauschen des Produktes mit Werbung, Verpackung und allerlei Schnick Schnack. So als ob es ohne das alles weniger entfremdet wäre und dadurch mit sich selbst identisch wäre. Mit viel Ideologie lässt sich das sicherlich denken.

Ich denke also an Gore Vidal, während ich den Livestream anschalte. Und feststelle: in Baden-Württemberg ist das Spektakel nochmal ein ganzes Stück weniger präsent. Schwierig zu sagen, ob das ideologisch tatsächlich deutsch ist oder einfach nur der skurrile Versuch von Seriösität im Dritten. Angetreten sind Kretschmann, der wie eine Kettensäge seine Phrasen losrattert und Wolf, der irgendwie ganz putzig ist.

Der erste Punkt über den sie Streiten ist Polizei und Verfassungsschutz. Kretschmann versucht sich mit dem umfassenden Ausbau beider Strukturen zu brillieren, während Wolf ihm vorwirft das nicht genug getan zu haben. Streitfragen in Baden-Württemberg. Deine Frage dürfte beantwortet sein Samy, oder?

Beim zweiten Punkt der Bildungsreform schalte ich ein bisschen ab. Phrasendrescherei wie sie überall hätte passieren können. Schule als Vorbereitung aufs Berufsleben und der Vorwurf von Wolf, die studentischen Grünen würden zu sehr auf gymnasiale Schulbildung setzen und die berufsvorbereitenden Realschulen würden aussterben. Das ist zwar nicht gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes, wohl aber mit dem Untergang des schwäbischen Handwerkerleins, also dem schwäbischen Geist, also dem Geist des Protestantismus und der Seele des Kapitalismus (auch wenn ich den Max Weber Bezug hier nur um des Wortspiels Willen gemacht habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen um dafür zu plädieren seine Untersuchung materialistisch auf den Kopf zu stellen: die Schwaben und Angelsachsen haben sich die entsprechende Glaubensform für ihre materiellen Bedürfnisse geschaffen und nicht etwa umgekehrt).

Duell der Biederkeit trifft es wohl am Besten: Berufsintegration und Polizei sind die beiden Themen die bei mir hängen geblieben sind. Bis der Schluss kommt. Ein wahrhaftes vom SWR clever durchdachtes Finale. Der Moderator beginnt Sätze und die Kontrahenten müssen diese beantworten. Ein Unterfangung das nun gar nicht so leicht ist, wie es klingen mag. Denn es gilt das für einen baden-württembergischen Ministerpräsidenten erforderliche Profil zu zeigen. Wie schon bei der Abstimmung zur Zusammenlegung scheint man auf badische Stimmen nicht wirklich wert zu legen, denn das Biedermeiertum von beiden Herren, dass hier zur Schau gestellt wird, wird lediglich durch schwäbische Lokalfollklore ergänzt und nicht durch badische.

Und so erfahren wir, dass Kretschmann bei einem Pils sich entspannen kann, dass Wolf sollte er nicht Ministerpräsident werden als Trainer des VfB Stuttgarts dem Ländle in anderer Weise dienen möchte, dass Kretschmann sollte er wieder mehr Zeit zum heimwerkeln ein Schaukelpferd für seine Enkelin bauen wird, dass Wolf gerne Kuddeln mit Kretschmann isst, dass Kretschmann über Wolfs Gedichte lachen kann, die Wolf wiederum schreibt um den Kopf frei für Politik zu bekommen.

Und jetzt lest euch den letzten Abschnitt noch einmal durch und bedenkt dabei, dass es um das TV-Duell zur Wahl in einem der wirtschaftsstärksten Bundesländern Deutschlands geht. Um das Bundesland, nach dessen Selbstverständnis mit dem VfB und der TSG Hoffenheim zwei Vereine um die internationalen Plätze der Bundesliga mitspielen sollten. Das Bundesland aus dem Mercedes, Porsche und auch SAP kommen. Das Bundesland dessen Hauptstadt den deutschen Rap Jahre lang maßgeblich geprägt hat. Bedarf es noch weiterer Ausführungen?

Nichts hat sich geändert.

