Archiv der Kategorie 'Hip Hop & Popkultur'

Kulturelle Aneignung – Schlagworte

Über was man in Debatten über kulturelle Aneignung reden könnte:

Unter- und Überbau.
Kulturelle Hegemonie & der Zwangscharakter von Kultur.
Wer Kultur sagt muss auch -industrie sagen.
Verblendungszusammenhang.
Identität als Währung des Neoliberalismus.
Identität als Rückzugsort vor dem Neoliberalismus.
Authentizität.
Ideologie von Authentizität.
Deutsche Kultur versus französische Zivilisation.
Das Konzept von Blut und Boden.
Popkultur als Ausbruch aus dem Volkskörpers.
Wurzellose Kosmopoliten aka. kulturlose Parasiten.
Jüdische Kultur(en).
Juden als Figur des Dritten.
Die zwei Seiten der kolonialen Ideologie.
Universalismus versus Partikularismus.
Martin Luther Kings Traum.
Hip Hop als Communitygedanke.
Punk als Absage an Kultur.
Gegenkultur.
Punk als gescheiterte Gegenkultur.
Etc. Pp.

Anti Alles oder konformistische Rebellion?

„Jeder braucht ne Punkerjugend, auf dem Weg nach Glück zu suchen.“2:38

„Und alte Omas laufen rum, mit grell gefärbten Haaren und alle Welt liebt die Zeichen, die einst die seinen waren. Oh, alter Punk! Der alte Punk erregt nunmehr statt Abscheu nur Mitleid und klammert sich und glaubt auch noch an die gute alte Zeit.“ – Superpunk

Die Jugend ist gemeinhin eine Phase geprägt von Unsicherheiten, geprägt von Dissidenz gegenüber dem Elternhaus und den beigebrachten Werten und den ersten Kontakten mit Sex und Drogen. Auch wenn dort irgendwie jeder alleine durch muss und neben Klasse auch diverse weitere ideologische Grenzen zu unterschiedlichem Aufwachsen führen, gibt es durch aus diverse Gemeinsamkeiten. Die wahrscheinlich größte Gemeinsamkeit ist die popkulturelle Identität, die man in der Jugend auf Probe erwerben kann, die man aber irgendwann behält. Irgendwann haben die meisten ihre Jugendkultur der sie sich auch irgendwie verpflichtet fühlen. Die einen werden traurige, melancholische, Kette rauchende Gestalten, die anderen bemalen Züge und wieder andere pilgern jedes Jahre nach Wacken und huldigem dem Satan. Irgendwann findet man seine Subkultur und bei der bleibt man dann auch. Denn die Zeit für eine permanente Neuorientierung fehlt – zwischen Bologna-Studium oder Ausbildung, 9-to-5-Job oder prekarisierte Selbstausbeutung – auch irgendwie. Die Fähigkeiten im Job müssen schon flexibel genug sein. Da ist man froh wenn wenigstens die subkulturelle Verortung standhaft bleibt.

Die subkulturelle Verortung symbolisiert die eigene Jugend. Wenn der Hauptcharakter – in Tobi Dahnemans Graphic Novel „Fahrradmod“ – regelmäßig noch Mod-Weekender besucht, dann weil er zumindest für das eine Wochenende dem brutalen ökonomischen Alltag entfliehen will. Entfliehen in eine Zeit, in der rückblickend alles irgendwie noch leichter war. Eine Zeit in der – so glorifiziert man sich den Sehnsuchtsort der eigenen Jugend für den die Subkultur stellvertretend steht – sich alles nur um Musik, Sex und vielleicht die ersten Erfahrungen mit Drogen drehte. Eine Zeit in der – so zumindest der bürgerliche Idealfall – die ökonomischen Sorgen noch die Sorgen der Eltern waren. Eine Zeit in der also alles irgendwie besser war. Eine Zeit die bei allen immer nur „früher“ ™ heißt. Mein Sehnsuchtsort ist – auch wenn ich die meiste Zeit meines Lebens Rap gehört habe – Punk. Es ist dabei auch weniger die Musik, als um die Radikalität der Totalverweigerung. Um die Absage an die Gesellschaft und deren Zukunft, um den Bruch mit den Konventionen, um das metaphorische Kotzen auf die Füße der der Regierung und ihres „Systems“. Oder um es mit den Worten von Casper zu sagen: „Anti Alles für immer.“

