#MakeGermanyGreatAgain

Nachdem ich Jahre lang dem Irrglauben an hing, dass Kommunismus eine antinationale Sache wäre, die die Grenzen der Nationen sprengen wird, hat mich der große Pietsch eines besseren belehrt. Der Kommunismus muss die „nationale Kultur“ (sic!) berücksichtigen. Also die natürlichen Eigenschaften eines jeden Volkes. Und die natürlichstee deutsche Eigenschaft, dass wussten schon Bismrack und die Historisten, ist selbstverständlich die Autorität. Und so ist es nur logisch, dass der große Pietsch gegen „Denunziation“ in seinen eigenen Reihen – also Partei & Volk, was nach der Revolution sowieso Deckungsgleich sein wird – vorgehen muss. Denn nur durch permanenten autoritären Zwang, kann das Marx’sche Diktum der Umwerfung aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein geknechtetes und unterdrücktes Wesen ist, endlich seine Vollendung im deutschen Lande finde.

Der erste Schritt wäre die Übernahme der Parteiführung durch Pietsch, was ich hier mit ausdrücklich unterstützen möchte!

Warum, dass hat er selbst erklärt:
„Weil endlich Schluss sein muss mit dem denunzieren. Es kann nicht sein, dass verdiente Parteimitglieder mit Mandate und auch Mitglieder der Parteibasis als „Querfrontler“, als „Nazi“ oder sonst was diffamiert werden, nur weil diese Denunzianten mit anderen Meinungen nicht klar kommen.“

Nur eine geschlossene Partei, ohne Abweichler und Schädlinge kann entschlossen den Willen des Volkes durchsetzen und dem deutschen Volk zu nationalkommunistischem Glanz verhelfen. Ohne eine geschlossene Partei, die weiß was das Volk will (Autorität) und es ihm gibt, kann dieses Ziel erreicht werden. Der Wunsch des deutschen Volkes ist seit jeher, der des Aufhebung des Individuums im Kollektiv. Wer für dieses Kollektiv stellvertretend verdiente Führer angreift oder denuziert, der schadet dem ganzen Volk beziehungsweise der ganzen Partei. So ein Verhalten muss Konsequenzen haben, denn das war und ist stets die Natur des deutschen Volkes gewesen.

„Ich will ein zurück zur lebendigen Debattenkultur, wo auch Themen angesprochen werden sollen, die mit unter unpopulär oder unbequem sind. Eine Diskussion à la Katja Kipping, die nicht zur Diskussion anregt, ist auch keine.“

Man muss wieder sagen dürfen, was man nicht sagen darf. Das deutsche Volk wird vom Diskussionstabu geknechtet, den die Last der Geschichte auf uns legt. Nur mit Beseitigung dieser Last, kann das deutsche Volk aus den Ruinen wieder auferstehen.

Und was ich auch anders machen würde:
Sobald sich der Parteivorstand bei einem Thema X nicht einigen kann, soll künftig dieses Thema X durch einen bundesweiten Mitgliederentscheid entschieden werden. Das hat den Vorteil, dass man dann wirklich sagen kann: „Diese Position ist die Position der Partei“

Die Parteimeinung muss Meinung des Volkes sein. Die Meinung des Volkes muss Meinung der Partei sein. Die Führungsriege muss diese Meinung in der natürlichen Art des deutschen Volkes durchsetzen.

Darum liebe Linkspartei,
wählt Pietsch!

Damit Deutschland wieder großartig wird.
#MakeGermanyGreatAgain

Freezy & die neue Gemeinschaft

In einer Analyse die sich ausschließlich entlang einer kolonialen Dichotomie richtet, fällt Antisemitismus (oder Kurdenfeindlichkeit) häufig raus. In einem Antirassismus der vor allem aus dem Empowerment einer „Gegengemeinschaft“ besteht, wird Antisemitismus – gegen die zwischen der Gemeinschaft stehenden wie zum Beispiel Juden – oft sogar sehr reproduziert (damit meine ich die hier skizzierte Dreigliedrigkeit).

