Archiv der Kategorie 'Hip Hop & Popkultur'

Danke Rapkulturindustrie.

Oh du schöne Rapkulturindustrie,
vielen Dank das du uns regelmäßig aus Promozwecken mit unterhaltsamen aber auch nachdenklichen Ereignissen erfreust. Letzte Woche bediente sich Jan Böhmermann einer Azzlack-Ästhetik um sich als weißen Steuerzahler und seine Gang – die Polizei – abzufeiern. Die einen freuten sich das eine Kartoffel sich über Aykut lustig macht, die anderen freuten sich über Polizeikritik im öffentlich-rechtlichen, andere hielten Böhmermanns Aktion für total rassistisch und wieder andere sahen genau in dem offengelegten Rassismus seiner Kunstfigur die Ebene der Kritik.

Staiger fand keinen Gefallen an Böhmermann und schrieb: „Insofern triffst du, Jan Böhmermann, dann auch den Nagel auf den Kopf, wenn du beschreibst, wie du mit deinem deutschen Namen und deinem deutschen Pass die Polizei anrufst und die Gang an den Start bringst, auf die du dich im Zweifelsfall immer verlassen kannst. Ob sich Aykut oder der sudanesische Geflüchtete, der im Park Drogen verkaufen muss, damit er was zu fressen hat, auch auf sie verlassen kann, ist eher unwahrscheinlich.“

Mein Urteil bleibt weiterhin das Gleiche wie vor einer Woche: „Die Frage, ob er diese Kritik beabsichtigt hat oder er die Verhältnisse nur deshalb offen legt, weil er eine unfassbare Kartoffel ist, lässt sich an dieser Stelle natürlich nicht beantworten. Im Zweifelsfall ist er – als zwar passabler, aber dennoch deutscher Unterhalter – wahrscheinlich tatsächlich einfach nur eine unfassbare Kartoffel und er legt die Realität in dieser Form wirklich nur deshalb – quasi ausversehen – offen. Ein Blick in die Kommentarspalten des Videos oder aller größeren Medien, die über den Song berichten, legt dies nahe. Vielleicht aber – und das ist meine Hoffnung auf eine Überwindung des Gegenstands meiner Kritik – steckt darin tatsächlich eine Kritik an staatlichen rassistischen Verhältnissen und die Kritik kommt bei ihren Konsument*innen einfach nicht an. Vielleicht ist die Idee ja wirklich gut und die Welt nur noch nicht bereit.“

Fakt ist jedoch, dass Böhmermann es geschafft hat und genau das bekommen was er wollte: Klicks und Aufmerksamkeit und damit auch Geld.

Heute – fünf Tage später – gibt es auf einmal ein neues Haftbefehl-Video: CopKKKilla – ohne angekündigtes Album, ohne Single, einfach nur das Video. Und der Name sagt schon recht deutlich warum es geht: um rassistische Polizei und um das sich dagegen zu Wehr setzen.


Zu oft wurden wir unterdrückt
und vom Schäferhund gebissen
Schon als Jugendlicher schlugen sie in mein Gesicht
Handschellen häng‘ an unser‘n Handgelenken, Blutergüsse
Und sie prügeln auf uns ein mit dem Knüppel
Tritte in die Rippen, Pfefferspray 100 Milliliter
Vor den Augen von den Zivilisten mitten in der City

Womit definitiv der Gegenentwurf zum Polizistensohn geliefert wurde, wenn auch nach wie vor nicht klar ist ob Böhmermann nun einfach durch die pure Darstellung seines Kartoffelseins quasi die Verhältnisse aus Versehen offen legt oder eben das Kartoffelsein seiner Kunstfigur bewusst eben genau das getan hat oder ob einfach irgendjemand eine Idee hatte die ihren Effekt erfüllt hat. Böhmermann konnte sich der Aufmerksamkeit für seinen Song, eben so bewusst sein wie Hafti nun für seinen und die Rapkulturindustrie hat zwei neue Eisen ins Rennen geschickt.

Abseits ihres primären Ziels: Geld verdienen – bilden beide Songs die manächäischen Positionen im rassistischen Polizeistaat und zeigen recht deutlich, welchen Unterschied die Haut- und Haarfarbe macht. Und die Rapkulturindustrie hat eine Debatte ausgelöst, bei der man sich durch Konsum positionieren kann.

XOXO,
Chucky

Diktatur der Angepassten & konformistische Rebellion.

Anlässlich der Kampagne „Menschen für Naidoo“ einiger der prominentesten kulturindustriellen Vorreitern der Diktatur der Angepassten und ihre damit einhergehende bereitwillige Unterstützung des konformistischen Rebellen Naidoos: die Abschnitte zur Diktatur der Angepassten und zur konformistischen Rebellion aus meinem „Nie wieder Deutschpop“-Skript.

7.) Diktatur der Angepassten
Die deutsche Nation hat sich im Laufe der Geschichte nicht nur mit Pop versöhnt, sondern die deutsche Ideologie hat sich im Laufe der Geschichte seit dem Ende des zweiten Weltkrieges auch hervorragend geschafft, sich ein neues demokratisches und bürgerliches Gesicht zu geben. Der Widerspruch zwischen warenförmiger Popkultur und deutscher Ideologie ist aufgelöst – hin zum neuen und besseren Deutschland.

Die verschärfte Form des Konformismus deutscher Gesinnung von der Roger Behrens spricht wird von ihm im gleichnamigen Essay-Band in Anlehnung an den gleichnamigen Song von Blumfeld auch „Diktatur der Angepassten“ genannt: (12 – Blumfeld – Diktatur der Angepassten).

Eine Diktatur der Angepassten, die funktioniert weil alle mitmachen und dies freiwillig tun. Kein Zwang, keine Diktatur zwingt die Menschen. Die totale Akzeptanz der kapitalistischen Totalität und die besonders deutsche Form der Auflösung des entstehenden Widerspruchs zwischen Freiheit und Sicherheit hin zur Sicherheit. Die Kultur ist – wie auch schon zu Beginn der Erzählung – komplett an ihre Warenförmigkeit gebunden, doch diese verspricht nicht mehr den Reiz des (Volks-)Fremden, sondern verkauft sich am Besten in den Farben der Nation. Während Pop einst noch das liebäugeln mit der us-amerikanischen kapitalistischen schillernden Welt war, ist der heute enstehende Deutschpop die deutsche Form des Kapitalismus: ohne Glanz und anscheinend authentisch und mit sich selbst identisch. Und alle schreien es dir zu: „MACH MIT!“

Gesellschaftliche Veränderungen bleiben aus, die Kulturindustrie hat alle vermeintlichen widerständigen Nieschen in sich aufgezogen und ihren Widerstand zur reinen Ästhetik verkommen lassen. Und die einzige vermeintliche Rebellion, die sich in der deutschen Poplandschaft irgendwie bemerkbar macht ist eine konformistische.

Wenn Herbert Grönemeyer, der wirtschaftlich mit Xavier Naidoo verknüpft ist und ihn wohl deshalb verteidigen möchte, schreibt, dass er gerne „80 Millionen Wahrheiten“ hätte, aber keine „Verunglimpfung“ – womit er die Kritik an Xavier Naidoo meint –, dann ist genau das die perfekte Beschreibung der Diktatur der Angepassten und zeigt wie sie der konformistischen Rebellion und „die Faschisten hinter der Maske der Demokraten“ (Adorno) mit offenen Armen empfängt.

8.) Konformistische Rebellion & Rotzrock
(13 – Antilopen Gang – Outlaws (plus Kommentar))
Diese selbstkritische Analyse des Songs von Koljah bringt ein elementares Element der konformistischen Rebellion auf den Punkt: „vermeintliche Außenseiter“. Eine Band, die dies in Perfektion beherrscht, dass sind die böhsen onkelz: (14 böhse onkelz – Auf gute Freunde)

