Archiv der Kategorie 'Rassismus'

Kulturelle Aneignung – Schlagworte

Über was man in Debatten über kulturelle Aneignung reden könnte:

Unter- und Überbau.
Kulturelle Hegemonie & der Zwangscharakter von Kultur.
Wer Kultur sagt muss auch -industrie sagen.
Verblendungszusammenhang.
Identität als Währung des Neoliberalismus.
Identität als Rückzugsort vor dem Neoliberalismus.
Authentizität.
Ideologie von Authentizität.
Deutsche Kultur versus französische Zivilisation.
Das Konzept von Blut und Boden.
Popkultur als Ausbruch aus dem Volkskörpers.
Wurzellose Kosmopoliten aka. kulturlose Parasiten.
Jüdische Kultur(en).
Juden als Figur des Dritten.
Die zwei Seiten der kolonialen Ideologie.
Universalismus versus Partikularismus.
Martin Luther Kings Traum.
Hip Hop als Communitygedanke.
Punk als Absage an Kultur.
Gegenkultur.
Punk als gescheiterte Gegenkultur.
Etc. Pp.

Just a piece of hate.

Vor ein paar Wochen habe ich versucht meine Wut über gewisse Zustände in der kritischen Netzgemeinde in ein Word-Dokument gepresst. Weil es einfach nur Hass ist, der vor allem als Distinktionsbedürfnis verstanden werden wird, wollten ihn das dafür bestimmte Online-Mag nicht. Irgendwie fände ich es aber zu schade, wenn er auf meine Festplatte vergammelt.

Die bürgerliche deutsche kritische Twittergemeinde bleibt sich treu. Bloß nicht das System hinterfragen, sondern lieber dafür kämpfen und tweeten, dass es eine jede Identität in diesem System irgendwie lebenswert hat. Schon irgendwie doof arbeiten zu müssen, aber das liegt ja in der (zweiten) Natur der Dinge. Aber wenn alle genau gleich beschissen fürs ausbeuten lassen entlohnt werden, dann ist die Welt ein bessere Ort.

Kein Wunder also, dass die Reaktionen auf die AFD wahlweise ein positiver Bezug auf irgendwelche parlamentarischen Kräfte ist oder der gute alte Schrei nach Bildung(sarbeit). Karl Marx hätte sie wahrscheinlich Apologeten ihrer Klasse genannt, wenn er ihre Versuche, die Konsequenzen des Kapitalismus mit demokratischen Spielchen aufzuhalten, gesehen hätte. Wie so oft, kann man Karl Marx hier durch aus zu stimmen.

Die wenigen (meist nennen dieses sich dann „Antideutsch“) unter ihnen, die noch irgendwie ein Interesse an der freien Assoziation oder an der befreiten Gesellschaft zu haben scheinen, betonen immer wieder – mit Bezügen auf Adorno-Texte die kaum jemand je gelesen hat – das diese gerade nicht möglich sei und verzichten so darauf sich weiter damit zu befassen. Sie verweisen auf das Bilderverbot von Adorno, ohne sich aber – wie er es forderte – stattdessen einen Begriff zu machen. Die meisten allerdings beziehen sich nicht einmal pro Forma auf irgendetwas, dass die kapitalistischen Zumutungen und all ihre Konsequenzen aufheben würde. Sie belassen es dabei – wie es sich für Apologeten ihrer Klasse gehört – dem ganzen ein irgendwie geartetes menschliches Antlitz verleihen zu wollen.

So und so verwundert es auch nicht weiter, wenn ein Grüner in seinem Blog mittels Statistiken den Wahlerfolg der AFD auswertet und erst mal richtigerweise feststellt, dass „eine von drei U30-Jährigen, die gestern in Sachsen-Anhalt zur Wahl gingen, ihre Kreuze bei der AfD“ machte und diese damit „einsame Spitzenreiterin in dieser Altersgruppe“ ist. Um dann mit „Perspektiv- und Jugendarbeitslosigkeit“ – an der seine Partei alles andere als unverantwortlich ist – zwar mögliche Ursachen noch zu erkennen, aber als Lösung eben nicht die soziale Frage stellt, sondern bemängelt, dass seine Generation gar nicht „tolerant, weltoffen und progressiv ist“. Anstatt wenigstens demokratie-naiv von den Parteien eine Sozialgesetzgebung zu fordern, um erst einmal die Existenz der Menschen sichern zu können, sieht der die „Verantwortung in der Politik, in der politischen Jugendbildungsarbeit und in allen großen Parteijugendorganisationen“ darin, dass man mit guten Worten verhindert, dass die Zukunft dem Hass gehört. Als wäre faschistoides Gedankengut einfach nur Hass und nicht eine autoritäre auf kapitalistische Krisen.