Innerhalb der Gegengemeinschaft fallen bei Aufrechterhaltung der kolonialen Dichotomie – die wie Fanon für Algerien analysiert oft auch durch eine nicht parallel verlaufende Klassendichotomie aufrecht erhalten wurde – die eigenen Widersprüche oft unter den Tisch. Klassenwidersprüche und in ihrer Folge innerer Rassismus oder auch Antisemitismus.

Exemplarisch dafür sind Eko Fresh & Serc mit ihrem Song Gänsehaut:

Der sicherlich gut gemeinte Versuch von Eko ein Statement gegen Kurdenfeindschaft zu setzen, arbeitet genau mit dieser Methode. Entlang der kolonialen Dichotomie baut er die Gemeinschaft der wie er sagt „Landsleute“ auf. Serc geht sogar noch weiter und spricht von „kostbare Menschen“, gemeinsam „als Osmanen kämpften“ (die Kurdenfeindlichkeit im türkisch geprägten osmanischen Reich völlig ignorierend). Die antisemitische Ideologie – die integraler Bestandteil der türkischen Staatsideologie ist und sich abwechselnd gegen Kurden, Armenier, Juden oder Griechen richtete – über die sich die nationale Gemeinschaft über Klassenwidersprüche hinweg konstituiert wird nicht begriffen und kann es auch nicht.

Das Konzept der Gemeinschaft zu wählen verstellt bereits die Analyse darauf, welche Konsequenzen das Konzept der Gemeinschaft impliziert (-> hier sei nochmal auf die Dreigliedrigkeit hingewiesen). Es ist folglich nur logisch, dass eine antisemitische (sich hier gegen Kurden richtende Ideologie) gar nicht begriffen werden kann und zur scheinbar reziproken Trennung „nach der Rasse aus dem alten Dorf“ wird. Quasi ein alte Eigenschaft die man als „im Exil auf[ge]wachsen[e]“, also als Gemeinschaft der „Immigranten, Auswanderer“ auch wieder ablegen kann. Diese neue Gemeinschaft positioniert sich an der Frontlinie der kolonialen Dichotomie und ist analytisch – ohne sich selbst zu delegitimieren- nicht in der Lage die eigenen Widersprüche zu erfassen. Die antisemitische oder auch kurdenfeindliche Ideologie wird ausgeblendet, Täter und Opfer werden zur einheitlichen gemeinschaftlichen Masse kurz gesagt zu einem Volk“, welches selbst allgemein sich in der Opferrolle wähnt, schließlich hat es „gelitten wie kein anderer“. Ähnliches lässt sich auch gut in Deutschland beobachten, in denen man bezüglich des zweiten Weltkriegs und der Shoah auch einfach allgemein von einem großen Leiden spricht.

Über Brunnenvergifter und Gräbenaufreißer.

Über Brunnenvergifter und Gräbenaufreißer.

Ich habe früher öfters in diesem Blog versucht, antisemitische Erfahrung aufzuschreiben und für sie Begrifflichkeiten zu entwickeln. Die Gründe dafür sind einfach: ich brauchte das, um irgendwie die angestaute Wut aus mir rauslassen zu können, aber ich wollte keine Antisemitismuskritik auf Empfindungen aufbauen sondern auf stabilen Begriffen. Nachdem ich in letzter Zeit, wieder vermehrt in Gespräche mit Antisemiten gelange, könnte ich – im Fernbus von München nach Berlin – diese Versuche eigentlich wieder aufnehmen. Auch wenn ich sehr pessimistisch bin, so versuche ich doch dem „Druckablassen“ einen Mehrwert zu entziehen, fernab von postmoderner Absage an Begriffe und Hinwendung zu Gefühlen. Es spielt nämlich eigentlich gar kein Rolle, wie ich mich fühle, wenn ich Antisemitismus begegne. Manchmal trifft es mich mehr und manchmal weniger, doch das macht den einen Antisemitismus nicht besser und den anderen nicht schlechter.

(Alle sarkastisch dargebrachten Aussagen, die ich als repräsentativ für die gegenwärtige Stimmungslage erachte, habe ich in den letzten paar Tagen so oder so ähnlich mir anhören müssen oder dürfen.)