Dementsprechend aufmerksam werde ich, wenn irgendjemand das Wort Punk für sich reklamiert. So zum Beispiel Hengameh Yaghoobifarah, die für die Taz schrieb: „Hijab is Punk“. Und weiter: „Während der Hidschab in muslimischen Ländern die Norm darstellt, bleibt er in Europa in vielen Fällen trotz seiner Etablierung in der High-Fashion ein Störfaktor. In einer antimuslimisch rassistischen Gesellschaft bleibt die Sichtbarkeit als Muslimin ein Widerstandskampf, eine bewusste Ablehnung der Assimilation an die christliche Dominanzkultur.“

Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über den tatsächliche antimuslimischen Gehalt der europäischen Gesellschaft – man könnte die Banlieus in Frankreich, wo der Islam sich zur Dominanzkultur entwickelt hat, auch als Gegenbeispiel verwenden – führen. Viel mehr soll es darum gehen, was Punk eigentlich – neben dem Sehnsuchtsort der eigenen Jugend – ist, beziehungsweise war.

Pophistorisch wird der Beginn von Punk auf das Jahr 1977 datiert. Er war dabei vor allem eine Reaktion auf die Nachkriegs-Generation der 60er Jahre, die antraten um die Welt zu verändern und dann doch nur im Lehrerzimmer (und wenig später auch in den grünen Parteien) landeten. Punk war die gelebte Totalverweigerung, während die gesamte Generation der Hippies noch den Traum besaß die Welt mir ihren Klampfen zu verbessern. Man ersetze die kitschigen Melodien durch lauten Krach, die langen Haare an die man sich – sofern sie gepflegt waren – inzwischen gewöhnt hatte wurden zu bunten Irokesenschnitten. Das Wertesystem von Punk war die Ablehnung jeder Form von Werten.

Natürlich war Punk dabei auch nicht frei von der abstrakten Herrschaft des Tauschwertes, natürlich konnte der Kapitalismus den Punk – wie jedes andere Gift – schnell in einen Rausch verwandeln und natürlich kann man schon seit langer Zeit Ramones-Shirts bei H&M kaufen. Und selbstverständlich musste man es sich auch leisten können, jegliche Werte abzulehnen. Doch 1977 herrschten noch andere gesellschaftliche Zustände. Die kapitalistische Gesellschaft war noch nicht in dem Maße totalitär wie sie heute ist, die Blockkonfrontation bestimmte noch das Leben der meisten Menschen in westlichen Gesellschaften und das gesamte Konzept von Pop – zu dem ich Punk ohne Zweifel dazu zähle – besaß noch die theoretische Möglichkeit zur subversiven Dissidenz (Vgl. dazu: Frank Apunkt Schneider: „Deutschpop halt’s Maul oder Wolfgang Seidel: „Wir müssen hier raus“). Man könnte platte Bilder bemühen und erklären, wie das Leben noch seinen geregelten Gang ging: mit Vollbeschäftigung, sicherer Rente und vor allem sicheren Zukunftsperspektiven(wobei natürlich nicht alles war besser war). Aber ich denke, dass klar sein dürfte wovon ich rede. Eine Jugend als Punk vermittelte zumindest die Illusion des Nichtmitmachens, die Möglichkeit zur Dissidenz. In der Bundesrepublik konnte man – dieser Zustand war der Blockkonfrontation geschuldet – diese Illusion, dank der äußerst günstigen Situation in West-Berlin, sogar zeitweise erfüllen. Eben weil es eine Alternative gab (die Sowjet Union) und eben weil es zwischen den Systemen eine Insel wie West-Berlin gab, besaß die Dissidenz des Punks in der damaligen Zeit mehr als nur einen rein symbolischen Charakter.