Dabei ist die Erkenntnis, dass autoritäre Verschärfung oder der Wunsch danach, vor allem deshalb funktionieren, weil sie ein (faschistisches) Versprechen von Sicherheit in Zeiten kapitalistischer Unsicherheit sind, keine besonders neue. In seiner Analyse des Nationalsozialismus schrieb Herbert Marcuse bereits: „In der weiteren Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde Freiheit in zunehmenden Maße entweder zur Freiheit der Wahl zwischen Lohnarbeit und Hungertot, oder sie nahm die Form allgemeiner Unsicherheit […] an. Kein Wunder, daß die Massen sich leicht für ein System begeistern ließen, in dem diese Art von Freiheit durch kontrollierte Sicherheit ersetzt wurde.“ Oder es zumindest propagiert wurde.

Ähnliches lässt sich auch bei Daniel Kullas Analyse der aktuellen „Erfolge der AFD“ wieder finden. Die AFD ist in der Lage, die vermeintliche Lösung für die Unsicherheiten – die ein kapitalistisches System und seine demokratischen Vertreter*innen (zur Erinnerung beinahe alle größeren Parteien unterstützten den Sozialabbau im Zuge der Agenda 2010) schaffen – anzubieten. Ernüchternd und richtigerweise stellt Kulla fest:„Die autoritäre Verschärfung wird den Leuten stets angeboten, Klassenkampf und Kommunismus nicht.“

Doch diese Erkenntnisse werden entweder ignoriert oder kommen erst gar nicht zu Stande. Zu wirkmächtig ist die bürgerliche Ideologie und der Glaube an die Demokratie, als das diese in Verantwortung gezogen werden könnte. Auch wenn – auch das erklärt Marcuse in seinen Feindanalysen – die falsche Freiheit der bürgerlichen Demokratie sicherlich jedweder Form von Faschismus oder autoritärer Gesellschaftsform vor zu ziehen ist, so ist diese doch als Mittel im Kampf gegen den Faschismus immer nur temporär von Nutzen.

Langfristig ist die einzige Möglichkeit gegen das faschistische Sicherheitsversprechen vorzugehen, der radikale Ansatz die Unsicherheit auf die damit reagiert abzuschaffen. Sie abzuschaffen, in dem für alle gekämpft wird, das Kapitalverhältnis aufgehoben wird, nach den Bedürfnissen der Menschen produziert wird und die befreite Gesellschaft so Schritt für Schritt errichtet wird. Kurz um, als Alternative eben nicht Nationalismus und autoritäre Verschärfung, sondern eine tatsächlich freie Gesellschaft anzubieten. Oder um es mit Ernst Busch zu sagen: „..dann steigt aus den Trümmern der alten Gesellschaft die sozialistische Weltrepublik!“

Ich hab Polizei.

Liebe kartoffelkritische Online-Community,
Jan Böhmermann, seines Zeichen wohl der passabelste Entertainer Deutschlands – nicht mehr und auch nicht weniger – hat ein neuen Coup gelandet: Polizeikritik verpackt in eine Straßenrap-Ästhetik. „POL1Z1STENS0HN“ ist ein Song, der definitiv als Parodie auf Haftbefehl zu verstehen ist. Und damit ganz offensichtlich – wie von euch richtigerweise angemerkt – problematisch ist. So wie es immer problematisch wird, wenn sich weiße Dudes – im Folgenden der Einfachheit halber Kartoffel genannt – der Ästhetik der Azzlackz bedienen und damit auch einer Ästhetik eines migrantischen Aufbegehrens. Der Rassismus der Haftbefehl-Parodien oder Persiflagen innewohnt ist offensichtlich. Und Juri Sternburg hat definitiv recht, wenn er für das Hate-Magazin schreibt: „die „Haha, guck mal der sagt isch statt ich“-Gröler und die 15jährigen Rap-Kartoffeln aus Niedertupfingen fühlen sich bestätigt in ihrem dummdeutschen „Einmal Döner mit allen Saucen“-Humor. All jene, die schon immer der Meinung waren, dass diese Kanacks eigentlich gar nicht sprechen, geschweigen denn rappen können/sollen, vereint mit bildungsbürgerlichen Verlagsheinis, deren Refugees Welcome-Banner noch stolz vom Facebookprofil strahlt und dem Jung-Identitären, der in diesem Video quasi den Gipfel seiner Humorigkeit dargestellt sieht. Ist ja auch mal genug jetzt mit dieser Pseudo-Haftbefehl-Lobhudelei in den Feuilletons. Genug Ghetto-Sprache, jetzt zeigen wir euch mal wo der Hammer hängt, hier in Deutschland. Und da steht er jetzt der Jan, weiss, deutsch und so kartoffelig, dass es ihm aus den Ohren quillt und schreit: “Isch hab Polizei!” Ist das nicht lustig, Rudi?“

Doch abseits der dummdeutschen Fans, die diese Parodie natürlich bekommt und auch abseits der linken Fans, die sich automatisch an einer öffentlich-rechtlicher Polizeikritik erfreuen, weißt der Song an einer Stelle durchaus Elemente auf, die man als gelungene Kritik betrachten könnte. Die große Frage, die sich hier stellt ist natürlich: ist es wirklich in Ironie verpackte Kritik oder wird das kritisierenswerte einfach nur deshalb so deutlich, weil Böhmermann eine so unfassbare Kartoffel ist? Ich weiß es nicht.

In dem Moment wo Böhmermann als weißer und kartoffeliger Gegenentwurf zu Haftbefehl inszeniert und dabei dann eben – logischerweise – die Polizei ruft, baut er eben jenen Widerspruch zwischen sich und Haftbefehl auf und füllt ihn mit Attributen. Auf der einen Seite der „Schwarzkopf in Offenbach“, der die „Cops am Arsch“ hat und auf der anderen Seite, der „Polizistensohn“ Böhmermann. Genau in der Offenlegung, dieses realen Widerspruchs – der in diesem Song noch mit Kritik an der Polizei gefüllt wird – steckt dann auch die wahre Kritik an einem System aus Staat, Rassismus, Polizei und ihren Verknüpfungen. Er legt seinen gesellschaftlichen Standpunkt (und auch den des Hafti feiernden Feuilletons) relativ schonungslos offen, indem er die Verhältnisse umdreht und zeigt, dass es Leute gibt (z.B. er als gut situierte Kartoffel im Kulturbetrieb), die sich relativ viel rausnehmen können, weil ihre Interessen – ganz legal – von der größten deutschen Gang durchgesetzt werden.

Die weiter oben gestellte Frage, ob er diese Kritik beabsichtigt hat oder er die Verhältnisse nur deshalb offen legt, weil er eine unfassbare Kartoffel ist, lässt sich an dieser Stelle natürlich nicht beantworten. Im Zweifelsfall ist er – als zwar passabler, aber dennoch deutscher Unterhalter – wahrscheinlich tatsächlich einfach nur eine unfassbare Kartoffel und er legt die Realität in dieser Form wirklich nur deshalb – quasi ausversehen – offen. Ein Blick in die Kommentarspalten des Videos oder aller größeren Medien, die über den Song berichten, legt dies nahe. Vielleicht aber – und das ist meine Hoffnung auf eine Überwindung des Gegenstands meiner Kritik – steckt darin tatsächlich eine Kritik an staatlichen rassistischen Verhältnissen und die Kritik kommt bei ihren Konsument*innen einfach nicht an. Vielleicht ist die Idee ja wirklich gut und die Welt nur noch nicht bereit.

XOXO,
Chucky

Sehen alle scheiße aus.

Ich hatte mir vorgenommen nichts über diesen Song zu schreiben, da das kritisierenswerte in ihm so immanent ist, dass es den Protagonist*innen aus dem obersten Knopflauch schaut. Ich meine: Kritik an angeblichen kolonial-Rassismus und seinen Supportern üben wollen, dann aber die Objekte der Kritik zu Tieren machen – also im Wortsinne zu Objekten? Zu Objekten bei denen sie keinerlei Unterscheidung mehr vor nehmen, die sie lediglich als Masse wahr nehmen?

Das bedeutet auch, dass es kein individuelles kolonisiertes Subjekt im direkt Sinne gibt, sondern nur ein kolonisiertes Kollektiv, also eine „ununterschiedene Masse“ auf die bestimmte Eigenschaften projiziert werden. Ihr Subjektstatus wird dadurch „quasi negiert und sie [werden] auf ihre Physiognomie reduziert“. […] Am Anfang steht, die mit dem europäischen Kolonialismus in direktem Zusammenhang stehende, Aufklärung. Versteht man diese im Sinne von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno dialektisch als „Entzauberung der Welt“ und somit „Ausrottung des Animismus“, so produziert sie genau jenen Widerspruch zwischen Natur und Zivilisation in dem die koloniale Ideologie ihren Anfang nimmt. […] Der „Zivilisierte“ steht dem entmenschlichten beziehungsweise vertierten Kolonisierten gegenüber, ein unversöhnlicher Manichäismus: „Gut und Böse, Schön und Häßlich, Weiß und Schwarz“, Zivilisation und Natur. Hier sind die Kolonisierten schlicht und ergreifend „nicht vernünftig“, sie sind „der Entwicklung der Menschheit nicht gefolgt“ und werden somit „durch und durch inferiorisier[t]“. […] Die Instinkte und die Triebe die im Widerspruch zur Zivilisation stehen, werden auf „das Konto eines bösen Geistes […] der Kultur“ geschrieben.“
- Aus „Das Fortleben der kolonialen Ideologie im Agenturensohn“, noch nicht veröffentlicht [1]

Damit bewegen sie sich auf einer Ebene, die ihre Kritik selbst kritikwürdig macht. Ihr Antikolonialismus (der im Falle von Israel einfach nur Antisemitismus ist) ist damit nicht mehr gegen den Kolonialismus als solchen, als gesamtes Ding samt seiner dahinter stehende Ideologie gerichtet. Viel mehr geht es nur noch darum, dass die Betroffenen die Falschen sind. Nämlich – ganz völkisch – die Brüder und Schwestern der Protagonist*innen. In ihrer autoritären Ideologie entmenschlichen sie (und stellen sie in unversöhnlichem Widerspruch gegenüber sich selbst) die Antideutschen und bedienen sich dabei eines sehr zentralen Elements der kolonialen Ideologie, anstatt diese erst einmal zu erfassen. Jede Kritik die auf diese Ebene abdriftet unterläuft den selben ideologischen Fehlern. Und dieser ideologische Fehler ist nur einer von zahlreichen, die sich in diesem Song finden lassen – aber wohl einer der am deutlichsten zeigt welch Geistes Kind ihre Kritik ist.

Soweit so furchtbar. Wäre Ideologiekritik ein Fach, dann hätte man diesen Song in der ersten Klasse interpretieren können und benennen können, worin die Probleme liegen. Eine leichte Übung für antideutsche Blogger, ich selbst war nur zu faul und hab nicht die Notwendigkeit gesehen überhaupt zu erklären wo das Problem liegt [2]. Doch dann kam Susanne Witt-Stahl, Antideutschenfresserin und unter anderem Autorin des von mir regelmäßig gelesenen Musikmagazins der Jungen Welt [3]. Normalerweise macht sie genau das Selbe wie Kaveh und reiht wahllos Namen, Zitate und Bezugspunkte aneinander und fantasiert sich einen Antideutschen/Neokonservativen Block herbei . Doch Neokonservative und andere Idioten interessieren sich sicherlich nicht für den Song, somit kommt sämtliche hier zitierte rassistische und auch sexistische [4] Kritik aus dem antideutschen Lager. Über den Rassismus innerhalb der Antideutschen Szene lässt sich sagen:

Diejenigen antideutschen Positionen, die tatsächlich antimuslimischen Rassismus begünstigen sind Ergebnis der unkritischen Verhaftung gegenwärtiger Linker Kritik in den Kategorien der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, die ebenfalls in der ‚antiimperialistischen‘ Theoriebildung zu beobachten ist. Dort bringt sie allerdings in den meisten Fällen keinen antimuslimischen Rassismus, sondern eine romantische Verklärung des ‚Volkes‘ sowie antisemitisches Ressentiment hervor.
- Kollektiv Sechel

Womit sich manche Antideutsche zumindest im Ansatz so verhalten, wie es Kaveh und Thawra behaupten – wenn sie auch nicht das tatsächlich problematische daran kritisieren und bei der Kritik selbst – wie dargelegt – in die kritikwürdige Muster verfallen. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass Kritik leider viel zu oft Ressentiment ist und einige Antideutschen in gesunder/ideologiekritischer Begriff von Rassismus fehlt.

Vielleicht versuche ich das in den nächsten Tagen und Wochen durch Theorie zu ändern,
bis dahin verteile ich Ordnungsschellen an alle Rassisten.
Natürlich dialektisch.

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1 – Alle Zitate in dem zitierten Text stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, von Franz Fanon.
2 – Bei Sechel.it wird der Song beispielsweise sehr gut kritisiert.
3 – Wie um zu beweisen, dass die antiimperialistische Linke keine Ahnung von Kulturindustrie und Popkultur hat nennen sie es auch noch Melodie & Rythmus.
4 – Auf die ich nicht näher eingehen werde, da ich mich selbst gerade primär mit Rassismus beschäftige. Die Notwendigkeit einer kritischen Theorie des Geschlechts besteht aber ebenso, wie die von mir hier angestrebte kritische Theorie der Rasse.

Antizionismus ist Antisemitismus.

In letzter Zeit tauchen immer wieder Texte einer antikapitalistischen nichtweißen Gruppe im Aufbau auf die sich an Zionismus und Antideutschen abarbeiten. Nachdem ich in schon regelmäßig immer wieder Kritik gegenüber Antideutschen kommentiert habe, werde ich das auch dieses Mal tun. Der zweite Texte der Gruppe der sich mit Israelsolidarität und Antideutschen befasst trägt schon den vielversprechenden Titel: Zionisten sind Rassisten!

Das die deutsche Staatsräson der Israelsolidarität einzig und alleine geostrategische Interessen verfolgt ändert nichts an der Notwendigkeit einer Schutzmacht für Juden und Jüdinnen. Das das ‚antideutsche‘ Nie Wieder sich eben gerade vom staatstragenden unterscheidet lässt sich bei genauerer Analyse von beidem sicherlich sehr schnell erkennen, sofern man es denn will. Das Abschieben von Antisemitismus auf migrantische Jugendliche mag zwar der deutschen Staatsräson dienlich sein, hat aber mit antideutscher Kritik am deutschen Wesen recht wenig zu tun. Antisemitismus hat sich in Deutschland immer sehr wohl gefühlt und muss nicht importiert werden. Im Gegenteil der eliminatorische Antisemitismus deutscher Prägung wurde exportiert und fand über Umwege heim ins Reich.

Die Autor*innen sagen sie würden das Nie Wieder mittragen sofern es sich gegen ‚antijüdischen Rassismus‘ richte, nicht aber wenn daraus Israelsolidarität einhergehen würde. Das heißt im Klartext, dass sie es eben nicht mittragen. Das bedeutet, dass ihre Ablehnung von dem was sie ‚antijüdischen Rassismus‘ – was ich im folgenden als Antisemitismus bezeichnen werde – dort aufhört, wo sich Jüdinnen und Juden selbst verteidigen. Dort wo aus einem Lippenbekenntnis die notwendige Reaktion auf Antisemitismus wird. Eigentlich müsste die Debatte an dieser Stelle sofort beendet werden, dann mit Leuten die Juden und Jüdinnen die Selbstverteidigung absprechen ist kein Frieden zu machen. Viel mehr darf mit ihnen kein Frieden gemacht werden. Ich kommentiere den Text weiter, weil er doch typisch ist für vieles was zu dieser Thematik aus bestimmten Kreisen geäußert wird.

Die Geschichte um Blumenthal und Sheen – die Gysi auf die Toilette jagten – wird hier erneut ausgerollt und erneut dienen zwei Antisemiten als Kronzeugen für die Verbrechen des Zionismus. Über Sheen schrieb der BAK Shalom anlässlich des Vorfalls um Gysi treffenderweise „Der kanadisch-israelische Journalist David Sheen bedient sich ausschließlich einer Sprache der Zuspitzung, um auf den auch in Israel existenten Rassismus gegenüber anderen Minderheiten hinzuweisen. Dabei rückt er die innerisraelischen Zustände an die des Nationalsozialismus heran, indem er etwa von einer “AfriKristallnacht” spricht, die es in Israel gegen Flüchtlinge aus Afrika gegeben hätte. Seine Gleichsetzung des unglaublichen Leids, welches die Nationalsozialisten über die europäischen Jüdinnen und Juden gebracht haben, mit rassistischen Momenten, die – wie in allen anderen Staaten auch – in der israelischen Gesellschaft existieren, verdeutlicht, dass es ihm dabei um nichts weiteres als eine Dämonisierung des Staates Israel geht. Auch Max Blumenthal setzt die Politik Israels mit dem NS-Regime oder der islamistischen Terrormiliz “Islamischer Staat” gleich und bezeichnet israelische Soldaten als “Judäo-Nazis”.“ Damit lässt sich die angeblicke Kritik Sheens sehr schnell nach wissenschaftlichen Maßstäben als Antisemitismus entlarven, zumindest für die jenigen die Antisemitismus wissenschaftliche begreifen wollen. Verzichtet man aber zum Einen auf die Analyse des Antisemitismus und macht aus ihm einfach eine spezielle Form von Rassismus und wählt zum Anderen statt Wissenschaftlichkeit die Betroffenheit als Maßstab, wird es schwer mit der Analyse. Stattdessen lässt sich durch derartige Ignoranz von wissenschaftlicher Analyse mit Antisemiten wie Sheen und Blumenthal als Kronzeugen gegen Israel agitieren.

Zionismus ist die politische Überzeugung einen jüdischen Staat zur Verteidigung der Juden gegen Antisemitismus zu brauchen – über die praktische Umsetzung dieser Überzeugung lässt sich streiten und das tut man in Israel auch. Aber das ist den Autor*innen egal, es geht ihnen ja nicht darum Kritik zu üben sondern ihrem Ressentiment gegenüber Israel freien Lauf zu lassen. Dafür wird dann auch Emma Goldmann aus dem Jahr 1938 zitiert und es wird verschwiegen, dass sich Situation für Juden in Europa in den folgenden 7 Jahren noch drastisch verschlimmern sollte. In ihrer Kritik behandelt sie den potenziellen jüdischen Staat als einen Staat von vielen – womit ihr eben die Besonderheiten des Antisemitismus abhanden kommen. Für die Autor*innen des Textes ist allerdings nur die Kritik am jüdischen Staat relevant, denn als überzeugte nationale Befreiungskämpfer kritisieren sie nicht Nationen und auch eine allgemeine Staatskritik wie die des Gegenstandpunkt ist für sie nicht wichtig: denn es geht hier um die Delegitimisierung des jüdischen Staates und nicht darum allgemeine Kritik an Nationen und Staaten zu üben. Auch wenn es der allgemeinen Kritik an Staat und Nation an der Ausdifferenzierung von Besonderheiten mangelt, so macht sie immerhin nicht den Fehler den jüdischen Staat dafür zu kritisieren das er ein Staat ist. Solange es Staaten gibt braucht es einen jüdischen Staat zur Verteidigung der Juden gegenüber Antisemitismus – aber das sich Juden gegen Antisemitismus verteidigen wollen nur die wenigsten.

Wenn die Autor*innen dann noch mit „„Nie wieder“ kann deshalb nicht heißen, dass wir „demokratische Errungenschaften“ und den bürgerlichen Staat verteidigen. „Nie wieder“ heißt, dass wir eben diesen Staat zu Fall bringen, bevor er in seiner nächsten Krise entscheidet, sich wieder in einen faschistischen zu verwandeln.“ offenbaren sie ihre fatalen Analysen von Nationalsozialismus und Faschismus. Denn es waren gerade die bürgerlichen Staaten Groß Britaniens, Kanadas, Australiens und der USA die dem Nationalsozialismus Paroli geboten haben und es ist gerade die Errungenschaft des bürgerlichen Staates die Menschen vor faschistischer Willkür zu schützen.

syd