Wenn ich über Antisemitismus mit Leuten rede, die – aus welchen Gründen auch immer – sich nicht intensiv damit befassen, dann verkennen sie ihn immer wieder. Denn es gibt sie nicht mehr, die Antisemiten. Sie können nämlich keine sein, sie sind alle definitiv „antiantisemitisch“. Das heißt sie haben per Definitionem etwas verinnerlicht, für das es eigentlich permanente kritische Selbstreflexion bräuchte. Tatsächlich ist das ganze Gerede von Antisemitismus sowieso nur das „#mimimi“ von irgendwelchen Juden, die sich damit nur wichtig machen wollen. Die damit doch bloß ein Stückchen vom Glanz von beispielsweise der BDS-Supporterin und „Halbjüdin“ Laurie Penny haben wollen. Schließlich beginnt Antisemitismus bei 6 Millionen toten Juden, frühstens aber wenn jemand direkt von Juden spricht. Ohne Hitler kein Antisemitismus und ohne direkt betroffenen erst dreimal nicht. Wo kämen wir denn dahin, wenn wir das „wehret den Anfängen“ ernst nehmen würden und versuchen würden „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nie wieder sei“? Lohnt sich der ganze Aufwand, den für die paar Juden auf der Welt? Und müssen wir dann alle retten, auch die die sich nicht mit der ihnen zugeteilten Opferrolle zufrieden geben? Auch die, die versuchen sich selbst zu beschützen und den Kampf gegen die antisemitischen Windmühlen aufnehmen? Die nerven nämlich ziemlich. Dieser Chucky Goldstein imaginiert sich eine Welt in der ihn alle hassen zusammen, weil ihm die eigentlich gar nicht antisemitische Realität keine Legitimation für seine Texte oder seinen „Lieblingsschurkenstaat“ gibt.

So oder so ähnlich scheint es sich konsensual verbreitet zu haben. So oder so ähnlich lässt es sich dann auch guten Gewissens mit den Antistemiten von BDS gegen Rassismus demonstrieren. Und diese Demo funktioniert auch ganz pragmatisch und prima, bis jemand „ewig alte Gräben weiter aufreißt“ und sich erdreistet, Antisemitismus als das zu benennen was er ist: Antisemitismus. Die Welt könnte so schön sein und die radikale Linke so „pragmatisch“ und „antirassistisch“, wenn es da nicht diese Juden – ich mein – Antideutsche beziehungsweise Judenfreunde gäbe. Sie reißen die alten Gräben wieder auf und zerstören so die Gemeinschaft. Sie beschmutzen die rote – oder auch Regenbogenfahne mit ihren „lächerlichen Vorwürfen“. Ist doch klar, dass man sich gegen diese „Parasiten“ zu Wehr setzen muss. Was weit weniger klar ist, dass die inneren Widersprüche innerhalb dieser Gemeinschaft existieren und nichts mit irgendwelchen Fremdeinwirkungen zu tun haben. Was erst recht nicht klar ist, dass man selbst seine Befangenheit im System anerkennen muss und auch somit auch die eigene Anfälligkeit für Ideologien.

Und so fühlt man sich ohnmächtig, kann aber diese Ohnmacht nicht erklären. Da die konkrete Analyse eines kapitalistischen Systems und der eigenen Befangenheit darin fehlt. Da die eigene Gemeinschaft (wie auch immer diese dann konkret aussehen mag) auch nicht das Problem sein kann – man ist ja links, queer, kritisch-weiß, of colour oder sonst wie ein besserer Mensch als die anderen. Bleibt logischerweise als Verursacher dieser Widersprüche nur eine als „raumfremde Macht“ wahrgenommene Gruppe oder Person, die außerhalb der Gemeinschaft steht und über so eine enorme Macht verfügt, dass sie entweder „Brunnen vergiftet“ oder „ewig alte Gräben weiter aufreißen“ kann und so den natürlichen Zusammenhalt der eigenen Gemeinschaft ruinieren möchte. Diese „raumfremde Macht“ ist allerdings weiter Teil der eigenen Gemeinschaft, noch der Gemeinschaft des politischen Gegners. Sie steht irgendwo dazwischen. Irgendwo zwischen Trotzkist*innen und Stalinist*innen, Butlerist*innen und Marxist*innen. Kurz um: ohne eigenen Raum – also wie schon erwähnt: „raumfremd“.