Mittlerweile hat der Kapitalismus gesiegt. Es gibt keine Alternativen, sondern lediglich moderne und antimoderne (beispielsweise die AFD oder IS) Formen der Krisenbewältigungsstrategien. Mittlerweile hat Pop nur noch symbolisch die Möglichkeit zur Dissidenz verloren und „alles ist Pop“ (Diederichsen). Im Bezug auf Punk könnte man also auch sagen, dass nun alles Punk sei, was in irgendeiner Form diesen Charakter der symbolischen Totalverweigerung – womit der Begriff auch jede Bedeutung verlieren würde und nichts weiter als ein inhaltsloses Label in der postmodernen Hölle der Symbole wäre. Dementsprechend könnte man Straßenpunks, Nazipunks & Hijabpunks – die alle irgendwie symbolisch gegen die Werte des bestehenden Deutschlands rebellieren – gemeinsam unter diesem Label fassen.

Halt man dem alten Begriff von Punk die Treue – allein der Möglichkeit zur analytischen Schärfe wegen – führt kein Weg daran vorbei, allen dreien die tatsächliche Punkcredibility abzusprechen. Denn die Unterwerfung unter ein alternatives Wertesystem – dabei spielt es keine Rolle ob es das islamische oder nationalsozialistische oder das – auf Dosenbier und E-Gitarren heruntergekommene – der meisten Straßenpunks ist – ist keine Totalverweigerung. Sondern lediglich das Propagieren von Alternativen. Somit bleibt die Rebellion der Hijabpunks automatisch eine konformistische, weil sie eben nicht über die gegenwärtige Gesellschaft hinaus will sondern viel mehr alte Werte als Alternative Norm anbietet. Das propagieren einer alternativen Norm, der ich – und das zeigt ein Blick auf die gesellschaftliche Gegenwart in Ländern wie dem Iran oder Saudi Arabien – die westliche im Zweifel dann doch vorziehen möchte. Allein schon des Strafmaßes wegen, dass für den kleinen Schabernack junger Dorfpunks in der der BRD beziehungsweise im Iran droht.

Der ungebrochene popkulturelle Bezug auf einen Hijab ist nicht nur nicht Punk, sondern wird fast schon zwangsläufig zu seinem Gegenteil, weil er sich eben nicht nur auf irgendwelche alten Werten verweist – was schon schlimm genug ist –, sondern auf explizit religiös-patriachlen. Der Hijab ist auch in Europa nicht ohne sein kulturelles Bezugssystem zu verstehen. Das bedeutet: er verweist – auch in Opposition zu den unterdrückenden christlichen Werten – immer auf die konkreten mit ihm verbundenen islamischen Norm. Eine Norm deren ausgeführte Praxis man in politisch-islamischen Staaten sehen kann. Eine Norm, die niemals Befreiung bedeuten kann – sondern lediglich zwischen erzwungener (Kopftuchzwang) oder freiwilliger Unterwerfung bedeutet. Wenn man im Westen – wo es den Zwang von staatlicher Seite nicht gibt – freiwillig und ohne Brechung das tut, wozu man anderorts gezwungen wird (und bei nicht Beachtung schlimmste Konsequenzen befürchten muss), dann ist das diese Rebellion eine konformistische. Dann verweist diese Rebellion nicht über die bestehende westliche – die eben keine christliche mehr, sondern mittlerweile eine kapitalistische Gesellschaft ist – Gesellschaft hinaus, sondern fällt sogar hinter diese zurück.

Während Punk als popkultureller Ausdruck von Dissidenz immer im kapitalistischen System gefangen war, versprach er zumindest eine falsche Freiheit. Um ein plattes Bild zu bemühen, könnte man auch sagen: Punk ist: betrunken auf dem Heimweg des Sterni gegen eine Wand schmeißen und für einen kurzen Moment glauben, dass es irgendwas verändert. Zynischerweise könnte man dann noch hinzufügen, dass man die ganze Aktion als Pose noch vermarkten muss, damit es überhaupt als Punk wahrgenommen wird. Dementsprechend ist Punk eben die Verkörperung der falschen Freiheit – die ich den patriarchalen Herrschaftsverhältnissen im Iran oder Saudi Arabien ohne weiteres vorziehen würde.

Während also die verwaschenen bunten Haare, des nur noch im Ansatz zu erkennenden Iro, auf den Sehnsuchtsort der eigenen Jugend verweisen, verweist der Hijab als modisches Accesoire auf einen Sehnsuchtsort, der Unterwerfung bedeutet – egal ob unter das Familienoberhaupt (Patriarch) oder eben unter die Idee eines Gottes. Während Punks in der BRD mit entfremdeten Symbolen des Vereinigten Königreichs, auf ein London verwiesen, dass so nie existierte, der Bezug also von vornerein gebrochen war, verweist der Hijab oder derTschador auf ein Teheran, dass real-existiert und durch eben jenen Hijab reale Zwänge auf Frauen* ausübt. Während Punk in seiner Totalverweigerung auf eine nie konkret ausgesprochene und nur negativistisch gedachte Utopie – „No future for England’s dreaming“ – verweist, verweist der Hijab auf nichts anderes, als ein bestehendes System von seit Jahrzehnten sich erneut verschärfender Unterdrückung.

Es findet sich hier kein Bruch mit der Symbolik und ihrer Bedeutung, sie wird lediglich durch die neue Umgebung zur Rebellion. Der Hijab wird in der beschriebenen Modeszene nicht gebrochen zitiert – wie es beispielsweise bei M.I.A. der Fall ist – sondern fügt sich ein in eine „modest fashion“, also eine Mode die auf Werte aus dem vergangenen Jahrtausend – wie „Sittlichkeit“ – verweist. Sittlichkeit bedeutet das Einhalten von Sitten, also das Ausrichten des eigenen Lebens nach regressiven moralischen Normen. Und wenn eine Sache das absolute Gegenteil von Punk ist, dann sind es solcherlei Normen.

In diesem Sinne,
Anti alles für immer.
Und zwar wirklich.
Ohne Ausnahme.

A few thoughts on „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“.

Ausgangspunkt: „Heute sind viel mehr Leute als ‚Rechte‘ out“

Ich weiß nicht ob ich damit vielleicht komplett auf dem Holzweg bin, aber ich finde Diederichsen Ansätze gegenwärtige Konflikte – insbesondere den zwischen AFD/Pegida & Islam – auch als Identitätskonflikte zu begreifen relativ interessant und versuche im folgenden mal meine Gedanken dazu zu verschriftlichen, ohne dabei Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Um Diederichsens Theorien nutzbar zu machen, bedarf es natürlich diverser Ergänzungen – wie eine Analyse der Entsubjektivierung (was bei der Bahamas seit längerem ja sehr stark vertreten ist), aber auch psychoanalytischer Analysen von Autoritarismus/Faschismus und marxistischen Analysen von Kultur.

Bei Diederichsen wird Pop ja als „Identität auf Probe“ (siehe „Über Pop-Musik“) begriffen. Das heißt das man mittels des Konsum von popkulturellen Produkten eben – anders als beim Konsum von hochkulturellem oder populärkulturellem – auch in eine Rolle schlüpft. Man hört kein Rap, man ist Hip Hop. Diederichsen begreift Pop da auch eben als Jugendkultur, was in diesem Kontext heißt, dass in der jugendlichen Phase der Selbstfindung man dann irgendwann seine „Jugendkultur“ gefunden hat und sich in ihr verortet fühlt & mittels beispielsweise Musik sich zur Entspannung aus dem kapitalistischen Alltag, wieder in diese Zeit zurück begibt.

Anfangs sah er darin noch ein subversives Potenzial – was viele heute noch in Popmusik sehen – jedoch hat er sich davon spätestens in seinem Aufsatz „the Kids are not allright“ (im Angesicht von Rostock-Lichtenhagen) distanziert. Und spätestens als er verkündete „Alles ist Pop“ (1998) hat er sich vom subversiven Potenzial verabschiedet. Mittlerweile spricht er diesbezüglich auch von einer „Zweiten Kulturindustrie“ (bei Adorno war das Radio das Grundrauschen und das Kino das Besondere, bei ihm verschiebt sich das: Fernseher (audiovisuelle Bilder) sind das allgemeine Grundrauschen und Popmusik ist dabei der Ausbruch). An dieser Stelle ist eben auch mit Roger Behrens zu ergänzen, dass Pop zum permanenten Alltag wird und so eben den Alltag selbst als „Flucht auch dem Alltag“ erscheinen lässt.

Identiäten sind dabei eben einerseits auch die Währung (in der die Ware „Mensch“ verkauft wird) und gleichzeitig die Rückzugsorte vor eben jenem Alltag (in dem sich die Ware „Mensch“ anbieten muss). Gerade im Bezug auf gegenwärtige Entstehung von salafistischen Identitäten und Jugendkulturen sollten Ansätze/Aussagen wie: „Es gibt eine lange Geschichte der beleidgten Rekonstruktion traditioneller Männlichkeit in HipHop und auch schon im Rock, die politisch nach allem greift, was die Demütigung lindert. Diese Demütigung hat auch mit realen Dingen zu tun, der Abwertung körperlicher Arbeit und damit verbundener Skills zum Beispiel. Doch, wenn man sich die Opposition AfD versus Islamismus ansieht, dann hat man es mit zwei rechten Bewegungen zu tun. Und der Begriff autoritär ist mir da zu wenig. Islamismus ist rechtsradikal, genauso wie die AfD. Religiös geführte wie auch territoriale Auseinandersetzungen bringen immer zwei rechtsradikale Gruppierungen hervor, weil beide sich über patriarchale und neo­traditionelle Inhalte definieren. Beide haben einen ähnlichen Bezug zu ihren Kampfgründen, auf der Ebene ihrer identitären Begriffe sind sie sich einig. Neotraditionell, weil sie sich auf ältere, zum großen Teil auch erfundene Erzählungen und Überlieferungen berufen, die abgebrochen oder unterbrochen sind.“ diskutiert werden.

Dabei wird eben dieser Kampf der Identitäten durch Critical Whiteness und Co noch befördert, die Identitäten zum verteidigungswerten Gut erhöhen, ihre Gemachtheit leugnen und mittels Authentizitätsideologien eben hinter das moderne an den Identiäten (das sie wie Diederichsen sagt „auf Probe“ sind, sich warenförmig mittels Konsum generieren [was ja auch bei Frank Apunkt Schneider eine zentrale These ist, weswegen er Pop in seiner amerikanischer Ausprägung als „natural born antideutsch“ bezeichnete] zurückwollen. Und jeder vermeintliche Angriff auf diese Idenitäten als „Übegriff“ gewertet wird.

Diederichsen wertet den Konflikt zwischen zweier „rechter Ideologien“ (die Kritik an seiner Begrifflichkeit rechts/links ist sicher angebracht, jedoch wertet er eben Islam und ADF/Pegida beide darunter ein) als in territorialen um „kulturelle Hegemonie“ (wo eben hier Gramsci beispielsweise eine Ergänzung von Diederichsens Theorie sein könnte): „Dabei sind beide für dieselbe Sache, sind beide Nationalisten – nur der Vaterlandsverräter irritiert sie. Für das Patriarchat, für die Unterdrückung, gegen Emanzipation, der Streit geht ja nur ums konkrete Territorium, nicht um Werte, da könnten sich Putin, Erdogan, Trump, Hofer und die AfD den ganzen Tag die Hand schütteln. Der Kampf AfD, Pegida, Rechte gegen den Islam ist genauso. Strukturell unterscheiden die sich kaum.“

Das Problem in dem sich Kommunisten hier dann befinden, ist dass es ihnen eben nicht um Territorien geht, sondern um eine globale Abschaffung des Kapitalismus samt seiner autoritären Krisenbewältigungsstrategien : „Der Streit zwischen links und rechts ist dagegen ein grundsätzlicher. Der linke Kampf gegen Rechte geht nicht um Territorien. Es geht dabei um Inhalte und Ideale. Das versucht die Rechte auszublenden, ihr ewiger Punkt ist, dass auch die Linke und der Vaterlandsverräter in Wirklichkeit irgendein Territorium beanspruchen. Dabei ist der Konflikt asymmetrisch.“

Wolfs vs. Kretschmann

Wolf versus Kretschmann.

Duell der schwäbischen Biederkeit.

Grim104 sagte mal in Anlehnung an einen furchtbaren heimatverherrlichenden Track von Samy Deluxe: „Dis is wo ich herkomm, Samy halt dein Maul. Du hingst cool mit deiner Clique, ich hing tot über dem Zaun.“ Einem von vielen Sätzen, die er über Dorfjugend gesagt hat, denen ich mich voll anschließen kann. Einzig und allein das Meer – das bei ihm wohl präsent war – gab es bei mir nicht. Ich komm aus dem Süden. Um genau zu sein aus dem Landkreis Böblingen bei Stuttgart und bin dann – wie Kraftklub es singen – nach Berlin gezogen. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe das rechtfertigen zu müssen, so liefert die Rechtfertigung doch das baden-württembergische TV-Duell.

Viel lässt sich über Schwabylon sagen – das wichtigste wird wohl in den Büchern „Lokalhelden“ und „501 – ein DJ auf Autopilot“ und in einem anderen Song von Samy Deluxe gesagt. „Ich frag mich im Moment, warum hat Stuttgart zu viel Polizei“ ist eine von Kiffern berechtigterweise gestellte Frage und auch diese Antwort liefert das TV-Duell zwischen einem Ministerpräsident, der einst mit Cannabis Enkriminalisierungsversprechungen im Wahlkampf bei Studierenden im Ländle punkten konnte.

Das Deutschland in Sachen Spektakel den Staaten weit hinter her hinkt, dass mag viele Gründe haben. Die Ontologie der deutschen Ideologie mag sicherlich einer sein. Schließlich ist etwas um seine Sache selbst tun in Deutschland immer noch hoch angesehen. Schließlich ist die Kritik am amerikanischen Kapitalismus nicht der Kapitalismus, sonder das aufbauschen des Produktes mit Werbung, Verpackung und allerlei Schnick Schnack. So als ob es ohne das alles weniger entfremdet wäre und dadurch mit sich selbst identisch wäre. Mit viel Ideologie lässt sich das sicherlich denken.

Ich denke also an Gore Vidal, während ich den Livestream anschalte. Und feststelle: in Baden-Württemberg ist das Spektakel nochmal ein ganzes Stück weniger präsent. Schwierig zu sagen, ob das ideologisch tatsächlich deutsch ist oder einfach nur der skurrile Versuch von Seriösität im Dritten. Angetreten sind Kretschmann, der wie eine Kettensäge seine Phrasen losrattert und Wolf, der irgendwie ganz putzig ist.

Der erste Punkt über den sie Streiten ist Polizei und Verfassungsschutz. Kretschmann versucht sich mit dem umfassenden Ausbau beider Strukturen zu brillieren, während Wolf ihm vorwirft das nicht genug getan zu haben. Streitfragen in Baden-Württemberg. Deine Frage dürfte beantwortet sein Samy, oder?

Beim zweiten Punkt der Bildungsreform schalte ich ein bisschen ab. Phrasendrescherei wie sie überall hätte passieren können. Schule als Vorbereitung aufs Berufsleben und der Vorwurf von Wolf, die studentischen Grünen würden zu sehr auf gymnasiale Schulbildung setzen und die berufsvorbereitenden Realschulen würden aussterben. Das ist zwar nicht gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes, wohl aber mit dem Untergang des schwäbischen Handwerkerleins, also dem schwäbischen Geist, also dem Geist des Protestantismus und der Seele des Kapitalismus (auch wenn ich den Max Weber Bezug hier nur um des Wortspiels Willen gemacht habe, möchte ich die Gelegenheit nutzen um dafür zu plädieren seine Untersuchung materialistisch auf den Kopf zu stellen: die Schwaben und Angelsachsen haben sich die entsprechende Glaubensform für ihre materiellen Bedürfnisse geschaffen und nicht etwa umgekehrt).

Duell der Biederkeit trifft es wohl am Besten: Berufsintegration und Polizei sind die beiden Themen die bei mir hängen geblieben sind. Bis der Schluss kommt. Ein wahrhaftes vom SWR clever durchdachtes Finale. Der Moderator beginnt Sätze und die Kontrahenten müssen diese beantworten. Ein Unterfangung das nun gar nicht so leicht ist, wie es klingen mag. Denn es gilt das für einen baden-württembergischen Ministerpräsidenten erforderliche Profil zu zeigen. Wie schon bei der Abstimmung zur Zusammenlegung scheint man auf badische Stimmen nicht wirklich wert zu legen, denn das Biedermeiertum von beiden Herren, dass hier zur Schau gestellt wird, wird lediglich durch schwäbische Lokalfollklore ergänzt und nicht durch badische.

Und so erfahren wir, dass Kretschmann bei einem Pils sich entspannen kann, dass Wolf sollte er nicht Ministerpräsident werden als Trainer des VfB Stuttgarts dem Ländle in anderer Weise dienen möchte, dass Kretschmann sollte er wieder mehr Zeit zum heimwerkeln ein Schaukelpferd für seine Enkelin bauen wird, dass Wolf gerne Kuddeln mit Kretschmann isst, dass Kretschmann über Wolfs Gedichte lachen kann, die Wolf wiederum schreibt um den Kopf frei für Politik zu bekommen.

Und jetzt lest euch den letzten Abschnitt noch einmal durch und bedenkt dabei, dass es um das TV-Duell zur Wahl in einem der wirtschaftsstärksten Bundesländern Deutschlands geht. Um das Bundesland, nach dessen Selbstverständnis mit dem VfB und der TSG Hoffenheim zwei Vereine um die internationalen Plätze der Bundesliga mitspielen sollten. Das Bundesland aus dem Mercedes, Porsche und auch SAP kommen. Das Bundesland dessen Hauptstadt den deutschen Rap Jahre lang maßgeblich geprägt hat. Bedarf es noch weiterer Ausführungen?

Pete.

Bevor ich seine Musik kannte war ich in Pete verliebt. MTV und seine News mit Markus Kavka brachten nicht nur die Liebe meines Lebens Deutschrap in mein Kinderzimmer, sondern auch Pete Doherty, seine Drogenexzesse und auch Fuck Forever. Gutaussehende, abgefuckte, aber gut angezogene britische Typen hüpften auf der Mattscheibe umher und brachten mir Musik in meinen Gehörgang, dessen Refrain wohl immer ein Teil mein – aus popkulturellen Splittern geformten – Identität sein wird.

