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Feindbild Antideutsch

Die Linksjugend [’solid] Rheinland-Pfalz hat am Wochenende eine Resolution verfasst und meine Meinung dazu möchte ich euch nicht vorenthalten. Bevor ich anfange, möchte ich aber zunächst etwas weiter ausholen. Während Israel nach permanenten Raketenbeschuss durch eine Terrororganisation, deren Ziel die Auslöschung aller Jüdinnen und Juden im nahen Osten ist, militärisch eben darauf reagiert & der Antisemitismus seit der israelischen Reaktion wieder massiv auf deutschen Straßen präsent ist & Teile der Linksjugend diesen Antisemitismus sogar noch befördern, anstatt ihn zu bekämpfen, schreibt die Linksjugend RLP eine Resolution gegen diejenigen, die sich konsequent jedem Antisemitismus entgegen stellen und sich für die Möglichkeit und das Recht der Jüdinnen und Juden auf Selbstverteidigung einsetzen. ‚Antideutsch‘ funktioniert, anders als ich noch vor wenigen Monaten dachte, immer noch als Feindbild innerhalb der deutschen Linken:

In der Resolution selbst, wird erst einmal von einenden linken Werten, wie zum ‚Beispiel der Wille zum Kampf für ein egalitäres Menschenbild, soziale Gerechtigkeit und Frieden‘ gesprochen, ohne sich nur ein einziges Mal zu fragen, was den hinter diesen Werten oder auch Dogmen steckt. Frieden? Was ist Frieden? Die bloße Abwesenheit von Krieg? In der die Nationalsozialisten ungestört Jüdinnen & Juden deportiert und umbringen konnten? In der die Hamas mit Raketen, deren Ziel es ist den nahen Osten ‚judenfrei‘ zu machen, auf Israel schießen kann? Und was ist überhaupt Krieg? Der Bürgerkrieg in Syrien? Der Kampf der ISIS? Oder muss dazu die USA oder der Westen erst eingreifen? Außer Acht wird dabei ebenso gelassen, dass ein militärisches Eingreifen manchmal die Barbarei verhindert oder zumindest bekämpft: die aktuelle Situation im Irak oder der zweite Weltkrieg sind dafür deutliche Beispiele. Was ist soziale Gerechtigkeit? Das Ende des Kapitalismus? Oder gar alles, was nicht kapitalistisch ist, also auch ein fundamentalistisches iranisches Regime? Was ist ein egalitäres Menschenbild? Sicher nicht das autoritäre der Hamas, der Hisbollah, des Irans oder der (zerfallenen) realsozialistischen Staaten.

Ohne also selbst diese Dogmen näher zu benennen, oder zu hinterfragen, wird den Antideutschen ™ vorgeworfen sich nicht positiv auf diese Werte zu beziehen beziehungsweise sie zu aller erst einmal zu hinterfragen. Eine Frechheit, für die linksradikale Szenepolizei aus RLP. Sich links nennen, aber dann auch noch selbst denken. Und diese ’sogenannte[n] „Antideutsche[n]“, deren Zusammenhänge auch innerhalb der Linksjugend [‘solid] wirken‘ erdreisten sich dann sogar noch, sich mit dem Judenstaat zu solidarisieren: „Antideutsche“ vertreten die Auffassung, dass dem bürgerlichen israelischen Staat als Heimstätte des Judentums die Rolle zukomme, als Schutzschild gegen einen globalen Antisemitismus zu wirken. Antideutsche haben also erkannt, dass in der momentanen weltpolitischen Situation und bei dem momentanen Ausmaß an Antisemitismus nur ein jüdischer Staat, samt Militär Jüdinnen und Juden aktiv vor eliminatorischen Antisemitismus schützen kann. Sie vertreten also die Meinung, dass sich Jüdinnen und Juden nicht schutzlos dem eliminatorischen Antisemitismus ausliefern sollten. Eine Frechheit. Schließlich ‚negieren [sie] dabei […] die Existenz einer Klassengesellschaft in Israel‘. Wenn Antideutsche nämlich Dinge sagen wie: bspw. ‚Israel bis zum Kommunismus‘, dann behaupten sie das Israel der Kommunismus sei. Muss man wissen.

Doch diese ‚ins bürgerliche Lager‘ abgedrifteten belassen es nicht dabei, sie behaupten doch tatsächlich das den islamistischen Staaten (wie im Iran oder dem Staat, den IS(IS) aufbauen will) eine faschistische & antisemitische inne wohnt, gegen die Antifaschist*innen konsequent kämpfen sollten. Antisemitische Vernichtungsdrohungen, Hinrichtung ganzer Bevölkerungsgruppen, ein autoritäres Rechtssystem und die Todesstrafe für u.a. Homosexuelle? Wie kommen die denn darauf, dass so etwas faschistisch sein könnte? Völlig abgedriftet, doch es wird noch abgedrehter. ‚Der „aufgeklärte“ und „kosmopolitische“ Kapitalismus des Westens sei insgesamt als kleineres Übel zu betrachten, das gegen feudalistischen Islamismus, aber auch gegen sozialistische Umwälzungen, die einen „Rückfall in die Barbarei“ bedeuten könnten, verteidigt werden müsse.‘ Den Antideutschen ist der Kapitalismus, den sie als Kommunist*innen kritisieren, also lieber als beispielsweise ein autoritäres Regime im Iran? Diese Antideutschen leben also ‚lieber als Kommunist im Kapital, als unter der Fuchtel von Hamas & Hezbollah‘ (Roni 87)? Dagegen muss dringend etwas getan werden.

Denn schließlich ist die Lösung aller Probleme so einfach: ‚eine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im internationalen Maßstab, die nationale Spaltung, Kriege, religiösen Fundamentalismus und Produktion für Profit zu Relikten der Vergangenheit werden lässt‘. Wie diese andere Wirtschaftsordnung aussieht, das ist egal. Hauptsache sie ist anders und schon sind alle Probleme gelöst. Danke Linksjugend RLP, was wäre nur ohne euch los? Die deutsche Linke könnte ja anfangen ihre eigenen Dogmen zu hinterfragen. Wo kommen wir denn da hin? Das kann Lenin doch nicht gewollt haben.

Gewalt gegen Zionist*innen ist Widerstand

‚Gewalt gegen Zionist*innen (respektive Juden) ist Widerstand, Gewalt von Zionist*innen (respektive Juden) ist Gewalt.‘ So oder so ähnlich denkt es sicher in einigen antiimperialistischen Linken und das nicht erst seit heute.

Entebbe, Juni/Juli 1976:
Der Flug 139 der Air France sollte von Tel Aviv über Athen nach Paris fliegen. Am 27. Juni wurde die Maschine vom Typ Airbus A300 jedoch nach dem Start in Athen entführt. Sie wurde zum Flughafen Bengasi in Libyen umgeleitet, dort aufgetankt und landere schließlich am 28. Juni am Flughafen Entebbe nahe der Hauptstadt von Uganda, Kampala. Durchgeführt wurde diese Entführung vom Kommando „Che Guevara“ zu dem zwei Mitglieder der Volksfront zur Befreiung Palästinas, sowie zwei Mitglieder der Revolutionären Zellen aus Deutschland gehörten. Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann. Als Kopf dieser und weiterer Flugzeugentführungen gilt Wadi Haddad. Das pro-palästinensische ugandische Regime Idi Amins unterstützte wohl die Operation. Ziel der Flugzeugentführung war die Freilassung von insgesamt 53 Gefangenen Israels, Frankreichs, der BRD und der Schweiz. Weitere Forderungen waren 5 Millionen US-Dollar von der französischen Regierung zur Rückgabe des Flugzeuges. In der alten Transithalle des Terminals von Entebbe wurden die Passagiere als Geiseln gefangen gehalten (6 weitere Terroristen und Teile der ugandischen Armeen übernehmen für eine Nacht sogar die Überwachung, damit sich die Entführer erholen konnten). Dort wurden die Geiseln in zwei Gruppen eingeteilt, in Juden und Nichtjuden. Auf der einen Seite waren die anhand ihrer israelischen Reisepässe als Juden identifizierten Geiseln sowie 23 weitere Gefangene, die anhand ihrer vermeintlich jüdischen Namen oder anderer Indizien – teilweise fälschlich – als Juden und Jüdinnen identifiziert worden sind. Diese Selektion wurde vom Wilfried Böse übernommen, ein antiimperialistischer Linker mit deutschem Pass. Als ein Shoahüberlebender Böse seine eintätowierte Nummer auf dem Unterarmer zeigte und einen direkten Bezug zur Selektion der Nazis in den Konzentrationslagern herstellte, erwiderte Böse er sei kein Nazi, sondern ‚ein Idealist‘. Die übrigen Geisel wurde freigelassen und durften in eine, extra dafür geschickte, Air France Maschine steigen. Michel Bacos, der entführte Flugkapitän des Flugs 139, erklärte jedoch das alle Passagiere seiner Verantwortung unterliegen würden und er deshalb die (vermeintlich) jüdischen Passagiere nicht zurücklassen könne. Seine gesamte Flugzeugbesatzung tat es ihm gleich. Eine Nonne, die sich ebenfalls weigerte zu gehen und ihren Platz mit einer (vermeintlich) jüdischen Geisel tauschen wollte, wurde von ugandischen Soldaten in die wartetende Air France Maschine gebracht. Was folgte war eine Befreiungsaktion der israelischen Streitkräfte, bei der drei Geiseln und sämtliche Geiselnehmer*innen starben.

Die Entführung und auch die Reaktion eines großen Teils der deutschen Linken, die die Verletzung der nationalen Souveränitäts Uganda schlimmer fanden, als die antisemitischte Selektion, zeigten Recht deutlich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Ein Eindruck der sich in den letzten 38 Jahren immer wieder bestätigt hatte. Sei es nun Hamburg oder Wuppertal, immer wieder gibt es antisemitische Übergriffe von Linken in Deutschland, die in den Augen der Täter*innen als solche gar nicht wahrgenommen werden. Gewalt gegen Zionist*innen (respektive Juden, wie uns Entebbe zeigt) wird auf Grund der festen Überzeugung, gegen Imperialismus zu kämpfen, als Widerstand gesehen und fast niemals als tatsächliche Gewalt. Wenn man selbst auf der guten Seite steht und die anderen auf der falschen Seite, dann wird ‚Widerstand zur Pflicht‘, auch wenn dieser die gewaltsame Verhinderung der Gründung einer ‚BAK Shalom AG NRW‘ ist.