So wird Antisemitismus als innerer Widerspruch der Gemeinschaft – entweder nicht erkannt oder ignoriert. Meine beste Freundin kann doch keine Antisemitin sein, mein Genosse ist doch kein Antisemit. Wenn dann doch mal jemand daraufhin weißt, dann wird das als Angriff auf die Gemeinschaft gewertet und die Kritiker müssen sich für etwas rechtfertigen, was eigentlich in Deutschland – sofern man es mit dem „Nie wieder“ ernst nimmt – Konsens sein sollte. Wie können diese „raumfremden“ und sehr mächtigen Kritiker – schließlich kann ihre Kritik Gräben aufreißen und die Gemeinschaft spalten – nur die so liebgewohnene Gemeinschaft angreifen?

Die ehrlich Antwort ist ganz einfach: weil sie sich einen Begriff von Antisemitismus gemacht haben, anstatt ihn ins Reich der Gefühle abzuschieben und so zum individuellen Empfinden werden lassen. Weil dieser Begriff – im besten Falle – universalistisch ist und so keinen Unterschied macht, wenn er da gerade kritisiert. Antisemitismus bleibt Antisemitismus, egal ob von Bushido oder Laurie Penny. Dieser Begriff von Antisemitismus sieht dann zum Beispiel so aus (der Begriff von Antisemitismus ist hier aus einem Vortrag von mir entnommen):

„Antisemitismus ist keine bloße Sündenbock-Ideologie, kein ordinärer Rassismus und erst Recht nie eine Folge von jüdischem Handeln. Er ist auch weder reines Ressentiment, noch reine Ideologie. Das Ressentiment ist gewissermaßen eine Art „negatives Vorurteil“, also ein Vorurteil gegenüber einer bestimmten Person oder Personengruppe das wertend und zwar in einem negativen Sinn ist. Ideologie ist – nach Adorno – ein „notwendiges aber falsches Bewusstsein“ durch das die gegenwärtige Welt legitimiert wird. Der Antisemitismus bewegt sich hier dazwischen: er ist einerseits Welterklärungsideologie für Dichter und Denkverweigerer wie Günther Grass, die einzig und alleine Israel die Schuld am nicht vorhandenen Weltfrieden geben und sich so mit dem Antisemitismus die gesamte Falschheit der gegenwärtigen Welt erklären. Aber er ist auch Ressentiment, wenn zum Beispiel mein ehemaliger Grasdealer mich anruft und mich fragt, ob ich ihm einen Steuerberater empfehlen kann – ich sei ja schließlich Jude.

Antisemitismus ist eine Form von negativer Vergesellschaftung, die gesellschaftliche Widersprüche – wie zum Beispiel Krieg oder Klassengegensätze – scheinbar synthetisieren kann. In Zeiten des NS war es durch ihn möglich, dass sich herrschende Klasse und beherrschte Klasse gemeinsam die Hand reichte, um „auf die Sanktionierung ihrer Wut durchs Kollektiv“ wie auch die Sicherung der eigenen Stellung in der sozialen Hierarchie zu setzen. Sie projezierten die gesellschaftlichen Widersprüche der Moderne (z.B. ungleiche Verteilung des Reichtums) auf die Juden – beziehungsweise auf das was sie eben im modernen Antisemitismus zu Juden machten. Hier zeigt sich die integrative und verkollektivierende Wirkung des Antisemitismus – und dass er eben kein bloßer orginärer Rassismus (Judenhass) oder Religionsfeindschaft (Antijudaismus) ist. In Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung ist einer der wesentlichen Punkte, dass durch den Prozess der Aufklärung und Modernisierung – welcher eng mit der Entwicklung des Kapitalismus verwoben ist – einen Keil zwischen Zivilisation und Natur treibt. Damit ist gemeint das sowohl die innere Natur (zum Beispiel Triebe) beherrscht werden müssen, als auch die äußere Natur (zum Beispiel Licht macht uns unabhängig von Tag/Nacht).