Burger, Tatoos und Rockmusik ist das Motto des White Trash. #SoBerlin. 15€ kostet die Abendkasse für das Spontankonzert. 10€ ein mittelmäßiger Burger mit Pommes, der irgedwann mal irgendwie angeblich der beste Burger Berlins gewesen sein soll. 3€ wiederum der Glühwein, den wir trinken während wir uns in einem Ofen im Raucherbereich aufwärmen.

Das Konzert beginnt nicht mit Pete, sondern irgendeinem Saufkumpanen von selbigen der ein wirklich schlechtes Gedicht mit ordentlich britisch Accent ins Mikrophon röhrt. Auf der Bühne steht ein Tisch mit einer Schreibmaschine. Pete ist irgendwann auch mal der Künstler gewesen, der hier mit Whiskey, Klampfe und Schreibmaschine inszeniert werden soll. Seine Bilder, Tagebücher, Gedichte und Laptoprecordings zeugen wahrscheinlich noch ein bisschen mehr davon, als die Hymnen die er mit den Libertines und den Babyshambles geschrieben hat. Doch die Kulturindustrie gewinnt immer. Aus dem Poeten wurde ein Junkie und der Junkie wurde vermarktet. Die klassische Story mit ihren individuellen persönlichen biographischen Elementen.

Wen ich mir den betrunkenen Pete und seinen Gedicht vortragenden Freund – der immer wieder auf die Bühne kommt und seine Gedichte vorträgt anschaue und dabei das Publikum im Hinterkopf behalte, das nach einer Dienstleistung lechzt, das einfach nur ein paar Hits intim vorgetragen auf der Akustikklampfe mitsingen möchte und die wohl dosierte authentische Atmosphäre in dieser merkwürdigen zum Restaurant umgebauten Halle mitnehmen möchte, dann kann ich den Abend als ganzen als großes Kunstwerk betrachten.

Von der Kulturindustrie abgerichtete Konsumenten erwarten ihre Dienstleistung – mich eingeschlossen und Pete klimpert wenig kraftvoll eher unbekanntere Songs, nuschelt ins Mikrophon und lässt seinen Kumpel Gedichte vortragen. Bevor seine derartige künstlerische Darbietung – damals noch in Wohnzimmern vorgetragen – zum Produkt der Kulturinstudrie wurde, sah sie wahrscheinlich genauso aus. Nur kraftvoller, nur energischer, nur lustvoller, nur nicht so abgestumpft.

Ich ernte dafür, dass ich zur merkwürdigen Darbietung tanze, mich angeregt über selbige mit meiner Begleitung unterhalte, immer wieder böse Blicke von Perlenohringsmädchen, die wohl als bestes Exempel dafür gelten, was ein Großteil des Publikums erwartete. Ein Großteil des Konzertes auf die versprochene Dienstleistung wartend, zwingen sie sich den authentischen Moment – der vielleicht ein bisschen zu authentisch für ihren Geschmack ist – zu genießen. Wirklich glücklich sehen sie dabei erst aus, als sie mit geschlossenen Augen zum letzten Song tanzen. Sie singen den einzig wirklich kraftvoll vorgetragenen Song innbrünstig mit. Würde man ihre aufgesetzte Attitüde, die bösen Blicke für die Menschen die es wagen das Konzert tatsächlich als das zu genießen was es ist und den ganzen Rest ignorieren, könnte man fast glauben, dass sie hinter der euphorisch mitgesungenen Textzeile „I‘m Fuck forever“ stehen. Doch sie erfreuen sich nur daran, dass die Kulturindustrie ihr Bedürfnis nach Dienstleistung nachgegangen ist.

A sagt, dass man merke das er einst ein großer seiner Zunft war. Heute ist er ein Abziehbildchen seiner selbst, dass als Dienstleister fungiert und doch ein Rest Widerstand sich bewahrt. Das bisschen Rest Würde, das man sich eben noch behalten kann, wenn man so dringend Geld braucht, dass man ein Spontankonzert für 15€ im White Trash spielt.