Der wohl bekannteste Song der böhsen onkelz, darf auf keinem Dorffest fehlen. Die größtenteils deutschstämmigen Gäste grölen laut, wie schwer ihr Leben doch ist, während die Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf ihre eigenen Feste gehen, die gegeben falls auch mal betrunken angegriffen werden. Aber es geht gar nicht darum, tatsächlich betroffen zu sein. Es geht darum, sich in der Rolle des Betroffenen zu wähnen, um aus der Rolle des Betroffenen agieren zu können. Durch laute Gitarren, die aufpuschenden Drums und die eingängigen Texte sprechen die böhsen onkelz all jene an, die in ihrer momentanen Situation nicht ganz zufrieden sind. Mit ihren Texten stärken sie das Gemeinschaftsgefühl, mit ihrer Ästhetik behaupten sie einen Gegenentwurf zu liefern, obwohl sie mitten in der Masse schwimmen. Ein bisschen konformistische Rebellion, für all jene die gar nicht wirklich rebellieren wollen, sondern sich nur von denen die tatsächlich anders sind abgrenzen wollen.

Auf der einen Seite, die böhsen onkelz und ihre Fans. Auf der anderen die breite Mehrheit mit ihrem Übermaß an politischer Korrektheit, die sie gezwungen haben ihren eigenen Weg zu gehen. Das diese breite Mehrheit nicht existiert, sondern nur konstruiert wird um sich selbst das Rebellenimage zu geben, erklärt sich von selbst. Schließlich funktioniert die gesamte Rhetorik und die gesamte Ästhetik nur unter der Fahne der Außenseiter*innen, der Fahne der ungeliebten Kinder der Bundesrepublik und der Fahne der wahren Opfer des Systems. Das die meist weißen und heterosexuellen Fans gerade eben nicht die Opfer, sondern im schlimmsten Fall eben jene sind, die auf Dorffesten in der schwäbischen Provinz mal wieder ein paar Migrant*innen oder Punks jagen, wollen weder sie noch ihre Verteidiger*innen aus der Mitte der Gesellschaft wahr haben.

Echte Rebellen schlagen auch mal zu. Es stellt sich jedoch hier die Frage, die Marcus Wiebusch im Song Graceland seiner Band Kettcar stellt: „Wenn alle gleich sind, wer ist dann der Rebell?“ Mit der Verehrung einer Band, die außerhalb der linken Szene kaum Kritik erntet und deren Shirts die Uniform, deren Heckscheibenaufkleber die stolze Fahne der deutschen Dorfjugend ist, ist man allerdings nur Rebell, wenn man das konformistisch davor schreibt.

Konformistische Rebellion, dass ist eine Rebellion die nicht gegen die Gesellschaft in einer Weise rebelliert, dass sie über diese hinaus will, sondern viel mehr in einem Maße gegen die Gesellschaft rebelliert, dass sie ihre Errungenschaft abschaffen möchte und zurück hinter bereits erreichte Errungenschaften.

„Vom Schicksal gefickt“, als Rebell und als Außenseiter wird man ja wohl noch sagen dürfen.
Wenn das dann die Mehrzahl grölt – oder hunderttausende auf dem Hockenheimring – wird die Konstruktion dieses Images deutlich. Unter der Konstruktion eines „WIR“s sammeln sich dann die konformistischen Rebellen und grenzen sich gegen „DIE ANDEREN“ ab. Das funktioniert vor allem über eine Ästhetik, die nicht losgelöst vom Text betrachtet werden kann. Am besten lässt sich das zeigen, wenn man – wie Mambo Kurt – einfach mal auf ein Umhänge-Keyboard statt einer Gitarre zurückgreift: (15 – Mambo Kurt – Mexico)

Die oben angesprochene Ästhetik der onkelz hat viele Nachahmer gefunden, das beste Beispiel
hierfür ist eine Band deren Musik ich gar nicht erst spielen will, sind sie doch nichts als die
Nachfolgerband der böhsen onkelz mit norditalienischer oder wie sie sagen, südtiroler
Abstammung. Frei.Wild singen ‚böhsen onkelz unser leben‘ und genau so klingen sie auch.

Die ästhetischen Kameraden der onkelz brauchen keine nationalsozialistische Agitation im Kopf
haben, um mit dem durch die typische Rotzrock-Ästhetik entstandenen Gemeinschaftsgefühl einen
Mob zu agitieren. Manche tun das auch ganz unbewusst, wie die Labelkollegen von Frei.Wild, die
von sich selbst behaupten, keinerlei Berührungspunkte mit der rechten Szene zu haben. Anders als
Frei.Wild, kauf ich das dieser Band auch ab. Doch das macht die ganze Sache nicht etwa besser:
(16 – Serum114 – Hängt sie höher)

Serum114 erachten wahrscheinlich diesen Song nicht einmal wirklich als politisch, sie drücken nur
aus was sie denken. Hier ist definitiv keine bewusste rechte Agitation vorgesehen, viel mehr ‚wird
man hier einfach mal sagen dürfen‘. Der oft zitierte ‚kleine Mann‘, der die Schnauze voll von denen
da oben hat und kein Nazi ist, aber doch noch mal sagen darf, was er denkt, bekommt hier eine
Stimme verliehen. Eine Stimme die nicht ideologisch gefestigt ist, sondern von Halbwissen und
Ressentiments getragen wird. Mit dieser Mischung aus gefährlichen Halbwissen, Ressentiments und
fatalen politischen Ansichten, denen sie sich nicht bewusst sind, sind sie allerdings auf keine Fall
alleine. Die Grenze zwischen „Grauzone“ und „Rechtsrock/rap“ verläuft im Lager der konformistischen Rebellen dabei fließend und ist – wie ich hoffentlich ausreichend dargelegt habe – eigentlich auch irrelevant.

Ich hab Polizei.

Liebe kartoffelkritische Online-Community,
Jan Böhmermann, seines Zeichen wohl der passabelste Entertainer Deutschlands – nicht mehr und auch nicht weniger – hat ein neuen Coup gelandet: Polizeikritik verpackt in eine Straßenrap-Ästhetik. „POL1Z1STENS0HN“ ist ein Song, der definitiv als Parodie auf Haftbefehl zu verstehen ist. Und damit ganz offensichtlich – wie von euch richtigerweise angemerkt – problematisch ist. So wie es immer problematisch wird, wenn sich weiße Dudes – im Folgenden der Einfachheit halber Kartoffel genannt – der Ästhetik der Azzlackz bedienen und damit auch einer Ästhetik eines migrantischen Aufbegehrens. Der Rassismus der Haftbefehl-Parodien oder Persiflagen innewohnt ist offensichtlich. Und Juri Sternburg hat definitiv recht, wenn er für das Hate-Magazin schreibt: „die „Haha, guck mal der sagt isch statt ich“-Gröler und die 15jährigen Rap-Kartoffeln aus Niedertupfingen fühlen sich bestätigt in ihrem dummdeutschen „Einmal Döner mit allen Saucen“-Humor. All jene, die schon immer der Meinung waren, dass diese Kanacks eigentlich gar nicht sprechen, geschweigen denn rappen können/sollen, vereint mit bildungsbürgerlichen Verlagsheinis, deren Refugees Welcome-Banner noch stolz vom Facebookprofil strahlt und dem Jung-Identitären, der in diesem Video quasi den Gipfel seiner Humorigkeit dargestellt sieht. Ist ja auch mal genug jetzt mit dieser Pseudo-Haftbefehl-Lobhudelei in den Feuilletons. Genug Ghetto-Sprache, jetzt zeigen wir euch mal wo der Hammer hängt, hier in Deutschland. Und da steht er jetzt der Jan, weiss, deutsch und so kartoffelig, dass es ihm aus den Ohren quillt und schreit: “Isch hab Polizei!” Ist das nicht lustig, Rudi?“

Doch abseits der dummdeutschen Fans, die diese Parodie natürlich bekommt und auch abseits der linken Fans, die sich automatisch an einer öffentlich-rechtlicher Polizeikritik erfreuen, weißt der Song an einer Stelle durchaus Elemente auf, die man als gelungene Kritik betrachten könnte. Die große Frage, die sich hier stellt ist natürlich: ist es wirklich in Ironie verpackte Kritik oder wird das kritisierenswerte einfach nur deshalb so deutlich, weil Böhmermann eine so unfassbare Kartoffel ist? Ich weiß es nicht.

In dem Moment wo Böhmermann als weißer und kartoffeliger Gegenentwurf zu Haftbefehl inszeniert und dabei dann eben – logischerweise – die Polizei ruft, baut er eben jenen Widerspruch zwischen sich und Haftbefehl auf und füllt ihn mit Attributen. Auf der einen Seite der „Schwarzkopf in Offenbach“, der die „Cops am Arsch“ hat und auf der anderen Seite, der „Polizistensohn“ Böhmermann. Genau in der Offenlegung, dieses realen Widerspruchs – der in diesem Song noch mit Kritik an der Polizei gefüllt wird – steckt dann auch die wahre Kritik an einem System aus Staat, Rassismus, Polizei und ihren Verknüpfungen. Er legt seinen gesellschaftlichen Standpunkt (und auch den des Hafti feiernden Feuilletons) relativ schonungslos offen, indem er die Verhältnisse umdreht und zeigt, dass es Leute gibt (z.B. er als gut situierte Kartoffel im Kulturbetrieb), die sich relativ viel rausnehmen können, weil ihre Interessen – ganz legal – von der größten deutschen Gang durchgesetzt werden.

Die weiter oben gestellte Frage, ob er diese Kritik beabsichtigt hat oder er die Verhältnisse nur deshalb offen legt, weil er eine unfassbare Kartoffel ist, lässt sich an dieser Stelle natürlich nicht beantworten. Im Zweifelsfall ist er – als zwar passabler, aber dennoch deutscher Unterhalter – wahrscheinlich tatsächlich einfach nur eine unfassbare Kartoffel und er legt die Realität in dieser Form wirklich nur deshalb – quasi ausversehen – offen. Ein Blick in die Kommentarspalten des Videos oder aller größeren Medien, die über den Song berichten, legt dies nahe. Vielleicht aber – und das ist meine Hoffnung auf eine Überwindung des Gegenstands meiner Kritik – steckt darin tatsächlich eine Kritik an staatlichen rassistischen Verhältnissen und die Kritik kommt bei ihren Konsument*innen einfach nicht an. Vielleicht ist die Idee ja wirklich gut und die Welt nur noch nicht bereit.

XOXO,
Chucky

Paul Würdig und die Antijugend.

„Privilegiertes Kind aus der Mittelschicht, um euch zu ertragen reichen die Mittel nicht.
Paul Würdig, nur du bist schuld daran, dass aus mir nichts werden kann.“

- PRSLM – Antijugend

Geneigte Fans der deutschsprachigen Pop und Rapmusik werden sicher die Anspielung auf Veedel Kaztro und damit auch die Anspielung auf Tocotronic erkannt haben. Diese popkulturell bewanderten Hörern werden sicherlich auch die Aussage, die mit Hilfe dieser zwei Songs in dieser einen Textzeile steckt, erkannt haben: werden die Generation von Dirk von Lotzow geprägt durch die Werke Michael Endes keine Möglichkeit mehr besitzt in der Gesellschaft Fuß zu fassen, geht es der jüngeren Generation um Veedel Kaztro und mir ähnlich, nur eben das ihr Leben durch die Werke eines Paul Würdigs geprägt wurde.

Deutschland kritische an Deutschrap Interessierte – zu denen ich mich im eingangs zitierten Song, durch die Bezeichnung als“Kultur schaffender, Deutschland hassender Sprechgesangsartist mit Hang zum Gift“ selbst zähle – werden sicherlich an dieser Stelle anmerken, dass Paul Würdig besser bekannt als Sido mit seinem rumgeliege auf der Wiese vor dem Reichstag, doch eigentlich jedwede positive Referenz verbiete.

Ich könnte es mir an dieser Stelle leicht machen und darauf verweisen, dass die Aufnahmen des Songs „Antijugend“ bereits vor Veröffentlichung des kritikwürdigen Sido Songs geschehen sind. Ich möchte es mir aber nicht einfach machen. Ich möchte offen und ehrlich bekunden, dass auch abseits des Songs der gute Paul Würdig „Erwachsen geworden ist“ und der noch viel bessere Prezident recht hat, wenn er sagt: „als würdet ihr nicht angepasst, wenn ihr Erwachsen sagt meinen“. Kritik an Paul Würdig ist mehr als angebracht und steht auch nicht im Widerspruch zur eingangs zitierten Textzeile. Denn hinter dieser steckt eingebettet im Kontext der Strophe eine andere Bedeutung, als ein affirmativer Bezug auf Sido.

Logischerweise behandelt Antijugend, die eigene Jugend abseits der gesellschaftlichen Erwartungen. Die direkt vor dem – musikalisch vom Rest der Strophe abgegrenzten – Zwischenpart platzierte Line: „Marihuana und FC Bayern / Grasverbrauch stieg beim Feiern“ illustriert die Notwendigkeit des Cannabiskonsums des lyrischen Ichs, um die Partys der anderen Jugendlichen zu ertragen. Im Zwischenpart selbst wird die Verwurzelung im sozialen Milieu der Eltern reflektiert, der Dissenz mit den übrigen Jugendlichen aus dem selben Milieu bekundet und schließlich der Bezug zu Sido hergestellt. Ehe direkt nach dem Zwischenpart, sich das lyrische Ich von dieser Phase – MC Halbzeitbier: ein Freestyle Alter Ego, dass in dieser Phase entstanden ist und auf einem Bonustrack der Linde EP („Marihuana & FC Bayern“) noch einmal zu hören ist – bewusst emanzipiert. Dementsprechend geht es in keinem Fall darum das gegenwärtige Schaffen von Paul Würdig einen positiven Bezugspunkt abzugewinnen, viel mehr geht es darum die Bedeutung des Schaffens von Paul Würdig in eben jener Phase fest zu stellen und eben auch anerkennen, dass diese Phase – trotz Emanzipation von ihr – das weitere Schaffen des Protagonisten der ersten Strophe stark geprägt hat. Die konsequente daran anknüpfende Frage ist sicherlich einfach, aber ist dennoch wert gestellt zu werden.

Warum?

Mit 18 befand ich mich was mein Rapstate of Mind angeht etwa in der selben – wenn auch erwachseneren – Phase, wie in der Zeit bevor Aggro Berlin allgemein und Sido im Besonderen in mein Leben traten. Dieser State of Mind liegt irgendwo zwischen Blumentopf und Einfamilien beziehungsweise Reihenhaus und hat sich als Ziel gesetzt in Münchens Innenstadt zu ziehen. Um ihn in wenigen Worten zu beschreiben zitiere ich am Besten Blumentopf selbst:

„Meine Wohnung ist im ersten Stock
In dem Block mit der Schneiderei im Erdgeschoss
Wo man mich nicht grüsst sondern gegen Wände klopft
Wo keinem was entgeht, weil jeder aus dem Fenster glotzt
Wo Gerüchte sich verbreiten wie ein Kettenbrief
Und man sich den Kopf zerbricht wie ich mein Geld verdien‘;
Wo man selten jemand lächeln sieht und es im Treppenhaus nach Essen riecht
Wo’s kein Mensch interessiert wenn Du einmal Hilfe brauchst
Sogar der Hausmeister macht Dir hier die Tür‘ nicht auf
Hauptsache ist Du rückst die Miete raus, wo Du Schiss hast wenn Du Tüten rauchst
Oder dass die Oma neben Dir das Gas vergisst
Wo Künstler noch ‚n Schimpfwort und keine Arbeit ist
Wo man es hasst wenn Du ’ne Party gibst, weil das ganze Haus am schlafen ist
Wo du an ’nem Dienstag nicht lange schläfst
Weil die Müllabfuhr direkt vor der Garage steht
Wo der Nachbar gerne Rasen mäht, wo man Treppen putzt und Straßen fegt
Ich wohn‘ direkt in Münchens Innenstadt
Wo man kein Garten braucht, weil man hier die Isar hat
Und Leute wisst Ihr was? Ich lieb‘ die Stadt!

Und dann kam Sido, erzählte das er die Juice geklaut hätte und darin eine CD mit eben jenem Song von Blumentopf gefunden hätte und das ich – in meinem Einfamilienhaus – ihn auslachen würde. Als ich begann mit eben jenem provinziellen State of Mind das erste Mal in Konflikt zu geraten und auch mit der reflektierten pseudoalternativen in Wahrheit aber affirmativen Rapversion davon, liefert Sido mir eben genau jene kulturindustrielle Projektionsfläche, die mir mittels VIVA, MTV und Bravo die notwendigen Produkte zur Rebellion lieferte samt der wohl größten Hymne, die jemals auf die Distinktion geschrieben wurde: Schlechtes Vorbild. Natürlich war diese Rebellion auf Grund ihrer Warenförmigkeit sicherlich im System verankert und auch nur die Rebellion eines „privilligierte Kindes aus der Mittelschicht“. Oder um es mit B-Tight und Sido selbst zu sagen:

„Ihr seid mit uns aufgewachsen
Ihr wart zwölf, als wir die erste Platte draußen hatten
Ihr wolltet es auch so machen
Aufdrehen, auf die Welt ‚n Haufen kacken
[…]
Weißte noch, wie du die ersten Tapes gekauft hast?
„Play“ gedrückt, mitgerappt, du dachtest, dass du’s drauf hast
Schauplatz war dein Kinderzimmer vor dem großen Spiegel
Du wolltest dich so cool wie deine Idole fühlen
Reden wie ein Asi, bloß nicht auf die Eltern hören
Du wolltest zerficken, deine perfekte Welt zerstören

Kurzum: Konsumierbare Antihaltung und Abgrenzung gegenüber die Dorfgemeinschaft und genau auf diese möchte ich mich in dieser Line beziehen. Sicherlich lassen sich in den späteren Werken von Sido noch weitere kritische oder „subversive Elemente“ finden, doch um diese ging es bei dieser Textzeile und somit auch bei dieser Erklärung nicht.

XOXOXOXOXOXO

PRSLM – #ANTIJUGEND (feat. MCE)
-> Download ab 20|11|2015
PRSLM – LINDE EP
-> Download & CD

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Wie ein Dealer

Rapkulturindustrie.

Das Rapkultur im Anbetracht der Kulturindustrie nicht von selbiger losgelöst zu betrachten ist, dürfte keine besonders neue These sein. Das Rap durch den Wettbewerbs-Charakter – das Game – für die kapitatlistische Konkurrenzgedanken ebenfalls anfällig ist, dürfte auch keine neue These sein. Die Geschichte von den Block Parties in Brooklyn zum Mulitmillionär Drake und die genaue Beleuchtung der Rapkulturindustrie ist wohl eher das Thema für Bachelorarbeiten, als für diesen Blogbeitrag. Dennoch geht es mir hier darum, etwas fest zu halten.

Cannabis und Deutschrap (eine Veröffentlichung zu dem Thema wird es irgendwann von mir noch geben) führen eine innige Beziehung. Exemplarisch dafür dürfte wohl Grüne Brille von Samy Deluxe sein. Er stellt seinen Konsum in unmittelbaren Zusammenhang zu seiner Kunst und betont seine besonderen Qualitäten als Kiffer und Künstler. Im Deutschrap 2015 ist Cannabiskonsum ein weit weniger spektakuläres Thema – im Gegenteil ist es Alltag. Stattdessen ist der Cannabisverkauf, mittlerweile zumindest im Straßenrap in den Vordergrund gerückt.

Erst kamen Kifferrapsongs, dann kam Samy und stellte diese in Zusammenhang mit seiner Kunst. Dann kamen Dealersongs, nun stellen B-Tight und MoTrip diese in Zusammenhang mit ihrer Kunst. Anders als Samy, der seine Kunst durch den Konsum besonders hörenswert findet, vergleichen B-Tight und MoTrip ihre „Produkte“ mit denen eines Dealers.

Die Rapkulturindustrie macht keinen Hehl mehr daraus aus der Warenförmigkeit ihrer Kunst beziehungsweise Produkte. Verwunderlich ist das nicht und strenggenommen ist es sogar ehrlich, als Realkeepershit der den Zusammenhang der eigenen Kunst und der kapitalistischen Verwertungslogik verleugnet. Insofern ist dies nur eine Feststellung, die notiert werden wollte und keine neuartige Erkenntnis.