Dadurch stehen Menschen in einem Missverhältnis zur Natur und zur Zivilisation. Während der orginäre Rassismus beziehungsweise koloniale Ideologie – das auf Menschen projezierte Missverhältnis zur Natur – meist Bilder von sexuell-affektuell aufgeladenen Eingeborenen zeigt, die nicht der Rationalität der westlichen Aufklärung entsprechen und deshalb beherrscht werden müssen, gleichzeitig aber auch romantisiert und sehnsüchtig dargestellt werden, hält der Antisemit die Juden für die Hintermänner von Kapitalismus, Krieg, Französischer Revolution – und damit der Moderne überhaupt. Sie werden in seinen Projektionen, wie Adorno schrieb „die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches“.

Das Missverhältnis zur Zivilisation wird also auf eine bestimmte Gruppe von Menschen projiziert. Das ist Antisemitismus. Diese Gruppe von Menschen ist – wie der weiter vorne paraphrasierte Aufsatz von Alexander Bein zeigt – historisch die jüdische Schicksalsgemeinschaft. Also die jenigen, die von Antisemiten zu Juden gemacht worden sind.

Antisemitische Semantiken sind nach dem Soziologen Klaus Holz durch eine dreigliedrige Struktur gekennzeichnet, die ich – basierend auf der Arbeit dazu von Marius Mocker in seinem Vortrag „Antisemitismus und Deutschrap“ – kurz erläutern möchte.

1.) Allen Formen des Antisemitismus ist – nach Holz – eine „Dichotomie von Gemeinschaft und Gesellschaft“ gemeinsam. Also ein gegenüberstehen der antisemitischen Gemeinschaft – die sich zum erfüllen eines höheren Zieles zusammengeschlossen hat – und einer Gesellschaft – in der sich Akteure zum verfolgen rein individueller Ziele zusammengefunden haben. Als Vergleichspunkte seien hier die kapitalistische us-amerikanische Gesellschaft und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft genannt. Die Moderne wird als zerstörerische Kraft wahrgenommen, die gegen „angeblich traditionellen, harmonischen und authentischen Lebensformen“ vorgeht. Der Bezugspunkt ist deshalb also immer ein vormodern, der – obwohl er erfundenen ist – „als Gegenbild zur Gegenwart und als Heil für die Zukunft geträumt“ wird. Die Gemeinschaft ist für den Antisemiten die Verwirklichung ihrer Träume – das Ende der Geschichte, ein ewiges Reiche – in dem Solidarität und Integration im Gegensatz zum modernen Individualismus dominieren. Diese paradiesische Gemeinschaft – die als natürliche Ordnung der Dinge wahrgenommen wird – ist einzig und allein bedroht von den zerstörerischen Begleiterscheinungen der Moderne. Und die Personifikationen dieser Moderne sind: die Juden. „Von Geld über Presse bis zu Sexualmoral und Kunst“ stecken hinter Sitten- und Werteverfall die Juden. Als Beispiel sei hier der Vorwurf der Perversion der Gesellschaft gegenüber Sigmund Freud genannt, die bekannte Rothschildverschwörung, das Gerede der jüdischen Kontrolle über die Medien und nicht zuletzt die Entartung der Kunst. Hinter allem stecken die Drahtzieher der modernen Gesellschaft. Ihnen wird vorgeworfen „die gemeinschaftliche Lebensform allmählich [zu] zersetzen“ um schlussendlich die Weltherrschaft an sich zu reisen.

2.) Die eigene Ohnmacht gegenüber den Entwicklungen der Moderne führt zur Projektion von Macht und vor allem explizit politischer Macht auf die Juden. So wird eine Verschwörung der jüdischen Gesellschaft gegen die authentische Gemeinschaft konstruiert, welcher wiederum „jedes nur erdenkliche und als verwerflich beurteilte historische Ereignis“ angelastet wird. Anonyme gesellschaftliche Prozesse werden zu bewusst in Gang gesetzten jüdischen Verschwörungen umgedeutet, deren einziges Ziel es sei die Gemeinschaft „zu entfremden und zu unterwerfen“.

