Archiv der Kategorie 'Post von Chucky'

Auf der Suche nach einem Update (1).

Lieber Chefket,
am Freitag kam dein Album raus und 2012 veröffentlichtest du einen Track mit Kaveh, Pyranja, B-Lash, Holger Burner & DJ Werd. Der ehemalige Arbeitgeber von Marcus Staiger und Zugezogen Maskulin schrieb damals: „Im Nahen Osten wird derzeit von allen Seiten mal wieder das Kriegsbeil ausgegraben. Kaveh, Pyranja, B-Lash, Chefket, Holger Burner und DJ Werd sind damit nicht einverstanden und sprechen sich in ihrem von B-Lash auch produzierten Song “Iran (Update)” sehr deutlich gegen einen möglichen Krieg gegen Iran aus. Ob man die Meinung der rappenden Protagonisten, die den Iran vor allem als Opfer fremder geostrategischer Interessen sehen, nun teilen mag oder nicht – ein begrüßenswert klares und eindeutiges Statement gegen Krieg und andere Formen der Gewalt ist der Song auf jeden Fall – und somit eine hervorragende Grundlage für eine Diskussion.“

Das ich da anderer Meinung bin – dürfte dir vielleicht nicht bekannt sein, aber den Leser*innen dieses Blogs. Jeden Falls machst du einen Track mit bekannten Antisemiten wie Kaveh und Holger Burner für eine stalinistische Organisation (SDAJ). Bevor ich meine Kritik äußere erstmal die Frage: Wie stehst du heute dazu? Bist du immer noch auf der Suche nach einem Update?

XOXO,
Chucky

Immer noch ein Feindbild


„Arthur Harris war Oberbefehlshaber der Royal Air Force und im Zweiten Weltkrieg verantwortlich für die Flächenbombardements auf deutsche Städte, was letztlich ebenfalls Ausdruck eines imperialistischen Krieges war.“

[1]

Die (National)sozialisten in und um die Linksjugend marschieren wieder gegen jene – die aus der Shoah die Konsequenzen einer Israelsolidarität ziehen und sich in Opposition zur deutschen Ideologie stellen. Sie rufen zur Intifada [sic] gegen Antideutsche auf und nehmen dabei körperliche Angriffe gegenüber Genoss*innen billigend in Kauf. Denn Antideutsche sind für sie „pro-imperialistische, arbeiterInnenfeindliche und neoliberale Strömung“. Belegt wird der Vorwurf nicht, denn es sind Fremdbezeichnungen ohne Hintergründe.

Sie bemängeln, dass man wegen eines Antrages vom lezten Bundeskonkgress nicht mehr Israel kritisieren könne. Jedoch trifft das nur zu, wenn die Kritik an Israel sich antisemitischer Stereotype bedienen muss. Aber das muss sie wohl in diesen Kreisen, in denen ein israelischer Panzer – wohlgemerkt ein Panzer der praktischen Kampf gegen Antisemitismus macht, während deutsche Linke dabei zuschauen wie antisemitische Parolen gerufen werden – auf einem Sticker Grund zum Ausschluss eines Landesarbeitskreises ist. Am Sticker der kurdischen Kämpfer*innen wurde sich nicht gestört, obwohl dieser ebenso zur „Verherrlichung von Kriegsgerät“ beitrug.

Einen Begriff von der Arbeit des BAK Shaloms haben sie so wenig, wie sie ihn von Antisemitismus haben. Denn zur Shoah führte ihrer Meinung: der „Imperialismus als Weltsystem“[sic]. Nicht die deutsche Ideologie, dass deutsche Volk und der flächendeckend getragene Antisemitismus. Nein der Imperialismus! Und in dieser Logik wird dann auch (siehe obiges Zitat) der Krieg der Alliierten gegen Nazideutschland kritisiert.

„Wir erinnern uns an die Attacken auf die Linken in NRW“ und ich erinnere mich daran, wie Shalomies die einen LAK in NRW gründen wollten körperlich angegriffen worden sind. Die angeblich angegriffenen Linken organisierten „eine Demonstration in Solidarität mit dem palästinensischen Volk und gegen den Krieg“ auf der antisemitische Parolen gerufen worden sind, die für sie kein Grund zum Eingreifen waren. Sie waren Teil jenes Mobs, der im Sommer 2014 das Leben für Juden in Deutschland noch ein Stück weniger erträglich machte und beschweren sich nun, dass sie dafür Opfer von difusen „Attacken“ wurden, die sie nicht einmal weiter benennen können. Aber dadurch das sie erklären, das „die bürgerliche Presse […] genutzt“ wurde, zeigen sie recht deutlich was das wohl für „Attacken“ waren: es war Kritik.