Dies ist eine Fortsetzung des Beitrages: Tatort der Barbarei.

Es war wieder soweit. Der zweite Schweiger-Tatort wurde am Tag nach dem Frauenkampftag um 20:15 ausgestrahlt und setzt nahtlos an seinen Vorgänger an. Nach 6 Minuten gibt es die erste Explosion und die erste Frau, darf von Til Schwei­ger alias Nick Tschil­ler gerettet werden. Dieses Frauenbild wird dann auch die restlichen 84 Minuten beibehalten. Frauen sind entweder Tochter von Tschiller, schlafen mit Tschiller oder haben einst mit Tschiller geschlafen. Die einzigen zwei Ausnahmen bilden eine trauernde Statistin und Tschillers Kollegin (gespielt von Britta Hammelstein / den Namen der Rolle kann ich nirgendwo finden), die ihn immerhin einmal retten darf. Doch damit gar nicht erst der Verdacht ensteht, dass hier eine Minute ohne sexistische Rollenbilder vorbei gehen könnte, geht es direkt im Anschluss der Rettung wieder um das Aussehen der Kollegin. Wie um die Kritik zu bestätigen, darf Schweiger heute in der Bild auch noch ‚SEINE (sic!) Frauen‘ erklären. Am Frauenbild hat sich also gegenüber dem ersten Schweiger-Tatort überhaupt nichts geändert, was vor allem die Rolle der Staatsanwältin beweist. Nach einen gewaltätigen Angriff liegt diese die zweite Hälfte das Tatortes im Krankenhaus und ihr Sexualpartner Tschiller weiß natürlich, was das beste für sie ist. Besser als sie selbst, schließlich ist sie nur eine Frau und er ist Nick Tschiller. Und dieser Tschiller erklärt ihr, dass es das beste für sie wäre, wenn sie behauptet der Angreifer habe sie vergewaltigt (sic!). Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte.

Doch während man sich noch den Mund abwischt, han­delt Tschiller nur für das Wohl des Volkes und braucht sich dabei an kei­ner­lei po­li­zei­li­che Vor­schrif­ten oder Gesetze halten. So schlägt er unter anderem einen Gefängnisinsassen und setzt einen Kriminellen in Brand, aber selbstverständlich hat er deswegen keine Konsequenzen zu befürchten. Nick Tschiller steht nach wie vor über dem Gesetz und überhaupt ist das ganze doch nur ein Film. Ein Film, der auf einem Sender mit Erziehungsauftrag läuft und in dem die Polizei (oder eben Tschiller) tun und lassen kann was sie (oder eben er) will.

In puncto Selbstjustiz, polizeiliche Wilkür hat sich also ebenfalls wenig gegenüber dem ersten Schweiger-Tatort verändert und da ich geschriebenes nicht nochmal schreiben will und die Reaktion der Öffentlichkeit sich gegenüber dem letzten Schweiger-Tatort kaum verändert hat und ich auch nicht weiter auf den rassistischen Kollegen eingehen will, kann ich abschließend wieder nur sagen, dass öf­fent­lich-​recht­li­che Fern­seh­an­stal­ten mit Bil­dungs­auf­trag, ihre Ein­nah­men aus den Ge­büh­ren dazu ver­wen­den Se­xis­mus, Ma­cker­tum, Selbst­jus­tiz und polizeiliche Wilkür zu ver­herr­li­chen, dass im An­schluss an einen Tat­ort mit der­ar­ti­ger The­ma­tik die Sen­de­zeit von Jauch nicht dazu ver­wen­det wird, um über Selbst­jus­tiz und Fol­ter zu dis­ku­tie­ren und dass sich nach wie vor nicht allzu viele in un­se­rer Ge­sell­schaft an der­ar­ti­gen Wert­vor­stel­lun­gen stört.

#Helden

Lieber Macher*innen des Films #Helden,
als der Schalke-Fan den Schland-Lappen an sein Auto macht und voller stolz sagt ‚DAS ist jetzt unser Verein.‘ musste ich fast brechen, aber vorallem weinen. Wieso stellt man die nationalen Interessen, über seine große Liebe und vorallem warum stellt man es über das Wohl der Menschheit? Im Gegenzug dazu habe ich allerdings beschlossen einen Fahnenmast in die Hecke vor dem Balkon zu stellen und daran jetzt eine FC Bayern-Flagge zu hissen und wenn jemand fragt werde ich sagen: ‚DAS ist mein Verein‘ egal welches deutsche Team gerade in der Champions League spielt, oder was für eine scheiße gerade passiert. Wenn es ein Unglück gibt würde ich auch Fans anderer Verein aufnehmen, aber nichts desto trotz ist Schland niemals mein Verein, denn ich kenne immernoch Parteien und nicht nur Deutsche.

Desweiteren ist es erstaunlich, dass die deutsche Regierung sich im Film darüber ärgert, dass nicht sie alleine (in Vertretung der Bundeswehr) in die Schweiz einmarschieren, sondern die NATO jetzt übernimmt. Schlimm, wenn eine Katastrophe die neben Deutschland fast ganz Europa betrifft, dann auch noch nicht allein von Deutschland bekämpft werden darf. Scheiß Amerikaner, nie lassen sie die deutschen die Welt retten oder vereinen. Am 6. Juni 44 haben sie ‚uns‘ einen Strich durch die Rechnung gemacht und heute machen sie das schon wieder, wenn auch nur im Film. Furchtbar illusorisch ist es von der NATO (hinter der natürlich die schlimmen schlimmen Irakkriegestreiber & ewige Feinde Deutschlands Groß Brittanien und die USA stehen), dass sie ein besseres Militär als die Bundeswehr haben könnte und sowieso zeigt uns der Film das die NATO am liebsten immer und überall Atombomben werfen würde. Ist das der deutsche Neid darauf keine Atombombe haben zu dürfen? Was würde Freud dazu sagen?

Auch interessant finde ich die Darstellung Österreichs im Film, bzw. gab es im Film das Land Österreich überhaupt noch? In Salzburg lauschten Rentner der Rede des deutschen Bundeskanzlers an die Nation, ob das nun daran liegt das die Rentner die erneute Gründung des österreichischen Staates nach 1945 nicht mitbekommen haben oder ist Österreich inzwischen schon wieder ein Teil von Deutschland?

XOXO Chucky

Tatort der Barbarei

Text mit freundlicher Genehmigung von [‘cosmonautilus].

Der deutsche Traum. Eine glückliche Familie, bestehend aus Mann und Frau und ungefähr einskommadrei Kindern, sitzt beisammen auf dem Sofa und schaut das erste deutsche Fernsehen. Der Mann trinkt Bier, das die Mutter bereitwillig holt, dazu werden Schnittchen gereicht, die die Mutter zuvor zubereitet hat. Zuerst wird auf die da oben geschimpft und anschließen gibt es Unterhaltung für die ganze Familie. So muss sich das die ARD doch vorgestellt haben? Oder ist Tatort was für die Twitterfraktion, mit deutschem Kulturbewusstsein? Oder für beide? Die einen interessieren sich nur für sich und die anderen tippen mehrmals 140 Zeichen über das gesehene damit sie sich besser fühlen als die anderen?

Wie auch immer der Tatort geplant war, mit dem neusten Tatort wurde die Krone der Absurdität aufgesetzt. Zur bisherigen Karriere des Hauptcharakters Til Schweiger will ich mich gar nicht äußern, seine Aussagen will ich gar nicht kommentieren, denn Til Schweiger alias Nick Tschiller handelt für die Moral und braucht sich dabei an keinerlei polizeiliche Vorschriften halten. Er ballert sich begleitet von einer Kameraführung, die an Zwischensequenzen bei Call of Duty erinnert, durch den Sonntag Abend und ist zwischendrin auch mal kurzzeitig an eine Bombe gefesselt, holt zu Fuß ein fahrendes Auto ein, rettet ein hilfloses Mädchen und tötet gleich zu Beginn drei Menschen. Aber das verzeihen wir ihm, dem sympathischen Macho mit moralischem Gewissen, denn die Moral steht über dem Gesetz, deswegen hat niemand ein Problem damit, wenn hier und da mit Folter gedroht wird – und Hausdurchsuchungsbefehle sind ja auch eher von Gestern. Es geht ja um das Wohl des Volkes, die Kinder und das Vaterland. Sogar die, was palästinensische oder angeblich linke Selbstjustiz angeht, alles andere als kritische Junge Welt findet: “Herzlich Willkommen in der Barbarei”, während andere Medien lediglich die Aufmachung des Tatorts kritisierten. Das ARD Magazin Brisant griff keinerlei moralische Bedenken auf, sondern redete von einer Spaltung der Nation die hauptsächlich an filmischen Vorlieben festzumachen sei. Einer der im dortigen Beitrag zitierten Facebookposts freut sich: “Endlich einer der nicht quasselt, sondern handelt.” und ich muss unfreiwillig an die NPD und plumpen Rechtspopulismus denken, während ich auf stern.de lese, dass der Tatort “ein solider Action-Krimi” sei. “Alles andere ist Freude am Shitstorm.“ Also muss ich die Selbstjustiz wohl als Teil eines “Action-Krimis” sehen.

Doch mit Selbstjustiz und Polizeiwilkür gibt sich Nick Tschiller nicht zufrieden. Denn ein Selbstjustizcop darf nicht nur Gesetze brechen, sondern muss auch “Macho mit weichem Kern” (ARD Brisant) sein. Fast alle weiblichen Charaktere werden als hilflos dargestellt oder himmeln Nick Tschiller an. Seine Kollegin beispielsweise tritt konsequent verschüchtert auf und wird natürlich gleich überwältigt, als sie das erste mal ohne Tschiller etwas unternimmt. Die einzige Frau, die als starke Persönlichkeit auftritt, wird als eingeschnappt dargestellt. Neidisch, weil sie dem großartigen Nick Tschiller nicht das Wasser reichen kann. Hinzu kommt die Selbstverständlichkeit mit der Herr Tschiller Frauen befreit die nach eigenen Aussagen überhaupt nich gerettet werden wollen, aber ein Mann wie Tschiller weiß es besser als eine, egal welche, Frau – und der Plot gibt ihm natürlich Recht. Herzlichen Glückwunsch liebe ARD, das ist lupenreiner Sexismus und braucht keine weiteren Worte.

Und kurz vor Schluss, quasi als Hauptattraktion des antiemanzipatorischen Feuerwerkes, setzt Nick Tschiller seinen ehemaligen Partner auch noch einer psychischen Folter aus und bekommt damit ein Passwort – nicht um irgendjemanden zu retten – sondern, um an die belastenden Beweise zu kommen, die er für den Prozess gegen diesen braucht. Der „weiße Ritter“ hat natürlich keine Konsequenzen zu befürchten, warum auch? Er hat damit ja bestimmt irgendwie auch Menschen gerettet und in solchen Fällen sollte ein Mensch auch mal gegen Menschenrechte verstoßen dürfen. Der Fall Gäfgen zeigt dass es in Deutschland für so etwas durchaus auch Verständnis gibt. Bei der damaligen Debatte war Schweiger übrigens bestürzt darüber, dass der Polizist für die Androhung von Folter zur Rechenschaft gezogen wurde. Unbekannt ist, ob Til Schweiger auch Sympathien für Lynchmobs in Insel oder Mügeln übrig hat. Denkbar ist dies bei Nick Tschiller, beziehungsweise Til Schweiger, aber sicherlich.

Was bleibt abschließend zu sagen? Dass öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten mit Bildungsauftrag, ihre Einnahmen aus den Gebühren dazu verwenden Sexismus, Mackertum, Selbstjustiz und Folter zu verherrlichen? Dass im Anschluss an einen Tatort mit derartiger Thematik die Sendezeit von Jauch nicht dazu verwendet wird, um über Selbstjustiz und Folter zu diskutieren? Dass sich kaum jemand in unserer Gesellschaft an derartigen Wertvorstellungen stört? Sicherlich eines lässt sich sagen: vor lauter Mackertum, Sexismus, Selbstjustiz, Polizeiwilkür und Folter komme ich gar nicht dazu den eigentlichen Tatort in seiner völligen Absurdität darzulegen.