3.) Juden sind hier in gewisser Weiße eine „Figur des Dritten“, welche die binären Strukturen – Identität und Alterität – des Nationalismus durchkreuzt. „Der eigenen Nation stehen die anderen Nationen gegenüber, so daß zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen innen und außen eindeutig unterschieden werden kann.“ Die Juden als von Antisemiten wahrgenommene Gruppe fügen sich nicht in dieses Schema ein, sondern stellen viel mehr eine Bedrohung für dieses dar, da sie als „Inhaber einer weltumspannenden, verborgenen Macht“ anstreben würden die Unterschiede zwischen den Völkern zu zerstören. Juden können in den Augen von Antisemiten hier auch nicht Teil eines anderen Volkes sein – was man sehr deutlich an der Geschichte der deutschen Juden im zweiten Weltkrieg sehen konnte – und werden deshalb zum parasitären, die bisherige Ordnung der Welt zersetzenden, Dritten. Die einzige Möglichkeit innerhalb dieser Logik mit den Juden umzugehen ist demnach auch eine eliminatorische Möglichkeit. Da die Juden als zersetzender „Feind“ der bisherigen Ordnung gedeutet werden, welcher sich nicht integrieren kann, bietet sich nur noch die Möglichkeit der „>>Entfernung< < der Juden, sei es als rechtliche oder physische Isolierung, sei es als Tötung“. Nicht nur um der eigenen Wir-Gruppe sondern „auch anderen Völkern, Rassen und Religionen [wird] bescheinigt, von >>Juden< < bedroht zu sein“. Der Antisemitismus wird so in die unterschiedlichsten Teile der Erde exportiert, dort kommuniziert und praktiziert.“

Dieser Begriff, im besten Falle noch universalistisch angewandt, lässt einen nicht nur die kapitalistischen Widersprüche innerhalb einen Gemeinschaft erkennen und der daraus wachsende Antisemitismus, sondern eben auch das die Reaktionen auf die Kritik des Antisemitismus selbst antisemitisch sind. Wie beispielsweise bei @flecks, der nicht den Antisemitismus als Problem sieht sondern viel eher die linke Gemeinschaft bedroht sieht von den Kritikern des Antisemitismus. Mit Hilfe dieses Begriffes, lässt sich dann auch analysieren, wie in Antifagruppen, Squats, Peergroups und sonstige Formen von linken Gemeinschaften Antisemitismus wächst und nicht begriffen wird. Sei es weil es für sie erst Antisemitismus ist, wenn sich diese Dreigliedrigkeit auf konkrete Juden – nicht Zionisten – entlädt. Sei es, weil nicht wissenschaftliche Analysen sondern die Zugehörigkeit zur jüdischen Schicksalsgemeinschaft Antisemitismus definieren. Die Konsequenz ist jedoch die gleiche: Kritiker*innen von Antisemitismus müssen sich dafür rechtfertigen und selbst überzeugte Definitionsmachtanhänger*innen verlangen dann – ganz im Widerspruch zur ihrer eigentlichen Überzeugung – von Juden eine detaillierte Begründung, inklusive Rechtfertigungen warum man den Vorwurf erhebt. Im schlimmsten Falle wird die Kritikerin dann auch noch gleich Opfer einer wüsten antisemitischen Hetze – wie Merle Stöver.

Ein Anfang wäre es vielleicht – und das ist neben allgemeinem Druckablassen das Hauptziel dieses Eintrags – , sich einen Begriff vom großen A zu machen. Einen Begriff über den man diskutieren kann, über den man streiten kann und sogar muss. Allerdings auch einen Begriff, der die fadenscheinigen Ausreden man übe nur politische Kritik – was auch Treitschke tat, als er „die Juden sind unser Unglück schrieb“ – , man sei „Halbjüdin“ oder man schere sich nicht um Religionen, als das entlarvt was sie sind: Ausreden, weil es in Deutschland keine Antisemiten mehr geben kann und darf. Per Definitionem sind sie alle automatisch „antiantisemitisch“ und weil sie das sind, betonen sie es so oft es geht und reden nicht über Israel, ohne es entweder zu dämonisieren, delegitimieren oder doppelte Standards anzusetzen.

Termine im März.