„Denn hinter den Antideutschen steht eine weitaus größere Kraft.“ Ein Satz der sich wie ein Paradebeispiel antisemitischer Kritik ließt, denn natürlich gibt es Akteure die im Hintergrund die Antideutschen installiert haben für größere Pläne. In diesem Fall sind es „die FührerInnen der LINKEN und auch manch FührerIn von [´solid]“. Auch diese Behauptung sind fernab jeder Realität, weder sind Antideutsche – und damit sind jene gemeint, die mehr als nur israelsolidarische Linke sind – besonders interessiert daran in deutschen Parlamenten zu sitzen, noch haben sie irgendwie einen derartigen Rückhalt in der Linkspartei oder der angeschlossenen Rosa-Luxemburg-Stiftung.

„Wer sich konsequent gegen die Antideutschen zur Wehr setzen will“, sie bekämpfen und ausrotten will(?) „muss nicht nur eine entschiedene Auseinandersetzung gegen die Antideutschen, sondern gegen ihren Verbündeten – den Reformismus in [´solid] und LINKE führen.“

Ich habe mich in der Vergangenheit mit dem ‚Antideutsch-Vorwurf‘ in der Piratenpartei befasst und immer wieder sagten Piraten, die Vorwerfenden hätten keinen Begriff davon was Antideutsch ist. Nun, dass hat Revolution auch nicht. Antideutsche bleiben die Feindbilder zwischen den Stühlen, die unbequemen Kritiker an dogmatischen Positionen, die man hassen und sich so in einer Gemeinschaft mit anderen Hassenden befinden kann. Der kleinste gemeinsame Nenner vieler Bewegungen war stets der Antisemitismus, der Hass auf die Antideutschen hat hier eine ähnliche Funktion. Was für Stalin die Kosmopoliten waren, sind für diese Genoss*innen die Antideutschen.

Die einzige Konsequenz daraus: weitermachen.
Israel bis zum Kommunismus.

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[1] Grundlage: Wer sind die Anti-Deutschen
Alle weiteren Zitate aus [2] Intifada in [’solid]

Juden sind knorke

Liebe Huffingtonpost,
eigentlich bist du mir ja egal aber wenn du was über Antisemitismus und Juden schreibst, dann schaue ich da aus Gewohnheit einmal genauer hin. Du sagst ‚Antisemitismus ist dumm‘ und du hast damit vielleicht gar nicht so unrecht, den ohne Rücksicht auf Argumente und auf den ersten Blick völlig unlogisch existiert er schon viel zu lange. Nur sind die Antisemit*innen oftmals nicht dumm, sondern viel mehr befinden sie sich in einer Art Wahn. Sie sind einer Art Alltagsreligion verfallen, die es ihnen ermöglicht die Komplexität der Welt auf eine simple Formel herunter zu brechen: die Juden sind an allem schuld.

Es ist sicherlich gut gemeint, wenn du versuchst argumentativ dem Antisemitismus bei zu kommen, aber glaube einem der das schon oft vergeblich versucht hat: es bringt nichts. Aber selbst wenn du weißt, dass es nichts bringt und es trotzdem immer wieder versuchst (ich verbringe auch viel Zeit in Facebookkommentarspalten) ist das nicht zu kritisieren, sondern im Gegenteil eher zu loben. Aber was du getan hast, dafür kann ich keine positiven Worte finden: die Leistungsgesellschaft scheint dir so sehr in Mark und Knochen übergangen zu sein, dass deine Argumentation gegen den Wahn eine menschenverachtende Argumentation geworden ist. Du listest ’10 Dinge, die wir Juden zu verdanken haben‘ auf und versucht den Antisemitismus zu kritisieren in dem du sagst, dass ‚wir‘ Juden etwas verdanken.

Zunächst einmal hat die Tatsache das Scarlett Johanson das ’sexiest woman alive‘ ist so gut wie nichts mit ihrer jüdischen Identität zu tun. Wenn du ernsthaft der Ansicht bist, dann haben wir hier eine Eben von Biologismus erreicht die ich niemals gut heißen kann und will. Weitergehend ist es für eine Kritik am Antisemitismus völlig sekundär, ob Juden und Jüdinnen irgendwas gemacht haben (das ist es im übrigen auch für die Antisemit*innen). Es reicht schlicht fest zu stellen: Juden sind Menschen, die auf Grund von Antisemitismus diskriminiert und all zu oft sogar ermordet werden. Das ist scheiße, weil sie Menschen sind. Das ist der einzige Grund, warum das scheiße ist. Und man muss deshalb etwas gegen Antisemitismus unternehmen, weil darunter Menschen leiden. Nochmal: Menschen.

Deswegen müssen wir (also diejenigen denen es ein Anliegen ist, dass kein Mensch unterdrückt wird) den Antisemitismus analysieren und bekämpfen, deswegen schreibe ich auf diesem Blog beispielsweise Texte wie diesen. Also wenn ihr wirklich was gegen Antisemitismus unternehmen wollt, dann informiert über seine Beschaffenheit. Schreibt Texte darüber wie und wo er auftritt, darüber was die Konsequenzen waren und sind, darüber wie man durch Aufklärung vielleicht doch irgendwie diesen Wahn austreiben kann oder es zumindest versucht. Aber sagt bitte nicht: Antisemitismus ist doof, weil Juden eigentlich ganz knorke sind.

XOXO,
Chucky

Mein Opa.

Mein Opa war Wehrmachtssoldat. Gut, damit unterscheide ich mich nicht großartig von den meisten in Deutschland geborenen Menschen ohne familiären Migrationshintergrund. Ich bin Teil des Tätervolkes, bin hier groß geworden und habe als priviligiertes Kind aus der Mittelschicht auch kräftig davon profitiert (siehe ausbleibende Reperationszahlungen an Griechenland und die Konsequenzen für Griechenland). Das ich auf Grund meiner jüdischen Identität Opfer von Antisemitismus bin ändert in meinem Fall ebenso wenig daran, wie bei deutschen Konvertiten. Oder bei Antideutschen mit starkem Hang zum Philosemitismus, die sich durch „Betroffenheit“ in ein tatsächliches betroffen sein hinein imaginieren.

Kritischer Umgang mit der Geschichte, heißt auch kritischer Umgang mit der eigenen Familiengeschichte und kritischer Umgang mit der eigene Rolle innerhalb der Täternation. „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nie wieder sei“ heißt eben nicht nur, sich solidarisch mit den Opfern von Antisemitismus und dem Staat Israel als dessen Schutzraum zu erklären, sondern auch eigene faschistoide Denkmuster zu reflektieren, anzuerkennen das die eigene Familie auch einen Beitrag zum größten Verbrechen der Menschheit geleistet hat und permanentes Hinterfragen ob man zur damaligen Zeit vielleicht weder konvertiert wäre noch einen Hang zum Philosemitismus ausgeprägt hätte. Oder in meinem Fall: ob man die eigene jüdische Identität nicht versucht hätte unter den Tisch fallen zu lassen – was mit ein bisschen Glück in meinem Fall sicherlich möglich gewesen wäre – und mehr dem Vorbild des Wehrmacht Opas zu folgen.

XOXO,
Chucky

Hallo Deutschland

Hallo Deutschland,
am 9.11.2014 fühlst du dich leider Gottes immer noch so verdammt Deutsch an.

Anlässlich zum Mauerfall durfte der angry old man Wolf Biermann im Bundestag ein Liedchen singen, doch der aufrechte Demokrat ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen seinen über Jahre gehegten Antikommunismus freien Lauf zu lassen und in deutscher Tradition gegen alles vor zu gehen was auch nur im Ansatz den Anschein erweckt emanzipatorisch zu sein.

Anlässlich der Regierungsbildung die in Thüringen höchstwarscheinlich mit einem linken Ministerpräsidenten enden wird, versammelten sich in Erfurt diverse faschistoide schwarz-braune Antikommunist*innen um am 9.11 – dem Tag des Mauerfalls, sonst war ja nichts bedeutendes – den Rathaus Platz in ein Lichtermeer (sic!) zu verwandeln. Aufgerufen dazu hatte unter anderem die CDU, die übrigens bis ’89 in der Volkskammer nur einmal gegen die SED stimmte, als es um Abtreibung ging. Ebenfalls erschienen waren neben den besorgten Bürger*innen die Angst vor einem ostdeutschen Polizeistaat mit Überwachung auf Stasiniveau haben (hüstel, Sachsen unter CDU-Herrschaft, hüstel), natürlich auch einige Neonazis die, wer hätte das vorher ahnen können, einige Gegendemonstrant*innen angriffen.

Anlässlich des Mauerfalls waren sämtliche Medienkanäle sowie die Innenstadt der Stadt in der ich lebe voller Meldungen & Menschen, die sich ganz befreit & vereint fühlten und mit Luftballons ihre Freude darüber ausdrückten, dass keine Deutschen mehr leiden müssen, sondern nur noch andere an deutscher Politik und Ideologie. Anlässlich der Reichsprogromnacht, dem symbolischen Beginn der exzesziv ausgelebten deutschen Ideologie gab es keine Tweets oder Facebookposts der Tagesschau oder von ZDF heute.

Ach und einige Nazis marschierten heute auch noch durch beziehungsweise Berlin, während Reichsbürger, Mahnwachen Antisemiten und andere Gruselgestalten vor dem Reichstag beziehungsweise Kanzleramt standen.

Aber dich interessiert das ja alles nicht, denn du musst dich selbst feiern.

Fick dich, nein sterb aus, fick nicht.