10.03.2015:
Vortrag über „Antisemitismus und Fußball“ in Chemnitz plus DJ-Set
12.03.2015:
Kurzer Input zur „Genese des Antisemitismus“ in Berlin
16.03.2015:
Nie wieder Deutschpop im N64 in Berlin
19.03.2015:
PRSLM in Fürstenfeld-Bruck
26.03.2015:
PRSLM @ Dresden Nazifrei Soliparty

Für eine Wiedererrichtung des Denkmals “Ruine der Dresdner Frauenkirche”

Im folgenden möchte ich eine sehr begrüßenswerte Petition dokumentieren:

„Diese Petition fordert von der Stadt Dresden, dem Freistaat Sachsen sowie der “Stiftung Frauenkirche” eine Wiedererrichtung des alten Denkmals “Ruine der Dresdner Frauenkirche” durch eine kontrollierte Sprengung des historisierenden Neu- bzw. Nachbaus, der derzeit dessen Platz belegt. Eingerahmt werden soll die Wiederherstellung des Denkmals in eine Zeremonie, in der an die Verbrechen des historischen und aktuellen Nationalismus erinnert wird.

Nach der feierlichen Sprengung weiter Teile des derzeitigen Gebäudes und anschließender Prüfung der Standfestigkeit der Ruine durch Statiker und Architekten soll aus dem so neu entstandenen Denkmal ein Ort der Begegnung, Erinnerung und Diskussion werden, an dem die Sächsinnen und Sachsen sowie alle anderen Deutschen sich mit den Folgen eines enthemmten Rechtsradikalismus auseinandersetzen können. Denkbar sind u.a. Gedenktafeln, auf denen in Deutschland angegriffene Flüchtlingsunterkünfte oder hetzerische, rechtsextreme Zitate von Politikern, Medien und Personen des öffentlichen Lebens vermerkt werden (müsste jeweils täglich aktualisiert werden).

Die endgültige Wiederherstellung des alten Denkmals sollte an einem historisch bedeutsamen Tag stattfinden, wie z.B. dem 14. Februar, 27. Mai oder 30. Oktober. Bei entsprechendem – positiven wie negativen – Feedback der Bevölkerung ließe sich auch über eine Erweiterung des Projekts auf andere zweckentfremdete, ehemalige Mahnmale wie z.B. das Berliner Reichstagsgebäude nachdenken.

Bitte helfen Sie Dresden ein einzigartiges Mahn- und Gedenkmal zurückzugeben und ein Zeichen gegen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen.

Begründung:
Die Ruine der Dresdner Frauenkirche gehörte nach 1945 lange Zeit zu einem der beeindruckendsten Denkmäler Deutschlands; gegen den Krieg und vor allem auch gegen den Nationalsozialismus, der diesen heraufbeschworen hatte. Durch das Bemühen verschiedener Interessensgruppen kam es nach 1989 zu einem historisierenden Nachbau des alten Gebäudes, das zuvor den Platz dieses beeindruckenden Mahnmals eingenommen hatte. Durch diesen Neubau ging die Symbol- und Wirkkraft eines der wichtigsten deutschen Denkmäler seit 1945 für immer verloren.

Die Ruine der Dresdner Frauenkirche war nicht zuletzt auch ein Symbol gegen den Nationalsozialismus, ein monumentales “Nie Wieder!”, das als Erinnerungs- und Mahnmal mitten in Dresden thronte. Der in den letzten Jahren erstarkte Rechtsradikalismus, die Anschläge gegen Asylunterkünfte, die Gewalt gegen Flüchtlinge und die unverhohlene aggressive Agitation von Gruppen wie Pegida, zeigen deutlich, wie sehr Sachsen derzeit ein solches Denkmal fehlt.

Aufgefordert sind alle Deutschen, im besonderen aber alle Sächsinnen und Sachsen, diese Petition zu unterzeichnen. Ich verspreche mir von einer Wiederherstellung des Denkmals “Ruine der Dresdner Frauenkirche” einen symbolischen Akt, der alle Rechtsradikalen, Nationalisten und Rassisten mit den Folgen ihrer Ansichten und Handlungen konfrontiert.

Die Stadt Dresden würde zudem um ein beeindruckendes, historisch wertvolles Denkmal reicher werden.“

https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-eine-wiedererrichtung-des-denkmals-ruine-der-dresdner-frauenkirche

Zum Thema: